„Ich verstehe einfach nicht, wie man so sein kann!" Anna zog genüsslich ihren Milchshake durch den Strohhalm nach oben. „Ich mein... ich würde sterben, wenn ich die ganze Zeit allein wäre und mit niemanden reden könnte. Und das es ihn noch nicht mal stört, dass ihn alle hassen. Ich versteh es einfach nicht!"

Ich glaube auch nicht, dass du es verstehen könntest.

„Hm ja schon. Aber du weißt doch gar nicht warum er so verschlossen ist! Vielleicht hat er ja Gründe!?"

„Was kann man schon für Gründe für so ein Verhalten haben?! Also ehrlich maria, jetzt nimm ihn doch nicht so in Schutz! Oder findest du ihn etwa toll?" In Annas Augen spiegelte sich Belustigung wider und ein Lächeln formte ihre Lippen zu einem Halbkreis über das ganze Gesicht. Manchmal hasste Maria sie für ihre arrogante Art. Dennoch war sie ihre beste Freundin und das schon seit dem Kindergarten. Sie wusste genau, dass sie jetzt mit Bedacht antworten musste, um Annas Lästereien nicht noch mehr anzufeuern.

„Wie soll ich ihn denn mögen? - Ich kenne ihn doch gar nicht. Nein ich meine nur vielleicht ist er einfach nicht so der Gruppenmensch... vielleicht ist er wirklich lieber allein. Oder er ist einfach nur schüchtern und traut sich nicht jemanden von uns wirklich anzusprechen. Du kannst es nie sicher wissen, wenn du ihn nicht fragst."

„Ihn fragen? Als ob da irgendjemand von uns eine Antwort bekomme würde! Nun stell dich doch nicht so naiv. Er redet ja schon im Unterricht kaum.. Klar, er ist bestimmt nur schüchtern. Manchmal möchte ich deine kindliche Art zu denken auch wieder haben."

Als ob du mit deiner Arroganz erwachsener wärst, als ich.

„Ja vielleicht bin ich naiv - aber ich versuche ihn wenigstens mit Respekt zu behandeln. Nicht so wie der Rest der Klasse."

Anna zog die letzten Reste ihres Getränks vom Glasboden nach oben, sodass ein relativ lautes Schlürfgeräusch entstand.

„Als ob du keinen Spaß daran hättest, ihn ab und zu mal zu ärgern. In meinen Augen ist und bleibt er ein Freak, der irgendwann mit sich selbst und seiner verkorksten Kindheit nicht mehr klar kommt und sich den Gnadenschuss gibt  - da kannst du mir hier erzählen was du willst."

Ist er wirklich ein Freak nur weil er nicht so ist wie der Rest der Klasse? Er verdient diese Behandlung nicht, das weißt du. Aber warum sagst du nie etwas? Warum sagst du nie, dass sie mit ihren Quälereien aufhören und ihn in Ruhe lassen sollen? Wovor hast du Angst? Sie würden sich nicht gegen dich wenden. - Oder etwa doch?...

„MARIA! Hörst du mich?!" Anna stand mittlerweile neben ihrem Stuhl und sah sie fragend an.

„Was? Ich war grad mit meinen Gedanken woanders."

„Ich habs schon gemerkt, Träumerchen." Anna lächelte sie an. „Wir müssen los, die Freistunde ist gleich vorbei."

„Ach stimmt ja." Maria nahm ihre Sachen und die Zwei schlenderten zurück zum Schulhof.

 

Auch Tim war auf dem Weg zurück in die Schule. Doch dieser Nachmittag heute sollte nicht so werden wie immer. Heute würde er Gnade gegenüber sich selber zeigen. Heute würde er sich wehren. Wehren für alles was bisher geschehen war. Und die Waffe in seiner Tasche rutschte beim Laufen ein Stück nach unten.
 

Verlustängste

Ich erinner mich noch genau an dem Tag, an dem ich bermerkte, wie egal ich dir scheinbar geworden war...

Ich bin das jüngste von 3 Kindern. Meine Geschwister sind beide um viele Jahre älter als ich. Sie waren beide für mich stets Vorbild als ich noch jünger war. Zwei Menschen zu denen ich aufgesehen habe und die mir schrecklich wichtig waren. Meine Schwester ging irgendwann weiter weg zum Studieren. Ich klammerte an dem Tag ihrer Abreise krampfhaft an sie und trat nachdem sie weg war für ein paar Tage in einen "SchweigeStreik". Aber sie schrieb mir jeden Monat und kam oft nach Hause. Sie war immer da. Mit meinem Bruder verhielt sich das anders. Er ging irgendwann eine Beziehung mit einer Frau ein, welche ihn völlig von unserer Familie wegdrängte. Er zog von einem Tag auf den anderen mit ihr aus. Ich konnte mich noch nicht mal wirklich von ihm verabschieden. Ab diesem Tag sah ich ihn immer weniger.. bis ich ihn dann garnicht mehr sah. 3 Jahre Funkstille. Er war völlig aus meinem Leben gerissen. Doch ich gab in meiner kindlichen Naivität nicht auf. Vor einem deiner Geburtstage riefen wir dich an. Fragten, ob du feiern würdest - du hast verneint. Dennoch fuhren wir an deinem Geburtstag zu dir, um dir wenigstens zu gratulieren. Nach unserem Klingeln öfnnetest du die Tür und sahst uns perplex an. Hinter dir im Wohnzimmer saßen deine QuasiSchwiegereltern mit deiner Freundin bei Kaffee und Kuchen. Du hast gefeiert. Ohne uns. Papa sagte dir ein kurzes "Alles Gute" und drückte dir das Geschenk unsanft in die Hand bevor er auf der Treppe kehrt machte. Mama weinte als sie dich kurz umarmte um dann Papa hinterher zu laufen. Nun stand ich vor dir und sah die Tränen in deinen Augen. Ich entrang mir ein "Alles Gute" bevor ich anfing zu weinen. Dann rannte ich die Treppe runter. In diesem einen Moment habe ich gemerkt, wie wenig die Familie und ich dir noch bedeutet haben. Und es tat weh, dich verloren zu haben. Ich hab es bis heute nicht verkraftet und verziehen. Obwohl das alles schon Jahre her ist und du wieder Teil der Familie bist.

Ist es denkbar, dass ich durch diese Erfahrung öfters Angst habe Menschen die mir viel bedeuten einfach so zu verlieren?

 
Über mich
21Publish - Cooperative Publishing

guenstige buecher
Konzerttickets
Online Hotelbuchung
Notebook Schutzfolien