
Traditionelles Fest: Die "Festa de Noantri".
Die "Trasteverini" - die Menschen, die im römischen Stadtteil Trastevere leben - sind ein stolzes Völkchen. So nennen sie sich "Noantri" ("Wir anderen"). Mit dieser Bezeichnung wollen sie sich gegen all diejenigen abgrenzen, die in anderen Teilen Roms zu Hause sind. Trastevere gilt nicht nur bei Touristen, sondern auch bei den Einheimischen als eines der schönsten Viertel am Tiber.
Hier reihen sich die hübschesten Lokale aneinander, hier steht mit "Santa Maria in Trastevere" eine der bezauberndsten Kirchen der italienischen Hauptstadt, hier werden Traditionen hochgehalten. Und jedes Jahr im Juli feiern die Trasteverini sich selbst mit dem wohl berühmtesten Volksfest Roms: Der "Festa de Noantri".
Wie so manches andere in Rom geht auch dieses Fest auf eine Legende zurück. Vor vielen Jahren sollen Fischer an der Mündung des Tibers eine Kiste gefunden haben. Darin entdeckten sie eine wertvolle Madonnen-Statue aus Zedernholz, die in Anlehnung an den Fundort am Fluss "Madonna fiumarola" getauft wurde. Die Skulptur wurde dem Karmeliter-Orden geschenkt und in der Kirche Sant'Agata in Trastevere aufgestellt. Im Laufe der Zeit entwickelte sich die Madonna im Volksglauben zur Beschützerin des Stadtteils.
Jeweils am ersten Samstag nach dem 16. Juli wird die Statue in einer gewaltigen Prozession durch die Straßen Trasteveres getragen und zur Basilika San Crisogono gebracht, wo sie acht Tage lang bleibt. Das Szenario ist dabei typisch italienisch, ein bisschen katholisch, ziemlich bunt - und sehr laut. Voran reiten zwei Carabinieri auf stolzen Schimmeln, dahinter führen mehrere Ordensbrüder den Korso an, die ein über drei Meter hohes, etliche Kilo schweres Holzkreuz stemmen.
Tausende Menschen säumen den Straßenrand, sie stimmen religiöse Gesänge an und legen der in Juwelen und ein prächtiges Kleid gehüllten Madonna, die auf einem Podest von fast 20 schweißgebadeten jungen Männern getragen wird, herrliche Blumensträuße zu Füßen. Ein Priester gehört natürlich auch zur Partie, seine huldigenden Worte tönen imposant aus zahlreichen Lautsprechern. Überall hängen die Trasteverini in den Fenstern, um das Spektakel ja nicht zu versäumen. "Von unserer Wohnung aus haben wir quasi einen Platz in der ersten Reihe", schwärmt die Pensionistin Gabriella.
Abends, wenn über Rom die Dunkelheit hereinbricht, stehen bei der einwöchigen "Festa de Noantri" hingegen Musikdarbietungen und Theater auf dem Programm, rings um die berühmte Piazza Sonnino bieten Stände Handwerkskunst, Mode-Accessoires und Süßigkeiten. Tradition wird dabei wieder groß geschrieben. Das war nicht immer so, jahrelang hatten vor allem Chinesen und Inder das Fest für ihre kommerziellen Zwecke genutzt und ihm so zeitweilig das Leben ausgehaucht. Erst seit wenigen Jahren bemüht sich vor allem die Stadtverwaltung wieder darum, dem Fest seinen alten Charme zurückzugeben.
"Das Geheimnis der ewigen Jugend dieses römischen Volksfestes ist es, für die ganze Stadt ein Ort der Begegnung zu sein, eine Gelegenheit, bei der Vergangenheit und Gegenwart ihre Widersprüchlichkeit überwinden", brachte es damals ein Lokalpolitiker auf den Punkt. Auch Meisterregisseur Federico Fellini kam in seinem Werk "Roma" nicht um das Fest herum und beschloss sein Filmporträt der Ewigen Stadt mit der "Festa de Noantri".
Bis Sonntag feiern die Trasteverini weiter, eingeladen sind selbstverständlich auch Römer aus anderen Stadtteilen sowie Touristen. Erst wenn die Madonna nach einer weiteren Prozession in ihre Kirche zurückgekehrt ist, wird es wieder ruhiger in Trastevere - zumindest für die kommenden zwölf Monate, denn die nächste "Festa de Noantri" kommt bestimmt.
Quelle: OÖ Nachrichten![]()
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