Einträge "Studio D10":

Sonntag, 13. Mai 2007

Der Erzähler eröffnet einen Zeitraum

Zu Solschenizyn: Ein Tag des Iwan Denissowitsch, übersetzt von Christoph Meng (dtv 1524)

Mir ist bisher, wenn ich „die Zeitstruktur“ einer Erzählung untersucht habe, noch nie so deutlich wie jetzt aufgegangen, wie der Erzähler den Zeitpunkt des erzählten Geschehens überschreitet (ausweitet) und einen Zeitraum eröffnet. Ich möchte das am Anfang dieser Erzählung andeutungsweise aufzeigen.

„Um fünf Uhr morgens wurde das Wecksignal gegeben -“ (S. 5, Z. 1). Mit diesem Satz eröffnet der Erzähler seinen Bericht von dem einen Tag des Iwan Denissowitsch im Arbeitslager. Aber mit dem Adverbial „morgens“ (sofern die Übersetzung präzise ist) stellt er ein regelmäßig wiederkehrendes Ereignis dar.
„Schuchow verschlief das Wecken nie, er stand immer sofort auf...“ (5/11). Diese Bemerkung, welche die über den heutigen Tag hinaus reichende Ordnung im Leben Schuchows zeigt, wird später wiederholt: „Sonst stand Schuchow nach dem Wecksignal immer sofort auf, heute nicht.“ (5/36 f.) Hier wird das heutige Handeln Schuchows zu seinem sonstigen in Beziehung gesetzt und davon abgegrenzt. Bis zu diesem Zeitpunkt (wenn denn überhaupt von einem Zeitpunkt die Rede sein kann und nicht das Handeln als ganzes betrachtet wird), mögen zehn bis zwanzig Sekunden vergangen sein; denn das Wecksignal wurde durch Hammerschläge auf ein Stück Schiene gegeben, und die Töne waren inzwischen verstummt (5/2 und 5/7). Aber es ist bereits auf die Ordnung des Lagers und die Ordnung im Leben Schuchows rekurriert.
Zwischen den beiden Sätzen vom Sonst-nicht-Verschlafen steht eine Begründung oder Erklärung dafür, dass Schuchow immer sofort aufsteht: „denn bis zum Ausmarsch hatte man anderthalb Stunden Zeit, die einem ganz allein gehörten“ und in denen man allerlei nützliche Dinge betreiben kann (5/12 ff.). Wenn man hier den Erzähler selber sprechen hört, wird man dieses Stück als Erklärung lesen; wenn man dagegen Schuchow (personal erzählt) sprechen hört, wird man es als dessen Begründung für sein rechtzeitiges Aufstehen erfassen. Jedenfalls wird schon der Blick des Lesers auf die nächsten anderthalb Stunden gerichtet und so der Zeitpunkt des Nichtaufstehens überschritten.
Die folgende Bemerkung würde dafür sprechen, dass es sich gegen meinen ersten Eindruck doch um eine Erklärung des Erzählers handelt: „Schuchow hatte sich die Worte seines ersten Brigadiers Kusjomin gut gemerkt - der war ein alter Lagerfuchs, hatte 1943 schon zwölf Jahre gesessen -“ dass man nämlich keine Schüsseln auslecken soll (5/26 ff.). Mit dieser Erklärung zeigt der Erzähler, dass Schuchow bereits 1943 im Lager war und eben Kusjomin als ersten Brigadier hatte, dem also weitere folgten; er deutet zugleich an, dass Schuchow anders als andere Häftlinge fremde Schüsseln nicht ausleckt - sonst wäre der Hinweis darauf, dass er sich die Lehre gut gemerkt hat, nicht zu verstehen.
Auf die Lehre Kusjomins folgt deren Beurteilung durch Schuchow oder den Erzähler: „Das mit dem Gevatter stimmte natürlich nicht. Spitzel gehen immer auf Nummer Sicher. Wenn auch auf Kosten anderer.“ (5/34 f.) Diese Bewertung stammt wegen der Tempusform „stimmte“ vermutlich von Schuchow; der Erzähler könnte aus seiner überlegenen Kenntnis „stimmt“ sagen, aber diese Überlegung ist nicht zwingend (und an die Präzision der Übersetzung gebunden).
Darauf folgt die bereits zitierte Bemerkung, dass Schuchow „heute“ nicht aufstand; danach wird zur Erklärung auf seinen Zustand „seit gestern“ verwiesen: „Schon seit gestern abend war ihm nicht wohl in seiner Haut...“ (5/37 ff.).
Über die Ereignisse der ersten zwanzig Sekunden des Tages „heute“ hat der Erzähler rund drei Minuten lang berichtet (eine Seite lang - „Zeitdehnung“ nennt man das); aber er hat im Nahbereich dieser 20 Sekunden den Zeitraum im Leben Schuchows seit „gestern Abend“ bis „anderthalb Stunden“ später eröffnet; er hat ferner die Ordnung des Lagers und die Regelhaftigkeit im Leben Schuchows herausgestellt und einen Blick in Schuchows Vergangenheit getan, wobei im Augenblick noch nicht klar ist, wie lange 1943 her ist.

