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Freitag, 21. März 2008

Böll: Wanderer, kommst du nach Spa... (1950) - Interpretation (mit Links)

Im Juni oder Juli 480 v.C. erzwangen die Perser am Thermopylenpass zwischen dem Kallidromosgebirge und dem Malischen Golf den Durchbruch nach Zentralgriechenland, wobei diese Gebirgsenge von einem griech. Aufgebot unter dem spartanischen König Leonidas bis zum letzten Mann verteidigt wurde.
Der Sinn dieses Widerstandes ist in der neueren Forschung umstritten, da das Gros der griechischen Streitkräfte bereits abgezogen und ein Kampf aussichtslos war. Unabhängig davon geht auf diese Schlacht der Mythos der Spartaner (‚Sieg oder Tod’) zurück, den Simonides von Keos (übertragen von Friedrich Schiller) mit den berühmten Worten zusammenfasste:
„Wanderer, kommst du nach Sparta, verkündige dorten, du habest uns hier liegen gesehen, wie das Gesetz es befahl.“
(http://www.politik.de/forum/archive/index.php/t-119101.html)

An diesen Satz schließt sich der Titel der Kurzgeschichte von Heinrich Böll an. Ich beziehe mich auf die Ausgabe in der gleichnamigen Sammlung von Erzählungen Heinrich Bölls, die 1967 unter der Nummer 437 in München bei dtv erschienen ist (15. Aufl. 1974, S. 35-43). Zuerst möchte ich untersuchen, wie der Ich-Erzähler die Einrichtung seines ehemaligen Gymnasiums beschreibt.

Er beginnt scheinbar begeistert: „sanftglänzend“ die Medea von Feuerbach, die wunderbare Fotografie des Dornenziehers (S. 35); danach sind kritische Töne einer ironisch klingenden Distanz nicht zu überhören. Die Nachbildung des Parthenonfrieses in Gips ist „echt, antik“; und dann kam alles, „wie es kommen musste“: Der Hoplit sah „wie ein Hahn“ aus, alle hingen „der Reihe nach“ da, vom Großen Kurfürsten bis Hitler (alles S. 35). Das dreimal betonte „besonders“ beim Bild vom Alten Fritz ist wieder scheinbar voller Lob (schön, groß, bunt – aber bunt war auch der Hoplit, und die Übertreibung ist ein Stilmittel der Satire); bei den Rassegesichtern tauchen wieder Adjektive mit negativer Konnotation auf (dumm, hager, S. 36). Dann wird noch das Kriegerdenkmal kurz wahrgenommen und erwähnt. Die Büsten der Römer sind wieder „wunderbar nachgemacht, ganz gelb und echt“ – der innere Widerspruch zwischen „nachgemacht / echt“ ist ein Merkmal satirischer Beschreibung. „Zeusfratze“ ist wieder in sich deutlich negativ (S. 36), Nietzsches Porträt ist verklebt (Satire!), der Soldat auf dem Togobild steht sinnlos mit seinem Gewehr herum. Und dann die naturgetreu abgebildeten Bananen! Kurz darauf erinnert der Erzähler an seinen Bananenspruch: „Es lebe Togo.“ (S. 37)
   Diese Ausstattung ist die eines humanistischen Gymnasiums; „ich glaube nicht, dass sie diese Kerle [Cäsar, Cicero, Marc Aurel, N.T.] in den anderen Schulen auf den Fluren an die Wand stellen“ (S. 38). Diese ganze Ausstattung will der Ich-Erzähler nicht mehr sehen, als man ihn in den Zeichensaal trägt: „Ich wollte nichts mehr sehen. Der Zeichensaal roch nach Jod, Scheiße, Mull und Tabak, und es war laut. Sie setzten mich ab, und ich sagte zu den Trägern: ‚Steck mir ’ne Zigarette in den Mund, links oben in der Tasche.’“ (S. 37) Der Zeichensaal heute, im Krieg, als OP, hat mit der Ausstaffierung des humanistischen Gymnasiums nichts gemein; es verlangt der Erzähler nach einer Zigarette, ganz prosaisch. Es verlangt ihn nach Wasser und einer weiteren Zigarette (S. 38 f.).
   Die Welt des Gymnasiums, die er nur mit den Augen, nicht mit dem Herzen wahrnimmt (S. 41 f.), steht in Kontrast zur Welt, in der der Ich-Erzähler lebt: eine brennende Stadt, die zu verdunkeln nicht mehr lohnt; Armeetransporte von Verwundeten, bei denen die Begleiter nicht einmal wissen, ob sie Tote dabei haben (S. 35). Der Ich-Erzähler rechnet sich zu den Nicht-Toten, spricht vom hohen Fieber und von seinen Schmerzen (S. 36) und dann davon, dass die Schmerzen aufgehört haben (S. 37).

