der letzte Monat
Im moment bräuchte ich Tage mit mehr als 24 Stunden.
Ich kann mich vor Anfragen zum Nachhilfegeben gar nicht mehr retten und ich schaff es nicht, nein zu sagen. so habe ich jetzt vier Nachhilfeschüler pro Woche. Und die Stunden mögen vorbereitet werden. Vor allem Mathe Jgst. 12 - zwar nur Grundkurs, aber der Stoff von vor einem Jahr (Analysis) liegt irgendwo ganz hinten im meinem Kopf unter Wahrscheinlichkeitsrechnung und Lineare Algebra vergraben. Naja, man wird sehen. Zeit zum Auffrischen werde ich bis Mittwoch nicht so viel finden, weil zwei Klausuren anstehen.
Aber Nachhilfe finanziert im moment mein Leben. Meine Hobbies. Meine kleinen Wünsche, angefangen von Büchern, Leinwänden, Farben, CDs. Und seit zwei Monaten spare ich gewaltig - in der Hoffnung, dass Sylvester in Paris realisierbar ist.
Meine Weihnachts-Wunschliste füllt sich von Tag zu Tag.
> CD Filmmusik von "Faubourg 36" (weil ich es kaum erwarten kann, den Film zu sehen. am liebsten auf Französisch. on vera)
> eine schöne Weltkarte für mein Zimmer (Zum Festhalten von geliebten Orten)
> Abbitte - Ian McEwan (Nachdem der Film mich in Berlin verzaubert hatte)
> Wahrheit und Macht - Arundhati Roy (Nachdem meine geliebte band TRYO ihr auch das lied "mrs roy" widmete, habe ich mich in dieses lied verliebt und diese Frau weckt in mir nur noch mehr Interesse)
> ein Porte-monnaie (weil mein altes auseinanderfällt)
> das anvisierte AcrylfarbeSet + Leinwand + neue Pinsel (weil ich viele für die Ölmalerei geopfert habe)
> Ausrüstung zum Skypen: Kopfhörer, evtl. Kamera (um mir von meinen Liebsten von weit weg ein Bild machen und ihre Stimmen in meinen Ohren hören zu können)
Die Liste abseits der ganzen materiellen Wünsche ist natürlich um einiges länger und lastet deutlich schwerwiegender auf meiner Unruhe.
Aber naja, hier handelt es sich um Dinge, die man sich selbst mit stundenlangem Nachilhilfegeben nicht leisten kann.
Pour me maintenir vivante.
Ich warte auf den Winter, um die Kälter zu spüren, wie sie an meinem Gesicht zerrt wenn ich das Haus verlasse. Ich vermisse die gefrorenen Tauperlen auf den Gräsern, dann, wenn alles noch schläft.
Ich vermisse das Gefühl von Reinheit in der Luft und den Geruch von Grenzenlosigkeit.
Ich sehe die Menschen kommen und gehen, und frage mich, warum sie glauben zu leben. Denken sie gerade an ihre Wünsche, an ihre Ziele, die sie einst hatten, während sie morgens wieder und wieder in den gleichen Zug einsteigen. Verloren sehen ihre Gesichter hin und her, geblendet und der stillen Überzeugung, Ruhe sei Höflichkeit, Ruhe sei verlangt, Ruhe und Stillschweigen, Ruhe und Hinnehmen ohne zu Nörgeln.
Ich frage mich, ob sie gerne woanders wohnen würden. In den Bergen, wo man sich erhoben und frei fühlt, oder in einer pulsierenden Weltmetropole, in der man sich verlieren oder verlieben kann. ins leben.
Aber es ist schwierig, eine endlose Fragerei nach dem Sinn. nach den Prioritäten.
Ich glaube nur, dass wir unheimlich dumm sind. oder zu mindest die meisten von uns, so verzweifelt an unsere Ewigkeit zu glauben. uns an ihr festzuhalten. Für später zu planen, ohne Rücksicht auf das Jetzt. Ich schmecke den Tau auf dem giftgrünen Gras. Ich denke an die Menschen, die ihn noch nie geschmeckt haben. Ich denke an die, die ich jeden morgen sehe, mit ihrer Aktentasche in der Hand und dem starren Gang. An den denke ich, der jeden morgen zwei runden um sein Auto läuft, um zu gucken, wie viele centimeter genau er vom Bordstein eingeparkt hat. und ob irgendwo Schmutz sein Auto schändet. und erst recht, ob ein Kratzer zu erkennen sei. Jeden Tag steht er auf die Sekunde genau auf der Matte seines Büros, mit seinem karierten Hemd und seiner Bürohose mit Hochwasser.
Ich schmecke den giftgrünen Tau.
Und ich frage mich, warum ich darüber nachdenke. würde ich es nicht, so wäre vieles so einfach. jemand sagte mir vor kurzem, ich würde zu viel intellektuelle Gedankengänge in meinem Kopf haben. Aber ich will es so, ich merke, dass sich da etwas entwickelt. an richtigen Moment kann es die Kreativität explodieren lassen, man kann in einem Gespräch über nichts als Fragen aufgehen, natürlich abhängig vom Gegenüber. Naja im falschen Moment kann es aber auch deprimieren, die Augen vernebeln und dir den Ausgang versperren. und manchmal wünschte ich mir, den schnellsten Ausgang nehmen zu können.
