Da warst du nun also, Nora Ardén, zwanzig Jahre alt, mit großen braunen Augen und ohne Geld; und da war Yvan, dein Cousin so-und-so-vielsten-Grades, den man gerade noch deinen Verwandten nennen konnte, weil er denselben Nachnamen trug und als Kind dieselben Geschichten von Ururgroßvater Rufus gehört hatte.


Ihr seht euch an im Taxi auf dem Weg in euer neues, erstes eigenes und gemeinsames Heim und lächelt vorsichtig, und du denkst, dass er verdammt gut aussieht dafür, dass auch er Urahn Rufus' Blut in den Adern haben muss. Und sein Grinsen wird breiter (aber ach! was für ein Grinsen!) und du weißt, dass er dich durchschaut hat. Dich, die du dich für so unnahbar gehalten hast. Und du fragst dich, wie das werden soll, mit ihm ein kleines Häuschen am Rande der Einöde zu teilen.

Du siehst dich um in eurem Haus und bist erleichtert, dass es ganz ordentlich aussieht und sauber, auch wenn es so klein und billig ist. Das Haus ist bereits möbiliert, sogar ziemlich modern und geschmackvoll. Der Einzug geht schnell, ihr habt jeder nur einen Koffer mit persönlichen Dingen, und die sind schnell verstaut.

Dass du mit Yvan ein Zimmer teilen wirst, hast du nicht gewusst. Du wirst schamrot wie der Teppich und die Bettlaken, bis du dich zusammenreißt und ein für alle mal beschließt, die Prüderie deiner Mutter abzulegen. Dann bemerkst du, dass der Sichtschutz den Raum praktisch in zwei kleine Räume teilt und das stärkt nur deine neue Verwegenheit.
Das Bad ist nichts als Fliesen, Klo und Dusche, aber man fängt schließlich klein an und du hast den Ehrgeiz, dich hochzuarbeiten, in die Marmorbadkategorie, auch wenn ein reicher Ehemann dir nicht ungelegen käme auf diesem Weg.

Plötzlich hörst du einen Schrei von draußen, der dich auf die Terrasse laufen lässt in Sorge. Doch Yvan, der die Stufen hoch zu dir in zwei Sprüngen nimmt, strahlt über beide Ohren und ruft: "Nora, du glaubst nicht, was ich gefunden habe: Wir haben einen Swimmingpool im Garten!" Du blinzelst über seine Schulter, und tatsächlich, da glitzert es türkisblau wie Sommerträume und Ferien. Du siehst zurück zu deinem Mitbewohner und fühlst wieder dieses Kribbeln im Bauch und auf einmal siehst du ihn vor dir in Badehosen, was dich wieder erröten lässt... Nora, Nora! Wo sind deine tapferen Beschlüsse von vor fünf Minuten? Aber es ist schon zu spät, Yvan hat wieder dieses Grinsen, dieser Ausdruck purer Selbstzufriedenheit, und du wechselst rasch das Thema. Ihr müsst schließlich Arbeit finden, um euren Lebensunterhalt zu verdienen.

Ihr setzt euch gemeinsam auf das Sofa mit der Zeitung und durchsucht die Stellenanzeigen. Du findest schnell etwas, während Yvan sich Zeit nimmt. Ein Job als Tellerwäscherin ist frei, mit "großartigen Aufsstiegschancen". Und du hast schon telefoniert und eine Zusage bekommen, gleich morgen darfst du anfangen, ehe Yvan überhaupt alle Anzeigen gelesen hat. Du setzt dich wieder zu ihm und beschäftigst dich mit deinen Kochbüchern, schließlich willst du vorbereitet sein auf deine baldige Karriere als Chefköchin eines französischen Nobelrestaurants. Aber Yvans Methode hat auch ihre Vorteile, er findet eine Anzeige, die du völlig übersehen hast und ist zehn Minuten später Wachmann, mit dreifach höherer Bezahlung. Aber dann denkst du, dass es zu ihm auch besser passt, so sportlich, wie er zu sein scheint.

Später kommen zwei junge Frauen aus der Nachbarschaft vorbei, Barbara Gerlach und Margit Dahmen. Du bewunderst Barbara für ihre Eleganz und die roten Locken und wirfst Margit misstrauische Blicke hinterher. Denn sie hat den Platz am Tisch neben Yvan erwischt, der gerade erst aus dem Pool gekommen ist und es nicht für notwendig hielt, sich umzuziehen (und wie viel besser er aussieht als in deiner Vorstellung!). Deine belegten Brote werden allseits gelobt und du siehst dich schon als Fünf-Sterne-Köchin mit eigener Villa.

Als zufällig gerade eine Wahsagerin vorbeikommt, musst du sie unbedingt nach deiner Zukunft fragen, aber sie zieht nur einen Putzschwamm aus der Tasche und murmelt etwas von "falscher Aura", "Störungen" und "Sonneinstrahlung". Naja, denkst du, die gute wird halt von deiner strahlenden Zukunft geblendet.

Abends macht Yvan den Vorsclag, gemeinsam auszugehen und ihr beschließt, nach dem Essen loszufahren. Weil du dich wieder in deine Bücher versenkt hast, bietet Yvan an, Nudeln zu kochen. Von da an wandern deine Blicke hin und her zwischen dem Text und deinem Cousin, der immernoch in Minimalbekleidung herumläuft. Und so bemerkst du das Unheil nicht, dass da heraufzieht, als die Soße anfängt, überzukochen und Yvan ist mit Wer-weiß-was beschäftigt und bekommt auch nichts mit. Die Soße, die in die Gasflammen fließt, fängt an zu brennen. Du hast noch Zeit aufzuspringen und zu sagen "Achtung, da brennt was an", da steht schon der Herd in Flammen!


Nora, pass auf dich auf, waährend Yvan die Feuerwehr alamiert. Du kannst nichts mehr tun, geh weg vom Feuer, so weit du kannst... Aber der Schock ist stärker und scheint dich auf der Stelle festzukleben und du fängst an zu husten und am Raúch zu ersticken, als endlich, endlich die Feuerwehr ankommt und Minuten später ist der Brand gelöscht.
Yvan nimmt dich am Arm und führt dich nach draußen, an die kühle, frische Nachtluft. Er erkundigt sich, wie es dir geht und du erholst dch langsam wieder. Schließlich hast du genug Verstand zusammengeholt, dass dir Ablenkung als eine gute Therapie erscheint und fragst "Wollen wir trotzdem noch ausgehen? Ich glaube, ich brauche jetzt einen Ortswechsel." Er klopft dir auf die Schulter, wie einem Tier, dem man "Tapfer, tapfer" sagt, nett gemeint, aber man weiß halt nicht, was man sagen soll außer "Los geht's", und ihr ruft ein Taxi und fahrt in ein... Etablissement, dass "Die Höhle des Löwen" heißt. Das wird euer erstes Date.
To be continued... mit der Aufgabe "Auf Wolke Sieben"... Ich hoffe es hat euch gefallen! Ich kann euch nur sagen, dass mir eure Kritik gefallen würde, konstruktive ist natürlich bevorzugt.
Den Schreibstil habe ich zum ersten Mal in diesem Ausmaß ausprobiert. Mal was anderes, und Nora hat sich gegen eine "gewöhnlichere" Herangehensweise gesträubt...