Die Wende des Geschehens wird dadurch vorbereitet, dass er die Schule als ein humanistisches Gymnasium in seiner Heimatstadt Bendorf identifiziert (S. 38 f.). Er berichtet, dass er die Artillerie draußen hört, was sich so schön regelmäßig und anständig anhört, „richtig nach Krieg in den Bilderbüchern...“ (S. 39). Dieser Kriegsaspekt wird dann in seinem Denken mit der Frage fortgeführt, „wieviel Namen wohl auf dem Kriegerdenkmal stehen würden, wenn sie es wieder einweihten, mit einem noch größeren goldenen Eisernen Kreuz (...), und plötzlich wusste ich es: wenn ich wirklich in meiner alten Schule war, würde mein Name auch darauf stehen, eingehauen in Stein, und im Schulkalender würde hinter meinem Namen stehen - >>zog von der Schule ins Feld und fiel für...<< Aber ich wusste noch nicht wofür und wusste noch nicht, ob ich in meiner alten Schule war.“ (S. 39 f.)
   Die Wende wird durch den folgenden Satz markiert: „Ich wollte es jetzt unbedingt herauskriegen.“ (S. 40) Bald darauf wird er wissen: Er ist in seiner alten Schule; er hat keine Arme mehr und nur noch ein Bein. Aber wofür er gestorben sein wird, weiß man nicht. Es folgt also ein Erkenntnisprozess, der in der wichtigsten Frage unabgeschlossen bleibt: Wofür werde ich gestorben sein? Das Unabgeschlossene der Erkenntnis kommt darin zum Ausdruck, dass der alte Satz vom Sterben der Spartaner nur unvollständig an der Tafel steht, vom Erzähler vor drei Monaten nur unvollständig zur Übung von Schriftzeichen angeschrieben worden ist: „Wanderer, kommst du nach Spa...“ Die Spartaner starben, weil das Gesetz es befahl; diese Erkenntnis hat der Ich-Erzähler nicht mehr. Welche Erkenntnis er hat, werden wir zum Schluss feststellen.
   Dass mit der Wende des Geschehens ein Erkenntnisprozess einsetzt, sagt der Erzähler nach seiner Erinnerung an das Arbeiten im Zeichensaal: „Ich wusste nicht genau, wie ich verwundet war...“ (S. 40). Seine Wut, dass er die Arme nicht bewegen kann, und der lange Blick des Arztes deuten untergründig schon die Wahrheit an, ebenso die gleichgültigen Gesichter der Sanitäter (S. 40 f.). An der Stelle denkt der Erzähler, „du musst doch herauskriegen, was du für eine Verwundung hast und ob du in deiner alten Schule bist“ (S. 41).
   In den Erinnerungen des Erzählers wird dann der frühere Hausmeister Birgeler eingeführt, wohin man als Schüler ging, um Milch zu trinken, „wo man es auch riskieren konnte, eine Zigarette zu rauchen, obwohl es verboten war“ (S. 41). Damit sind die Requisiten beisammen, mit denen der Erzähler zu Ende kommen kann, im doppelten Sinn. Als er im Zeichensaal auf dem Operationstisch liegt, erkennt er, dass er mit Sicherheit in seiner alten Schule ist. Er erkennt seine eigene Handschrift, in der er damals, „in diesem verzweifelten Leben“ am Gymnasium, den unvollständigen Satz an dieTafel geschrieben hat: „Wanderer, kommst du nach Spa...“ (S. 42) Damit ist nach der vorhergehenden Einsicht (S. 40) sicher, dass er sterben wird; das wird dem Leser auch sachlich klar, als dem Verwundeten der Verband abgenommen wird und er sieht, dass er keine Arme und nur noch ein Bein hat.
   Dann wird der Bogen zur alten Schule anders gezogen: Der als Sanitäter assistierende Feuerwehrmann, der dem Verwundeten eine Zigarette angemacht und Wasser gereicht hat, ist niemand anders als Birgeler, früher Hausmeister am Gymnasium. Und der letzte Wunsch, mit dem der Erzähler zu Ende kommt, ist: „Milch“ – die Milch, die es früher bei Birgeler gab (S. 41), der jetzt nicht einmal mehr genügend Wasser hat, weil man es zum Löschen der Stadt braucht (S. 38 f.). [Ob dies tatsächlich ein Wunsch ist, bleibt unklar; vielleicht ist es auch nur eine Erinnerung in dem Moment, wo er Birgeler erkennt.] Dem Sterbenden etwas Wasser und eine Zigarette geben, das ist alles, was Birgeler tun kann; die erhabenen Gestalten der humanistisch-gymnasialen Ausstaffierung sind bedeutungslos, Milch gibt es nicht, und den Satz vom sinnvollen Tod der Spartaner kann man nicht mehr vollenden.

Das erzählte Geschehen mag 30 bis 60 Minuten gedauert haben, etwas länger, als der Erzähler gesprochen hat. Formal ist das Ende offen; dem Sinn nach ist es so geschlossen wie ein Sarg in der Erde.
    Hans-Peter Mahnke will die Erzählung dazu verwenden, um die Prägung von Menschen durch die Kulturdenkmäler einer Schule zu untersuchen (Ethik & Unterricht 1/2008, S. 30). Die Sicht des Erzählers auf diese Denkmäler nimmt er vorsichtshalber erst gar nicht wahr, damit er in seinem didaktischen Bestreben nicht unnötig gebremst wird.

Vielleicht wäre es besser, sich die in der Erzählung genannten Bilder und Büsten einmal „real“ anzuschauen, statt über ihren Sinn zu fabulieren, wenn man sie nicht kennt:
http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/6/68/Anselm_Feuerbach_Medea.jpg/800px-Anselm_Feuerbach_Medea.jpg
http://www.kunsthalle-mannheim.com/kunstler.php?kunstler=Feuerbach (zweimal Feuerbachs Medea, durchaus nicht in die Ferne blickend)
http://www.karlkreuzer.de/mediac/400_0/media/DIR_137051/P1030321.JPG (der Dornenzieher)
http://gipsmuseum.uni-graz.at/themen/parthenonfries.html (Parthenonfries)
http://www.gottwein.de/Hell2000/skulpt01.php (hier unter: Hohe Klassik - Pheidias)
http://hsc.csu.edu.au/ancient_history/historical_periods/greece/greek_world/hoplitewarfare.htm (Hoplit)
http://www.preussen.de/de/geschichte/galerie_der_koenige.html (dort: Kurfürst F. W. und Friedrich II. anklicken!)
http://www.militaria-seidelsohn.de/der_alte_fritz.jpg (mit dem Stern!) usw.
Eine Erläuterung für die Spätgeborenen: die neun Klassen des Gymnasiums
VI Sexta: Kl. 5 [wörtlich: sechste Klasse]
V Quinta: Kl. 6 [wörtlich: fünfte Klasse usw.]
IV Quarta: Kl. 7
U III Untertertia: Kl. 8
O III Obertertia: Kl. 9
U II Untersekunda: Kl. 10
O II Obersekunda: Kl. 11
U I Unterprima: Kl. 12
O I Oberprima: Kl. 13

Die Struktur der Erzählung Bölls habe ich möglichst exakt beschrieben: http://norberto42.kulando.de/post/2008/03/23/wie_genau_kann_man_lesen_wider_den_konstruktivismus

