Politik am Krankenbett

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In weiten Kreisen Italiens ist Sterbehilfe, aktive wie passive, noch ein gesellschaftliches Tabu. Seit Wochen beschäftigt der Fall des seit Jahren an Muskeldystrophie leidenden, künstlich beatmeten Piergiorgio Welby die Öffentlichkeit. Was er führe, sei kein Leben, schrieb der 60-Jährige von seinem Krankenbett aus an Giorgio Napolitano, den Präsidenten der Republik. Leben sei wie eine Frau, von der man geliebt werde, wie der Wind im Haar oder ein abendlicher Bummel mit einem Freund. Zwar sei das Leben auch voller Schicksalsschläge, aber was ihm geblieben sei, könne man einfach nicht mehr als Leben bezeichnen. Seit einiger Zeit kann sich der wortgewandte und tiefsinnige Patient nur noch über Computer mitteilen.


Fatale Bezeichnung

Präsident Napolitano forderte das Parlament auf, zu prüfen, ob dem Problem unnützer Therapien auf gesetzlichem Wege beizukommen sei. Überall sind die parlamentarischen Wege lang, in Italien aber wurde die Frage von Beginn an durch maskierte ethische Einwände der Rechten und durch die Publicity-Sucht der Radikalen Partei, für die Welby tätig war, erstickt. Bedauernswerter Patient.

In edlem Wettstreit versuchen Mediziner, Juristen, Politiker und die Geistlichkeit seit September einander weiszumachen, dass das Problem nach ihrer Denkweise gelöst werden müsse. Das erste Problem liegt in der Bezeichnung für Welbys Verlangen, die Maschinen abzustellen; das Wort Euthanasie wurde dafür in Umgang gebracht. Der Begriff mag im Italienischen weniger belastet sein als etwa im Deutschen, aber dass unter dieser Überschrift nicht Sterbehilfe geleistet wurde, sondern Morde verübt wurden, weiss man auch in Rom. Damit war die öffentliche Diskussion in eine Richtung kanalisiert, aus der erst wieder ein Ausweg gefunden werden muss.

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