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Montag, 21. Januar 2008

Christa Wolf: Kassandra - die Figur Kassandra,

Priesterin oder Seherin?

Die Figur Kassandra wird sowohl als Priesterin wie als Seherin (, „ich Seherin“; „die Sehergabe“) dargestellt bzw. stellt sich im Rückblick auf ihr Leben so dar; dabei wird nicht recht klar, was das eine mit dem anderen zu tun hat. Ich möchte also kurz untersuchen, wodurch „Priester“ und „Seher“ im alten Griechenland unterschieden waren, wenn das auch wieder etwas anderes als der Unterschied in der Erzählung der Christa Wolf ist. Ich orientiere mich zunächst an den einschlägigen Artikeln im dreibändigen „Lexikon der Alten Welt“ (1990 = 1965).
1. Priester in Griechenland
Er ist in der Regel ohne lenkende Autorität, er (sie) ist ein staatlicher Kultusbeamter;
er ist zuständig für die korrekte Durchführung der Kulthandlungen, für die Tempelbauten und das Tempelvermögen. An seine Person werden keine besonderen sittlichen Ansprüche gestellt, das Amt schließt nicht von der Teilnahme am bürgerlichen Leben aus.
   Die eigentlichen Repräsentanten der Gemeinde vor der Gottheit sind das Familienoberhaupt, der Fürst (oder Magistrat), im Krieg der Feldherr.
   Die Mantik, also die Technik, Götterzeichen korrekt zu deuten, ist oft, aber nicht immer an die Technik des Priesteramtes angeschlossen.
2. Mantik
ist die Kunst, bestimmte Indizien induktiv zu deuten (viele Möglichkeiten und Techniken!) oder intuitiv auf Erleuchtung durch Inspiration (Orakel) oder im Traum zu hoffen.
   Für die Deutung sind also Kundige zuständig; oft ist die richtige Deutung an Geräte, an Medien, an bestimmte Orte und Zeiten gebunden.
3. Der Begriff des Propheten ist im Wesentlichen für Griechenland ohne größere Bedeutung.

Den Unterschied zwischen Priester und Prophet hat Max Weber in seiner Religionssoziologie herausgearbeitet: http://www.textlog.de/7910.html
   Wenn man heute ins Internet schaut, sind folgende Stichwörter bedeutsam: Mantik, Divination, Prophetie. Ich habe folgende interessante Links gefunden:
http://www.bibelwissenschaft.de/wibilex/das-bibellexikon/details/quelle/WIBI/zeichen/d/referenz/10295///cache/0866a9b646/ (Divination bei den Griechen)
http://lexikon.meyers.de/meyers/Mantik
http://www.sphinx-suche.de/lexpara/mantik.htm (Aufzählung der Sorten)
http://www.amuseum.de/medizin/CibaZeitung/dec34.htm (Schlange als mantisches Tier)
http://homepage.univie.ac.at/elisabeth.trinkl/forum/forum0301/18mantik.htm (Mantik in Mantineia)
http://extispicium.blogspot.com/2006/02/mantik-mantis_09.html
http://www.klassphil.uni-muenchen.de/~waiblinger/Traum.html (Träume und Traumdeutung in der Antike)
http://www.uni-essen.de/Ev-Theologie/wilat/Behrens,Achim-vision.htm (Visionen)
http://www.weltundumweltderbibel.de/wub_links34.htm (Links zum Thema für die Bibel und ihre Umwelt)

Vgl. hier auch den Artikel über die Unterrichtsreihe zu "Kassandra" vom 11. Januar 2008. 

von: norberto42
Entry modified
Geändert am 21. Juli 2008 um 16:23

Freitag, 11. Januar 2008

Christa Wolf: Kassandra - Unterrichtsreihe - Links

Praktische Vorfragen
Ich beziehe mich auf die Textausgabe in der Bibliothek der Süddeutschen Zeitung (München 2007); dort endet der Text S. 155 Mitte. In der Luchterhand-Ausgabe (2004) geht der Text bis S. 164 – jeweils auf S. 5 beginnend. Die Ausgaben erweisen sich bei einer kurzen Prüfung identisch: in der alten Rechtschreibung, mit den gleichen Schwächen in der Zeichensetzung. - Auf der Grundlage dieser Vorarbeiten gibt es jetzt ein Lehrerheft zur Behandlung dieses Romans im Unterricht (Verlag Krapp & Gutknecht, 2008).

Diese Überlegungen sehen drei Schritte in der Erarbeitung der Erzählung vor:
1. Schritt: den Text kennen lernen,
2. Schritt: den Text analysieren,
3. Schritt: die Erzählung interpretieren.

Diese drei Schritte können begrifflich klar voneinander getrennt werden, praktisch jedoch nicht immer; auch ist die Reihenfolge der Schritte theoretisch vielleicht einleuchtend, aber nicht streng durchzuhalten.
   Da der Text auch in der Ausgabe der SZ-Edition in der alten Rechtschreibung abgefasst ist, wird man sich mit den Schülern verständigen müssen, ob man ihn nach alter oder neuer Rechtschreibung zitiert.
   Es genügt, wenn Schüler elementare Hilfsmittel zu gebrauchen lernen und auf Hinweise im Internet zurückgreifen können; Sekundärliteratur gehört im Wesentlichen in die Universität.

Lernziele: Die Schüler sollen
- einen Überblick über das Geschehen gewinnen,
- die Zeitstruktur des erinnerten Geschehens skizzieren können,
- die Entwicklung Kassandras als Seherin nachzeichnen,
- die Beziehungen verschiedener Figuren (plus Motto) zu Kassandra aufzeigen,
- Themen über den Verlauf des Geschehens verfolgen können,
- die Eigenart der „Erzählweise“ Kassandras erfassen,
- einen Überblick über Hilfsmittel zum Verständnis des Romans gewinnen,
- den Roman in seiner Stellung in der deutschen Literatur um 1980 begreifen,
- die Bedeutung von Christa Wolfs Roman für unsere Gegenwart reflektieren.


Links zum Buch (November 2007):
http://www.editionkerpen.de/kassandra_wolf.htm (Armin König: Bedeutung der Erzählung)
http://www.aixtema.de/inger/diplom.html (Inger Tilk: Weiblichkeit und Feminismus in „Kassandra“)
http://www2.vol.at/borgschoren/lh/lh5c.htm (Unterrichtseinheit: v.a. die Figuren, der Aspekt Krieg!)
http://www.aixtema.de/inger/semesterarbeit.html (Inger Tilk: Utopie in „Kassandra“)
http://www.google.com/search?q=%22Wolf:+Kassandra%22+ (Über die Lesarten soziohistorisch / genderorientiert, von Irmgard Nickel-Bacon, auch als pdf-Datei)
Dominique Stöhr: Christa Wolfs Kassandra (pdf-Datei: feministische Ethnologie, genderstudies, Mythenrezeption - Magisterarbeit)
http://appserv3.ph-heidelberg.de/wiki/index.php/%E2%80%9EKassandra%E2%80%9C (wiki der PH Heidelberg)