Text der Erzählung:
www.as.ysu.edu/~laviehme/Courses/other/Wanderer.pdf

www.lehrerbarth.de/Deutsch/ D10/Boell-Wanderer%20kommst%20du.pdf

Analysen, Interpretation:
boell.german.or.kr/%C7%D0%C8%B8%C1%F6/CAI7WT2F.doc (sehr gut, mit Theorie des Übergangs Novelle –> Kurzgeschichte)
http://www.unifr.ch/spgn/marsch/Vorlesung%207.ppt (über Kurzgeschichten, gute Schema-Darstellung!)
http://www.texttexturen.de/essays/boell_wanderer/ (gelehrt, z.T. zu weit ab)
http://faculty.up.edu/mclary/German_404_Spring_2006/404_wanderer_blaetter.html (Diplomarbeit über Kurzgeschichte, z.T. gesponnen)
http://www.leixoletti.de/interpretationen/wanderer.htm (gesponnen) http://de.wikipedia.org/wiki/Wanderer,_kommst_du_nach_Spa... (knapp) http://www.zeit.de/2002/44/KA-Schlerbi (wenig zum Thema) http://faculty.up.edu/mclary/German_404_Spring_2006/404_wanderer_blaetter.html (AB einer amerikan. Uni - vordergründig)
http://www.referat-kostenlos.de/hausaufgaben/Deutsch/Heinrich-Boell-Wanderer-kommst-du-nach-Spa/ (hilflos und fleißig: Schülerarbeit)
http://www.doktus.de/dok/35132/13_de_interpretation (mehr als dürftig, hilflos)

http://www.fundus.org/pdf.asp?ID=5993 (über Kurzgeschichten, wenig ergiebig; Versehen: Juden < Jungen !)

von: norberto42
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Geändert am 28. März 2008 um 18:30

Freitag, 1. Februar 2008

Humor / Heiterkeit in Märchen

Willi Fehse hat 1968 im Boje-Verlag „Heitere Märchen aus aller Welt“ herausgegeben; er habe sie so ausgewählt, „daß sich möglichst viele Spielarten des Humors darin zeigen“ (S. 7). Er habe unbekanntes Erzählgut bevorzugt „und so darzubieten versucht, daß es nie den Märchenton verleugnet und doch die Jugend in der Sprache unserer Zeit anspricht“ (S. 8). - Welcher Humor zeigt sich in den Märchen? Und inwiefern sind sie heiter - oder soll der Leser nach der Lektüre heiter sein? Ich untersuche die ersten zehn Beispiele.
1. Widewau (aus Deutschland)
Ein bösartiger Müller wird bestraft, der gutherzige Müllerbursche belohnt, indem er die Tipps einer alten Frau beherzigt und ihren Zauberstein nutzt. - Humor kann ich hier nicht finden.
2. Das widerspenstige Weib (aus Dänemark)
Ein Bauer hat ein ausgesprochen widerspenstiges Weib geheiratet; er legt sie rein, indem er diese Widerspenstigkeit ausnutzt und immer das Gegenteil dessen vorschlägt oder anordnet, was er selber erreichen will, wodurch er sowohl zu einem schönen Fest kommt wie auch die böse Frau loswird, indem er sie über eine morsche Brücke schickt, vor deren Betreten er ausdrücklich gewarnt hat. Er steigert seine Strategie ins Absurde, indem er seine Frau nicht rettet, sondern stromaufwärts rennt und um Hilfe ruft: „Sie ist in ihrem Leben so widerspenstig gewesen, daß sie im Tode auch noch gegen den Strom schwimmen wird.“
   Der Humor besteht darin, dass der zu Unrecht leidende Bauer sich geschickt oder gewitzt von seiner bösen Frau befreit und dass sein Witz sich bis ins Absurde steigert (mit dem schönen Kontrast-Parallelismus am Ende); dass die Frau als Leiche endet, spielt keine Rolle.
3. Prinzessin Langnas (aus Deutschland)
Ein Soldat wird wegen seiner Gutherzigkeit dadurch belohnt, dass er drei Wünsche frei hat, dass er sich drei Glücksmittel wünscht (Geld, Soldaten, Unsichtbarkeit), dass er diese durch Unvorsichtigkeit (und Bosheit der schönen Prinzessin) verliert, dass er zufällig ein neues Zaubermittel findet (Feigen, deren Genuss lange Nasen hervorruft, und Zauberwasser, das diese Nasen wieder reduziert).
   Dieses normale Schema von gut/böse, Leichtfertigkeit und neuem Versuch, Lohn und Strafe wird dadurch witzig, dass der Einsatz des Zaubermittels zur Nasenvergrößerung einen Anlass gibt, deutsche Sprichwörter anzuführen (und deren Metaphorik ins Wörtliche zurückzunehmen): man hätte der Prinzessin auf der Nase herumtanzen können; sie musste mit langer Nase abziehen; sie hat ihre Nase nie mehr in fremder Leute Sachen gesteckt (hier ist die Wendung vom „Nase-in-anderer-Leute-Sachen-Stecken“ wieder metaphorisch gebraucht). Der Humor steckt in den Wortspielen, wenn man die Bestrafung der Bösen nicht schon als Humor begreifen will.
4. Kännchen voll (aus Deutschland)
Eine Witwe wird durch einen Zaubertopf, der durchs Land zieht und sich bei den Vermögenden füllen lässt, vor dem Verhungern gerettet; als die gierig wird und ihn ohne Not losschickt, kommt er voll Kuhscheiße zurück, in die die Witwe blind hineingreift. - Das ist ein eher „populärer“ Humor.
5. Schopadorium (aus Frankreich)
Ein gewitzter Verwalter rettet sich vor durch seine Schlagfertigkeit vor den Nachstellungen seines Herrn; zum Schluss spielt er vor Gericht den Verrückten, wobei er das neue Wort „Schopadorium“ einführt. - Klassisches Schema: Geistige Überlegenheit des sozial Unterlegenen; Sieg der Gwitztheit, Freude des Lesers an den Einfällen des Helden.
6. Das Beutelchen mit den zwei Dreiern (aus Rumänien)
Letztlich geht es um den Streit zwischen Mann und hartherziger Frau, deren böser Rat (den Hahn des Mannes zu schlagen, damit er Eier lege) sich auf wunderbare Weise ins Gegenteil auswirkt: Der Hahn schleppt mittels wunderbarer Fähigkeiten Reichtümer heran. Nun kommt der zweite Witz: Der entsprechende Rat des Mannes, die Frau solle ihr Eier legendes Huhn schlagen, führt zum Tod des Huhns und zur Verarmung der Frau, die fortan als Hühnermagd arbeiten muss - und das alles nur, weil sie ihm zu Beginn keines von den Eiern ihres Huhnes abgeben wollte. - Der Humor steckt darin, dass ein böser Rat sich als guter erweist, und in der Umkehrung des gleichen Rates, wodurch die böse Frau und Ratgeberin bestraft wird.
7. Vom Mädchen, das ein Zicklein war (aus Griechenland)
Da fehlt nun der Humor vollends - denn wenn man weiß, dass ein Zicklein in Wirklichkeit eine wunderschöne Prinzessin ist, kann man leicht auf die Idee kommen, sie zu heiraten. - Pädagogisch etwas dick aufgetragen ist die Einsicht des Prinzen: „Auf Erden kann sich hinter jeder Gestalt die Schönheit verbergen. Man muß sie nur sehen!“
8. Die königliche Belohnung (aus Polen)
Dem alten Mann wird die ihm zustehende Belohnung des Königs durch Vermittler, die ihm den Weg zum König freimachen sollen, Zug um Zug abgeschwatzt oder abgenommen. Der Witz besteht darin, dass er diese Bösewichter so straft, dass er sich als Belohnung Prügel wünscht - eine überraschende Wendung des Geschehens durch einen witzigen Einfall: der Humor, der zur Bestrafung der Bösen und zur anschließenden Belohnung des alten Mannes durch den König (Beutel mit Geld) führt.
9. Wer schenkt, muss auch teilen können (aus Russland)
Ein Bauer schenkt seinem Hutsherrn eine Gans, weil ihm selber die Zutaten fürs Essen fehlen. Da er sie nun aufteilen soll (siehe Titel), teilt er sie mit passenden Begründungen (der Kopf für den Gutsherrn als „Haupt“ der Familie usw.) so auf, dass ihm selbst der Körper der Gans bleibt; für seinen Witz wird er vom Gutsherrn belohnt.
   Die zweite Runde des Geschehens wird dadurch eingeläutet, dass ein reicher Nachbar in seiner dummen Gier dem Gutsherrn fünf Gänse schenkt und vor der Aufgabe, sie auf die sechs Familienmitglieder aufzuteilen, versagt; besagter Bauer findet auch diesmal mit seiner Methode eine Lösung, bei der er selber zwei Gänse bekommt. Der Gutsherr erfreut sich am Witz seines Bauern: „Das nenne ich klug geteilt, und das Beste ist, daß du nach russischer Art dich selber dabei nicht vergessen hast.“ Der Bauer wird erneut belohnt, der gierige Reiche bestraft - der Humor der Erzählung (kann eine Erzählung Humor haben?) besteht darin, dass der unterlegene arme Bauer mit Witz sowohl das Problem löst wie auch eigenen Vorteil erzielt, und das gleich zweimal.
10. Weißbart, der Schusterkönig (aus Persien)
Hier wirken sowohl die Spannung zwischen Brüdern, wunderbare Mächte, geschichtliche Legitimität, Treue der Liebenden und wechselseitige Hilfe (vs. Verachtung der Armen und Hässlichen) in einem großen Märchen zusammen, bei dem auch mehrere Erzählfäden verfolgt werden. Am Ende verzichtet der zum Chan aufgestiegene Schuster zugunsten seines Freundes, des legitimen Erben, auf den Thron. „So spricht aus seiner Geschichte die Heiterkeit des Philosophen, der lächelnd einen Thron gegen einen Schusterschemel vertauschen kann und sein Glück im Glück der anderen findet.“ - Ob man hier von Humor sprechen kann?

