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Vom anderen Leben der Großeltern...

In meinem Schlafzimmer hängen alte schwarzweiß Photographien. Darauf sieht man meine Großeltern. Ein Bild zeigt sie auf einer Bank sitzend in einer wunderbaren Landschaft, sie sehen verliebt und sehr glücklich aus. Auf einem anderen Photo stehen sie auf einer großen Steintreppe, fein angezogen und schauen lächelnd in die Kamera.

Auch in meinem Arbeitszimmer stehen alte Photographien. Eines davon gefällt mir besonders gut. Darauf ist mein Großvater mit drei anderen Männern abgebildet. Sie stehen nebeneinander vor einem Lastwagen und haben die Arme einander untergehakt. Mein Opa steht ganz rechts außen in der Reihe. Während die drei anderen Männer eher schlicht und dunkel gekleidet sind, trägt Opa einen hellen Mantel, der lässig geöffnet ist und somit einen kleinen Blick auf seine feine Weste und die Krawatte ermöglicht. Dazu trägt er einen Herrenhut mit breiter Krempe, den er leicht in die Stirn gezogen hat. In der linken Hand hält er eine Zigarette. Die anderen drei dagegen halten Bierflaschen in ihren Händen und trinken daraus oder prosten in die Kamera.

Jedenfalls ist es ein Bild, wie aus einem alten Gangsterfilm und Opa sieht aus wie der Boss.
Wie er so da steht, unglaublich lässig und souverän in die Kamera lächelt, dass hat mich schon immer beeindruckt. Das Photo habe ich damals Oma aus ihrer Photokiste stibitzt, dazu noch das ein oder andere Bild, das mir besonders gut gefallen hat. Ich dachte mir, dass diese Bilder bei mir viel besser aufgehoben wären, da sie ihr Dasein dann nicht länger in irgendeiner Schachtel fristen müssten, sondern regelmäßig angeschaut werden würden.

Ich hüte diese Bilder wie einen Schatz. Sie haben Umzüge überstanden und werden immer wieder neu drapiert. Mal hingen sie an meinem alten goldenen Spiegel, dann waren sie in kleinen Rahmen auf einer Kommode ausgestellt und nun hängen ein paar an der Wand im Schlafzimmer und ein paar sind hier auf meinem kleinen Altar am Schreibtisch aufgebaut.

Was ist es eigentlich, das ich so an diesen Bildern liebe?
Nun, sie sind schwarzweiß, das ist schon mal unwirklich. Und sie zeigen mir eingefangene Augenblicke von Menschen, die ich selbst ganz anders erlebt habe. Der Opa auf dem Gangsterbild, war im wirklichen Leben ein kleiner Mann, der Arbeiter in einer Gießerei war. Er hat viel getrunken und viel gestritten. Außerdem hat er immer gekratzt, wenn er mir einen Kuss gegeben hat, weil sein Bart so stachlig war. Aber ich hab ihn trotzdem immer feste lieb gehabt.

Später habe ich dann erfahren, dass es in den Anfangszeiten, als die Familie noch ganz klein und nur meine Mutter geboren war, meinen Großeltern finanziell recht gut ging und sie sich gerne schick gemacht haben und ein kleines bisschen auf großen Fuß gelebt haben. Als ich dann auf der Welt war, war die Familie schon längst um weitere Kinder angewachsen, es gab ein eigenes kleines Häuschen und somit war der schicke Flair dem Einfacheren gewichen.

So scheint es mit all meinen gesammelten alten Photographien.
Sie alle zeigen Augenblicke, die ich bei den Menschen nie kennen gelernt habe. Große Verliebtheit, Romantik, Innigkeit... Und auch wenn ich die Menschen so nie erlebt habe, so sind diese Photographien doch Abbilder eines realen Momentes, wenn auch aus längst vergangenen Zeiten. Und selbst wenn dieser Moment nur der Bruchteil einer Sekunde war, so haben sich die Menschen aber vielleicht genau so gefühlt, wie es auf dem Bild zu sehen ist: als Gangster, als großes Liebespaar, als intellektueller Sohn...

Durch diese Bilder erschließt sich mir die Persönlichkeit meiner Großeltern ein wenig mehr. Wie gerne hätte ich sie auch als junge Menschen erlebt. Würde gerne mehr wissendarüber, wie sie waren, was sie gedacht haben, wofür sie gelebt und gekämpft haben. Natürlich weiß ich aus ihren Erzählungen einiges, aber das sind eben ihre Erzählungen.

Die Bilder zeigen mir mehr. Sie regen meine Phantasie an und lassen mich einen kleinen Einblick haben in Dinge, die mir nie erzählt worden wären.

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