Einträge "Schreiben, prod.":

Mittwoch, 27. Februar 2008

Brief oder Replik: produktiv schreiben

Zufällig habe ich zwei "Antworten" auf den Brief des Lord Chandos an Bacon gefunden, zusammen mit dem Text des Briefes:
http://www.unicum.de/community/uniforum/archive/index.php/t-9344.html
(Beispiel für eine Technik produktiven Schreibens, man könnte auch von "Fortsetzung" fiktionaler Literatur sprechen)

Da fällt mir dann auch "Ein Briefwechsel mit Monsieur de Voltaire anläßlich seines >Candide<" ein (E. Y. Meyer, in: Ein Schriftsteller schreibt ein Buch.... Dichter über Dichter und Dichtung. Hrsg. von Gerhard Köpf, 1984, S. 147 ff.) ein; dort gibt es auch eine Antwort Hermann Kafkas auf Kafkas Brief an den Vater...
Und da fällt mir ein, dass ich im Literaturunterricht zu bestehenden Werken auch "Vorgeschichte" und Fortsetzung habe schreiben lassen.

von: norberto42

Donnerstag, 17. Januar 2008

Bildergeschichten erzählen

Diese Aufgabe wird vorzugsweise in Klasse 5 gestellt; man muss beachten, dass viele Schüler schon in der Grundschule solche Bildergeschichten erzählt haben (prüfen, welche bekannt sind!). Als Bibel der Bildergeschichten kann das Arbeitsbuch von Klaus Gerth (Schroedel) gelten.

Bildergeschichten verstehen und erzählen
Am Beispiel der Geschichte Nr. 4 wollen wir besprechen, wie man Bildergeschichten versteht und erzählt; das ist nicht immer einfach, weil man ja nur Bilder sieht und sich dazu etwas denken muss. Was geschieht, erkennt man erstens an dem, was im Bild dargestellt ist, und zweitens an dem, was sich gegenüber dem vorhergehenden oder den vorhergehenden Bildern verändert hat.
   Auf Bild (1) siehst du die Ausgangssituation: Vater Kaiser und sein Sohn stehen im Garten und geben den Blumen oder dem Rasen Wasser; der Dackel Willi sitzt in einiger Entfernung von ihnen und scheint nach einem Schmetterling zu schauen. Er hat im Augenblick nichts mit den Personen zu tun; denn er kehrt ihnen den Rücken zu. - Frage: Muss man erklären, warum die beiden den Garten wässern?
   (2) Es ist eine Veränderung eingetreten: Die beiden spritzen den ahnungslosen Dackel nass, der Schmetterling fliegt davon; dem Sohn scheint die Aktion Freude zu bereiten. - Fragen: Muss man erklären, warum sie den Dackel nass machen? Das ist dann etwas, was sie zwischen (1) und (2) beschlossen haben und was du dir, passend zu beiden Bildern, ausdenken musst. Woher weißt du, dass der Sohn sich freut?
   (3) gehört noch als Fortsetzung zu (2): Voller Schadenfreude lachen die beiden den Dackel aus, der das Wasser von sich abschüttelt. - Fragen: Woher weißt du, dass sie aus Schadenfreude lachen? Wie guckt der Dackel, kann man das beurteilen?
   (4) Die beiden haben sich wieder ihrer Arbeit zugewandt; Dackel Willi nähert sich ihnen. Gerade fällt der letzte Wassertropfen von seinem Schwanz. - Frage: Ist der Wassertropfen für das weitere Geschehen wichtig?
   (5) Kurz hinter Vater Kaiser nebst Sohn, die ahnungslos weiter den Garten wässern, beißt Dackel Willi in den Schlauch. - Fragen: Warum tut er das? Wann hat er das beschlossen oder sich überlegt?
   (6) Die beiden werden pitschnass und rennen entsetzt weg; Willi sitzt da und schaut ihrer Flucht voller (Schaden)Freude zu. - Fragen: Woran erkennt man die Stimmung der beiden Figurengruppen? Soll man als Erzähler das Geschehen mit einem Schlusssatz kommentieren: a) mit einem Gedanken des Dackels? b) als Erzähler mit einem eigenen Kommentar?

Wir haben hier das Schema vor uns, dass auf eine Aktion eine Gegenaktion folgt; man könnte auch von einer Flegelei sprechen, die bestraft wird (Schuld und Sühne). Jedenfalls stehen sich zwei Gruppen oder Parteien gegenüber, die miteinander zu tun bekommen und das dann austragen.
   Wenn du die Geschichte erzählst, braucht sie eine Überschrift; die überlegst du dir am besten erst zum Schluss. - Fragen: Warum tust du das am besten erst zum Schluss? Welche Überschriften kämen hier in Frage?
   Wenn du erzählst, gebrauchst du das Präteritum (sie standen, er saß...); wenn du etwas erzählst, was vorher geschehen ist, gebrauchst du das Plusquamperfekt (es hatte seit Wochen nicht geregnet). - Man spricht hier vom Verhältnis der Vorzeitigkeit (-> Schülerduden Grammatik [603] ff.).
   Wenn eine Figur etwas denkt oder spricht, wird sie normalerweise das Präsens gebrauchen („Was soll der Quatsch?“); die Vorzeitigkeit zum Präsens wird im Perfekt ausgedrückt. - Auch wenn der Erzähler etwas kommentiert, gebraucht er das Präsens; er sagt etwas, was immer gilt!

