Die Venus von Fregene: Baden vor Rom

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Römer müssen nicht weit fahren, um am Strand zu chillen. Alte Küstenorte wie Ostia kommen wieder in Mode.

Ob ans Meer oder nicht, das ist für die Römer im Sommer kein Thema - zur Debatte steht nur der Badeort. Wenn etwa Kaiser Tiberius seines Palastlebens auf Capri müde war, legte er nach Ponza ab. Die größte der fünf Pontinischen Inseln ist seit den Sechzigern eine der beliebtesten römischen Urlaubsadressen.

Obwohl die Insel schon lange nicht mehr vom Fischfang, sondern vom Badebetrieb lebt, bestimmen an der rosaroten Hafenmole noch immer die pescatori, die Fischer, das Bild. Anstelle von modischen Boutiquen empfangen den Besucher kleine Verkaufs- und Lagerräume, in denen die inzwischen magere Ausbeute angeboten wird. Abends sitzen die Bootsleute ganz unter sich in den Bars beim Kartenspiel - während an den Anlegestellen bunte Barken in Erwartung letzter Kunden dümpeln.

Im Norden von Ponza zeigt sich ein anderes Bild: schneeweiß gekalkte Häuser mit arabischen Kuppeldächern vor schroff ins Meer abfallenden Felswänden. Hier und da Tuffsteinhöhlen, manche dienen noch als Unterkunft. Schöne, nur per Boot erreichbare Badebuchten und Klippen, denen der Volksmund fantasievolle Namen gegeben hat: „Stumme Hose" oder „Polypenspalter".

Neros Sommerfrische

Anders als Tiberius zog Kaiser Nero das Festland vor, er machte seinen Geburtsort Anzio zur begehrten Sommerfrische. Mit seinem Mega-Palazzo - die flutumspülten Grundmauern sind weitgehend erhalten - hinterließ er den Badegästen die Möglichkeit, Kultur im Bikini zu genießen. Mittlerweile ist das Städtchen, in dem 1944 die Alliierten landeten, nicht nur Badeort, sondern auch Anlaufstelle für die Hochseefischerei. In den vielen kleinen Trattorien gibt es den besten Fisch von ganz Latium: Pasta mit Garnelen, wilde Venusmuscheln, gegrillter Tintenfisch, Goldbrassen oder Rotbarben mit Oliven und Kräutern in Alufolie, dazu trockener Tafelwein, der in den umliegenden Weinbergen angebaut wird. Für derlei Genüsse nehmen die Römer selbst im Winter 60 Kilometer Anfahrt in Kauf.

Spät am Nachmittag, bevor die passeggiata, der rituelle Spaziergang, beginnt, warten viele am Kai auf die Rückkehr der Kutter, um sich mit frischem Fangfisch zu versorgen, der nicht kilo-, sondern kistenweise verschleudert wird. Bei Sonnenuntergang zeichnen sich am Ufer vis-à-vis scharf die Konturen der imposanten Festungsmauern von Nettuno ab. „Jahrzehntelang war die mittelalterliche Burg mit ihren kleinen Plätzen und handtuchbreiten Gassen mit Kopfsteinpflaster die Hauptattraktion", erklärt Mario, ein tatkräftiger Mittdreißiger, der einen ehemaligen Lagerraum zu einer attraktiven Weinstube umfunktioniert hat. „Jetzt bestimmt der moderne Jachthafen mit dem Shoppingcenter das Bild. Und die Preise der Ferienhäuser und -wohnungen sind entsprechend in die Höhe geklettert."

Eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf Rom-Flüchtige übt nach wie vor der Ort Sperlonga an der malerischen Küste zwischen Terracina und Gaeta aus; Goethe hat sie auf seiner italienischen Reise bestaunt. Zur Zeit des römischen Imperiums ließ die Upperclass dort Grotten zu Villen ausbauen - antike Luxusdomizile für feucht-fröhliche Bankette und mondänes Badeleben. Das hoch über dem Meer gelegene mittelalterliche Fischerdorf erinnert hingegen an eine orientalische Medina: hell gekalkte Häuser, Treppengassen, versteckte Höfe, in denen man unerwartet auf kleine Restaurants und Cafés stößt.

Die römische Schickeria bevorzugt das nahe Fregene mit seinen eleganten Villen zwischen ausgedehnten Pinienhainen. Ein Mythos aus den Tagen, als sich hier noch die Größen des italienischen Films tummelten. Heute verschanzen sich in Fregene gut bezahlte Parlamentarier, die gehobene Bourgeoisie und Fußballmillionäre hinter hohen Mauern.

Ostia kehrt zurück

Angelpunkt des römischen Badelebens aber ist erneut Ostia, einst Zentrum des antiken Wirtschaftslebens. Aufgrund des Baubooms in den 70er-Jahren verschmäht, haben die Römer die über 20 Kilometer lange Sandküste vor den Toren der Ewigen Stadt nun wiederentdeckt. Schnell hat sich Ostia mit neuen Strandbädern, Pubs, Diskotheken und touristischen Initiativen darauf eingestellt.

„Der Strand ist eine gigantische Freilichtbühne, auf der man den Frust der Großstadt ungezwungen ablässt", erklärt ein Discjockey das Ostia-Phänomen. Ihn habe die Liebe von Rimini ans Meer der Cäsaren verschlagen. Er ist nicht der Einzige. Noch lange bevor Rom die Bühne der Weltgeschichte betrat, soll Odysseus, von der Zauberin Circe angelockt, an diesem Küstenstreifen an Land gegangen sein. Wo genau, ist unklar. Aber jeder Ort hat dazu seine eigene Version dieser Geschichte.

RÖMERBAD

Info: Staatliches Italienisches Fremdenverkehrsamt ENIT,
T 01/505 16 39-12, http://www.enit.at/

Die Lieblingsbadeorte der Römer liegen maximal zwei Stunden entfernt: Ponza (Pontinische Insel, Fähre ab Anzio), Sperlonga, Nettu- no, Fregene und Ostia (wieder im Trend). Touristische Infrastruktur vom Grandhotel bis zum simplen Appartement, von Trattoria-Nostal- gie bis Michelin-Empfehlungen.

Anschauen: Ruinen der Villa Tibe- rio (Ponza); Ruinen des Nero-Palastes und die Fotoausstellung der Landung der Alliierten (Anzio); mittelalterliche Burg (Nettuno); Ostia Antica (Ausgrabungen).

Quelle: DIEPPRESSE.COM
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Goethe in Rom, am 7. November 1786

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