Unmittelbar im Anschluss daran kommt dann Schuchows Perspektive deutlich zur Geltung: „Wo sollte man sich hier auch wärmen...“ (6/5) werden seine Gedanken personal erzählt, und das setzt sich noch deutlicher in der Bemerkung fort, das „jetzt auch bei uns“ (6/20) Stiefel auf den Boden poltern, nachdem er es von der Nachbarbrigade vernommen hat.

Nach diesem Muster sollt ihr, alledings nur stichwortartig, die Erzählung bis 7/38 untersuchen!

HA zum 22. Mai: bis S. 96 Mitte lesen 

von: studioD
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Geändert am 13. Mai 2007 um 18:16

Freitag, 4. Mai 2007

Die in der Schule bearbeitete Aufgabe,

die HA zum 10. Mai, ist bis Mi, 9. Mai, möglichst maschinengeschrieben bis zur der großen Pause auzugeben.
von: studioD

Dienstag, 24. April 2007

Neue Lektüre

Nach Freitag, dem großen Tag, beginnen wir die Lektüre von A. Solschenizyn: Ein Tag des Iwan Denissowitsch (= Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch; das war die erste Übersetzung). Ihr könnt euch unter dem Namen des Autors (plus Titel), unter dem Begriff GULAG (ein anderer Titel Solschenizyns: "Archipel GULAG") oder unter "Stalinismus" vorab informieren.

Wer beeindruckende Bücher über "deutsche" Lager lesen möchte, den verweise ich auf Edgar Hilsenrath: Nacht (Leben in einem jüdischen Ghetto) oder Primo: Levi: Ist das ein Mensch? - Diese Lagererfahrung ist eine der wichtigen Erfahrungen des 20. Jahrhunderts; sie kennen ist vielleicht beinahe genau so wichtig wie zu wissen, wer bei DSDS ausgeschieden ist oder das nächtliche Pokerturnier gewonnen hat.

von: studioD
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Geändert am 24. April 2007 um 01:22

Freitag, 20. April 2007

Begriff "Aspekt"

Heute haben wir (indirekt) den Begriff des Aspektes kennengelernt, und zwar im Zusammenhang mit dem Perfekt (SD Grammatik Nr. 81): dass dieses zusammen mit einigen anderen Tempusformen eben nicht primär etwas Zeitliches ausdrückt, sondern "etwas Abgeschlossenes". Das ist ein Aspekt, der durch einige Tempusformen ausgedrückt werden kann. (Also bitte nie zum Perfekt "Vergangenheit" sagen, das ist ein unsäglicher Quatsch!)

Solche Aspekte werden auch durch alle Formen von -> Modalität (im kulando-blog!) ausgedrückt; das wird unser nächstes Thema vor der ZP 10 sein.

Hinweis zur ZP 10: Wir schreiben in Raum 8, und zwar bis 12.10 Uhr. Also: bitte etwas zu essen und zu trinken mitbringen, aber vorher zu Hause in Ruhe (!) frühstücken (am Abend vorher rechtzeitig zu Bett gehen) und um 9.05 Uhr noch mal schnell auf die Toilette gehen. Von Raum 8 aus könnt ihr einzeln (d.h. ein Schüler für alle Klassen) die Toilette im Neubau oben benutzen.  

 

von: studioD

Freitag, 30. März 2007

Zu Felix' Frage

Zu deiner Frage von heute, lieber Felix, wozu unser Grammatiktraining (derzeit: Passiv) gut ist: Sicher ist das nicht nur für den ersten Teil der ZP 10 gut, sondern auch für das Verständnis von Texten allgemein. Das beginnt mit dem Verständnis der Textsorten, vgl. SD Grammatik Nr. 119, und dem sprachlichen Handeln eines Autors (in Sachtexten) oder Sprechers (in fiktionalen Texten), vgl. Nr. 118! Und das endet beim "Hören" seines Tonfalls, vgl. Nr. 118 (5.). - Ein differenziertes Verständnis von Genus (Aktiv - Passiv - Imperativ), Tempus und Modus der Verben kann von euch nicht hoch genug eingeschätzt werden!

Ich erinnere an die HA über die Ferien: die Klassenarbeit aus Kl. 7 bearbeiten!

Stichwort "motivieren", dieser Tage bereits gefallen: Es gelingt mir nicht einmal, dafür zu sorgen, dass ihr genügend Exemplare des Schülerdudens zum Unterricht mitbringt; vielleicht sagen die Betreffenden das auch einmal ihren Eltern: "Papa, ich bin zu blöde, regelmäßig einen Schülerduden mit in den Unterricht zu nehmen. Ich verlasse mich lieber auf den Nachbarn, und der verlässt sich auf mich."

von: studioD
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Geändert am 31. März 2007 um 00:04