1. Schritt: den Text kennen lernen

Aufgrund der Erzählform ist der „Inhalt“ des Textes nicht leicht zu überblicken; auch darf der trojanische Krieg nicht mehr als den Schülern bekannt vorausgesetzt werden. Deshalb ist es erforderlich, dass nicht nur der Lehrer, sondern auch die Schüler sich während der Lektüre Notizen machen – also das lesen verzögern und sich Rechenschaft geben von dem, was sie lesen. Dazu gibt es zu Wolfs „Kassandra“ mehrere Möglichkeiten:
* ein Blatt Papier quer legen und in drei Spalten aufteilen (oder sogar zwei Blätter zusammenkleben und entsprechend nutzen): in der Mitte die Spalte „Ereignisse“, links eine Spalte „Entwicklung Kassandras“, rechts eine Spalte „Krieg und Männerwelt“. Mit dieser Dreiteilung kann man das, was Erzählt wird, vorsortieren;
* bei wikipedia gibt es einen Artikel „Kassandra (Christa Wolf)“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Kassandra_%28Christa_Wolf%29). Es wäre naiv zu glauben, die Schüler fänden den Artikel nicht, und unklug, ihn nicht für den Unterricht zu nutzen. Dieser Artikel gibt einen ersten „soliden“, chronologisch geordneten Überblick über das in der Erinnerung berührte Geschehen, ohne dem Buch formal gerecht zu werden.
Man könnte den Wikipedia-Artikel auf zwei verschiedene Weisen nutzen:
a) Man verweist auf ihn als (unzulängliches) Hilfsmittel und arbeitet auf der Basis so, dass man das Buch in drei Etappen lesen lässt (bis S. 49 Mitte; bis S. 107 Mitte; bis Ende). Die Lektüre kann man durch die drei mitgegebenen Arbeitsblätter leicht überprüfen.
b) Man druckt den Wikipedia-Artikel als Spalte (linke Hälfte) aus und lässt rechts Platz, um beim Lesen Notizen zu den erwähnten Personen und Ereignissen zu machen.
   Ich schlage vor, zuerst den Artikel lesen zu lassen und für die eigene Lektüre der „Kassandra“ eine Liste mit drei Spalten anzulegen; den Schülern sollte man erlauben, ins eigene Buch Hinweise auf Parallelen (Querverweise) einzutragen, aber nur als Seitenangabe – genauso mache ich es selber auch.
Nach der Lektüre der ersten 49 Seiten kann man mit der „Analyse“ des Textes beginnen, indem man die Form des Erzählens untersucht; diese Untersuchung kann nur ein vorläufiges Ergebnis zeitigen, aber doch schon einen guten Einblick in die Erzählform gewähren. Ein allererster Einstieg könnte auch in der sorgfältigen Lektüre bis S. 12 (bis „Achill“) gelingen.

2. Schritt: den Text analysieren

Ziel: die Zeitstruktur des erinnerten Geschehens skizzieren können
Die Schüler sollen sehen, dass auf 150 Seiten (in etwa sechs Stunden Erzählzeit) die Ereignisse von rund 30 Jahren selektiv, teilweise nicht in chronologischer Reihenfolge erinnert und bedacht werden.
   Für die Bedeutung der einzelnen Erinnerung gibt es drei Kriterien:
1. Wie lange spricht Kassandra davon? Der Kampf ihres Bruders Troilos mit Achill, seine Flucht und seine Ermordung durch jenen (S. 83-85) mag vielleicht zwei Stunden gedauert haben; Kassandra verwendet etwa fünf Minuten (2 Seiten) Zeit auf diese Erinnerung; ebenso verwendet sie rund 5 Minuten (2 Seiten) für die Erinnerung an ihren Auftritt vor dem Rat, als sie den Meuchelmord an Achill missbilligt, wonach sie festgenommen wird (S. 140-142).
Rechnet man die 150 Seiten bzw. sechs Stunden auf die Ereignisse von 30 Jahren um, dann hat Kassandra für die Ereignisse eines Jahres 12 Minuten ( gleich 5 Seiten) Zeit der Erinnerung; an diesem Maßstab erkennt man, wie wichtig ihr die Erinnerung an den Mord und an ihren eigenen Widerspruch vor dem Rat sind.
2. Das zweite Kriterium der Bedeutsamkeit ist die Anzahl, wie oft Kassandra von einem Ereignis oder von einer Person spricht. Nach diesem Kriterium sind (alphabetisch geordnet) Aineias, Achill, Anchises, Hekabe, Panthoos, Paris , Priamos und Polyxena die wichtigsten Bezugspersonen für Kassandra.
3. Welche Bedeutung misst Kassandra selbst kurz vor ihrem Tod einem Ereignis bei?
Es bestände die Möglichkeit, die Darstellung des Wikipedia-Artikels „Kassandra (Christa Wolf)“ zu überarbeiten: zu ergänzen, mit einer geschätzten Chronologie und mit Belegen aus dem Roman zu überarbeiten.
   Man sollte wahrnehmen, dass „die Stunde vor der Dunkelheit“ eine metaphorische Bedeutung hat; das Leben in der Frauengemeinschaft am Skamander wird so datiert (S. 150), was wohl bedeutet: die Zeit vor dem (Kriegs-)Ende. Dieser Stunde ist wiederum ein besonderes Licht zugeordnet: „Das Licht der Stunde, ehe die Sonne untergeht. Wenn jeder Gegenstand aus sich heraus zu leuchten anfängt...“ (S. 150); dieses Licht hat Kassandra oft mit Aineias gesehen (S. 150, S. 154: auch beim letzten Treffen), wenn die beiden es auch verschieden interpretiert haben; bei diesem Licht vor Sonnenuntergang hat sie auch von Myrine Abschied genommen (S. 8); dieses Licht kommt jetzt am Ende ihres Wartens vor dem Tor (S. 154). Es ist also das Licht der Klarheit wie des Untergangs und entspricht so dem umfassenden Wissen, was man nur vor dem Tod erlangen kann (S. 110).

Ziel: die Entwicklung Kassandras als Seherin nachzeichnen
Es ist in jedem Fall wichtig zu sehen, dass Kassandra in ihrem Leben eine Entwicklung durchgemacht hat; man kann aus Zeitgründen aber nicht alle Aspekte gleichermaßen beachten. Neben dem Aspekt „Kassandra als Seherin“ könnte auch stehen „Kassandras Weg vom Palast zu den Höhlen am Skamandros“, den sie mit den Wort abgeschlossen sieht: „Da, endlich, hatte ich mein ‚Wir’.“ (S. 139); die Familienmitglieder sind „sie“ geworden. Einen anderen Hinweis gibt ein Gedanke Kassandras: „Mir kommt der Gedanke, insgeheim verfolge ich die Geschichte meiner Angst. Oder, richtiger, die Geschichte ihrer Entzügelung, noch genauer: ihrer Befreiung.“ (S. 41, der ganze Absatz) In der Sache handelt es sich wohl um eine einzige Entwicklung, die man unter verschiedenen Begriffen thematisieren kann.
   „Kassandra als Seherin“, diese geläufige Formel lenkt vielleicht die Aufmerksamkeit gleich zu Beginn in eine falsche Richtung. Sie selber sagt: „Mit meiner Stimme sprechen: das Äußerste. Mehr, andres hab ich nicht gewollt.“ (S. 6) und sie preist sich glücklich, dass der Ton der Verkündigung am Ende dahin ist (S. 7). Vielleicht sollte man also sagen, dass die Seherin Kassandra auch die Sprecherin ist, die im Nein ihre eigene Stimme gefunden hat (S. 128 und 140 ff., S. 6: mit eigener Stimme sprechen) Am Anfang der Erzählung „Was bleibt“ (1990) sagt das Wolf-Ich: „In jener anderen Sprache, die ich im Ohr, noch nicht auf der Zunge habe, werde ich eines Tages auch darüber reden.“ (S. 7)
   Die Höhle(n) ist Ort [eine Metapher] des gelingenden Lebens; vgl. zu Höhle
http://www.lochstein.de/hoehle.htm („Mensch und Höhle“)
http://www.lochstein.de/hrp/themen/koerper/koerper.htm (Körper und Höhle)
http://www.neon.de/kat/fuehlen/psychologie/179599.html (Wie viel Höhle braucht der Mensch?)
http://www.rcom.marum.de/Heinrich_Jakob_Fried.html (Die blaue Grotte)
http://www.lochstein.de/sprache/sz2005.htm („Höhle“ 2005 in der SZ)
http://www.univie.ac.at/Medienwissenschaft/reichert/dipl/04Traum.htm (Höhle Kino Traum)
http://www.txtbank.de/metaphern/vergessen_und_memoria/ (zur Metaphorik von Landschaft)
http://www.bechteler.com/referate/max_frisch/index.htm (Höhlengeschichte im Roman „Stiller“)
http://www.sommeruniversitaet.eu/download/vortrag_scholz_070730.pdf (über Metaphern, unter anderem die Metapher „Höhle“)
Goethe: Faust I, Szene „Wald und Höhle“ (V. 3217 ff.)
   Man könnte einigen Aspekten dieser Entwicklung auch nachgehen, wenn man Kassandras Annäherung an verschiedene, vor allem fremde Figuren oder einfach deren Auftreten verfolgt (das nächste Lernziel).