Erzähltechnik: Bildergeschichten
Am Beispiel der Bildergeschichte Nr. 6 wollen wir einige Fragen der Erzähltechnik klären:
1. „Eines schönen Abends, als Familie Kaiser schon schlief und der Dackel Willi in seinem Körbchen lag, wurde es dem Dackel Willi zu ungemütlich.“
   Hier kann „dem Dackel Willi“ durch „dem Hund“ oder „ihm“ ersetzt werden, um die Wiederholung zu vermeiden. Du musst also eine andere Bezeichnung (Nomen) suchen oder für das Nomen ein Pronomen (= Nomenersatz).
   Die Personalpronomen (-pronomina) sind: ich; du; er, sie, es (1. bis 3. Person, singular); wir; ihr; sie (Plural)
2. „Er ging zu Vater Kaiser und legte sich auf die Bettdecke von Vater Kaiser. Er wachte auf und schrie: ‚Raus hier!‘“
   In dieser Formulierung ist es Willi, der aufwacht. Es müsste mit einem besonderen Pronomen auf Vater Kaiser hingewiesen werden: „Der wachte auf...“ oder „Dieser wachte auf...“
   Das betonte „der“, „dieser“ und „jener“ heißen Demonstrativpronomen (hinweisende Pronomen).
3. Ein besonderes Problem dieser Geschichte Nr. 6 ergibt sich daraus, dass Willi viermal vom Bett verscheucht wird. Soll man seinen Gang / das Erwachen / den Zorn / den Befehl in den gleichen Worten erzählen oder die Ausdrücke wechseln? Was spricht für die eine, was für die andere Lösung? Probiere beide aus!
4. Ein Problem: Darf der Erzähler für Willi Verständnis oder Mitgefühl äußern: „Da ging das arme Tier...“? [Ist das schon Mitgefühl? Oder eine Art Beschreibung?]
5. „Als Willi traurig in sein Körbchen schleichen wollte, sah er den Puppenwagen von Susi. Er sprang hinein; doch die Puppe darin störte, die konnte er nicht gebrauchen. Dackel Willi warf sie hinaus, rollte sich auf dem Kissen zusammen und schlief ein.“
   Die Geschichte Nr. 6 ist nach folgendem Muster aufgebaut: Problem - scheiternde Lösungsversuche - rettende Idee - Problem gelöst.
   Versuche zu erklären, wieso die Formulierung „Puppenwagen“ und der vorliegende Abschluss diesem Muster nicht genügen!
6. „Neben dem Spielzimmer steht Dackel Willis Körbchen. Er schlief meistens nicht gut, weil es ungemütlich im Körbchen war. Da stand Willi auf...“
   Erkläre, was an diesem Anfang nicht gut ist! Verbessere es!
7. Ich nenne verschiedene Überschriften:
a) Gesucht - Gefunden
b) Wie du mir, so ich der Puppe
c) Dackel Willi
d) Der tierische Störenfried
e) Der warme Puppenwagen
f) Menschen sind unbarmherzig
g) Eine unruhige Nacht
Urteile selber, welche passt!

Eine Bildergeschichte erzählen - Übungsdiktat
1 Ein Erzähler weiß etwas Wichtiges oder Interessantes, was einmal geschehen ist; er will dies anschaulich und lebendig darstellen. Die Zeitform des Erzählens ist das Präteritum (er lebte, er wohnte, er ging...).
2 Der Höhepunkt soll breit erzählt werden; dabei kann man die wörtliche Rede verwenden, um Äußerungen und Gedanken wiederzugeben. Die anderen Erzählschritte sollen normalerweise zügig dargestellt werden.
3 Was in einer Bildergeschichte erzählt wird, ist eher witzig als wichtig. Diesen Witz der Geschichte muss man erfassen; er soll in der Überschrift angedeutet werden, ohne dass er bereits verraten werden dürfte.
4 In der Geschichte Nr. 46 besteht der Witz darin, dass Papa Moll mit dem Revolver den Räuber nicht besiegen kann, während der Sohn es mit einer Heftzwecke schafft. Der Höhepunkt liegt in Bild 6, wo der Bösewicht entwaffnet wird.
5 Ein Erzählerkommentar könnte lauten: „So hatte der Sohn mit der Heftzwecke einen großen Sieg errungen.“ Eine Regel als Kommentar stände im Präsens: „Auch mit kleinen Waffen kann man siegen.“ Die Überschrift soll auf den Kommentar abgestimmt sein.
6 Meistens ist die Ausgangssituation in sich klar: Man sieht, wer wo ist und was er tut. Man muss aber eine Vorgeschichte erzählen, wenn das erste Bild eine solche erfordert; das Tempus ist dann das Plusquamperfekt.
7 Genauestens muss man die Veränderungen von einem Bild gegenüber dem vorhergehenden beachten! Wichtig ist das Mienenspiel der Figuren; in ihrem Gesichtsausdruck und ihrer Körperhaltung drücken sie ihre Empfindungen aus.
8 Probleme wirft die Frage auf, wie viel man erfinden darf. Wenn bekannte Figuren auftreten (Vater Kaiser, Dackel Willi), muss man ihre Namen benutzen. Für unbekannte Figuren soll man einen einfachen Namen erfinden.
9 Woher hat der Sohn in der Geschichte Nr. 46 die Heftzwecke? Am einfachsten ist die Annahme, dass er sie unter dem Bett (Bild 2) gefunden hat. Woher Papa Moll den Revolver hat, ist in dieser Geschichte völlig unwichtig.
10 Zwischen zwei Bildern passiert nichts, was man nicht im nächsten sieht; so ist es überflüssig, zwischen Bild 3 und 4 der Geschichte Nr. 46 eine Jagd an mehreren Zimmern vorbei anzunehmen.
11 Die Regel lautet: Man soll möglichst wenig erfinden. Eine andere Regel besagt: Erzähle den Schluss kurz und bündig! Die wichtigste Regel aber heißt: Beachte den Zusammenhang des Geschehens!

----------------------------------------------------------------------------------------

Das Erzählen ist der Ort, an dem man angemessen über das Tempussystem sprechen kann:

Tempusformen und Tempussystem im Deutschen

1. Vorbemerkungen
a) Die lateinischen Bezeichnungen führen in die Irre, wenn man meint, sie drückten die Leistungen der deutschen Tempusformen aus.
b) Wir unterscheiden zwischen Zeit oder Zeitstufen (Vergangenheit - Gegenwart - Zukunft) und den sechs (oder mehr oder weniger - das ist umstritten) Tempusformen der deutschen Sprache.
c) Die Tempusformen haben nicht nur eine zeitliche Bedeutung.
d) Soweit sie eine zeitliche Bedeutung haben, gilt diese aus der Sicht des jeweiligen Sprechers (deixis); dies gilt (indirekt) auch für das zeitliche Verhältnis zweier in Sätzen benannter Ereignisse.
e) Zeitliche Verhältnisse können auch anders als durch Tempusformen ausgerückt werden: durch Adverbien (morgen), durch Nomina (am Mittag), durch Adjektive oder Partizipien (im kommenden Jahr) und durch weitere Möglichkeiten.

