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Leidenschaftliches Leiden


Ich leide gerne.
Das weiß ich und das bestätigten mir auch Menschen, die mich gut kennen.
Und wenn ich leide, dann sieht man mir das auch an.
Ich glaube, mein Gesicht ist in leidenden Momenten ziemlich unverwechselbar.
Die Mundwinkel hängen leicht nach unten, die Augen werden groß und traurig, die Nase spitzt sich zu und die Stirn legt sich in sorgenvolle Falten.

Warum ich leide?
Im Grunde gibt es doch nichts, wegen dem man nicht leiden könnte.
Manchmal ist es sehr ernsthaft. Dann leide ich wegen der Ungerechtigkeit in der Welt, weil es Hass und Rassismus gibt, weil Menschen durch die Hand anderer sterben oder gequält werden und weil es keine wirkliche Freiheit gibt...

Aber ich kann auch leiden, weil die Sonne nicht scheint, der Blick in den Spiegel zu ernüchternd war, ich keine Lust habe aufzustehen oder irgendwas nicht so läuft, wie ich es mir gedacht habe.
Und in beiden Fällen ist das von mir empfundene Leid ein zutiefst ehrliches Gefühl. Es reißt mich in Abgründe, ergreift Besitz von meinem ganzen Körper. Ich fühle mich elend, könnte weinen und habe ein erdrückendes Gefühl in der Brust.

Ein solcher Zustand kann anhalten. Minuten, Stunden, manchmal auch Tage.
Wenn ich dem Leid Ausdruck verschaffen kann, d.h. mit anderen darüber reden kann, dann wird es manchmal besser. In den harmlosen Leidensfällen, kann ich dann sogar darüber lachen, dass ich wieder wegen eigentlich harmloser Dinge in das „Tal des Jammers“ abgestürzt bin.
In den schweren Leidensfällen bringt jedoch auch der Austausch mit anderen nur selten Erleichterung. Es tritt dann eher eine Art Hilflosigkeit auf, ein Bewusstsein darüber, dass es viele Dinge gibt, die ich allein nicht verändern kann. Und über diesen Zustand kann ich natürlich auch wieder nur leiden.

Ist Leiden das zentrales Empfinden in einem menschlichen Leben?
Lebt man um zu Leiden? Leidet um zu Leben?
Dingen, denen man sich voller Hingabe zuwendet, die einen Menschen im Innersten berühren, sagt man nach, dass man sie leidenschaftlich liebt. Der altbekannte Zusammenhang von Liebe und Leiden. Aber kann man auch das Leiden lieben?

Mir sagen das böse Zungen hin und wieder nach, weil ich so oft zu leiden scheine.
Ich leide scheinbar auch dann, wenn ich es selbst gar nicht merke, ja, auch gar nicht will.
Mein Gesicht muss dann gezeichnet sein von Weltschmerz, Qual und Pein?
Warum leide ich wohl, wenn ich es selbst nicht einmal spüre?
Die Last des Lebens, das Wissen um die Endlichkeit, die eigene Ohnmacht etwas zu verändern?
Haben sich diese Gedanken so tief in mein Innerstes eingegraben, dass sie immer wieder von mir Besitz zu ergreifen scheinen? Mir macht diese Vermutung Angst.

Sicher leide ich gerne und wälze mich auch gerne in diesem leidvollen Elend.
Manchmal ist es geradezu ein Fest, sich noch tiefer in die quälenden Gedanken hinein zu bohren, aus den tiefsten Schichten neuen Schlamm herauf zu holen und sich damit wieder und wieder zu überschütten, bis man versunken und erschöpft in dieser Schlammgrube hockt, erdrückt wird von der schweren Last auf den Schultern. Man erkennt mich dann nicht mehr wieder, weil der Leidens-Schlamm mich über und über bedeckt und eine feste Kruste über meiner Haut, dem Haar und dem ganzen Körper bildet.
Irgendwann aber kehrt die Kraft in die Glieder zurück und ich krieche raus aus der Grube.
Der Schlamm trocknet langsam, so dass er mit der Zeit ganz von selbst wieder abfällt.
Der Leidensdreck verschwindet und ermöglicht einen anderen Blick.

Dann sehe ich auch die Schönheit, die Verbundenheit, die Freude...
Ich kann sie genießen, in vollen Zügen, genauso wie das Leiden.
So sehr ich das Leben manchmal nicht ertragen kann, so sehr liebe ich es auch.
Ich spüre jeden einzelnen Sonnenstrahl, rieche den Regen in der Luft oder bin überwältigt von der Schönheit und Perfektion des Augenblickes. Dann fühle ich mich leicht und getragen. Alles ist so einfach und könnte so einfach sein – eins sein mit sich selbst, eins sein mit den anderen.

Als Kind hatte ich ein kugelrundes Gesicht, wippende Locken und schien immer lustig und offen.
Auch heute noch, habe ich ein rundes Gesicht und freundliche Augen.
Aber das Gesicht wird schmaler und zeigt manche Sorgen.
Ich will das nicht, aber es ist einfach zu viel in dieser Welt, dass mich traurig macht.
Und ich will nicht flüchten in die reine Harmonie, in ein Land am anderen Ende der Welt, dass es aber vielleicht gar nicht gibt, sondern nur in meinen Träumen.

 

copyright by wasabi 2006 

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