Humor zeigt sich darin, dass der sozial Unterlegene durch seine Gewitztheit in einer Situation der Bewährung überlegen wird; Humor zeigt sich darin, dass der zu Unrecht Geschädigte einen Weg findet, den Gegner mit dessen Waffen zu schlagen; Humor zeigt sich im spielerisch-souveränen Umgang mit der Sprache: mit Wörtern und mit Argumenten.

Eine Prüfung der restlichen Märchen ergibt Folgendes:
11. Billige Pantoffeln (aus Arabien)
Ein Schulmeister schwatzt einem frommen Schuster dadurch, dass er den jeweiligen Zahlen eine heilige Bedeutung zuschreibt, den Preis für ein Paar Pantoffeln von 12 auf 0 Piaster herunter.
   Der Humor besteht einmal darin, dass man mit frommen Sprüchen einen Frommen betrügt, zum andern in der Zahlenspielerei. Ähnliche Spielereien kenne ich aus einem Lied, das ich oft mit meinen Kindern gesungen habe: „1 ist 1 und war schon 1 und wird es immer bleiben...
2 für den Tag und die Nacht...
3 für alle guten Dinge..
4 für die Jahreszeiten...“, und so geht es weiter, wie bei den Begründungen, noch ein Glas zu trinken:
„Einmal ist keinmal.
Auf einem Bein kann man nicht stehen.
Aller guten Dinge sind drei.“ Wie es dann weiter geht, weiß ich nicht - aber es geht weiter!
   Ich habe noch ein schönes Beispiel in Kleists „Der zerbrochene Krug“ (10. Auftritt) gefunden, wo der Dorfrichter Adam „nach der Pythagoräer-Regel“ die Gläser zählt:
„Eins ist der Herr; Zwei ist das finstre Chaos;
Drei ist die Welt. Drei Gläser lob ich mir.
Im dritten trinkt man mit den Trophen Sonnen,
Und Firmamente mit den übrigen.“
12. Der überlistete Sankchini (aus Indien)
Ein böser Geist wird nach der Methode Salomons überlistet; er entlarvt sich selbst.
13. Die beiden Traumdeuter (aus der Türkei)
Der eine sagt dem Sultan zur Deutung eines Traums von ausgefallenen Zähnen: Deine Verwandten werden sterben; er wird bestraft.
Der zweite sagt: Du wirst deine Verwandten überleben; er wird belohnt.
Humor: Es kommt darauf an, wie man etwas sagt.
   Das erinnert an den Witz vom Franziskaner und Jesuiten: Der erste darf beim Beten nicht rauchen, der zweite darf aber beim Rauchen beten.
14. Der entlarvte Derwisch (aus der Türkei)
Der betrügerische Derwisch wird durch den Appell an seine Gier entlarvt, indem man ihm noch größere Betrugsmöglichkeiten vorgaukelt.
15. Die Rechenkunst des Löwen (aus Zentralafrika)
Eine echte Löwenfabel, aus der man lernt, dass man sich nicht mit dem Löwen auf ein gemeinsames Unternehmen einlassen und noch weniger bei ihm als König das Recht einfordern kann.
   Der Humor steckt einmal in der Rechenkunst des jungen Löwen: ein Rind für sieben Hyänen, sieben Rinder für einen Löwen, ergibt jeweils acht, ist also gerecht. Die zweite Prise Humor steckt darin, wie der vorgeblich kluge und mutige Hyänenvater vor dem Löwen den Schwanz einzieht und das letzte Rind „freiwillig“ abgibt.
16. Mütterchen Gally Mander (aus Nordamerika)
Ein Märchen nach dem Strickmuster von Frau Holle, nur dass hier das Mütterchen G. M. geizig ist beim dritten Versuch selber bestraft wird, während diesmal das hilfsbereite Mädchen sich retten kann.
   Humor ist nicht zu entdecken, es sei denn, man freute sich, dass die geizige Alte bestraft wird. Der Kontrast in der Hilfsbereitschaft der Mädchen ist nicht das einzige Motiv; daher gibt es drei statt zwei Versuche.
17. Mein furchtbar starker Großvater (aus Ungarn)
ist eine lustige Lügengeschichte, kein Märchen.
18. Die Schafherde (aus England)
ist eine mäßig lustige Schildbürgergeschichte, wo zwei sich über eine nicht existente Schafherde streiten und der dritte sie belehrt, indem er einen Sack Mehl ins Wasser kippt.
19. Ein Tölpel von Mann (aus Portugal)
ist ein Schwank nach dem Muster von „Frieder und Catherlieschen“ (findet man unter http://www.maerchenkristall.com/Grimm/Frieder.htm); ist entsprechend lustig, weil der tölpelhafte Mann alle Tipps an der falschen Stelle anwendet, also falsch verallgemeinert. Die Geschichte endet aber gut: Die Frau behält ihren Mann; „denn sie waren ja verheiratet“.
20. Der geprellte Tod (aus Ungarn)
Ein Märchen zu dem gängigen Motiv - der Tod verrät unklugerweise, nach welcher Regel er die Menschen holt, sodass der clevere Schäfer klar seine Chancen berechnet und dem Tod ein ihm in Todesangst überlassenes Schaf wieder abnimmt.
21. Der Schwanz (aus Schottland)
Einem Schaf wird der Schwanz ausgerissen - mäßig lustig, finde ich.
22. Der Goldklumpen (aus Russland)
Ein Bauer gewinnt eine Wette, indem er dem geizigen Gutsherrn durch vermeintliche Aussicht auf einen Goldklumpen die Einladung zu einem wunderbaren Essen und Trinken entlockt. Das gleiche Strickmuster wie in Nr. 14, nur dass der kecke Bauer selber mit seiner Wette die Aktion in Gang setzt.