2. Hauptsätze
a) Das Präsens bezieht sich auf ein Geschehen, das schon oder noch abläuft, und in diesem Sinn auf „Gegenwärtiges“ bzw. Nicht-Vergangenes.
* In der Duden-Grammatik (6. Aufl.) wird bei den Zeitstufen „der Unterschied zwischen Vergangenheit - Nichtvergangenheit“ als für das deutsche Tempussystem wesentlich herausgestellt, weil er für den Funktionsunterschied der beiden Haupttempora Präsens und Präteritum verantwortlich ist; denn auch Zukünftiges wird meistens durch Präsens mit Zeitangabe bezeichnet.
b) Das Präteritum wird (zum Erzählen und Berichten) gewählt, wenn ein Geschehen oder eine Handlung vergangen (und abgeschlossen) ist. Auch das Plusquamperfekt bezieht sich immer auf Vergangenes.
c) Das Perfekt bezeichnet gemäß seiner Bildung (Hilfsverb + Partizip II) den Vollzug oder Abschluss einer Handlung; das wird meistens von Vergangenem gesagt, aber auch in allgemein gültigen Aussagen oder für die Zukunft.
[Im mündlichen Erzählen wird gerade im Norddeutschen oft das Perfekt statt des Präteritums verwendet.]
d) Das Futur I kann sich wie das Präsens auf Gegenwärtiges wie Zukünftiges beziehen; gerade dem Futur I kommt die modale Komponente „Vermutung“ zu, nach Heinz Vater ist diese sogar die eigentliche Bedeutung des Futur I.
e) Für die Feinheiten im Tempusgebrauch sollte man mehrere Grammatiken zu Rate ziehen.
f) Die möglichen Bedeutungen des Präsens nach W. Jung: Grammatik der deutschen Sprache (10. Aufl.):
* Es bezeichnet ausgesprochen gegenwärtiges Geschehen;
* es bezeichnet Vorgänge von Dauer;
* es bezeichnet die Allgemeingültigkeit;
* es bezeichnet in Verbindung mit Temporalangaben Zukünftiges;
* es bezeichnet in Verbindung mit Modalwörtern eine Vermutung;
* es drückt einen energischen Befehl aus (meistens 2. Person);
* es steht als historisches Präsens in Aussagen über Vergangenes.
g) Für den relativen Gebrauch (zeitlicher Bezug zweier Sätze) gelten die Grundregeln:
* Zum Ausdruck der Gleichzeitigkeit der beiden Geschehnisse steht in Teilsätzen das gleiche Tempus.
* Zum Ausdruck der Vorzeitigkeit steht das Perfekt neben Präsens und Futur I, das Plusquamperfekt neben Präteritum.
* Zum Ausdruck der Nachzeitigkeit können in den Teilsätze gleiche oder unterschiedliche Tempusformen gewählt werden.
* Temporale Adverbien, Konjunktionen oder andere Zeitangaben verdeutlichen das Zeitverhältnis; deshalb gelten die genannten Regeln auch nicht ganz streng.

3. Merksatz
Ein Tempuswechsel in einem Text signalisiert etwas; beim Lesen sollte man auf Tempuswechsel achten und sie nicht nur notieren, sondern auch im Kontext zu verstehen suchen.

4. Zusatz
Neben dem Zeitbezug können Tempusformen auch einen Aspekt des Geschehnisses oder eine Aktionsart ausdrücken.
   Die Aktionsart ist leichter zu verstehen: Spielart eines Geschehens im Blick auf die Art seiner inhaltlichen Modifizierung (iterativ, intensiv, kausativ, faktisch und inchoativ).
   Der Aspekt bezeichnet die Verlaufsweise eines Geschehens im Hinblick auf sein Verhältnis zum Zeitablauf:
a) duarativ/imperfektiv (länger andauernd: schlafen, essen);
b) perfektiv/punktuell (zeitliche Begrenzung: Beginn oder Abschluss eines Geschehens: einschlafen - ausessen).

5. Schlussbemerkung
Na, sagen wir es ruhig: Das Ganze ist ziemlich kompliziert; aber kann man eine geschichtliche Entwicklung von mehr als tausend Jahren in ein einfaches System pressen? Vater (Einführung in die Zeit-Linguistik, 1994, Anm. 17) berichtet übrigens, wie das heutige Futur I von Mönchen im Mittelalter erfunden wurde, um das lateinische Futur übersetzen zu können: Neben der heutigen Form ("werden" + Infinitiv) gab es damals noch andere Übersetzungsversuche, aber der uns bekannte Versuch hat sich schließlich durchgesetzt.

von: norberto42

Märchen analysieren - fortsetzen - schreiben

Damit man weiß, wie man Märchen schreibt oder fortsetzt, sollte man zunächst kurz die Elemente von Märchen herausarbeiten (analysieren). (Manche Erzählungen, die bei "Märchen" aufgeführt sind, sollte man besser zu den Schwänken zählen; es sind lustige Geschichten von der Dummheit anderer, etwa "Die kluge Else" oder "Der Frieder und das Catherlieschen".)

Märchenanalyse (Beispiel)
Wenn wir jetzt Märchen untersuchen, legen wir ein einfaches Schema zugrunde:
Wir achten darauf, welche Aufgaben den Figuren gestellt werden und wie sie diese lösen. Wenn jemand seine Aufgabe gut löst, also sich bewährt, wird er im Märchen grundsätzlich belohnt; wenn er seinen Auftrag nicht ausführt, also versagt, gibt es zwei Möglichkeiten:
a) Er versagt ohne eigenes Verschulden, also unwissend oder unabsichtlich; dann bekommt er eine neue Aufgabe;
b) er hat aus eigener Schuld versagt; dann wird er bestraft.