Ziel: die Beziehungen verschiedener Figuren (plus Motto) zu Kassandra aufzeigen (dabei Penthesilea und Polyxena als weibliche Gegenfiguren begreifen)
Dieses Ziel überschneidet sich in gewisser Hinsicht mit dem vorherigen, die Entwicklung Kassandras aufzuzeigen. Es sollten die wichtigsten Figuren (Achill, Agamemnon, Aineias, Anchises, Eumelos, Panthoos, Paris; Arisbe, Briseis, Hekabe, Marpessa, Polyxena) berücksichtigt werden; das kann arbeitsteilig geleistet werden – hierbei lesen die Schüler den Roman zum zweiten Mal, wenn man ihnen die relevanten Stellen nicht vorgibt. Die zweite Lektüre sollte zu einem vertieften Verständnis des Romans führen. Man kann eine große Übersicht über die Gesamtkonstellation oder einzelne Figurengruppen anlegen; die Beziehungen zu einer Figur ändern sich im Lauf von Kassandras Leben.
Zur Analyse von Erzähltexten siehe
http://norberto42.kulando.de/post/2005/12/23/analysieren_-_was_heit_das
http://www.bloghof.net/norberto42/trackbacks/show.htm?entryId=m7nxv2blfjcs
http://norberto42.kulando.de/post/2005/12/22/erzahltexte_analysieren
http://norberto42.kulando.de/post/2005/12/22/erzahlen_literarisch_nach_tts
Die Figuren und ihre Beziehungen zu Kassandra können auch in produktiven Verfahren verstanden werden, vgl. http://www.lfkdeutsch.de/html/szenisches_interpretieren.html
http://www.teachsam.de/deutsch/d_schreibf/schr_schule/protex/protex10.htm
http://www.schwark.de/dwn/szi.pdf
Auch und gerade bei dieser Erzählung halte ich es für sinnvoll, einzelne Passagen laut („gestaltend“) zu lesen: Sinnvolles Lesen setzt Verstehen voraus, ist „Interpretation“.
Die Figuren Achill, Eumelos, Paris und Priamos stehen für das Thema Männer-Krieg, die drei ohne Eumelos auch für das Verhältnis Männer-Frauen. Es gibt Querverbindungen zwischen der Betrachtung von Figuren und der Untersuchung von Themen – das sind nur verschiedene Methoden, das erzählte Geschehen zu erfassen. Die Figur des Achill sollte man sich für die Interpretation reservieren: Wie Christa Wolf den Mythos verändert.

Das Motto, welches von der Autorin über ihre Erzählung gesetzt worden ist, kann ich nur mit Mühe in Beziehung zur Figur Kassandra setzen; es gibt für diese keinen unbezähmbaren Eros – nur eine einzige erotisch erfüllte Begegnung mit Aineias (S. 100; dagegen S. 130: „Nichts regte sich.“), sie verzichtet auf Aineias um einer Authentizität willen, die auch keine Rücksicht auf ihre Kinder oder Marpessa nimmt. Allerdings bereitet es ihr Lust, in Myrines Haar zu wühlen (S. 9); dann gibt es noch Lust für die männlichen Kriegsopfer (S. 148), im Zusammenhang mit den Berührungsfesten (S. 149). Anderseits berichtet sie, sie habe sich vom sexuellen Begehren befreit (S. 62). - Vielleicht ist Achill von unbezähmbarem Eros erfüllt – doch für den gilt: „Achill das Vieh“ (S. 83).

Ziel: Themen über den Verlauf des Geschehens verfolgen können
Dieses Ziel ist der Thematik des Buches verpflichtet; ob es ein einziges Thema gibt, darüber lässt sich trefflich streiten. Es geht um das Verhältnis von Männern und Frauen. Für das Thema „Männer“ gibt Achill Stichwort und Anschauung: „Die nackte gräßliche männliche Lust.“ (S. 84) Männer sind ichbezogene Kinder (S. 11), Männer brauchen uns Frauen als Opfer (S. 136); Kassandra ist am Ende froh, dass sie Frau sein darf (S. 125).
Achill und Panthoos werden in Tiervergleichen erfasst (S. 123, 129, 135, 137 u. ö.).
   Dieses Thema spaltet sich in zwei Unterthemen auf:
a) der Krieg; Prototypen sind Paris und Eumelos, der von ihm abhängige Priamos und Achill; Lug und Betrug, Verrat und Ende jeden geregelten Anstands, das ist der Krieg.
b) die Beziehungen zwischen Männern und Frauen; das sollen hier die von Kassandra beobachteten Beziehungen sein, also die von Priamos und Hekabe, die der Geschwister,
Achill und die Frauen, Agamemnon und die Frauen.
   Das zweite Thema sind die Frauen; da denke ich zunächst an das, was Kassandra als Frau selbst erlebt, mit vielen Unterthemen: als Tochter, als Schwester, als Freundin, als Geliebte (mit der seltsamen Aufspaltung Panthoos - Aineias) bzw. „Schülerin“ des griechischen Priesters, als Ehefrau und Mutter, als freie Frau in der Kommune (wir Frauen). Das überschneidet sich naturgemäß mit den Frauen, die sie beobachtet: Arisbe, Briseis, Marpessa, Myrine, Penthesilea. Bedeutsam ist das Pronomen „wir“, in dem Kassandra ihre Zughörigkeit festhält („wir Frauen alle“, S. 135; S. 137!).
   Die Kriegsdarstellung kann man auf den Ost-West-Konflikt im Kalten Krieg mitsamt der damaligen Nachrüstung beziehen, aber auch grundsätzlicher sehen; die feministische Gegen-Darstellung der mythischen Figuren muss unbedingt beachtet werden; das ist eine Aufgabe für den 3. Schritt, die Interpretation.

3. Schritt: die Erzählung interpretieren

Unter der Interpretation wird hier verstanden, dass man die Erzählung in Zusammenhänge einordnet: in die deutsche Literatur um 1980, in das Werk Christa Wolfs, in die von ihr selber in den Frankfurter Poetik-Vorlesungen skizzierten Voraussetzungen. Konkret bedeutet dass, dass man das Buch auch in die Geschichte des Kalten Krieges um 1980 und auch in die feministische Literatur einordnet.

Ziele: Die Schüler sollen
- einen Überblick über Hilfsmittel zum Verständnis des Romans gewinnen,
- den Roman in seiner Stellung in der deutschen Literatur um 1980 begreifen,
- die Bedeutung von Wolfs Roman für unsere Gegenwart reflektieren.

Mit diesen Zielen könnte man sich monatelang befassen, aber dazu fehlte die Zeit; ich schlage vor, dass man die Themen arbeitsteilig bearbeitet und die Ergebnisse referieren lässt, vgl. http://norberto42.kulando.de/post/2007/10/23/arbeitstechnik_prasentation
Die Analyse von Sachtexten und ihre Erörterung wird v. a. am dritten Lernziel orientiert sein, vgl. http://norberto42.kulando.de/post/2005/12/21/theoretische_texte_analysieren
http://norberto42.kulando.de/post/2007/09/14/
http://norberto42.kulando.de/post/2006/01/05/erortern
http://norberto42.kulando.de/post/2006/01/21/
Vielleicht sind die Aufsätze über Argumentationsansatz und Argumentationsstrategie in
http://norberto42.kulando.de/category/rhetorik_und_argumentation hilfreich.

