
Im Land der Dottori will die Regierung trotz finanzieller Notlage der Unis weiter sparen. So sollen künftig junge italienische Professoren nur noch Zeitverträge bekommen. Zehntausende Studenten und Dozenten gingen jetzt auf die Barrikaden.
Über 50.000 Studenten und Hochschuldozenten machten am Dienstag ihrem Ärger über die Hochschulpolitik Luft und zogen mit Protestplakaten durch Rom. Der Grund: An den Universitäten soll massiv gespart werden. Die Abgeordnetenkammer verabschiedete am Dienstagabend eine umstrittene Hochschulreform von Bildungsministerin Letizia Moratti, die seit Wochen für heftigen Widerstand sorgt. Weitere Protestaktionen sind bis zum Ende der Woche geplant, eine zweite Serie von Demonstrationen soll im November laufen.
Polizisten in Schutzanzügen sperrten die Innenstadt, als die Menge musizierend und skandierend in die Nähe des Amtssitzes von Premierminister Silvio Berlusconi vorrückte. Polizeibusse blockierten die Zufahrtswege zum Regierungsviertel, Hubschrauber überwachten die Demo aus der Luft. Nach Berichten des italienischen Fernsehsenders Sky TG behandelten Sanitäter mehrere Studenten mit blutenden Kopfverletzungen. Außerdem mussten drei Jugendliche und ein Fotograf mit Prellungen ins Krankenhaus gebracht werden, berichtete eine Pflegerin im San Giacomo Krankenhaus.
Blockade vor dem Parlament
Die Hauptstadt liegt im Mittelpunkt einer Protestbewegung, die sich im gesamten Land, von Turin bis Palermo, formiert hat. Die Demonstranten, denen sich auch Hochschulrektoren, Lehrer und Eltern anschlossen, beschuldigen die Regierung Berlusconis, mit der Reform unsichere Jobs in der Universität zu schaffen.
Vor allem bei der Förderung wissenschaftlichen Nachwuchses wird gekürzt: Jungen Professoren sollen nur noch befristete Verträge angeboten werden, und sie dürfen höchstens zwei Mal auf Zeit in einer staatlichen Forschungseinrichtung arbeiten. Läuft auch der zweite Zeitvertrag aus, gibt es keine Hoffnung auf Neueinstellung. Derzeit sind 60.000 Professoren in Italien mit befristeten Verträgen beschäftigt. Die Universitäten befürchten, junge Forscher durch die Kürzungen an ausländische Arbeitgeber zu verlieren.
Schon seit Monaten weitet sich der Protest an italienischen Hochschulen aus. In Rom, Florenz und Bologna fielen sämtliche Veranstaltungen im gerade begonnenen Wintersemester aus, in Rom besetzten Studenten mehrere Fakultäten. Selbst die staatliche Elitehochschule "Scuola Normale di Pisa" war blockiert; emeritierte Professoren reisten nach Pisa, um die streikenden Studenten zu unterstützen. Die römische Universität "Roma Tre" hielt gar Vorlesungen auf der Piazza Montecitorio - direkt vor dem italienischen Parlament. Studenten versperrten den Abgeordneten den Weg ins Gebäude.
"Roadmap zur Wettbewerbsfähigkeit"
Die Regierungskoalition beschuldigte Gewerkschaften und Opposition, aus politischen Gründen Schüler und Studenten auf die Straßen holen zu wollen. Abgeordnete von Forza Italia riefen Moratti auf, sich nicht einschüchtern zu lassen. "Die Reform des Schulwesens ist ein Eckpfeiler unseres Wahlprogramms. Wir wollen damit versuchen, das veraltete System zu modernisieren", sagte der Parlamentarier Simone Baldelli.
Studenten und Polizei: Italien droht der "Brain drain"
Ministerin Moratti will von den Protesten nichts wissen und spricht von einer "Roadmap zur Wettbewerbsfähigkeit". Sie strebt eine Öffnung gegenüber der Wirtschaft an, neben Stiftungsprofessuren sollen den Hochschullehrern auch Nebenjobs in der freien Wirtschaft erlaubt werden.
Schon jetzt befinden sich viele italienische Hochschulen wegen radikaler Kürzungen der Bildungsministerin in einer prekären Lage. Aulen und Seminarräume sind so baufällig, dass sie nicht mehr benutzt werden können, Bibliotheken schaffen seit Jahren keine neue Literatur an - wenn sie nicht gar wegen Baufälligkeit ganz geschlossen sind. Studiengebühren müssen an jeder Hochschule gezahlt werden. Bafög oder ähnliche Finanzierungshilfen gibt es für italienische Studenten allerdings nicht.
Quelle: Spiegel-Online
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