Aufgabenstellung:
Suche im Märchen „Frau Holle“ die Aufgaben der schönen Tochter:
___________________________________________________________________________
___________________________________________________________________________
___________________________________________________________________________
___________________________________________________________________________
Du siehst leicht, dass sie ihre Aufgaben löst. Eine ihrer Aufgaben kann sie aber nicht aus eigener Kraft lösen. Welche ist es und wie löst sie diese?
___________________________________________________________________________
___________________________________________________________________________
Schreibe auf, womit sie belohnt wird:
___________________________________________________________________________
___________________________________________________________________________
___________________________________________________________________________
___________________________________________________________________________
Du siehst leicht, dass die andere Tochter ihre Aufträge nicht oder unvollständig ausführt. Suche im Text den Grund oder Gründe, warum sie versagt:
___________________________________________________________________________
Fragen an deine Fantasie:
Wie könnte die schöne Tochter außerdem noch belohnt werden?
___________________________________________________________________________
___________________________________________________________________________
Das erzählte Geschehen könnte auch anders ausgehen: „Weil es so mit Gold bedeckt war, öffnete zu Hause niemand die Tür; denn die Mutter und seine Schwester beneideten die Schöne und schämten sich ihrer eigenen Armut.“
Erzähle, wie das Mädchen diese neue Aufgabe lösen kann!

Elemente von Märchen - Übungsdiktat
1 In der Überschrift wird angedeutet, dass viele Märchen aus den gleichen Elementen bestehen; wie bei einem Baukasten kann man aus wenigen gleichartigen Elementen ganz verschiedene Figuren bauen, eben die Märchen.
2 Das wichtigste Element ist der Held oder die Hauptfigur. Oft hat er einen Gegenspieler (Gegner); auch ein Mädchen oder eine Frau kann die Heldin sein. Daneben gibt es weitere Figuren mit verschiedenen Funktionen.
3 Meistens kommt der Held nicht ohne einen oder mehrere Helfer aus; das ist der Fall, wenn er vor einer unlösbaren Aufgabe steht -, und Aufgaben zu lösen ist sozusagen der Hauptberuf des Helden.
4 Er kann sich an seinen Aufgaben bewähren, weil er ein guter, fleißiger oder hilfsbereiter Mensch ist; manchmal ist er klug. Wenn das alles nicht reicht, weil die Aufgabe zu schwer ist, muss er von jemand besondere Hilfsmittel bekommen.
5 Wer sich im Märchen an einer Aufgabe bewährt, wird grundsätzlich belohnt. Er kann auch mehrere Aufgaben und mehrere Belohnungen bekommen; solche Wiederholungen sind für volkstümliche Erzählungen typisch.
6 Es dürfte klar sein, dass ein Held alle seine Hilfsmittel benutzen muss - andernfalls würden sie ja nicht erwähnt werden; er wird also so viele Taten oder Handlungen vollbringen, bis sein Vorrat an Hilfsmitteln erschöpft ist.
7 Wenn jemand vor einer Aufgabe versagt, kann das verschiedene Gründe haben: Er versagt schuldlos oder unabsichtlich; dann bekommt er eine neue Aufgabe, an der er sich bewähren kann.
8 Wer dagegen aus Bosheit, Faulheit oder Habgier versagt, gilt im Märchen als schlechter Mensch; er gehört bestraft. Er bekommt in der Regel auch nicht die Gelegenheit, sich an einer anderen Aufgabe zu bewähren.
9 Ein wesentliches Element der Märchen ist es, dass manche Figuren über eine zauberhafte Macht verfügen; diese wird von Feen und ihren Kolleginnen zum Guten, von Hexen und ihren Genossen zum Bösen verwendet.
10 In den Märchen ist die Welt ganz einfach und klar aufgebaut:
Wer gut ist, bewährt sich; wer sich bewährt, wird belohnt. Die Bösen versagen und werden bestraft. Beides ist im wirklichen Leben oft anders.
11 Vielleicht sind die Märchen trotzdem nicht sinnlos; in ihnen drückt sich auch die Freude aus, dass einfache Menschen es zu etwas bringen können, und die Hoffnung, dass es eine ausgleichende Gerechtigkeit gibt.
12 Es wäre auch zu überlegen, ob man manchmal nicht wie verwandelt ist, wie verhext, als ob man unter einem bösen Zauber stände; man kann später nicht begreifen, wie man etwas so Dummes oder Schlimmes hat tun können.
13 Es gibt noch viele Arten von Märchen oder verwandten Erzählungen; damit brauchen wir uns jetzt nicht zu befassen. Wir wollen vielmehr überlegen, wie wir mit den oben genannten Elementen selber Geschichten erzählen können.

Die Aufgabe, Märchen zu schreiben bzw. fortzusetzen, stelle ich Ende der Kl. 5 oder in Kl. 6 im Gymnasium; sie ist nicht besonders schwer, weil sich ja Elemente identifizieren lassen, deren Abfolge plausibel ist.
   Ich halte es dann so, dass ich wenig bekannt Grimmschsche Märchen nehme und sie dort abschneide, wo eine (erste) große Aufgabe für den Protagonisten gestellt ist; das ist in der Regel nach 25-40 Zeilen der Fall.
Einige besonders gelungene Arbeiten kann man in einem kleinen Märchenbuch der Klasse veröffentlichen.
Besonders gelungene Arbeiten kann man in einem Märchenbuch der Klasse veröffentlichen.
   Anspruchsvoller ist die Aufgabe, Märchen umzuformen, sei es spielerisch, sei es mit einem zeitkritischen Akzent; solches war vor 30, 40 Jahren eine Mode, die inzwischen leider fast in Vergessenheit geraten ist. Für einen Literaturkurs könnte dies eine reizvolle Aufgabe sein. Beispiele waren etwa
Janosch erzählt: Grimm's Märchen (1972)
Kaiser, Erich: Erzähl mir doch (k)ein Märchen, Frankfurt 1981
Grimms Märchen - modern. Prosa, Gedichte, Kartikaturen. Hrsg. von Wolfgang Mieder. RUB 9554
Fetscher, Iring: Wer hat Dornröschen wachgeküßt? Das Märchen-Verwirrbuch, 1972 (exzellent!)
sowie alles das, was damals und später zum Stichwort "umerzählen" zum produktiven Schreiben gesagt worden ist.

