Eine Drag-Queen becirct Rom

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Keine schillert und glitzert mehr als sie (oder er): Haustermin bei Vladimir Luxuria, Spitzenkandidat(in) der italienischen Kommunisten in Rom.

Pigneto ist römisches Niemandsland, keine glamouröse Adresse, ein Quartier, eingeschlossen zwischen zwei lauten Ausfallstraßen und zwei Eisenbahnlinien. Keine Platanen, keine netten Läden. Hier, im ersten Stock eines nüchternen Palazzos, drei Zimmer, blaue Vorhänge, wohnt jemand, der nationalen Gesprächsstoff liefert. Auf dem Namensschild am Eingang steht Guadagno. Und das ist gut so. Das erspart Wladimiro Guadagno, geboren 1965 in Foggia, Süditalien, wohl viele unerwünschte Besucher.

Italien kennt ihn (oder sie) als Vladimir Luxuria - aus Filmen, vom Radio, aus Theaterstücken, vom Fernsehen. Luxuria ist eine Drag Queen. Und bald Italiens erste "übergeschlechtliche" Abgeordnete, ein Transsexueller: weder männlich noch weiblich. Rifondazione comunista hat Luxuria an den Kopf ihrer Römer Wahlliste gesetzt. Ihre Wahl ist garantiert. Und kontrovers. Regierungschef Silvio Berlusconi donnerte bei seinem jüngsten Auftritt ins Publikum: "Wollt Ihr Italien etwa dieser Luxuria ausliefern?"

Luxuria wischt sich eine lange schwarze Strähne aus den ungeschminkten Augen, rückt die Schlabberhose zurecht und sagt: "Entschuldige, ich bin soeben aufgewacht." Es ist 18 Uhr. "Weißt du: der Stress!" Aus der Küche dringt der Geruch lange gekochter Tomatensoße. Am Herd steht die Haushälterin, sie verbietet uns die Küche fürs Interview. Und so öffnet sich unverhofft das Universum dieses "Skandals", dieser "unpräsentablen Kandidatur". Im Wohnzimmer liegen Zeitungsausschnitte, Haarspray, eine grellgrüne Perücke, viel Schmuck, ein Spiegel mit Glühbirnen im Rahmen. Luxuria entschuldigt sich fürs "Chaos", dabei ist alles sehr ordentlich, bürgerlich fast. "Ja, ich bin viel langweiliger und biederer, als man sich das wohl gemeinhin vorstellt." Luxuria spricht von sich als Frau, von einer 40-jährigen Signora. Sie lacht über die Konfusion. Konfusion ist ihr Leben.

Die Rechte verhöhnt Luxuria als eine Kopie von Cicciolina, bürgerlich Ilona Staller, Pornostar aus Ungarn, die es 1987 ins Parlament geschafft hatte und mit entblößter Brust für Furore sorgte. "Da muss ich mich nicht verstecken," sagt Luxuria. Der Vergleich greift ohnehin viel zu kurz. Luxuria ist eine Persönlichkeit, Exponentin einer unterrepräsentierten Welt. Sie nennt sie die "Welt jener, die man für anders hält". Sie macht sich für Themen stark, die sie kennt: für die Emanzipation der Homosexuellen, für die Einführung von Partnerschaftsverträgen, für die Gewährung von Asyl für Schwule, die verfolgt werden. Und für Prostituierte. Sie war selbst eine. Weil es zum Überleben nicht gereicht hätte, wie sie sagt, damals, als sie mit 20 Jahren aus Foggia nach Rom kam, fürs Studium: Sprachen, abgeschlossen mit Auszeichnung.

Luxuria hat 1994 den ersten Gay Pride in Rom organisiert. Gegen alle, gegen den Papst, vor allem aber gegen die Bigotterie der so genannten säkularen Politiker. Ja, diese Kirche! Der junge Wladimiro wäre fast Priester geworden. Er wollte das Schwulsein unterdrücken. In Foggia waren Schwule "Marsmenschen". Wladimiros Mutter war Hausfrau, der Vater Lkw-Fahrer und wählte neofaschistisch. Der junge Wladimiro war Messdiener. Sein Weg schien vorgegeben. Bis er sich in einen anderen Messdiener verliebte. Sie tranken Wein aus dem Kelch, liebten sich in der Sakristei. Der Pfarrer erfuhr davon. Das war das Ende seines Kirchenwegs. Einmal spielte Wladimiro den Eltern vor, er habe eine Verlobte: "Das war meine einzige lesbische Erfahrung", sagt Luxuria und lacht. In der Römer Szene machte sie sich mit schrillen Auftritten schnell eine Namen. Ihre Sendungen auf Radio Capital wurden Kult. Ihre Events im Klub "Muccassassina" (mordende Kuh) galten bald als kulturelle Avantgarde.

Und genau das erwarten die Kommunisten von ihr: einen Hauch Avantgarde in gesellschaftspolitischen Fragen. Parteichef Fausto Bertinotti hat sie einmal referieren gehört: politisch, engagiert, bewegt. So entstand die Idee der Kandidatur. Es gibt Leute, die schlagen Luxuria schon als Minister(in) für Gleichstellung vor. Sie kann sich das vorstellen. Als Transgender stünde sie sozusagen über den Lagern, sagt sie. Luxuria freut sich auf die neue Zeit, sie will etwas bewegen, will, dass man ihr zuhört. Bisher schaute man ihr vor allem zu. Sie wird auch am ersten Sitzungstag des Parlaments im Fokus stehen. Den Kleiderkodex wird sie nicht brechen. Sie sagt, sie werde eine Jacke tragen, vielleicht einen Tailleur. Mal sehen. Und hören.

Quelle: Berliner Zeitung

agrippina (Homepage) am 17. Februar 2006 um 16:48
das wäre ja mal was neues... ein bisschen frischer wind in den verstockten reihen der abgeordneten. super.

   

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