
Hans Küng.
Die erste große Überraschung im Pontifikat von Benedikt XVI.: Der Papst
ist während einer Audienz mit dem Kirchenkritiker Hans Küng
zusammengetroffen. Dem Theologen war 1979 von Benedikts Vorgänger
Johannes Paul II. die Lehrerlaubnis entzogen worden.
Das Treffen habe bereits am Samstag stattgefunden, sagte
Vatikansprecher Joaquin Navarro-Valls. Das Oberhaupt der katholischen
Kirche und Küng hätten eine "freundschaftliche" theologische Diskussion
geführt, sagte Navarro-Valls. Der Schweizer Kirchenkritiker, der in
Tübingen lebt und dort lange Jahre an der Universität gelehrt hatte,
hatte sich im April enttäuscht über die Wahl des früheren Kardinals
Joseph Ratzinger zum Papst geäußert.
Die beiden Theologen kennen sich bereits aus der Zeit des Zweiten
Vatikanischen Konzils (1962-1965). "Beide Seiten waren sich einig, dass
es nicht sinnvoll sei, im Rahmen dieser Begegnung in einen Disput über
die Lehrfragen einzutreten, die zwischen Hans Küng und dem Lehramt der
katholischen Kirche bestehen", so Navarro-Valls.
Der 77 Jahre alte Küng sagte im Gespräch mit der Nachrichtenagentur AP,
er sei sicher, dass das Treffen in der katholischen Welt als ein
hoffnungsvolles Zeichen gesehen werde. Denn es zeige, dass Benedikt
mehr positive Absichten habe als manche zu Beginn seines Pontifikats
erwartet hätten. Das Gespräch sei ermunternd, sehr konstruktiv und
sogar freundlich verlaufen. Es sei ein Schritt nach vorn, doch von
Versöhnung wolle er nicht sprechen. Es sei vielmehr ein Zeichen
gegenseitigen Respekts.
Er kenne den früheren Kardinal Joseph Ratzinger seit den gemeinsamen
Zeiten an der Universität Tübingen, sagte Küng der Nachrichtenagentur.
Dort hätten sie drei Jahre lang täglich zusammengearbeitet, bis sich
ihre Wege getrennt hätten. Einige Wochen nach Ratzingers Wahl zum
Papst, über die er sich öffentlich enttäuscht äußerte, habe er ihm
einen Brief geschrieben und um ein ernsthaftes Gespräch gebeten. Er sei
sehr froh, dass es zu dem Treffen gekommen sei. Es sei klar gewesen,
dass die strittigen Punkte ausgeklammert seien.
Er habe den heutigen Papst nach der großen Kontroverse der Jahre 1979
und 1980 nur noch einmal gesehen, und zwar in Bayern im Jahr 1983,
sagte Küng weiter. Damals sei die Lage noch sehr angespannt gewesen.
Nunmehr habe er den Eindruck gehabt, die gleiche Person wie in den
glücklichen Tübinger Jahren wiedergetroffen zu haben.
Ende der Eiszeit?
Das Gespräch habe sich auf Küngs Bemühungen um ein "Weltethos"
konzentriert, hieß es im Vatikan. Weiteres Thema sei der Dialog
zwischen Naturwissenschaften und Glaubens gewesen. Küng habe gesagt,
bei seinem Projekt "Weltethos" gehe es nicht um eine abstrakte
intellektuelle Konstruktion, sondern um gemeinsame moralische Werte der
großen Weltreligionen. Der Papst habe das Bemühen gewürdigt. "Der
Einsatz für ein erneuertes Bewusstsein der das menschliche Leben
tragenden Werte" sei auch "ein wesentliches Anliegen seines
Pontifikates", fügte der deutsche Papst hinzu.
Das Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche lobte auch das Bemühen
Küngs, "die Gottesfrage dem naturwissenschaftlichen Denken gegenüber in
ihrer Vernünftigkeit und Notwendigkeit zur Geltung zu bringen".
Das Treffen könnte das Ende einer jahrzehntelangen Eiszeit zwischen
Küng und der katholischen Kirche sein: Nach einem bereits jahrelang
schwelenden Streit mit dem Vatikan veröffentlichte Küng 1970
"Unfehlbar? Eine Anfrage". In dem Essay übte der Theologe heftige
Kritik am Unfehlbarkeitsdogma. Später attackierte er römischen
Zentralismus etwa bei Bischofsernennungen weitgehend über den Willen
der Ortskirchen hinweg.
Vermittlungsversuche des Münchner Erzbischofs Kardinal Julius Döpfner
sowie der beiden Professorenkollegen Karl Lehmann und Walter Kasper
(beide heute Kardinäle) blieben jedoch erfolglos. 1979 entschied sich
Papst Johannes Paul II. schließlich zur Strafe und entzog Küng die
Lehrerlaubnis.
Küngs Popularität beruht nicht nur auf seinen wissenschaftlichen
Leistungen. Wie kaum kein anderer Theologe versteht er es, in seinen
Werken brennende theologische Fragen und Probleme seiner Zeit
aufzugreifen und damit auch Menschen außerhalb der Kirche anzusprechen.
Küng ist stets ein Vorkämpfer für die Erneuerung der katholischen
Kirche gewesen, er setzte sich für den Dialog der Religionen ein,
außerdem für ein Umdenken bei der Sterbehilfe, und er befürwortete den
Verbleib der katholischen Kirche in der staatlichen
Schwangeren-Konfliktberatung.
Forderung nach innerkirchlicher Erneuerung
Geboren wurde Küng 1928 in Sursee im Schweizer Kanton Luzern als erstes
von sieben Kindern eines Schuhhändlers. Nach dem Abitur studierte er an
der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom zunächst Philosophie und
dann Theologie. Später wechselte er nach Paris und schrieb dort 1957
seine Doktorarbeit. Nach zwei Jahren als Seelsorger in der Schweiz ging
Küng nach Deutschland, wo er schließlich Professor wurde. Von 1960 bis
zum Entzug der Lehrerlaubnis unterrichtete er an der katholischen
Fakultät der Universität Tübingen erst Fundamentaltheologie, dann
Dogmatik und ökumenische Theologie.
Seine Versuche, einen ökumenischen Konsens zwischen den großen Kirchen
zu finden, brachten Küng immer wieder in Konflikt mit der Amtskirche.
Seine Anfang der sechziger Jahre erhobene Forderung nach einer
innerkirchlichen Erneuerung, die alle Proteste der evangelischen Kirche
- sofern gerechtfertigt - gegenstandslos machen würde, stieß auf
heftige Kritik.
Ironie des Schicksals war, dass Küng nach dem Entzug der "Missio
Canonica" wesentlich unbefangener forschen und schreiben konnte als
zuvor: Da sein Status als Professor und Beamter auf Lebenszeit von dem
Schritt des Vatikans unberührt blieb, wurde Küngs Lehrstuhl einfach aus
der Katholisch-Theologischen Fakultät ausgegliedert.
Damit gab es erstmals in der deutschen Universitätsgeschichte einen
Lehrstuhl für christliche Theologie, der rechtlich keiner Kirche
zugeordnet war.
Quelle: Spiegel Online
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