
Taxis quetschen sich durch enge Straßen. Am Straßenrand eines der Hauptverkehrsprobleme Roms: motorisierte Zweiräder.
Es sind Schulferien, Rom wird - langsam, langsam - stiller mit jedem Tag. Um der Entwicklung nachzuhelfen, hat die Stadtverwaltung einen weiteren Schritt gegen die Autos unternommen: Für sie bleibt San Lorenzo, das modische Kneipen- und Ausgeh-Viertel, diesen Sommer an vier Abenden der Woche gesperrt. Voriges Jahr waren es nur zwei Nächte, Freitag und Samstag. Aber im letzten Jahr sind die Nachtfahrverbote ja überhaupt erst erfunden worden - im historischen Zentrum und im Flanierviertel Trastevere. Anders, sagten sich die Stadtgewaltigen, werde man des Lärms, der Luftverschmutzung, der Dauerstaus und des undurchdringlichen Dschungels von Überall-Parkern nicht mehr Herr.
Bar- und Restaurantbetreiber tobten zwar zuerst - "Ein geschlossenes Rom ist ein totes Rom!" - und sperrten ihre Toiletten fürs Laufpublikum. Doch dieses Jahr halten sich die Proteste sehr in Grenzen. Eine Idee greift offenbar um sich - schon deshalb, weil es, wie üblich, eine typisch römische Lösung gibt: Motorisierte Zweiräder sind von allen Sperren ausgenommen.
Seit etwa acht Jahren arbeitet die Stadt Rom daran, wenigstens die Altstadt möglichst autofrei zu bekommen. Den Anstoß hat Papst Johannes Paul II. gegeben, als er für 2000 ein heiliges, ein "großes Jubiläumsjahr" ausrief. Schnell war klar, dass mit mindestens 25 Millionen Pilgertouristen gerechnet werden musste, und Rom reformierte sein Verkehrswesen.
Genehmigung gegen Geld
Seither ist die historische Innenstadt um die Piazza Navona, das Pantheon, das Kolosseum und die Spanische Treppe herum jeden Wochentag zwischen 6.30 und 18 Uhr eine einzige "zona a traffico limitato", eine "verkehrsberuhigte Zone".
An 22 "Toren" wachen Videokameras darüber, dass nur der hineinfährt, der entweder in der Innenstadt wohnt - das sind immerhin mehr als 85. 000 Menschen -, dort arbeitet oder / und sich eine Genehmigung gekauft hat. Die Jahresgebühr liegt zwischen 32,70 Euro (für Handwerker und Lieferanten) und 324,49 Euro für anderweitig Berufstätige. Den Höchstbetrag zahlen auch Bewohner der Innenstadt, wenn sie mehr als zwei Autokennzeichen pro Familie anmelden wollen; ansonsten kommen sie mit Stempelmarken für 19,78 Euro pro Lizenz davon. Bis zu 40 Prozent indes spart jeder, der sich ein Jahresticket für den öffentlichen Nahverkehr kauft.
"Motorini" sind zum Problem geworden
Kostenlos und zeitlich unbegrenzt bewegen sich hingegen die motorisierten Zweiräder. Sie sind zu Roms eigentlichem Problem geworden. Zwar sind die Autostaus aus dem Stadtkern weitgehend verschwunden, zeitgleich aber ist die Zahl der "Motorini" in die Höhe geschnellt. Die meisten von ihnen - mindestens zwei Drittel - genügen beim Ausstoß von Abgasen keinerlei EU-Norm. Deshalb und wegen ihrer schieren Masse - 650 000 sind in Rom registriert - gehören Zweiräder neben den kleinen Diesel-Lieferwagen zu den schlimmsten Luftverschmutzern der Stadt. Roms Feinstaubwerte liegen chronisch weit jenseits all dessen, was die EU erlaubt.
So setzt sich die Statistik des italienischen Umweltdachverbandes Legambiente aus recht widersprüchlichen Elementen zusammen: Rom hat mit fast sieben Quadratkilometer "Autofreiheit", Tendenz wachsend, die unbestritten größte verkehrsberuhigte Zone Italiens. Nirgendwo auch, vom Sonderfall Venedig abgesehen, wird so viel mit öffentlichen Verkehrsmitteln gefahren wie hier. Mit 77 Autos pro hundert Einwohner weist Rom aber gleichzeitig die größte Autodichte des Landes auf. Mit der Masse ihrer "Motorini" verteidigt Italiens Hauptstadt gar den Spitzenplatz in der "Motorisierungsdichte" generell.
Tagtäglich wird auch die elektronische Überwachungstechnik heftig attackiert: Von den 2,1 Millionen Bußgeldbescheiden, die Roms Stadtpolizei im Jahr ausstellt, entfällt die Hälfte auf "Verletzung der verkehrsberuhigten Zonen". Jüngst wurde ein Autofahrer geschnappt, der monatelang mit schwarzem Klebeband die Ziffern auf seinem Kennzeichen so verändert hatte, dass die Videokameras seine Einfahrt für erlaubt hielten. Und gleich außerhalb der Innenstadt tobt der Verkehr, schranken- und grenzenlos - stärker denn je.
Aber da wird den Stadtgewaltigen schon etwas einfallen. Der Umweltverband Legambiente setzt Bürgermeister Walter Veltroni und seine Mitte-Links-Mannschaft in Sachen Umweltgesinnung und -programm auf den ersten Platz in Italien, punktgleich mit Südtirols Hauptstadt Bozen. So "nordisch", so mitteleuropäisch war Rom noch nie.
Als Märchen übrigens bezeichnet man bei der Stadtverwaltung, was jeder Bürger tagtäglich und buchstäblich am eigenen Leib spürt: Dass die Touristenbusse nun, nach Einführung der Citymaut auch für sie, Kosten sparen wollen und ihre Fahrgäste kurzerhand auf die ohnedies überfüllten öffentlichen Verkehrsmittel umladen. Die Tagestarife für Touristenbusse seien, so heißt es auf dem Kapitol, mit 15 bis maximal 170 Euro so schrecklich hoch nicht; Sankt Peter und den Vatikan gebe es gratis, und überhaupt sei das wachsende Gedränge darauf zurückzuführen, dass noch nie so viele Touristen nach Rom gekommen seien wie jetzt. Und das sei doch eine überaus positive Bilanz.
Quelle: Kölner Stadtanzeiger
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