Ich wünschte mir, in einer Großstadt zu leben, wo ich es an einer weiteren Leine führen könnte. dieses Ich. und vielleicht irgendwann mal freilassen könnte. Damit es sich Schläge einholen kann. und auch Liebe von Gleichgesinnten.
ich werde dir den Tag nie vergeben, an dem ich seinen Namen das erste mal durch deine Schrift lese.
es hora de partir!
Ich habe gerade meine erste Bewerbung losgeschickt! 3 Seiten: Motivation, Lebensgeschichte, Zukunftspläne, bevorzugte Entsendungsländer mit ausführlicher Begründung.
Zwar bis jetzt nur für ein Infoseminar, aber nun beginnt damit mein kleiner persönlicher Kampf für mein Auslandsjahr. Richtig losgehen wird er im Herbst, oder ab Mitte September. Da öffnen die Mehrheit der Entsendeorganisationen ihre Pforten für die "neuen" Anwärter auf die heiß begehrten Weltwärtsplätze, Entsendung im August/September 2009!
Ich fühle mich gut, weil ich heute den ersten kleinen Schritt getan habe. Endlich habe ich eine erste kleine Entscheidung getroffen in Richtung Auslandsjahr.
Nicaragua, Costa Rica, Ecuador, Mexiko.
Wie viel ich mich in letzter Zeit durch ein Chaos von Landesinformationen, Auslands-Blogschreibern und - vor allem - Gewissensbissen geschlängelt habe. Und jetzt soll es endlich reichen, dieses Hin- und Her. ich könnte es mir niemals vergeben, wenn ich es nicht tue. also warum überlege ich noch? habe ich eine andere wahl, wenn ich mich nicht mein ganzes restliches leben hassen will?
Sehr ernüchternd war heute morgen die unerwartete Ansprache meiner Mutter. Sehr verletztend. ohja, sehr. noch nie hat sie mich gefragt, warum ich überhaupt weg will. tausende von kilomtern weit weg werde ich sein! weiß sie das? ja! und warum? sie fragt es nicht! es interessiert sie nicht! stattdessen faucht sie mich an, ich solle dann mein Zimmer räumen, für ein jahr solle es nicht leer stehen. meine möbel müssten weg. kein platz schließlich im haus. darum sollte ich mich kümmern! und darüber, was mit dem Kindergeld passiert. "nächsten sommer ziehst du also mit deinem auslandsjahr offiziell hier aus" das tat weh, das schlug mir ins gesicht. "ich sehe es nicht ein, dieses jahr für dich auch nur ein bisschen mitzufinanzieren". meine schlussfolgerung: Einen weltwärtsplatz bekommen oder es gleich abschminken! alleine kann ich es auf keinen fall finanziell hinbekommen.
es ist fremd hier, alles so fremd. und darum fällt mir nichts anderes ein, als in die Fremde zu ziehen.
weil es so aus mir rauskam ...
Viel zu häufig beklagt man sich darüber, was man nicht hat. Wie und wo es andere besser haben als man selbst. man ist neidisch, unzufrieden, würde doch so gern dies und jenes haben oder können.
ich bin glücklich ...
... dass ich sehen kann und die welt mit meinen Augen fasziniert bestaunen kann. Dieses unglaubliche Farbenspektrum in mir wirken lassen kann, diese Tropfen, Wellen, Kreise, Kanten, Lichtreflektionen, diese Sanftheit und diese Stärke, diese Weite und diese Enge. Nur visuell erfahren und doch geht sie einem so nah. ganz normal? wohl kaum.
... dass ich in einem reichen Land geboren bin, mit einen der höhsten gesicherten Lebensstandart auf der Welt. Dass mir dieser Ort meiner Geburt Chancen in die Wiege gelegt hat, von denen andere Menschen noch nicht einmal träumen dürfen. Dass ich weiß wie es sich anfühlt, im Winter eine heiße Dusche genießen zu können, mit Freunden ausgehen zu dürfen, abends ohne Todesangst vor Bomben oder Gewaltüberfällen über die Straße zu gehen, mir kleine materielle Wünsche erfüllen zu dürfen, dieses mir von Geburt aus zugesicherte Recht (!) auf angemessene (was ist angemessen?) Bildung zu nutzen. Ich könnte eine endlose Liste aufstellen. von ganz normalen Lebensumständen? wohl kaum.
... dass ich klaren Verstandes bin, die Gabe habe, frei und offen zu denken (ja es ist eine so kostbare Gabe!), dass ich mich körperlich Bewegen kann, wie und wo ich es will. Dass ich nicht eingeschränkt bin bei körperlichen oder geistigen Behinderungen. normal? wohl kaum.
... dass ich Menschen kennengelernt habe in meinem Leben, die der Grund dafür sind, warum ich das Vertrauen in diese Bevölkerung nicht aufgebe.
... dass ich in der Lage bin zu lieben.
... dass ich einen Lebenssinn sehe, einen Traum habe, und ihn leben will.
... dass ich jung bin, ich hören, riechen, schmecken, fühlen kann. diese vielfalt, dieser lebensrausch, dieses unbeschreibliche glück.
Vielleicht nicht alles ewig. vielleicht nicht alles unendlich für mich bestimmt, nein erzwungen festhalten kann man all diese Sachen nicht. aber im moment bin ich noch in besitz all dieses glücks. und dafür bedanke ich mich beim Leben.
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