Fazit:
1. Die Abgrenzung der kleinen Formen ist unscharf (Witz, Fabel, Märchen, Lügengeschichte, Schwank).
2. In anderen Ländern wird über die gleichen Dinge wie in Deutschland gelacht.
3. Humor zeigt sich darin,
- wie Betrüger, Dummköpfe, Geizkragen oder Großsprecher entlarvt werden,
- wie man etwas geistreich oder spielerisch sagt und begründet,
- wie sich Dummheit unverstellt äußert,
- wie Gewitztheit sich durchsetzt.

von: norberto42
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Geändert am 2. März 2008 um 17:52

Samstag, 12. Januar 2008

Fabeln analysieren - worauf muss man dabei achten?

Analysieren heißt, einen Text als „gemacht” ansehen und in Thema und Aufbau zu begreifen suchen. Bei Sachtexten tut der Autor etwas, bei Erzählungen unmittelbar „der Erzähler“, erst mittelbar der Autor. Die alte Frage nach der Intention des Autors (Wozu?) stellen wir zurück hinter die Frage, was die sprachlich handelnde Größe tut/ getan hat und wie sie das gemacht hat. Wenn wir uns bei der Analyse auf den Inhalt beziehen, hat dies nicht den Zweck der Inhaltswiedergabe; der Inhalt wird als bekannt vorausgesetzt.
   Für die antike Fabel ist die Konfrontation gegensätzlicher Handlungsweisen (oder -prinzipien) wesentlich. Sie können in zwei Figuren verkörpert sein; es kann aber auch sein, dass nur ein einziges Prinzip von einer Figur im Handeln realisiert wird und das gegensätzliche entsprechend hinzugedacht werden muss. Es wird über „richtig oder falsch?“ durch (Miss-)Erfolg oder durch ein kluges Wort entschieden. Dementsprechend geht es in einer Fabel nicht um das, was zu tun moralisch gut ist, sondern was menschlich klug ist.
   Bei der Analyse lehrhafter Fabeln müsste man also den konkreten Fall kennen, auf den sie sich beziehen (Bewertung zweier Handlungs-weisen in einer Entscheidungssituation), oder man muss sie als Anweisung für typische, häufig vorkommende Fälle begreifen; dann unterscheiden sie ein richtiges/falsches Handlungsprinzip für diesen Situationstyp. Wir müssen also einen allgemeinen Situationsbezug aus der Entscheidung und den vorkommenden Handlungsprinzipien rekonstruieren.
   Man kann dementsprechend drei oder vier feste Elemente der Fabel unterscheiden: Ausgangssituation, Handlung, Entscheidung (und evtl. Verallgemeinerung, Lehre, Anwendung: Epimythion). - Im Fach Latein wird der Aufbau einer Fabel dagegen häufig so beschrieben: Exposition (Einleitung: Situation) - Aktion (einer Figur) - Reaktion - Lehre; die „Lehre“ kann auch am Anfang stehen oder fehlen.
   Ist diese Beschreibung rein formal am Aufbau orientiert (und oft nicht genau durchzuführen), geht eine an der „Logik“ der Fabel orientierte Beschreibung von der Frage aus: Über welches Prinzip (oder auch: über wessen Prinzip) wird (wo und wie) entschieden? [Diese analytischen Überlegungen sind im Kommunikationsschema beheimatet: Wer will wem wie was vermitteln? (Typische Situation, gegensätzliche Handlungsprinzipien, Entscheidung für das richtige Prinzip)] Es wird meist nützlich sein, sich bei dieser Untersuchung an die eventuell angehängte Verallgemeinerung zu halten; diese kann aber auch den Text verfehlen, wenn sie später erst angehängt worden ist.
   Die „Handlung“ ist dann die Phase des erzählten Geschehens, in der die beiden Handlungsprinzipien einander konfrontiert werden oder das einzige realisierte Prinzip in einer Aktion vorgeführt wird. Das ihr voraufgehende Geschehen ist die Ausgangssituation. Es ist denkbar, dass es keine ausdrücklich formulierte Ausgangssituation gibt; sie ist dann in der bloßen Existenz zweier unterschiedlicher (gegensätzlicher) Figuren gegeben.