von: norberto42
Entry modified
Geändert am 17. Januar 2008 um 07:13

Perspektive wechseln - aus einer anderen Perspektive erzählen

Diese Erzählform: etwas aus einer anderen Perspektive erzählen, schätze ich, weil sie zu einem relativierenden und damit klugen Sehen und Denken erziehen kann (könnte? soll?). Ich übe diese Erzählweise in Kl. 6 oder 7 des Gymnasiums ein, vor allem mit Schelmengeschichten und Erzählungen J. P. Hebels. Man kann die Form bis zum Abitur pflegen: Auch Aineias kann sich darüber Gedanken machen, warum Kassandra wohl nicht mit ihm gefahren ist.
   Schelmengeschichten haben den Vorteil, dass die Perspektiven eines Gauners und eines Betrogenen oder die eines Betrügers und eines ehrlichen Menschen sich erheblich unterscheiden.
   Ich werde im Folgenden ein Übungsdiktat zum Thema sowie eine Reihe von Überlegungen zur Thematik vorstellen, damit sich geneigte Kolleginnen und Kollegen zu der von mir geschätzten Erzählform bekehren lassen:

Aus einer anderen Perspektive erzählen - Übungsdiktat
1 Wir leben als Menschen nicht nur neben anderen, sondern auch mit ihnen; wir können uns in ihre Lage versetzen, um die Welt mit ihren Augen zu sehen, welche nicht immer das Gleiche wie wir erblicken.
2 Deshalb können wir auch Erzählungen umformen, indem wir die Perspektive verändern, in der die Ereignisse gesehen werden. Wir fragen also etwa, wie Marcel die Szene im Restaurant erlebt. Was für ein Mensch ist Marcel?
3 Wir wissen von Marcel so viel, wie uns der Erzähler von ihm mitgeteilt hat. Marcel weiß von sich selber eine Menge mehr als wir; wenn wir aus seiner Perspektive erzählen, müssen wir also manchmal vorsichtig etwas von Marcels Wissen erfinden.
4 Anderseits weiß Marcel natürlich nicht, was andere über ihn denken oder was in seiner Abwesenheit geschieht; er kann höchstens bemerken, dass jemand so aussieht, als ob er etwas Bestimmtes dächte; er kann vermuten, was geschehen sein könnte.
5 Der vorgegebene Text kann also stark gekürzt werden, wenn der Ich-Erzähler etwas nicht weiß oder bemerkt; wenn er aber etwas Wichtiges, Bedrohliches oder Rätselhaftes erlebt, kann der Text auch erweitert oder gedehnt werden.
6 Im Lesebuch (Unterwegs 7, S. 148 ff.) lernen wir den Erzähler kennen, der in der Ich-Perspektive spricht, und den auktorialen Erzähler; dieser kennt sogar die geheimsten Gedanken aller Figuren und weiß beim Erzählen, wie das Geschehen endet.
7 Wir finden auch ein Beispiel für personales Erzählen; davon spricht man, wenn während des Erzählens unmerklich die Perspektive in eine der beteiligten Personen verlegt wird. Außerdem gibt es den unbeteiligten neutralen Erzähler.
8 Was die erzählende Person selber sagt, fühlt, denkt und erlebt, wird in der 1. Person formuliert: „Ich“, „wir“, „mein“ und „unser“ sind die Pronomen der 1. Person; sie zeigen an, dass der Erzähler das Geschehen selber erlebt (hat).
9 Irgendwann, nicht unbedingt am Anfang, muss angedeutet werden, wann das Geschehen sich ereignet. Auch muss beachtet werden, wem und wozu die neue Fassung der Geschichte erzählt wird; zu seinen Freunden spräche Marcel anders als zu seiner Oma.

Aus einer anderen Perspektive erzählen
Wie man aus einer anderen Perspektive erzählen kann, wurde im Anschluss an die Erzählungen „Neben dem blauen Seepferdchen“ (Unterwegs 7) untersucht.
   Der Junge (oder das blinde Mädchen) als der neue Erzähler (mit Ich-Perspektive)
1. weiß nicht alles, was bisher geschehen ist (d.h. die Vorgeschichte), und ist infolgedessen über manche Ereignisse überrascht [Ob das Mädchen wohl seine Schwester war?], vielleicht weiß er aber mehr als andere Figuren; manche Dinge versteht er aufgrund seiner Vorkenntnisse nicht (warum das blinde Mädchen an der Hand zum Nichtschwimmerbecken geführt wird);
2. nimmt wegen seiner Interessen nicht alles wahr, was gerade geschieht;
3. erlebt (empfindet) das, was er vom Geschehen wahrnimmt, auf seine Weise:
-- er freut sich über bestimmte Dinge, ist stolz auf seine Leistungen usw.;
-- er ärgert sich über einiges, ist davon betroffen, gekränkt...
-- manche Dinge sind ihm gleichgültig, die für andere wichtig sind (tauchen);
4. er hofft und befürchtet von dem, was auf ihn zukommt, vielleicht etwas anderes als andere Figuren; der Junge verspricht sich von seinem Tauchvorhaben, dass er damit auf das Mädchen Eindruck macht.
5. Von großer Bedeutung ist sodann die Situation, in der jemand etwas erzählt. „Der geheilte Patient“ (Hebel) wird seine Enkelkinder lustig belehren, wie viel er gefressen hat, ehe er durch vernünftige Lebensweise gesund geworden ist; an seinem 80. Geburtstag kann er mit dieser Geschichte seinen Freunden erklären, wie er durch den klugen Arzt und dessen medizinischen „Trick“ zur Vernunft gebracht worden ist; jetzt hat er Distanz von seiner früheren Dummheit. - Er selber wird eine andere Sprache als der Arzt in dessen Antwortbrief sprechen.
   Die Erzählsituation wird in einer Rahmenerzählung entfaltet; diese kann, aber muss nicht in der Ich-Perspektive des neuen Erzählers dargestellt werden.
6. Grundsätzlich spricht jemand ausführlich von dem, was für ihn wichtig ist, aber wenig davon, was ihn nicht interessiert (Begriff der Zeitstruktur!).
7. Wörtliche Rede, die man aus der Vorlage übernimmt, muss wörtlich übernommen werden; durch jede Änderung signalisiert man, dass die neue Figur etwas anderes gehört hat als der alte Erzähler. - Man kann sinngemäß auch neue wörtliche Rede einfügen.

