
Ein neuer Architekturfilm von Heinz Emigholz im Forum, über Nervis grandiose Baukunst
Beton, die spannungsreiche Materie, wuchtig und doch der elegantesten Schwünge fähig. Heinz Emigholz feiert ihn in 'Parabeton', Nr. 19 in seiner 'Photographie und jenseits'-Serie, der erste der abschließenden Abteilung 'Aufbruch der Moderne'. Viele Jahre schon präsentiert er die neuen Stücke dieser Serie im Forum der Berlinale, seine Perspektiven im Forum - sie gehören zu den seltenen Momenten, wo man wirklich ein schönes Gefühl von Kontinuität und Konsequenz auf dem Festival spürt.
Es geht um Pier Luigi Nervi und römischen Beton, Emigholz ist geradezu erregt über die Wunder dieser Bauweise, ihre Spannung und Dynamik, und das überträgt sich gleich auf den Zuschauer. Ein Architekturthriller. Er lebt von den Impulsen, die von den grandiosen Betonbauten Nervis im vorigen Jahrhundert immer noch ausgehen, der Ausstellungshalle in Turin, dem Hauptsitz der Unesco in Paris, dem Pirelli Hochhaus, dem Stadion Flaminio in Rom, der Audienzhalle des Papstes in Rom. Dazwischen gibt es überlieferte Beispiele antiker römischer Überreste von Betonbaukunst, Pantheon, Colosseum, Hadrians Villa in Tivoli.
Die Berufsbezeichnung Architekt nahm Nervi als ein Schimpfwort. Er sah sein Werk als Bauingenieurskunst - es galt, 'Wissenschaft und Gestaltung in der praktischen Arbeit zu vereinen'. Die praktische Arbeit von Emigholz zielt nicht auf die Totale, aufs Tableau, er geht die Gebäude in ruhigen Einzeleinstellungen ab, die er konstruktiv aneinanderreiht. 'Es muss in einer Einstellung etwas drin sein, was in der nächsten fortgesetzt wird.' Das Denken, die Montage fängt beim Drehen bereits an, ein Verfertigen der Gebäude beim Filmen.
Die Leichtigkeit von Nervis Bauten verschlägt einem den Atem, diese Schwerelosigkeit und Freiheit - unmöglich, auf den ersten Blick die tragenden Elemente zu bestimmen. Mit einem Gefühl der Heiterkeit verlässt man das Kino. Konkrete Poesie - concrete! -, wie nur das Kino sie zu schaffen vermag.
Quelle: Sueddeutsche.de
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