Zur deutschen Literatur um 1980:

Schlosser, Horst Dieter: dtv-Atlas Deutsche Literatur (8. Aufl. 1999, S. 263 ff.)
Friedrich, Anne-Cathrin u.a.: Basiswissen . Literatur (2002, S. 408 ff.; im Netz unter www.schuelerlexikon.de)
Jäger, Manfred: Kultur und Politik in der DDR 1945 – 1990. 1994
Literatur Lexikon. Daten, Fakten und Zusammenhänge. Hrsg. von Wieland Zirbs, 4. Aufl. 2004, Stichwort „DDR-Literatur“
http://lbs.hh.schule.de/welcome.phtml?unten=/faecher/deutsch/epochen/brd/
http://lbs.hh.schule.de/welcome.phtml?unten=/faecher/deutsch/epochen/ddr/
http://www.literarischesleben.uni-goettingen.de/ (Jahresdaten zur deutschen Literatur 1945-2000)
http://www.udoklinger.de/Deutsch/Gesch/BRD.html (DDR fehlt)
http://www.ws-schwabach.de/Deutsch/10a/ddr.htm (DDR-Literatur)
Deutschland 1945-2005 (eine Chronik: http://www.bpb.de/publikationen/XHLLMV)
http://www.tcd.ie/Germanic_Studies/wende/kultur.htm (Kultur in der DDR)
http://www.politeia.uni-bonn.de/begriffe/begriffe.html (Nachkriegszeit in Frauensicht)
Zur Geschichte der BRD: http://www.bpb.de/themen/E4L482,0,0,Geschichte_der_Bundesrepublik_Deutschland.html
Geschichte der DDR: http://www.bpb.de/themen/68PQ10,0,Geschichte_der_DDR.html
Müller-Ensbergs, Helmut u.a. (Hrsg.): Wer war wer in der DDR? Bonn 2000
http://www.bpb.de/themen/2Q7F55,8,0,Ursachen_und_Entstehung_des_Kalten_Krieges.html (vgl. auch das Stichwort: Krieg, Aggression, Gewalt!)

Christa Wolf:
http://www.dhm.de/lemo/html/biografien/WolfChrista/ (Skizze einer Biografie) Es gibt Biografien von Franz Baumer, Sonja Hilzinger usw. – man muss schauen, was am Ort greifbar ist. In Kindlers Neues Literatur Lexikon sollte man die Artikel über „Der geteilte Himmel“ (1963), „Nachdenken über Christa T.“ (1968), „Kindheitsmuster“ (1976) und „Kassandra“ (1983) lesen.
http://www.politeia.uni-bonn.de/biographien/wolf/wolf.html
http://www.feministische-sf.de/einzelne_autorinnen/fsf_christa-wolf.html
http://www.ub.fu-berlin.de/internetquellen/
   Christa Wolf ist nicht Kassandra - dessen muss man sich bewusst sein. In ihrer Erzählung (nicht: im Protokoll) „Was bleibt“ (1990), im Sommer 1979 geschrieben und im November 1989 überarbeitet (?), wird ein Tag aus dem Leben der von der StaSi beobachteten Frau Wolf erzählt. Diese Erzählung könnte man nutzen, um „Kassandra“ besser zu verstehen; Kassandra ist eine Figur Christa Wolfs, die den Weg des Widerstands gegen die Staatsgewalt zu Ende geht.
   Auch die Erzählung „Kein Ort. Nirgends“ (1979) berührt thematisch „Kassandra“ (1983). An der Macht und am Staat Preußen leidet der Denker Kleist – Kassandra leidet mit den anderen Frauen an den Machthabern und ihrer Männlichkeit. Man wird in Kleists Leiden an Preußen Christa Wolfs Leiden an der DDR erkennen dürfen; und man wird ihren Weg von 1967 (Verlust des Status: Kandidatin des Zentralkomitees des SED) über 1976 (Protest gegen die Ausbürgerung Biermanns) bis 1989 (Austritt aus der SED) als eine Geschichte verstehen dürfen, in der sie ihren Konflikt zwischen marxistisch-kommunistischer Überzeugung und dem Streben nach Autonomie gelebt hat. Im Westen wurden im Kalten Krieg solche persönlichen Konflikte als Auflehnung gegen die staatliche Gewalt wahrgenommen („Dissidenten“).
(Christa Wolf hat die Zensur ihrer „Voraussetzungen einer Erzählung“ in der DDR 1983 noch hingenommen; im Juni 1989 ist sie aus der SED ausgetreten.)

Rezeption der Erzählung „Kassandra“
Eine Übersicht über die westliche Rezeption bietet Preusser, Heinz Peter: Projektionen und Missverständnisse. In: Text und Kritik, Heft 46: Christa Wolf, 4. Aufl. 1994, S. 68-87
Für die Rezeption in der DDR siehe Jäger, Manfred: Kultur und Politik in der DDR 1945-1990. Köln 1994, S. 219 ff.
http://www.editionkerpen.de/kassandra_wolf.htm

Feministische Literatur in Deutschland:
In der BRD erschien 1973 Katrin Struck: Klassenliebe; 1975 Verena Stefan: Häutungen; in der DDR 1974 Irmtraut Morgner: Leben und Abenteuer der Trobadora Beatriz; 1974 Brigitte Reimann: Franziska Linkerhand. 1977 erschien in ganz Deutschland Maxi Wander: Guten Morgen, du Schöne (Interviews, Lebenswege von Frauen in der DDR; das Vorwort für die West-Ausgabe schrieb Christa Wolf). Feministische Literatur gab es in Ost und West: Der Unterschied zwischen den Gesellschaftssystemen relativierte sich.

Feminismus:
„Doch was ist eigentlich der Kern des Feminismus? In zwei Sätzen gesagt: Es sind die uneingeschränkt gleichen Chancen, Rechte und Pflichten für Frauen wie Männer; sowie die Infragestellung des herrschenden männlichen Prinzips - zugunsten einer menschlichen Utopie. Das und nichts anderes waren Anfang der Siebziger die deklarierten Ziele der Frauenbewegung.“
(Alice Schwarzer, Vorwort ihrer Gespräche mit Simone de Beauvoire, Neuauflage 2007 – hier nach SZ vom 27. Oktober 2007: „Besuch bei der großen Dame“, S. 16)
Was ist „das herrschende männliche Prinzip“?
Die Sachverständigenkommission für Kriminalprävention der Hessischen Landesregierung formulierte: „Die männliche Gewaltkriminalität entspricht und entspringt dem gesellschaftlichen Konzept der Männlichkeit, dem ‚männlichen Prinzip‘, das sich beispielsweise ausdrückt
- in der Härte gegen sich selbst und andere
- in Durchsetzungsvermögen um jeden Preis,
- in der Herrschafts- und Erfolgsorientierung,
- in der Rücksichtslosigkeit gegen Schwächere,
- in der Betonung des Individuellen gegenüber dem Sozialen,
- in der Unterdrückung ‚weicher‘ Anteile
- in der Verdrängung von Ängsten.“
Diese Attribute seien für Erfolgs- wie für Kriminalkarrieren funktional und typisch.
(http://cgi.dji.de/bibs/252_1995MaennlicheGewalt.pdf, dort S. 3)
http://www.fluter.de/de/feminismus/thema/6355/?tpl=162 (Was bedeutet heute Feminismus? – Dem Thema Feminismus ist ein ganzes Heft fluter.de gewidmet.)
http://www.conne-island.de/nf/74/23.html (Materialistische Gesellschaftskritik und radikaler Feminismus)
http://www.freitag.de/2004/09/04092302.php (Ökonomie der Geschlechter, marxistisch)
http://www.frauenmediaturm.de/heymann_weibl_pazifismus.html (weibl. Pazifismus)
http://www.uni-muenster.de/PeaCon/wuf/wf-85/8530700m.htm (Mutterrecht und Friedfertigkeit)
http://www.wedernoch.de/thesen/mensch2.htm (Hierarchien und das männliche Prinzip)
http://www.aspekt.sk/desat.php?desat=113 (Unterdrückung eigener Erfahrungen und Gefühle zugunsten der gesellschaftlichen Ideologie: Frauen akzeptieren ihre Benachteiligung - warum?)
http://wilhelm-griesinger-institut.de/veroeffentlichungen/seelenvergiftung.html (über feministische Seelenvergiftung)
http://www.wedernoch.de/thesen/mensch1d.htm (Mensch, Gesellschaft und Macht)
Susanne Buettner: Über den feministischen Tellerrand hinausblicken (pdf-Datei: Menschliches statt männliches Fehlverhalten in „Kassandra“ und „Medea“)
   Ein Aspekt von Kassandras Feminismus ist, dass sie keinen Helden lieben kann (S. 154). Es könnte geprüft werden, was sie damit meint, und erörtert werden, welche Bedeutung Helden, Idole, Vorbilder
http://www.dwds.de/?kompakt=1&sh=1&qu=Held (Wörterbuch zu „Held“)
http://www.textlog.de/cgi-bin/search/search.cgi?q=Held („Held“ in der Literatur)
http://www.wie-sagt-man-noch.de/synonyme/ (Synonyme für „Held“)
http://synonyme.woxikon.de/synonyme/Held.php (dito)
Unter der Kombination „Held Vorbild Idol“ habe ich im Netz
gefunden:
http://www.immanuel-online.de/pdf/helden.pdf (Wörterbuch zu „Held“)
http://www.ron-matz.de/textosteron_idolatrie.php („Held“ in der Literatur)
http://web.uni-frankfurt.de/fb09/kunstpaed/indexweb/publikationen/idol.htm (Jugend-Idole in der medialen Präsentation)http://www.schulfach-ethik.de/ethik/Grund-Hauptschule/personen_als_vorbild.htm (Idole und Vorbilder)
http://www.suedwestweb-berlin.de/struktur/v0199/s0199.html (weitere Links!)
http://www.dramaking.de/archiv/356 (Blog-Beitrag)
http://www.zeit.de/2003/24/Jan_Ullrich?page=2 (Jan Ulrich als „Held“)
   Wer sich sachlich fundiert über frühe Formen von Recht und Herrschaft informieren will, sollte lesen: Wesel, Uwe: Der Mythos vom Matriarchat, 1980; derselbe: Frühformen des Rechts in vorstaatlichen Gesellschaften, 1985; Popitz, Heinrich: Phänomene der Macht, unbedingt 2. Aufl. 1992, v. a. S. 185 ff.; Vowinkel, Gerhard: Verwandtschaft, Freundschaft und die Gesellschaft der Fremden. Grundlagen menschlichen Zusammenlebens, 1995.
http://de.wikipedia.org/wiki/Soziokulturelle_Evolution