Kontrollfragen (Idee von Jan Feiter):
1. Ist der alte Text sachlich richtig erfasst und beachtet?
2. Der neue Ich-Erzähler und seine Perspektive:
a) technisch: Ist das, was er erlebt, zusammenhängend erzählt?
- Ist die Ich-Perspektive durchgehalten?
- Passen wörtliche und indirekte Rede zu ihm?
b) Entspricht das von ihm „Erlebte“ dem neuen Ich-Erzähler? Ist also „echt“ und glaubthaft erzählt? Sind die richtigen Stellen gestrichen bzw. erweitert?
3. Der kommunikative Aspekt: Es wird etwas einem Zuhörer erzählt.
a) Sind die Situation, in der erzählt wird, und das Verhältnis zum
Zuhörer (auch sprachlich) erfasst?
b) Passt die Selbstdarstellung des Erzählers?
c) Wird auch sprachlich intensiv (zum Miterleben!) erzählt?
---------------------------------------------------------------------------------
Aus dem Unterricht meiner 6. Klasse (2006/07) möchte ich hier Folgendes festhalten:
1. "Man könnte das auch anders sehen."
Das ist die Grundidee unserer neuen U-Reihe: Der eine sieht es so, aber von einem anderen Standpunkt aus könnte man es auch anders sehen. Das fängt schon mit der Frage an, wo links ist; "links" ist nämlich von sich aus nirgendwo - nur wenn klar ist, in welche Richtung ich schaue oder gehe, kann man sagen, wo von mir aus gesehen links ist. Von einem anderen Standpunkt aus (oder in eine andere Richtung geschaut) ist links anderswo.
   Auch die Geschichten von Nasreddin Hodscha zeigen das jeweils auf ihre Weise: Der Bettler meint, Nasreddin könnte seine Arbeit unterbrechen und vom Dach steigen... - Nasreddin hält das für eine blöde Zumutung und meint, wenn der Bettler etwas wolle, könnte der ja hochklettern... Pascal hat nicht Unrecht, wenn er in einigen dieser Geschichten das Sprichwort erblickt: "Wie du mir, so ich dir." Erst wenn man das Zweite mitkriegt, versteht man oft, was man dem anderen angetan hat [und wie das in dessen Sicht ausgesehen hat]. Das schönste Beispiel hierfür ist das Grimm'sche Märchen vom alten Großvater und seinem Enkel. Wer kennt es?
   Der Unterricht wird darauf hinauslaufen, dass wir Geschichten aus einer anderen Perspektive neu erzählen.
2. Aus anderer Perspektive etwas neu erzählen
Das ist das Vorhaben, in dem wir gerade arbeiten. Unser erster Versuch, die Erlebnisse der beiden Freunde aus Jenös Sicht zu sehen und zu erzählen, hat uns bereits die wesentlichen Einsichten gebracht, wie man aus anderer Perspektive etwas erzählen kann.
   Jasmin hat als Kriterium für das, was Jenö seiner Oma wohl erzählen wird, genannt: "Ich habe mich gefragt, was ich meiner Oma erzählen würde." Das ist ein guter Gedanke, weil dabei von einer vergleichbaren Situation ausgegangen wird; aber der Gedanke ist noch nicht sehr gut, weil "ich" nicht gleich dem Zigeunerjungen Jenö und "meine Oma" nicht gleich Jenös Oma ist. Wir haben dann herausgefunden, dass man klären muss,
1. was Jenö überhaupt weiß (also was er selber wahrgenommen hat),
2. was für ihn selber dabei [vermutlich] wichtig war (weil es ihn erfreut oder geärgert hat),
3. was für ihn [vermutlich] auffällig (neu, unbekannt) war;
* eventuell könnte man zusätzlich überlegen, was nach Jenös Meinung seine Großmutter interessieren wird - aber mit einer solchen Überlegung ist ein achtjähriger Junge sicher überfordert, das braucht man also nicht zu beachten; außerdem darf man annehmen, dass eine Oma sich für alles interessiert, was ihr Enkel ihr zu erzählen hat.
   Dieser erste große Arbeitsschritt heißt "schauen" oder "suchen"!
   Wir haben auch schon wichtige Überlegungen angestellt, wie man dann vorgehen soll:
1. alle Themen Jenös mit einem Stichworte festhalten (sammeln);
2. die Reihenfolge fürs Schreiben festlegen, indem man die Stichwörter einfach nummeriert (sortieren);
3. dann erst schreiben.
Diese Reihenfolge könnt ihr euch für die nächsten Jahre als Arbeitsschritte merken, es sind die vier S: schauen - sammeln - sortieren - schreiben; oder zu Deutsch: nicht einfach darauflos schreiben, ehe man geplant hat, was man schreiben will.
   Ich habe euch gebeten, auch noch kurz die Situation zu berücksichtigen, in der Jenö seiner Oma die Geschichte erzählt; diese Situation gebe ich euch demnächst immer vor, weil man ja nie einfach so etwas etwas erzählt. Nehmen wir also als Situation:
Die Oma fragt Jenö beim Abendessen, was für ein Junge denn sein neuer Freund Peter ist.
3. Mit anderen Augen sehen
Wenn ich erzähle, wie jemand mit anderen Augen die Ereignisse sieht, dann muss ich mich zuerst fragen: Was weiß er überhaupt und was nicht? Der Bauer weiß also nicht, dass der Student zuerst gesagt hat, er komme aus Paris; er weiß also insgesamt nicht, wieso seine Frau auf die Idee gekommen ist, da sei jemand aus dem Paradies gekommen. Vom Gespräch der beiden weiß er nur, was seine Frau ihm erzählt hat.
Die zweite Frage lautet: Wie hat er das, was er mitgemacht hat, erlebt? Wann hat er sich gefreut, worüber hat er sich geärgert, worüber hat er sich gewundert? Geärgert hat sich der Bauer, dass seine Frau Kleidung und Geld an einen Betrüger verschenkt hat - wo er sich doch den ganzen Tag müde macht, um Geld zu verdienen. Geärgert hat er sich, dass sie so blöde sein kann anzunehmen, es könnte jemand aus dem Paradies kommen. Noch mehr (?) geärgert hat er sich, dass er selber in seiner Wut auf den gleichen Betrüger hereingefallen ist.
   Wenn ich nun überlegt habe, was ich erzählen will, lautet die dritte Frage: Wie kann ich es am besten schreiben? Dazu muss ich einmal beachten, wem der Bauer sein Missgeschick erzählt: in der Männerrunde (und wie das Thema heißt: „wie dumm man sich anstellen kann“). Er kann also hier seine eigene Dummheit zugeben, weil so etwas ja offensichtlich jedem passieren kann; und seine Erzählung muss auch so (lustig, komisch, witzig) sein, dass die anderen Männer gut unterhalten werden.
   Das heißt dann: Der Bauer kann nicht sagen: „Ich erschrak...“, auch wenn der Erzähler in der Vorlage sagt: „Der Bauer erschrak.“ Überlege: Wie erlebt das jemand, wenn er erschrickt? „Mir stockte der Atem!“ Was denkt er, was empfindet er in solchen Momenten? Wenn jemand sich ärgert? „Ich hätte platzen können, ich hätte sie würgen können...“
   Die letzte, rein technische Frage heißt dann: Wie kommt der Bauer dazu, von seinem Missgeschick zu erzählen? Wie binde ich die Erzählung in die Situation der Männerrunde ein? Vielleicht haben die anderen ihn gefragt, warum er zu Fuß (oder mit seinem alten lahmen Pferd) gekommen ist... Diese Idee könnte man aber auch für den Abschluss gebrauchen: „Und deshalb muss ich heute auf meinem alten Pferd nach Hause reiten, welches ich eigentlich schon vor einem Monat zum Metzger bringen wollte.“

