Die "Vaticana" schließt ihre Tore

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Lesesaal der Bibliothek "Vaticana".

Die Nachricht hat eingeschlagen: Ab Sommer dieses Jahres – so teilte der Präfekt der Vatikanischen Bibliothek, Titularerzbischof Raffaele Farina, trocken mit, werde die Vatikanische Bibliothek wegen dringend erforderlicher Renovierungsarbeiten für drei Jahre schließen. Die Bibliothek, kurz "Vaticana" genannt, ist nicht irgendeine Büchersammlung. Sie ist eine der ältesten bis heute existierenden Bibliotheken und eine der bedeutendsten Forschungsstätten der Welt.

Die Konsequenz der offensichtlich unumgänglichen Renovierung: Arrivierte Forscher müssen sich neue Themenfelder suchen, junge Forscher mitunter sogar ihre Karriereplanung ändern, dann nämlich, wenn sie für ihre Projekte auf die Bestände der Vaticana angewiesen sind. 200 Wissenschaftler und Studenten aus aller Welt kommen täglich hierher, um Handschriften oder seltene Druckwerke (Inkunabeln) zu erforschen. Insgesamt zählt die Vatikanische Bibliothek zirka 1,6 Millionen Druckwerke, 80000 Handschriften, bekanntermaßen Unikate, 8500 sogenannte Wiegendrucke oder Inkunabeln sowie 350000 Münzen.

Für Forscher bedeutet das:Drei Jahre lang können keine Bücher ausgeliehen und eingesehen werden. Auch wenn Fotokopien auf Anfrage weiterhin angefertigt werden sollen, ist das für die meisten Nutzer keine Lösung des Problems. Über 40 internationale wissenschaftliche Einrichtungen und Institute haben sich in Rom seit gut 150 Jahren etabliert und ihre Forschungen an das Vatikanische Archiv und die Vatikanische Bibliothek geknüpft. Wenn nun diese großartige Bibliothek schließt, werden laufende Forschungen zum Stillstand kommen. Und geplante Vorhaben werden nicht begonnen.

Die Anfänge der Bibliothek reichen bis in das 4. Jahrhundert zurück, und ihre Entwicklung geht einher mit der zunehmenden Verbreitung von Büchern, sei es als Handschriften oder später als Druckwerke. Als Gründer der heutigen Vatikanischen Bibliothek gilt Papst Nikolaus V. (1447-1455), der die Bücher erstmals öffentlich zugänglich machte und neu organisierte. Sixtus IV. (1471-1484) sicherte ihre Nutzung durch Wissenschaft und Kunst zu und begründete damit die Bibliothek als internationale Forschungsstätte. Papst Paul V. (1605-1621) sorgte für eine ausreichende finanzielle Absicherung der Aufgaben der Bibliothek und unterschied Archivalien, also Amtsakten, von Büchern und Handschriften. Archiv und Bibliothek wurden erstmals auch räumlich getrennt.

Von Anfang an wurden die Sammlungen der Handschriften und Druckwerke als Eigentum der Päpste betrachtet, aber dennoch interessierten "Dritten" zur Verfügung gestellt. Zu ihren bedeutenden Schätzen zählt die Bibliothek Stadtpläne und Landkarten von Rom und Umgebung, die bis in das Mittelalter zurückreichen, ferner einige große Bibelhandschriften, älteste Texte des Neuen Testaments und die bedeutendsten Renaissancehandschriften. Das päpstliche Rom war mit dieser Bibliothek immer auch eine Gelehrtenstadt. Es ist daher bedauerlich, dass die jetzt beabsichtigte mehrjährige Schließung ausgerechnet mit dem Pontifikat Benedikts XVI. verbunden werden wird und damit in der Amtszeit jenes Papstes liegt, der als Gelehrter auf dem Stuhle Petri in die Geschichte einzugehen sich anschickt. Die von der Schließung betroffenen Forscher geben die Hoffnung noch nicht ganz auf. Die Einrichtung eines provisorischen Lesesaals wäre doch eine Lösung, schlagen sie vor

Quelle: Rheinischer Merkur

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