Krieg, Aggression, Gewalt
Vermutlich wird man diese Thematik sachlich (d. h. soweit sie über die Textanalyse des Romans „Kassandra“ hinausgeht) höchstens in Zusammenarbeit mit einem Kurs Sozialwissenschaften bearbeiten können, wenn selbst dazu die Zeit nicht fehlt.
http://www.fluter.de/de/gewalt/editor/?tpl=83 (Gewalt)
http://logos.kulando.de/post/2007/11/17/motive_der_weltliteratur_krieg
Ruloff, Dieter: Wie Kriege beginnen, München 1985
   Zum Stichwort „Feindbilder“ findet man im Internet mehr als genug Links, falls man die Entstehung und Wirkung von Feindbildern erörtern möchte.
http://www.dhm.de/ausstellungen/kalter_krieg/start.htm (deutsch-deutsche Feindbilder im Kalten Krieg, berührt die Untersuchung der deutschen Geschichte)
http://www.stiftung-aufarbeitung.de/downloads/pdf/BALBIER.pdf
http://www.geschichte-lernen.de/index.cfm?5E09F594E38E4CF58CECC63BF031FC35
http://www.burkhard-mohr.de/archiv.liste.php?rubrik=1&i=20 (aktuelle Karikaturen)

Frauenliteratur:
http://de.wikipedia.org/wiki/Frauenliteratur
http://referateguru.heim.at/Frauenliteratur.htm
http://www.faz.net/s/Rub117C (kritisch zum Begriff)
http://misoskop.viennablog.at/2007/07/09/frauenliteratur (kritisch zum Begriff)

Weibliches Schreiben:

http://www.kritische-ausgabe.de/hefte/frauen/frauwolff.pdf (Rochus Wolff zur Frage, ob Frauen anders schreiben; an die Unterscheidung sex-gender gebunden)
http://prghorn.kilu2.de/journal/Kassand2.htm (antimythologische Begründung weiblichen Schreibens in „Kassandra“!)
http://www.uni-hamburg.de/volkskunde/Texte/Vokus/2000-1/tagebuch2.html
http://www.uni-essen.de/literaturwissenschaft-aktiv/Vorlesungen/methoden/feminlitwiss.htm
http://www.astridhoffmann.de/ (kritisch zum Thema)

Auseinandersetzung mit dem Mythos
Ich schlage vor, dass man eine Liste anlegt und (aufgrund von Robert von Ranke Graves: Griechische Mythologie. Quellen und Deutung, Bd. 2) untersucht, welche Figuren in Wolfs Kassandra gegenüber dem traditionellen Mythos neu hinzukommen und welche fehlen; dieses Buch von Ranke-Graves ist eine wichtige Quelle für Christa Wolf gewesen.
http://www.hamburger-bildungsserver.de/ (Antike auf dem Hamburger BS)
http://www.literaturwissenschaft-online.uni-kiel.de/veranstaltungen.pdf
http://home.bn-ulm.de/~ulschrey/literatur/wolf/kassandra.html (Dieter Schrey, über die Arbeit am Mythos in „Kassandra“)
   An der Figur der Kassandra kann man untersuchen, worin sich Wolfs Darstellung oder Sicht von der des Mythos unterscheidet; dazu kann man auch ihre Poetik-Vorlesungen heranziehen. Auch ihr Vortrag ist zu beachten: http://www.bbs1-northeim.de/Unter-projekte/.pdf
Schmidt, Svenja: Antiker Mythos und moderne Literatur am Beispiel der Erzählung „Kassandra“ von Christa Wolf, 1999 (e-book)
Frenzel, Elisabeth: Stoffe der Weltliteratur. Ein Lexikon dichtungsgeschichtlicher Längsschnitte. 10. Aufl. 2005, Artikel „Kassandra“
Dominique Stöhr: Christa Wolfs Kassandra im Spannungsfeld von feministischer Ehtnologie, gender studies und Mythosrezeption (2001, pdf-Datei)
Walther, Lutz: Antike Mythen und ihre Rezeption. Leipzig 2003
Mythos Kassandra. Texte von Aischylos bis Christa Wolf, hrsg. von Matthias Falke. RBL 20114
   Wichtig erscheint mir eine Konfrontation der Darstellungen Achills als des Helden bzw. des Viehs schlechthin (im Mythos / bei Christa Wolf).
http://de.wikipedia.org/wiki/Trojanischer_Krieg
http://de.wikipedia.org/wiki/Achilles
http://www.f-r-g.de/website/faecher/de/13antikemythen/13antikemythen.html
Artikel „Ilias“ im KLL
Frenzel, Elisabeth: Stoffe der Weltliteratur. Ein Lexikon dichtungsgeschichtlicher Längsschnitte. 10. Aufl. 2005, Artikel „Trojanischer Krieg“ und „Achilleus“
Allgemein:
http://www.mythenrezeption.uni-tuebingen.de/links.html (dort anklicken: Mythologie im Internet)
http://www.wedernoch.de/thesen/z_mythen2.htm
Ein anderes Suchwort neben „Auseinandersetzung mit dem Mythos“ ist „Antikerezeption“, unter dem einige Projekte an deutschen Unis laufen, oder der Begriff „Transformation der Antike“. Vgl. http://c2m.free.fr/al/litte.htm oder http://de.wikipedia.org/wiki/ (Kategorien der Antikerezeption dort)
Vielleicht kommt man weiter, wenn man Wolfs „Kassandra“ als Gegenentwurf gegen das antike Heldenepos oder die Heldensage versteht und sich nicht am Begriff „Mythos“ festklammert:
http://lexikon.meyers.de/meyers/Heldenepos
http://lexikon.meyers.de/meyers/Epos
http://de.wikipedia.org/wiki/Heldenepos
http://www.freenet.de/freenet/kino/filme/troja/index.html
http://www.wissen.de/wde/generator/wissen/ressorts/
http://lexikon.meyers.de/meyers/Heldensage
http://wapedia.mobi/de/Heldensage
http://www.retrobibliothek.de/retrobib/seite.html?id=107882#Heldensage