Nach diesen Vorüberlegungen kann man zeigen, wozu es gut sein soll, Fabeln in Klasse 11 zu untersuchen:
1. Man kann die Bedeutung des Aufbaus eines Textes für das Verständnis sowie die Problematik verschiedener Konzeptionen vom „Aufbau“ eines Textes vorführen.2. Da Fabeln kurze Texte sind, kann man in kurzer Zeit viele kennen lernen. Das macht es möglich auch den Wandel von Motiven (etwa von „Wolf und Lamm“) und dessen Bedingtheit (Änderung im Situationsbezug, spielerische Variation) aufzuzeigen.3. Ferner ist es möglich, die Geschichte einer Gattung von der Antike bis in die Gegenwart zu verfolgen: Fabeln wurden ursprünglich in der öffentlichen Auseinandersetzung zur Argumentation verwendet, wie wir von Aristoteles wissen. Sie dienten als Beispiel, mit dem in einem konkreten Fall eine Handlungsweise der Hörer als falsch/richtig begründet wurde. Heute werden Fabeln so nicht mehr verwendet; sie dienen entweder zur allgemeinen Belehrung (etwa für Kinder), allgemein zur politisch-sozialen Kritik (wie bei Lessing) oder zur literarischen Unterhaltung; sie wenden sich an Leser.

Nur am Rande sei angemerkt, dass auch Schüler in Klasse 11 sich oft schwertun, einfache Fabeln angemessen zu verstehen.

Für die schriftliche Darstellung der Analyse ergibt sich:
1. Die Darstellung („Aufsatz“) muss nicht dem Verlauf der eigenen Analyse folgen (kann dies nur in Ausnahmefällen tun!), sondern deren Ergebnis geordnet bzw. gegliedert darstellen.
2. Es genügt nicht, in einer Liste den sogenannten Fabelelementen Textstücke in Zeilenangaben zuzuordnen (oder den Inhalt nachzuerzählen). Was begriffen ist, soll in Sätzen ausgesprochen werden.
3. Wenn es mehrere Möglichkeiten gibt, einen Text zu verstehen, ist eine Analyse umso besser, je mehr dieser Möglichkeiten sie vorstellt, erklärt und diskutiert.
 
Coenen, Hans Georg: Die Gattung Fabel. Vandenhoeck & Ruprecht 2000.
Leibfried, Erwin: Fabel. C.C. Buchner 1984

In Ergänzung zum alten Aufsatz "Fabeln analysieren" möchte ich versuchen, zur griechischen Fabel einen Zugang über die Theorie des Aristoteles zu gewinnen.
   Nach Aristoteles (Rhetorik II) wurden Fabeln in der Antike als Mittel, etwas zu beweisen, verwendet; sie gehören zu den Beispielen, auf die man sich beruft, und zwar zu den (bloß) erdachten. Das macht er am Beispiel der Fabel des Stesichoros deutlich:

Situation:
In Himera steht eine politische Entscheidung an:
Das Volk hat Phalaris zum Heerführer gewählt.
Soll es ihm nun auch noch eine „Leibwache“ geben?
Stesichoros erzählt dazu in Himera eine Fabel:
Das Pferd war vom Hirsch geschädigt worden,
wollte sich rächen und bat den Menschen um Hilfe;
der Mensch versprach, ihm zu helfen, falls es sich einen Zügel anlegen ließe.
* Als das Pferd darin einwilligte, musste es dem Menschen dienen, statt sich am Hirsch rächen zu können.

Anwendung durch Stesichoros:
Seht zu, dass ihr in eurer Absicht, an euren Feinden Rache zu nehmen, nicht das gleiche Schicksal wie das Pferd erleidet...

Um nicht der Rhetorik dieser Fabel zu erliegen, sondern sie zu durchschauen, suchen wir fiktiv eine Alternative:
Ein Parteigänger des Phalaris erzählt dagegen folgende Fabel:
Ein Ritter hatte ein edles Pferd gekauft;
damit es dem gut erging, baute er ihm einen schönen Stall.
Doch um die Wiesen und das Gelände zum Schutz des Pferdes einzuzäunen, war er zu geizig.
* Da kam ein Rudel Wölfe und fiel das Pferd auf der offenen Weide an, ehe es den Stall erreichen konnte.
Anwendung durch besagten Parteigänger:
Seht zu, dass ihr in eurem Geiz nicht das gleiche Schicksal erleidet wie jener Ritter...

Auswertung dieser Analyse:
Durch die Fabel wird die Entscheidungssituation identifiziert. Stesichoros definiert die Alternative: die Freiheit behalten / sich Zügel anlegen lassen (schönes Bild!); die Absicht, sich zu rächen, tritt hier zurück. Der Parteigänger definiert die Alternative: sich etwas Schönes anschaffen (beginnen) / aus Geiz nur halbe Sachen machen; auch bei ihm tritt das Ziel, sich an den Feinden zu rächen, hinter der Diskussion des Mittels zurück.
   Die Rhetorik der Fabel besteht darin, in einer Entscheidungssituation einen ähnlichen Fall (bzw. eine ähnliche Situation) vor Augen zu stellen (und die Situation so zu identifizieren), eine Alternative des Handelns zu formulieren (Ja / Nein) und eine plausible Entscheidung zu demonstrieren (in diesem Fall so, dass die falsche Entscheidung vorweggenommen und durch den Misserfolg des Handelns widerlegt wird).
   Die Stärke von Aristoteles‘ Theorie besteht darin, die polare Struktur vieler Fabeln (so oder so?) dadurch zu erklären, dass sie als Beispielerzählungen gebraucht wurden, um Entscheidungen (so oder so) herbeizuführen bzw. eine Möglichkeit sich zu entscheiden als richtig zu qualifizieren.
   Die Schwäche der Theorie besteht darin, dass es Fabeln gibt, die sich nicht nach diesem Schema verstehen lassen:
1. ätiologische Erzählungen wie „Die Schwalbe und die Vögel“, wo erklärt wird, warum die Schwalbe als einziger Vogel bei den Menschen wohnt, oder „Die Fledermaus, der Dornstrauch und der Tauchervogel“, wo Eigentümlichkeiten der besagten Tiere und des Dornstrauchs „erklärt“ werden;
2. Erzählungen, die in einem witzigen oder geistreichen Satz ihre Pointe haben:
„O Herrscher Zeus,
vorhin habe ich dir ein Böckchen versprochen,
wenn ich den Dieb [eines Kalbes] gewahr würde;
jetzt aber werde ich dir einen Stier zum Opfer bringen,
wenn ich dem Dieb [einem Löwen] entgehe.“ („Der Rinderhirt“)
3. entlarvende Erzählungen: Der Marder lässt sich auch durch Argumente nicht von seinem Vorhaben, den Han zu fressen, abhalten; die ganze Argumentation des Fuchses dient nur dazu, seinen eigenen Mangel (Schwanz gestutzt) auch den anderen Füchsen als erstrebenswerte Daseinsform zu „verkaufen“ („Der Fuchs mit dem gestutzten Schwanz“).
   Daraus ergeben sich die Fragen, ob Aristoteles‘ Theorie verengt ist, gar falsch ist; ob es Fabeln gibt, die mit seiner Theorie nicht erklärt werden können, weil etwa die Lust an Sprachspielen sich überall durchsetzt; ob es überhaupt einen einheitlichen Fabelbegriff mit klar definierten Merkmalen gibt oder ob es im Lauf einer etwa für 3000 Jahre belegbaren Geschichte nicht vielfältige Formen des Gebrauchs solcher als erdacht erkennbarer kurzer bildhafter Erzählungen gibt, sodass Aristoteles‘ Theorie nur einen bestimmten Zeitraum erfasste?

