wasabi
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Stille Beobachtung

Da sitzt sie. Sie hat langes dichtes Haar, dunkel geschminkte Augen und trägt modische Kleidung. Sie fährt sich mit den Fingern durchs Haar, richtet mit einigen Handgriffen ihre Kleidung und schaut mit einem Hauch von Arroganz und Unsicherheit in ihrem Blick durch die Gegend. Die großen Ohrringe, die sie trägt schaukeln hin und her und reflektieren das Sonnenlicht, so dass ich geblendet bin. Ihre helle Haut ist makellos, glatt und straff gespannt. Die dunklen Augen wirken in diesem hellen Teint noch dunkler, die Wimpern biegen sich in einem gigantischen Schwung nach oben. Ein wenig zu stark geschminkt, denke ich.

Ich beobachte sie. Sie lacht, zeigt dabei ihre Zähne. Sie redet wie ein Wasserfall. Mal wirkt sie ausgelassen wie ein Kind, dann wieder seltsam beherrscht und kühl. Sie hört ihrem Gegenüber aufmerksam zu, nickt verständnisvoll und wirft dabei ihr langes Haar in den Nacken. Seltsam, denke ich. Ich kenne sie schon seit vielen Jahren. Wir haben einiges miteinander erlebt. Wir waren uns nah und dann wieder ganz fern. Wir haben miteinander gelacht, geweint, gesungen und getanzt. Ich habe ihr meine Sorgen erzählt, aber sie hat mich damals nicht verstanden. Und dann hatte sie selbst jede Menge Sorgen, obwohl sie vielleicht gar nicht wusste, dass sie die hatte. Ihr ganzes Leben stand zeitweise auf dem Kopf, sie hat Verantwortung übernommen, für Dinge, die nicht in ihrer Verantwortung standen. Sie hat versucht Dinge zu verstehen, die sie nicht verstehen konnte.

In den Anfängen unserer gemeinsamen Zeit haben wir viele Ausflüge gemacht. Wir sind spazieren gegangen oder haben ein Eis gegessen. Später hat sie auch mal bei mir übernachtet und wir haben die Nächte durch erzählt. Das war toll und wir waren uns dabei sehr nah. Dann begann eine andere Zeit. Ich musste andere Wege gehen und mein Leben ordnen. Dabei vergaß ich sie nie, aber es war nicht die Zeit für intensive Nähe. Dafür dachte ich jedoch, mein neues Leben müsse auch ihres sein. Ich forderte, meckerte, nörgelte und wusste es eben besser. Bis zu dem Tag, als ich mich auf unser Wiedersehen freute und sie nicht kam. Das war ein Zeichen, das hatte gesessen!

Und jetzt sitze ich hier und beobachte sie. Schön ist sie, groß ist sie und zugleich so klein. Ich muss lächeln, denn ich weiß, dass wir noch jede Menge erleben werden. Und ich bin mehr als gespannt darauf, wie sich alles entwickeln wird. Ich bin stolz auf meine kleine Schwester.


Yvonne Richter (Homepage) am 21. Juni 2006 um 23:42
Hallo Wasabi,
Deine Geschichten gefallen mir sehr - es ist alles ganz lebendig geschrieben. Über die Langeweile-das stimmt, ich musste grinsen. Weil die Leute die Leere nicht ertragen können. Dabei schafft sie Platz für Neues!
Das hast Du gut beschrieben....
Bloggen ist übrigens nicht so ganz meins. Ich zeichne, male und plane lieber!
Grüße von Petersilie

   

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