Zur Interpretation des Dritten (S. 120, vgl. 99 und 133)
Wenn man fragt, was mit dem so genannten Dritten gemeint ist, kommt man vielleicht auf drei Wegen weiter:
1. Es geht um die Überwindung einer Konfrontation, in der vermeintlich nur einer gewinnen kann, vielleicht aber beide verlieren (die politische Interpretation); das wird in der Spieltheorie theoretisch und praktisch diskutiert:
http://www.uwenowak.de/arbeiten/gefangenendilemma.xhtml (einfach, mit Aufgaben)
http://www.4managers.de/themen/spieltheorie/
http://www.methode.de/st/ws/stws003.htm (einfach)
http://www.spieltheorie.de/ (mit praktischen Aufgaben)
http://www.mathematik.de/spudema/spudema_beitraege/beitraege/kuhlenschmidt/index.htm (einfach, mehrere Stichwörter)
http://infos.aus-germanien.de/Spieltheorie (mit Querverweisen)
http://classic.unister.de/Unister/wissen/sf_lexikon/ausgabe_stichwoerter27_y.html (Lexikon!)
http://www.eckhartarnold.de/papers/spieltheorie/node1.html (skeptisch)
2. Wenn es um die theoretische Geltung zweiwertiger Unterscheidungen geht, kann man sich mit dem Phänomen der sprachlichen Antonyme und mit Gotthard Günthers Kritik an der zweiwertigen Logik befassen (Vorsicht, schwierig!):
a) Antonyme: Müller, Wolfgang: Das Gegenwörterbuch. Ein Kontrastwörterbuch mit Gebrauchshinweisen, Berlin 2000
Lyons, John: Semantik. Band I, München 1980, S. 281 ff.
http://santana.uni-muenster.de/Linguistik/user/steiner/semindex/paradigma.html
http://santana.uni-muenster.de/Linguistik/user/steiner/semindex/semindex.html
(Semantik und Pragmatik: Basis der Ausführungen über Antwonyme)
http://wapedia.mobi/de/Antonym (Übersicht: Arten von Antonymen)
http://www.phil-fak.uni-duesseldorf.de/asw/gfs/deutsch/onlinewb/frames.html (dort: „Bedeutungsbeziehungen, logische“)
b) zu Gotthard Günther:
http://de.wikipedia.org/wiki/Gotthard_G%C3%BCnther
http://www.thinkartlab.com/pkl/media/kurtk/obgeist.htm
http://www.textem.de/346.0.html
http://www.vordenker.de/ggphilosophy/ggphilo.htm
3. Mit der Formel „Leben im Geist“ greift Kassandra auf christliche Schlagworte vor (Christa Wolf greift darauf zurück), die auf eine Befreiung hinweisen und deshalb oft im Predigtton behandelt werden. Ich habe unter den Stichworten „Geist - Buchstabe“ (bzw. pneuma - gramma) und „Leben Geist“ nachgeschaut:
http://also.kulando.de/post/2006/12/30/ber_ds_unaussprechliche
http://www.welt-der-bibel.de/bibliographie.1.3.zweite_Brief_Paulus_Korinther.75.html (vor allem zu Vers 6!)
http://www.stereo-denken.de/joachim.htm
http://www.fbgg.de/perspektiven/06-00/0600-1.htm
http://www.come2god.de/koeberlelebenimgeist.htm
Das Thema „Geist“ als eines der zentralen Themen europäischen Denkens kann nicht erschöpfend behandelt werden. [Der Autorin Wolf mag es um ein Leben aus dem Geist des Sozialismus statt aus dem Buchstaben der SED gegangen sein.]

Dem Lehrer sei das Buch „Moderne Literatur in Grundbegriffen“, hrsg. von Dieter Borchmeyer und Viktor Zmegac, 2., neu bearbeitete Auflage 1994, empfohlen: „Frauenliteratur, Innerer Monolog, Intertextualität, Metatextualität, Moderne/Modernität, Mythos, Neue Subjektivität, Realismus, Roman, Utopie/Antiutopie“ sind relevante Stichwörter.

Nach menschlichem Ermessen erscheint im Frühjahr 2008 ein von mir verfasstes Lehrerheft mit der Ausarbeitung dieser Ideen in Aufgaben und Lösungserwartungen sowie mit Materialien (im Verlag Krapp & Gutknecht, Rot an der Rot). Deshalb behalte ich mir alle Rechte der wirtschaftlichen Nutzung dieses Beitrags über Wolfs "Kassandra" vor. - Inzwischen bin ich "natürlich" in meiner Arbeit für das Lehrerheft ein Stück über den Stand dieser Einsichten hinausgekommen - aber dazu sage ich jetzt nichts; sonst bestünde ja kein Anlass mehr, sich das Lehrerheft anzuschauen.

von: norberto42
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Geändert am 6. September 2008 um 16:32

Dienstag, 11. September 2007

Musil: Die Verwirrungen des Zöglings Törleß - Analyse, Analysen...

Das war der Titel eines großen Aufsatzes (einschließlich Vorschläge für eine Unterrichtseinheit), den ich bei kulando.de in meinem logos-blog veröffentlicht hatte. Dann gab es am 6. September 007 einen Kommentar aus Italien, den zu übersetzen ich einen Kollegen gebeten habe; der sagte, das sei dummer Mist, falsches Italienisch, die angegebene URL-Adresse vermutlich etwas zum Abzocken oder Stören. Darauf habe ich den Kommentar beim Moderieren verworfen. Bald darauf war mein ganzer schöner Musil-Artikel futsch.

Jetzt habe ich ihn restauriert, genauer: auf zwei Artikel verteilt, nämlich
http://logos.kulando.de/post/2007/09/10/musil_die_verwirrungen_des_zoglings_torle_-_unterrichtseinheit und
http://logos.kulando.de/post/2007/09/10/musil_die_verwirrungen_des_zoglings_torle_-_analysen_links.

von: norberto42
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Geändert am 12. September 2007 um 00:09

Montag, 5. Februar 2007

Chamisso: Peter Schlemihls wundersame Geschichte - Analysen

Zeitstruktur in Kap. I - IV
Unter diesem Begriff wird erfasst, welche Bedeutung der Erzähler welchem Ereignis schenkt, indem er relativ knapp oder breit von ihm berichtet. Im Erzählerbericht kann man episodisches (szenisches) und summarisches Erzählen unterscheiden. (Ich folge wieder der Seiten- und Zeilenzählung von RUB 93, 2003).

In Kap. I werden episodisch erzählt
- Einkehr im Wirtshaus (9/8 ff.),
- Empfang im Haus des Herrn John, Gespräch mit diesem (9/28 ff.),
- verschiedene Leistungen des grauen Mannes (10/29 ff.),
- Begegnung Peters mit dem Grauen, Schattenverkauf (13/29 ff.)
Die Ereignisse dieses ersten Tages enden damit, dass Peter (in Kap. II) im Gold wühlt und darüber einschläft (17/34).
   Die meiste Zeit nimmt der Erzähler sich, wenn er Gespräche wörtlich (zeitgleich) berichtet: das Gespräch mit Herrn John (10/3-16) und vor allem das Gespräch Peters mit dem Grauen (14/6 - 15/31). Relativ viel Zeit nimmt der Erzähler sich für den Bericht von den wunderbaren Taten des Grauen und vom Eindruck, den dieser auf Peter macht (10/35 - 13/17).
   In Kap. I werden summarisch erzählt
- die Landung (9/5 ff.),
- der Gang zum Haus des Herrn John (9/20 ff.),
- der Gang zum Rosenhügel (10/20 ff. - relativ breit),
- Peters Flucht vom Rosenhügel (13/25-27).
   Am nächsten Tag (18/7 ff.) richtet Peter sich ein und lernt Bendel kennen; am übernächsten Tag (19/34 ff.) schickt er Bendel auf die Suche nach dem Grauen und erfährt, dass dieser sich „über Jahr und Tag“ (21/12) wieder melden wird; dies tut der auch am Tag vor der geplanten Hochzeit (39/32). Für die Ereignisse des ersten Tages braucht der Erzähler also etwa ‚11 Seiten‘ unserer RUB-Ausgabe (er braucht natürlich Zeit - wir rechnen der Einfachheit halber in Seiten!), für den zweiten Tag knapp 2 Seiten, für den Rest des Jahres 20 Seiten (davon 10 für die Mina-Geschichte).
   Weitere Episoden werden eingeleitet mit „einst“ (22/22), „an einem schönen Abend“ (25/22); die erste Begegnung mit Mina wird relativ zur Vorgeschichte datiert (27/14-22), die zweite Begegnung erfolgt am nächsten Abend (29/31 ff.); es folgt eine kleine Episode („einst“ 31/23 ff.) und ein halbes Bekenntnis gegenüber Mina („einst“ 34/21 ff.), wonach Peter dem Vater seinen Heiratsantrag ankündigt. „Am nächsten Abend“ (35/31 ff.) begegnet er Mina kurz. Die Zeit bis zum Vorabend des entscheidenden Tages (36/9) wird durch einen kurzen Sammelbericht („öfters“ 36/5) überbrückt.
   Unbestimmt wird Zeit durch verschiedene Wendungen überbrückt: „die Tag' und Nächte“ (22/12); „seitdem“ (24/16); „eine Zeit lang“ (24/37); „seither“ (25/11); „ununterbrochen“ (26/15); an die Vorgeschichte anknüpfend „sobald“ (27/20); „oft“ (32/26); „öfters“ (36/5). Die Formel „über Jahr und Tag“ wird wiederholt (21/12; 24/28; 33/3 -> 39/33).
   Das ganze Kap. IV ist dem Thema gewidmet, wie er sich in dem Badeort jenseits des Gebirges (26/16 ff.) einrichtet und in die, wie sogleich gesagt wird (27/4 ff.), schließlich gescheiterte Liebe zu Mina verfällt (26/34 ff.) (Eine andere Form der Auswertung einer Zeitstruktur findet man oben zu Fontane: Irrungen, Wirrungen, und zu Eichendorff: Aus dem Leben eines Taugenichts.)