-------------------------------------------------------------------------------------------------

Zu Böll: Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral / Beispiel für eine Alternative:

Brief des Touristen an ...

Lieber Heiner,

seit einer Woche bin ich in Portugal; herrliches Wetter, gute Unterkunft, die Leute sind freundlich - was will ich mehr? Und seit gestern Abend kann ich meinen philosophischen Neigungen frönen: Ich bin ins Nachdenken gekommen. Lach‘ nicht, das ist wirklich der Fall; ich will dir erzählen, wie es dazu kam.
   Gestern Nachmittag ging ich hier am Hafen spazieren, als ich einen einheimischen Fischer in seinem Boot dösen sah - ein wunderbares Motiv: Ruhe nach der Arbeit, und das alles vor dem Hintergrund der schaukelnden Bootsmasten, fantastisch! Ich habe ein paar Fotos geschossen und kam dann mit dem Fischer ins Gespräch, warum er bereits am frühen Nachmittag zu arbeiten aufhört. Ich versuchte ihm klar zu machen, wie er seine Arbeit betriebswirtschaftlich verbessern, also ausweiten und absichern könnte, aber irgendwie kam ich diesem südlichen Phlegma nicht bei; er sei zufrieden, sagte er, er sei glücklich, genieße den Tag und die Sonne. Zum Schluss wurde er persönlich: Nur ich und meine Knipserei hätten ihn in seiner Ruhe gestört. Ich wusste nichts mehr zu sagen und fing, wie gesagt, betroffen an nachzudenken; ich beneidete den Mann regelrecht, weil er einerseits zufrieden und anderseits schlagfertig war und mich regelrecht hatte abblitzen lassen. Er erinnerte mich ein bisschen an die Bibel, an Jesus, an die Worte vom Sorgen, du kennst sie ja: Vertrauen „auf den himmlischen Vater“ und so weiter, ob da doch etwas dran ist? Einfach heute leben - der nächste Tag kommt von selber!? Das hat auch etwas für sich, bestimmt!
   Am Abend habe ich mir dann eine Flasche Rotwein aufgemacht und mich in den Garten gesetzt: Sind wir alle bescheuert, weil wir mehr arbeiten, als wir unbedingt tun müssen, um „das tägliche Brot“ kaufen zu können? Je länger ich nachdachte, desto mehr kamen mir Zweifel an der „schönen“ südlichen Lebensweise: das tägliche Brot, schön und gut, aber manchmal darf‘s auch Kuchen sein oder ein Essen im argentinischen Steakhaus, oder? Und was tut der gute Fischer, wenn er morgen krank wird und weder Versicherung noch ein finanzielles Polster hat? Von seinem Alter gar nicht zu reden - wer unterstützt ihn dann? Muss er nicht seinen Sohn zwingen, das gleiche Handwerk auszuüben und den alten Vater im alten Haus zu versorgen? Die Schwiegertochter wird nicht gefragt, sie heiratet eben ein! Und dieses ganze Leben in seiner stillen Zufriedenheit, ist es nicht auch ein Leben in Stumpfsinn und Schicksalsergebenheit, ohne die Hoffnung auf Verbesserung und die Teilnahme an der Kultur?
   Weißt du, auch der großkopfete Autor Heinrich Böll, unser Nobelpreisträger, hat ja nicht aufgehört zu schreiben, als er genug Geld hatte, um leben zu können, - da hat er Anekdoten zur Senkung der Arbeitsmoral geschrieben, auf jeden Fall aber weiter geschrieben! Was lehrt uns das? Man darf seine Anekdote nicht allzu wörtlich nehmen, sonst erliegt man einer Lebenssicht, welche nur für Touristen inszenierte Idyllen als Ideal kennt. Ich habe, indem ich nachgedacht habe, vom Fischer gelernt - nun müsste der Fischer noch unser Leben, seine Sicherheit, seine vorsorgliche Planung kennen und auch nachdenken. In dem Sinn grüße ich dich, mit dem Blick auf malerische Fischer und dem Ziel eines gesicherten Lebens, aus Portugal!

Dein Hanno

von: norberto42
Entry modified
Geändert am 17. Januar 2008 um 08:08

Mittwoch, 16. Januar 2008

Phantasiegeschichte: Wär ich ein Baum...

