wunderbare worte

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Bis zum Abend hatten alle auf Bibernell Bertrams schlechte Nachrichten vergessen. Die Geburtstagsvorbereitungen waren in vollem Gange. Aus dem Turmfenster trieb immer wieder bunter Rauch über den Hof, und Igraine schlich noch einige Male die Turmtreppen hinauf, um an der dicken Eichentür zu lauschen. Schließlich erwischte Albert sie, weil genau vor der Tür ihr Helmvisier zuklappte. Durch die ganze Burg jagte er sie bis in ihr Zimmer. Dann verschloss er die Tür mit einem Zauberspruch und machte sich laut pfeifend wieder auf den Weg zum Zauberzimmer. Sobald er weg war, versuchte Igraine aus dem Fenster zu klettern, aber als sie einen Fuß auf die Brüstung setzte, spannen drei fette, giftgrüne Spinnen ein Netz vor ihrer Nase. Albert wusste genau, wovor seine kleine Schwester Angst hatte. Und Igraine konnte nur noch dasitzen und auf ihren Geburtstag warten.
Irgendwann, als der Mond schon über dem Burgturm stand, zog sie ihr Kettenhemd aus und legte sich aufs Bett. Während Sisifus auf ihrem Bauch schnurrte, lauschte Igraine den seltsamen Gesängen, die der Nachtwind vom Turm herüberwehte. Erst grübelte sie nur über ihr Geschenk nach, aber plötzlich musste sie wieder an Bertrams besorgtes Gesicht denken. Sie versuchte sich diesen Gilgalad vorzustellen und seinen Burgvogt mit den Eisenstacheln auf der Rüstung. Jetzt würde vielleicht doch bald etwas passieren auf der Bibernellburg, aber Igraine war sich nicht sicher, ob sie sich darauf freuen sollte. Unruhig, den Kopf voll schwerer Gedanken, drehte sie sich auf dem Bett von einer Seite auf die andere. Ob die Baronin wirklich auf Wallfahrt gegangen ist, ohne sich von Lancelot zu verabschieden, dachte sie noch. Dann schlief sie ein.
Mitten in der Nacht schrak sie davon auf, dass Albert die Tür aufstieß und mit einer Laterne in ihr dunkles Zimmer trat.
„Was ist?", fragte Igraine verschlafen und schob Sisifus von ihrem Bauch herunter.
Albert räusperte sich verlegen und strich sich rosa Puderzucker aus dem wirren Haar. „Ähm, ja, also", er räusperte sich noch mal, „es ist uns ein kleiner Zauberfehler unterlaufen, ein Versprecher, so was kann passieren, weißt du..."
Wie der Blitz sprang Igraine aus dem Bett, lief zum Fenster und sah hinaus. Aber der Burghof lag ganz friedlich und still im Mondlicht, und der Turm war auch nicht schiefer als sonst. „Was für ein Fehler?", fragte sie und drehte sich misstrauisch zu Albert um. „Ist mein Geburtstagsgeschenk geplatzt?"
„O nein. Nein, nein!" antwortete Albert hastig. „Dein Geburtstagsgeschenk ist fertig. Es ist - ähm - es ist wunderbar geworden, nur, nur...", er fuhr sich schon wieder durchs Haar, „nur als wir ihm den letzten Schliff geben wollten, da hat Mama sich versprochen, und da ist es eben passiert."
„Was?", rief Igraine. „ Was ist passiert, zum Teufel?"
„Das wirst du gleich sehen" , sagte Albert, nahm ihre Hand und zog sie hinter sich her durch die stockdunkle Burg, über den mondhellen Hof und die Turmtreppen hinauf, bis sie vor der Tür des Zauberzimmers standen. Mit zerknirschter Miene stieß Albert sie auf.
Die Zauberbücher liefen in heller Aufregung durcheinander, fuchte
lten mit den Armen und brabbelten vor sich hin. Zwischen Gläsern voller Blätter, Blüten und zermahlenen Steinen standen zwei Schweine, ein schwarzes und ein rosarotes.
„Hallo Honigkind", sagte das schwarze Schwein mit der wunderbar weichen Stimme der schönen Melisande.
„Ziemliches Schlamassel das, was?", sagte das rosa Schwein mit der Stimme von Sir Lamorak. Igraine schnappte nach Luft , riss die Augen so weit auf, dass sie ihr fast aus dem Kopf sprangen - und brachte keinen Ton heraus. „Dein Geschenk ist schon so gut wie fertig", sagte Sir Lamorak. „Es fehlte nur noch eine Kleinigkeit. Seid doch mal bitte still, Bücher!" Die Zauberbücher setzten sich beleidigt auf den Teppich und schmollten.
„Sie mal, Honigkind", sagte das schwarze Schwein und trippelte zu einem riesigen Paket, das in Sir Lamoraks Zaubersessel lag. „Albert hat es noch schnell verpackt, bevor er dich geweckt hat. Willst du es jetzt oder nach dem Frühstück auswickeln?"
Verdaddert guckte Igraine erst das riesige Paket und dann ihre borstige, ringelschwänzige Mutter an. „Ich pack es lieber aus, wen ihr euch wieder zurückverwandelt habt, Mama", sagte sie.
Die Zauberbücher brachen in spöttisches Gelächter aus. „Tja, mein Kind", grunzte Sir Lamorak und kratzte sich mit dem Hinterlauf etwas ungeschickt die Rüsselnase. „Da gibt es ein klitzekleines Problem. Wir mussten leider feststellen, das das Glas für die roten Riesenhaare leider leer ist."
„Vollkommen leer", fügte die schöne Melisande mit einem Seufzer hinzu. „Und was bedeutet das?", fragte Igraine beunruhigt. Sie konnte sich einfach nicht merken, wozu all die Zauberzutaten gebraucht wurden.
„Wir haben Albert bereits seit zwei Monaten darauf aufmerksam gemacht, dass das Glas leer ist", mäkelte ein dickes, goldenes Zauberbuch. „Aber er ist ja so nachlässig. Auf diese Weise wird er nie ein guter Zauberer."
Die anderen Bücher stießen sich an und nickten hämisch. „Ja, schon gut. Ich hätte sie gleich besorgen müssen!" Albert warf den Büchern einen bösen Blick zu. „Aber Riesenhaare wachsen ja nicht gerade an jedem Burggraben, oder?"
„Aber was bedeutet das nun?", rief Igraine ungeduldig.
Albert räusperte sich verlegen. „Ohne die Riesenhaare", sagte er, „bleiben unsere Eltern Schweine."

 

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