Die Orte des Geschehens scheinen (in I - IV) in Hamburg zunächst konkret und lokalisierbar zu sein (Norderstraße 9/23; Breitestraße 16/25), doch sind sie bald ganz allgemein: Hotel (17/16), (in der Welt 24/23,) in einem Garten (25/28), Badeort (26/19), mein Haus (28/29 f.), unter den Bäumen vor meinem Haus (29/20), im Förstergarten (32/34).

Peter Schlemihl als Mensch (I und Anfang Kap. II)

Peter Schlemihl ist ein armer Schlucker: Er bringt von der Fahrt nur eine kleine Habseligkeit mit, die er auch noch selbst trägt, statt einen Diener zu engagieren (9/6 f.); von einem Wohn- oder Heimatort spricht er nicht. Er geht in das billigste Hotel am Platz (9(8 f.), wird selbst dort noch skeptisch gemustert (9/10 f.) und bekommt auchnur ein billiges Zimmer unterm Dach. Er weiß jedoch, was sich gehört, wenn man einen Besuch macht, und kleidet sich reinlich (9/17 ff.).
   In der Welt der Reichen ist er ein Fremder: Er muss im Haus John „ein Verhör“ bestehen, ehe er eingelassen wird (9/29 f.); nicht ohne subtile Ironie erzählt er, wie er von herrn John herablassend behandelt wird. Der empfängt ihn nämlich „sehr gut wie ein Reicher einen armen Teufel“ (9/34; ähnlich bereits 9/30: hatte die Ehre...) und spricht nur ganz nebenbei mit Peter (9/34 - 10/2); dass Peter dem Diktum von der Selbstverständlichkeit, reich zu sein, beipflichtet („mit vollem überströmenden Gefühl“, 10/11 f.), ist objektiv ironisch. Seine Fremdheit in dieser Umgebung drückt er noch einmal ironisch aus, dass er hinterherschleicht, „ohne jemandem beschwerlich zu fallen“ (10/20 f.): Er gehört schlicht nicht zu den Schönen und Reichen.
   In der Begegnung mit dem grauen Mann wächst bei dessen Kunststücken von Mal zu Mal seine Betroffenheit: Auf das Pflasterbesorgen reagiert Peter noch nicht (10/37 ff.); dass der Graue das Fernrohr hervorholt, verwundert Peter (11/21-23); den Teppichzauber sieht er betroffen (12/5 ff.), während die Gesellschaft überhaupt nicht darauf reagiert - wie auch beim Zeltzauber, wo Peter „unheimlich, ja graulich zu Mute“ ist (13/1), erst recht beim Pferdezauber (13/2 ff.). Der Schauder, der ihn ergriffen hat, hat sich ins Unerträgliche gesteigert (13/16 f.); er beschließt wegzugehen. [Mit dem sorgsam zum Schauder gesteigerten Grauen entstehen der abgrundtiefe Hass (50/13) und das letzte Entsetzen Peters (59/24), in dem er endgültig dem grauen Mann abschwört.] 
   Als dann der Graue sich ihm nähert, erschrickt er und hat Angst (13/29; 13/37 f.; 14/10), ohne sich ihm jedoch entziehen zu können: Nach dem Angebot des Schattenverkaufs ist er verwirrt (14/24 f.); der Hinweis auf die Tasche mit den unmöglichsten Inhalten erzeugt wieder einen kalten Schauder (14/36). Als ihm dann „Fortunati Glückssäckel“ angeboten wird, nimmt der Graue seinen „ganzen Sinn gefangen“ (15/19 f.): „Ich bekam einen Schwindel...“ In diesem Schwindel schließt er das Geschäft ab, und auch danach ist in ihm „noch keine Besinnung“ (16/4).
   Danach macht er verwirrende Erfahrungen: Ohne Schatten ist er auch unter den normalen Menschen ein Fremder, was ihn zur verzweifelten Frage führt: „was konnte, was sollte auf Erden aus mir werden!“ (17/10 f.). Nachdem er ausgiebig geweint hat (17/4), wechselt er in ein nach Norden gelegenes Hotel, wo er vom Sonnenlicht verschont ist (17/16 ff.), und wühlt dort rauschhaft in seinem Gold (17/20 ff.). Nach seinem Traum vom forschenden Chamisso, der tot ist, was durch das Stehenbleiben der Uhr unterstrichen wird (17/33 ff.), erfasst ihn jedoch ein Überdruss am Gold (18/11 ff.) und er bezeichnet das Tauschgeschäft nur noch als törichten Handel (20/1, vgl. 18/12: törichtes Herz). Ein neuer Test, wie er als Schattenloser auf andere wirkt (19/6 ff.), lässt ihn den Plan fassen, den törichten Handel rückgängig zu machen (20/1 ff.), und setzt damit das weitere Handeln Peters (II - IV) wie das weitere Geschehen (Versuche des Grauen, ihn zum Teufelspakt zu bewegen, Kap. V - VIII) in Bewegung: als Versuche, mit der Schattenlosigkeit so oder so fertig zu werden.  

Du-Anreden an Chamisso

Eine der Eigentümlichkeiten der Novelle besteht darin, dass der Ich-Erzähler Peter sich häufig an seinen Freund Chamisso als den Leser (oder Zuhörer - das wird in den beiden Briefen an Julius Eduard Hitzig klar: 4/28 ff.) seiner Geschichte wendet. Das sind einmal Stellen, an denen das Erzählen durch solche Hörer-Anreden lebendiger wird (13/4 f. und 13/10-12; 17/35 ff.); auch erklärt Peter manchmal, warum er sich im Erzählen an diesen Stellen kurz fassen möchte, weil Chamisso solches ohnehin kennt (19/16 f.; 25/16-18); gelegentlich kommentiert Peter so auch aus „heutiger“ Sicht vergangenes Geschehen, dass er sich etwa schämt, so etwas seinem Freund zu beichten (17/21-23; 29/17-19). An den zuletzt genannten Stellen nähert sich die Anrede dem Kommentar an.