Im Anschluss an die Idee dieses Gedichts von Erich Kästner haben wir für Klasse 7 einen Aufsatztyp entwickelt, in dem grammatisch der Gebrauch des Konjunktivs II geübt wird.
   Das sachliche Problem besteht darin, dass ich kein Baum bin und dementsprechend nicht „wissen“ kann, wie es ist, wenn ich ein Baum wäre. Lösung des Problems: Bei Kästner kann der Baum ungehindert wahrnehmen, denken und sprechen wie ein Mensch - aber er nimmt nicht Blitz und Mäuse wahr, sondern das bewegte Leben und Treiben der Menschen; was er dabei von den Menschen wahrnimmt, bezieht er auf seine ruhige, beständige Existenz als Baum. Es werden also zwei Lebensformen verglichen; damit ist eine neue Perspektive auf das menschliche Leben eröffnet; es wird ein fremder  M a ß s t a b  gesetzt, an dem menschliches Tun und Treiben gemessen wird, - gemessen vom Erzähler, der sich in die Baumsituation versetzt hat; der Erzähler kann nur das „als Baum“ erkennen, was er selber als Mensch irgendwie ahnt oder weiß. Der Baum nimmt wahr, was auf der Erde, der Maulwurf, was in der Erde geschieht; eine Uhr betrachtet die Menschen dagegen eher unter dem Aspekt, wie sie mit der Zeit umgehen, und so weiter. Du gibst der Uhr Verstand und Gefühl, sie gibt dir dafür den Standpunkt und die Perspektive.
   Sinnvoll wird bei der Baumperspektive die eigene Phantasie eingesetzt, wenn man sich fragt: Wo steht der Baum? Was nimmt er wohl an seinem Platz vom Treiben der Menschen wahr? Wie nimmt er es wahr? Wenn man das schafft (v.a. bei Tieren), ist das eine Sonderleistung. Man darf und muss sich oft darauf beschränken, „den Baum“ (den Träger der neuen Perspektive) als allwissend zu setzen: Er weiß auch Dinge, die er nicht „wahrnehmen“ kann.
   Die Aufgabe ist missverstanden, wenn man eine Baum-Kritik am Menschen als solchem vornimmt („Der Mensch raubt mir die Früchte.“). Sie muss als Kritik bestimmter Verhaltensweisen begriffen werden: Warum beeilen sich die Menschen so? (aus der Uhr-Perspektive) Warum haben sie keine Geduld? Wie gehen die Menschen mit Hindernissen (anders als der Fluss) um? Was machen sie (anders als der Fluss), wenn sie zu viel Lebenskraft besitzen? Literarisch spricht man hier von der Erzähltechnik der Verfremdung.
   Als Rahmen der Erzählung kann man eine Einheit finden: die Einheit eines Lebens, eines Tages, einer Handlungsfolge (Maulwurf hätte Hunger, ginge auf Nahrungssuche, verletzte sich, probierte etwas anderes, würde erneut enttäuscht, ..., zöge das Fazit). Man kann auch mehrere Existenzmöglichkeiten durchspielen: als Stoppuhr, als Bahnhofsuhr, als Sonnenuhr...
   Zur Form: Ich fordere, dass bei starken Verben auf den Gebrauch der grammatisch möglichen würde-Form verzichtet wird. Außerdem fordere ich, dass mindestens zehn Konjunktive starker Verben im Aufsatz verwendet werden. Die Stammformen der wichtigen starken Verben müssen also beherscht werden.

Phantasie: Wenn ich ein Stein wäre (ein Versuch)
Wenn ich ein Stein wäre, läge ich vielleicht irgendwo am Wegesrand; ich hätte nichts weiter zu tun, als still da zu liegen, ob es nun regnete oder die Sonne schiene. Ich bräuchte mich um nichts zu kümmern, weil ich nie Hunger oder Durst bekäme; sogar wenn die Hunde mich bepinkelten, könnte mich das kaum stören; der nächste Regen wüsche die brennende Beize wieder ab. Ich wunderte mich über die Menschen, die mich bloß als nutzloses Ding ansähen; die Geschäftsleute sausten an mir vorbei, um keinen Termin zu verpassen; Hausfrauen eilten noch schnell ins Geschäft, weil sie bemerkt hätten, dass noch Gemüse fehlt; sogar die Rentner hätten keine Zeit, wenn sie zum Seniorentreff eilten oder noch unbedingt Karten für eine Extrareise in den Bayrischen Wald kaufen müssten. Ich allein wäre aller Sorgen ledig und würde staunend dem hektischen Treiben zuschauen; nichts könnte mich aufregen.
   Neben mir lägen oder stäken andere Steine im Boden; die einen wären etwas dicker, die anderen stärker abgeschliffen, manche sähen schon älter und verwittert aus, manche glänzten aufgrund ihrer kristallinen Struktur. Aber wir alle wären einfach Steine; keiner bildete sich etwas auf seine Härte ein, keiner wollte unbedingt oben liegen, keiner käme sich schöner vor als der andere. Anders als bei den Menschen gäbe es bei uns keinen Neid, keine Schönheitskonkurrenz und keine Schlankheitskuren; keiner bräuchte ins Fitnessstudio zu gehen, keiner würde ins Altersheim abgeschoben. Wir alle wüssten, dass wir Steine aus dem Bauch der Mutter Erde sind; wir wären und blieben miteinander befreundet.
   Wenn ich ein Stein wäre, bräuchte ich keine Angst vor dem Tod zu haben. Die ganz alten Kollegen wüssten ein Geheimnis, das sie in den langen Winternächten murmelnd mitteilten: Kein einziger bleibt, wie er ist; jeder beginnt sein Leben kantig und neu, jeder wird im Lauf der Jahre abgeschliffen, jeder zerfällt; aber jeder Stein und jedes Sandkorn bleibt der Erde verbunden. Wir versuchten wohl, den Menschen unser Geheimnis mitzuteilen; aber sie wollten nicht auf uns hören. Sie jagten ihrer Jugend nach, klagten über Krankheiten und fürchteten das Alter, als ob sie nicht Kinder der Erde wären. Vollends verzweifelte ich, wenn ich ein Diamant wäre; die Menschen liebten mich mehr als ihre Geschwister,- sie sind ja hart wie Stein. Fassungslos stände ich vor so viel Unverstand, wenn ich ein Stein wäre.
von: norberto42