Was geschieht, wenn Fabeln nicht mehr in Situationen als Beispiele erzählt werden, sondern isoliert überliefert und in Büchern gesammelt werden? Wenn sie dann zu dieser Verwendung eigens erfunden oder wenn alte Fabeln „spielerisch“ verändert werden (spätestens seit Lessing)? Die alten Fabeln, die jetzt in Büchern stehen, müssen als allgemein gültig, also unabhängig von bestimmten Situationen ausgelegt werden; die Figuren können ein eigenes Gewicht erlangen und sich zu Typen, eventuell sogar zu Charakteren ausbilden; moderne Fabeln können dagegen allein der Unterhaltung dienen (Freude an der Variation bekannter Motive auslösen!) und einen spielerisch-künstlerischen Charakter annehmen.

von: norberto42
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Geändert am 12. Januar 2008 um 17:00

Donnerstag, 12. Januar 2006

Günther Anders: Freie Täterwahl - Analyse

(Ausgabe: Der Blick vom Turm. Fabeln von Günther Anders, 3. Aufl. 1988, S. 43 f.)
Der Erzähler berichtet von der Einführung eines neuen Dekrets in Usalien und seinen „segensreichen“ Auswirkungen. Durch dieses Dekret wird nicht nur die Gewaltenteilung ausgehoben, sondern sogar das Verbrechen vom Staat organisiert (Z. 2 f.); es wird also der totale Staat eingeführt (Z. 22 f.), was vom Erzähler scheinbar naiv begrüßt wird. Der lehrhafte Charakter zeigt sich in der Unbestimmtheit von Zeit und Ort (das fiktive Land U.) und darin, dass nicht Charaktere beschrieben werden, die Figuren allenfalls als A und B auftreten (Z. 45).
   Der Erzähler berichtet zunächst allgemein von dem Dekret (Z. 2 f.), dann konkret von seinem Inhalt: der freien Täterwahl (Z. 8 ff.). Innerhalb des Berichts werden Leistung und Bedeutung des Dekrets bewertet und seine Folgen erklärt.
   Das Dekret wird positiv als „revolutionär“ bewertet, helfe Mühen und Geld sparen (Z. 5-7) und bezeuge scheinbar die Bedeutung der Freiheit (Z. 9 f.); die Ordnung im totalen Staat wird als „atemberaubend“ (Z. 22) bewertet, sie sei gesellschaftlich ein wahrer Segen (Z. 35) und habe zur „Selbstreinigung“ der Gesellschaft (Z. 39) beigetragen. Verhalten kritisch ist die (unberechtigte - vgl. die Differenz von Establishment und Gesellschaft Z. 37/39) Anspielung auf das römische Sprichwort „dulce et cecorum est...“ (Z. 34). Kritisch wird die Bewertung auch, wenn eine dem System innewohnende „Komik“ zugegeben wird (Z. 40 ff.).
   Das Modaladverb „angeblich“ (Z. 31) verrät, dass der auktoriale Erzähler besser als die Presse (Z. 26 ff.) weiß, was der Fall ist (vgl. Z. 18!); auch sein Hinweis darauf, dass hinter der Exekutive das Establishment steht (Z. 11 und 37) und seine Interessen wahrnimmt, angeblich im Interesse der Gesellschaft (Z. 39), verrät die Wahrheit.
   Im Bericht und den scheinbar naiven Erklärungen des Erzählers zeigen sich so massive Unterschiede zu einer rechtsstaatlichen Ordnung, dass der Leser dem Lob des vom Autor konstruierten Erzählers widerspricht, widersprechen muss:
- Es gibt Pflichten der Unterwelt (Z. 2 f.), welche die Polizei übernimmt (surreal?);
- diese gehören zu den öffentlichen Tätigkeitsbereichen (Z. 4);
- Täter werden nicht mehr gesucht, sondern ausgeguckt (Z. 7 ff.; 19; 26 f.);
- oft stehen sie als solche schon vor der Tat fest (Z. 12, vgl. Z. 26 f.);
- die Exekutive führt Verbrechen sachverständig selbst aus (Z. 14 ff.; 21; 23 f.).
Die Regeln des Rechtsstaates sind aufgehoben (Rechtsprinzip Z. 32 f.), offensichtlich gibt es keine Gerichtsverfahren mehr (Z. 30 f.). Der Unsinn dieses Rechts zeigt sich darin, dass die elementare Unterscheidung zwischen Täter und Opfer aufgehoben ist bzw. durch Würfeln bestimmt wird (Z. 41 ff.) - der Erzähler spricht von den „Rollen“ (Z. 44; Z. 18), die sie für die Gesellschaft bzw. das daran interessierte Establishment spielen; sie sterben nicht pro patria oder für ein höheres Ziel (Z. 34 f.).
   Fazit: Im totalen Staat ist jedes Recht und jede Wahrheit aufgehoben zugunsten des „gesellschaftlich“ verbrämten Interesses eines Establishments. Dabei wirbt der Erzähler scheinbar um die Zustimmung der Hörer („wie es jedermann plausibel sein wird“, Z. 42), wodurch der Autor die Kritik der Leser desto heftiger anstachelt.
   Dass diese Kritik am totalen Staat 1968 (APO, Notstandsgesetze; Aufstand gegen den autoritären Staat; „Establishment“ als Kampfbegriff) vorgetragen wurde, dürfte kein Zufall sein.     

