
Keine "bella figura": Silvio Berlusconi.
Vor dem Palazzo Chigi, dem Sitz der italienischen Regierung in der Altstadt Roms, steht schon der Möbelwagen. Die Fensterläden sind halb runtergelassen, im ersten Stock versteckt sich ein kleiner Mann, er schaut verlegen und ängstlich drein. Es ist Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi - soweit die Karikatur der Mailänder Zeitung "Corriere della Sera".
Doch den meisten Italienern ist der Humor vergangen. Eine Woche nach den Parlamentswahlen gibt es noch immer kein echtes Ergebnis. "Damit machen wir keine bella figura", schimpft ein Römer in der Cafébar. "Was soll man im Ausland von uns denken?"
Eine Umfrage ergab, dass 97 Prozent der Bevölkerung kein Verständnis für die Taktik des amtierenden Regierungschefs Berlusconi haben. Die geforderte Überprüfung immer weiterer Stimmzettel - das sei doch alles nur ein "Versuch, dem Sieg von Romano Prodi die Rechtmäßigkeit zu nehmen".
Doch hinter den Kulissen haben die Politiker längst damit begonnen, über den "Tag X", der offiziellen Anerkennung von Prodis Wahlsieg, nachzudenken. Lediglich zwei Stimmen Mehrheit für das Mitte-Links-Bündnis im Senat - selbst Anhänger der Linken schwant da nichts Gutes.
"Wir werden unseren Spaß haben", lassen sich bereits Vertreter der rechten Lega Nord vernehmen. "Wir machen knallharte Opposition, die Regierung Prodi wird nur wenige Tage dauern", zitiert die Zeitung "La Repubblica" Vertraute aus dem Berlusconi-Lager. Droht Italien ein Rückfall in die Zeit, in der es alljährlich mindestens einen Regierungswechsel gab?
Hürde Nummer eins: Die Wahl des Staatspräsidenten. Schon Mitte Mai, womöglich bevor die neue Regierung steht, muss ein Nachfolger für Staatschef Carlo Azeglio Ciampi gefunden werden. Politische Absprachen zwischen den Lagern sind unvermeidlich. Hier will Berlusconi den Hebel ansetzen: "Wenn wir ein Einvernehmen über den Staatschef eingehen, dann muss es das auch bei allem Anderen geben. Ansonsten gibt es gar nichts." Das ist der Kern von Berlusconis Vorschlag der Bildung einer großen Koalition oder einer "zeitlich begrenzten Zusammenarbeit".
Prodis kühles Nein scheint Berlusconi zur Weißglut zu reizen: "Ich mache Vorschläge zur Entkrampfung, und dieser Prodi streut nur Salz in die Wunde." Doch Prodi bleibt hart: "Erst muss sich Berlusconi entschuldigen, dann denken wir über einen Dialog nach." Prodi will, dass Berlusconi den Vorwurf des Wahlbetrugs aus der Welt schafft. Doch die Konfrontation scheint derzeit alle Aussichten auf einen Kompromiss zu verbauen - "Klima des Bürgerkrieges", meint ein Kommentator in Rom.
Schon deuten sich die Probleme einer Regierung Prodi an: Die Kommunisten fordern etwa, dass die vor Jahren beschlossene Lockerung des Kündigungsschutzes aufgehoben wird. Kommunistenchef Fausto Bertinotti soll Präsident der Abgeordnetenkammer werden.
Prodi selbst weiß sehr genau, dass er ein bunt zusammengewürfeltes Bündnis führt. Und im Zweifelsfall ist den diversen Parteien und Gruppierungen die Profilierung vor dem Wähler wichtiger als der Bestand der Regierung. "In Deutschland kann man Regierungen mit nur wenigen Stimmen Mehrheit recht gut führen. Es gibt den Knüppel der Disziplinierung", meint ein Experte in Rom. "In Rom geht das nur sehr schlecht."
Quelle: Die Zeit
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