Das Prinzip der Konstruktion des Erzählers gleicht dem von Kunert: Bericht (s. dort!):  Der Leser versteht die Erzählung im Sinn des Autors erst, wenn er sich gegen die offensichtlich fragwürdigen Einschätzungen des Erzählers wendet.

In G. Anders' Buch sind weitere beachtenswerte Erzählungen, etwa „Der gewissenhafte Nihilist“ (S. 31 f.) oder „Die Chronik“ (S. 32 f.). - Um die Tragweite seiner Erzählungen, die zwischen 1933 und 1968 entstanden sind, einschätzen zu können, sollte man in seine Essays „Die Antiquiertheit des Menschen“, vor allem in den zweiten Band hineinschauen. Seine Philosophie ist anthopologisch-politisch konkret, also aus seinen Erfahrungen gewonnen: Von seinem Lehrer Heidegger hat er sich radikal distanziert. Seine Lebensgeschichte ist hochinteressant; ich hatte einmal brieflich mit ihm zu tun, als es um einen Text für mein Arbeitsbuch „Ich und die anderen“ (1990) ging, in dem ich im Vorspann seine Philosophie skizzierte. Da reagierte er ganz heftig, ich hätte ihn missverstanden, er verbitte sich diese Darstellung usw. Als ich ihn dann auf Wendungen seines Textes und einen Artikel in einem biographischen Lexikon hinwies, lenkte er ein: ein liebenswürdig heftiger, streitbarer alter Herr, der 1992 gestorben ist.
von: norberto42
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Geändert am 7. Oktober 2007 um 08:30

Günther Anders: Das Pferdchen - Analyse

Thema der Parabel ist die Frage, auf welchem Grund unser Weltvertrauen ruht (Z. 9; 15); in der Erzählung wird zunächst die Täuschung der Frau über die Identität des Pferdchens (als Grund des Vertrauens) aufgebaut (Z. 3 f.) und dann vom Erzähler als naiver Irrtum entlarvt.
   Der Erzähler ist auktorial-allwissend, kennt die Gedanken Mos (Z. 22 ff.) und kommentiert durch ironische Zitate die Unwissenheit der Frau (Z. 13 ff.); Mo steht in einer gewissen Nähe zu ihm - er ist gleich zu Beginn skeptisch (Z. 5 f.) und hat den Durchblick wie der Erzähler (Z. 22 ff.).
   Das erzählte Geschehen spielt im fiktiven Land der „Molussen“; es umfasst einen Zeitraum von einem Tag, wobei den Hauptanteil die erste morgendliche Situation einnimmt (Z. 1-27), die etwa zeitgleich (mit viel wörtlicher Rede), durch den Erzählerkommentar sogar etwas gedehnt erzählt wird; eine abendliche Situation wird erwähnt (Z. 28 f.). Am Ende wird der Kreis des Erzählens geschlossen, indem kurz die morgendliche Situation variiert wird (Z. 30-32): Mo flüstert (Z. 32, vgl. Z. 1) die gleichen Worte (Z. 32), mit denen seine Geliebte ihr Weltvertrauen ausgedrückt hatte (Z. 1, 3 f., 11).
   Die Erzählung wird von verschiedenen klaren Kontrasten beherrscht, die den Leser vor eine Wahl oder Entscheidung über das Richtige und das Falsche stellen; die Figuren Mo und seine Geliebte repräsentieren die Möglichkeiten des Verstehens:
an der Welt verzweifeln / in ihr weiterleben können (Z. 9 und 15 / 25);
Verlässlichkeit (Z. 8; 14) und Regelmäßigkeit des schönen Geschehens (Z. 14; 17; 18; jeden Morgen, Z. 3, und täglich sich gleich bleibender Anblick, Z. 19 f.) / die Regelmäßigkeit des Schlachtens und Verkaufens (Z. 14 f.);
das liebe, gute Pferdchen (Z. 4; 32) / Filet, frische Ware (Z. 15; 29);
ihr schwärmerisches Sprechen / er traut dem anheimelnden Geräusch nicht (Z. 5 f.), dieser Gedanke (Z. 21 = ab Z. 13) des Erzählers und Mos;
Mos Bedürfnis, sie zu wecken und aufzuklären / Entscheidung, sie weiterschlafen zu lassen (Z. 27), beides auch metaphorisch („ganz“; „ohne Reserve“) zu verstehen.
   Die Sphäre der Frau, an der auch Mo Anteil hat, ist die der Zärtlichkeit und Geborgenheit (flüstern, Geliebte, träumerisch, beseligt usw.); die Geliebte zeigt kindliche Züge (Diminutiv „Pferdchen“; Mo streicht ihr Haar aus der Stirn); ihrer idyllischen Sicht steht ein skeptisches Denken gegenüber, das Zusammenhänge zwischen zwei regelmäßig geschehenden Ereignissen erkennt (Z. 18 ff.), die vom Erzähler ironisch als gleich vertrauenswürdig bezeichnet werden (Z. 14 f.).
   Position der Figuren: Die Frau ist so naiv, dass sie ihre Uhr an der von ihr verehrten Regelmäßigkeit des Hufgeklappers prüft (Z. 3); Mo weicht nicht nur der Schwierigkeit aus, der Geliebten die Wahrheit zu sagen (Z. 22 ff.), sondern bestärkt sie noch in ihrem Irrtum (Z. 30-32) - intellektuell möchte man als Leser da gleich widersprechen, weil man ja der Wahrheit verpflichtet ist.
   Das Urteil über Mos rücksichtsvolle Lüge spart der Erzähler für den Hörer (bzw. Leser) auf. Als Günter Anders‘ Intention wird man die der Geliebten ersparte „Aufklärung“ über die Grundlage  des Weltvertrauens vermuten dürfen.         
von: norberto42
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Geändert am 12. Januar 2006 um 21:28