Erzählerkommentare in I - IV
Es ist nicht immer klar zu entscheiden, ob ein echter Kommentar aus heutiger Sicht oder eine erzählte Einschätzung aus vergangener Zeit vorliegt (z. B. 17/4-10).
   Oft sind die Kommentare ganz harmlos (13/23 f.; 31/32 f.; 33/16-18), auch zum Zeitgeschehen (31/18-20). Bedeutsam ist der Kommentar, mit dem die Mina-Erzählung eingeleitet wird (26/22 ff. und 27/4 ff.). Da bekennt Peter einmal, die Liebe vorbei ist und auch im Erzählen nicht mehr lebendig wird (26/22 ff.); der Begriff „Wahn“ (26/29 und 27/11) deutet vielleicht darauf hin, dass er nach heutiger Einschätzung Mina nicht wirklich geliebt hat, im Gegensatz zur früheren Beurteilung des Verhältnisses (32/ 11 ff.; vgl. auch 27/4 ff.). Das hängt offensichtlich mit seinem Alter (und der Herrschaft der Vernunft heute, 27/9) zusammen, könnte also auch einfach auf das „normale“ Vergehen jeglicher Liebe anspielen (27/8 ff.). - Insgesamt sagen die beiden Kommentare, dass nun nicht eine Liebesgeschichte erzählt wird, sondern eine bedeutsame Episode aus Peters Lebensgeschichte, die zur Entscheidung in der Frage des Teufelsbundes drängt.
   Auch Minas Brief verdient Beachtung - sie hat in Peter den Adeligen gesehen, den sie liebt und auf den sie schweren Herzens verzichten will (33/19 ff).

Zeitstruktur in Kap. V - VIII
Am Morgen des Tages, wo Peter den Heiratsantrag machen will,
kündigt Rascal den Dienst wegen Peters Schattenlosigkeit auf (36/25ff.),
stellt der Förster ihm ein Ultimatum (3 Tage), mit Schatten zu erscheinen (37/27 ff.),
entflieht Peter (39/24-27). -> (unbestimmte Zeitlücke)
Am gleichen Tag (so wegen 44/14 f.)
begegnet Peter in der Heide dem Grauen (39/29 ff.);
er erhält dessen 1. Angebot: Tausch des Schatten gegen die Seele (40/10 ff.);
- Disput über den Wert der Seele (40/35 ff.);
dessen 2. Angebot, durch die Tarnkappe geschützt Mina von Rascal bedroht zu sehen
(41/10 ff.), lehnt Peter ab;
der Graue zeigt Peter seinen Schatten als den Schatten des Grauen (42/9 ff.);
Bendel trifft ein, verprügelt und verfolgt den Grauen (42/34 ff.).
- Peter ist einsam (43/17 f.); // Ende Kap. V
er steht im Konflikt, ob er Minas wegen auf die Seele verzichten soll (43/21 ff.).
---------------
* Neuer Tag beginnt (44/9), es vergehen zwei Tage.
---------------
Am vierten Tag (so 44/14 f., vgl. das Ultimatum des Försters!)
kommt ein Schatten allein daher (44/21 ff.),
erkämpft Peter sich das unsichtbarmachende Vogelnest (45/18 ff.)
und geht zum Forsthaus (46/7 ff.), von einem Unsichtbaren begleitet;
er erkennt den Grauen (47/1, mit Tarnkappe), der ihm das Vogelnest abnimmt (47);
er erhält dessen 3. Angebot: Schatten plus Mina (inklusive Bestrafung Rascals) plus Kappe gegen die Seele tauschen (47/27 ff.);
Peter sieht Rascal als Bräutigam und die verzweifelte Mina (48 f.) und ist deswegen drauf und dran, den Teufelspakt zu unterschreiben (49/17 ff.; 50/35 f.).
[Großer Kommentar, mit Anrede Chamissos 49/25 ff.] (wirkt wie Zeitdehnung!)
Peter fällt in Ohnmacht, statt zu unterschreiben (50/29-37). // Ende Kap. VI
---------------
Am nächsten Tag, als er zu sich kommt, ist Mina verheiratet (51/1 ff.) [oder geschah das am gleichen Morgen?];
vom Grauen beschimpft, geht Peter nach Hause (bis 52/11);
Peter trifft Bendel, der ihm die Ereignisse „zu Hause“ erzählt (52/22 ff.),
er trennt sich von Bendel (53/17 ff.).
Es ist Nacht (53/34), er reitet los, er ist am Tiefpunkt seines Lebens angekommen (53/36 f.). // Ende Kap. VII
Ein Spaziergänger begleitet ihn.
[Kommentar 54/17-25, über die Bedeutung der inneren Stimme]
---------------
Am anderen Morgen (55/2) erkennt er den Grauen als seinen Begleiter;
der leiht ihm seinen Schatten (55/20 ff.);
Peter will diesen entführen, was aber scheitert (bis 56/23);
er setzt die Reise mit Schatten und dem Grauen fort;
Peter berichtet, dass er damals erkannt hat, in welchen Konflikt er durch die Abhängigkeit vom verhassten Schattenverleiher gekommen ist (57/2-15).
--------------- (unbestimmte Dauer) ->
„Einst“ führt(e) der Graue wieder verführerische Reden (57/16 ff.);
Peter erklärt in der Rückschau, dass so der entscheidende Kampf begann (57/31):
In einem Streitgespräch eröffnet der Graue ihm die Möglichkeit, ihn jederzeit mittels des Geldsäckels zu rufen;
als der Graue ihm auf Peters Frage Thomas John als arme Seele zeigt, ist Peter entsetzt, beschwört den Bösen und wirft den Geldsäckel fort (59/15 ff.). // Ende Kap. VIII
Auswertung:
Es wird ein Geschehen erzählt, das sich über sechs Tage und einen weiteren („einst“) erstreckt, von denen aber zwei nur gestreift werden; insgesamt geht es darum, ob Peter den Teufelspakt abschließt, um seinen Schatten wieder zu bekommen, sei es um Minas oder seiner neuen Stellung in der Welt willen. Beim ersten Mal rettet ihn die Ohnmacht, beim zweiten Mal der Anblick des in die Hölle gefahrenen Thomas John. Beide Male findet er so die „richtige“ Lösung in seinem Konflikt.
[Erzähltechnisch sollte man die Steigerung in den Versuchen des Grauen, Peter zu verführen, würdigen; der zweite Konflikt ist notwendig, weil der erste ja nicht von Peter entschieden, sondern er durch ein gütiges Schicksal vor einer falschen Entscheidung bewahrt wurde.] 

Zeitstruktur in Kap. IX - XI
- Fortsetzung: Ruhe und Heiterkeit nach der Beschwörung des Grauen (59/32 - 60/9);
- Peter träumt von schattenlosen Menschen (60/10-24)
--------------- (neuer Tag)
- Peter überlegt, was er tun soll, und geht los (60/25 ff.);
- Begegnung mit einem Bauern, der sich von ihm abwendet (61/8 ff.);
- Peter setzt die Wanderung zum Gebirge fort, über Stunden (61/35 ff.).
---------------
ein paar Regentage (62/11-15)
---------------
- Peter kauft auf einer Kirmes Stiefel und geht los (62/15 ff.),
- bemerkt, dass er nicht normal vorankommt (62/32),
- geht weiter durch viele Landschaften
- und erkennt, dass er Siebenmeilenstiefel besitzt (63/36 f.). // Kapitel IX zu Ende
- Er beginnt dankbar zu weinen und erkennt seine Lebensaufgabe (64/1 ff.).
[Kommentar 64/10-14]
- Er geht weiter und siedelt sich in der Thebais an (64/15 ff.), geht weiter...
- und versucht mehrfach vergeblich, nach Australien zu kommen (65/13 ff.).
[Kommentar 65/26-29]
->->-> Vorgriff: Oft hat er später diesen Versuch vergeblich wiederholt (65/30 - 66/6)
- kommt in der Nacht in die Thebais zurück, hat die Morgendämmerung überholt!
--------------- (neuer Tag)
- Peter schafft an, was er als Forscher alles braucht, und beginnt seine neue Lebensweise (66/13-36).
---------------
Sammelbericht vom Forscherleben: unbestimmte Dauer (66/37 - 67/14); Ankündigung eines letzten Abenteuers (67/14 f.) // Kap. X zu Ende
---------------
- Peter begegnet dem Eisbären, Unfall, Erkrankung; er fällt (67/17 - 68/10)
---------------
- [unbestimmte Zeit später] Peter erwacht im Schlemihlium (68/11 ff.), hört einiges;
---------------
- Sammelbericht („einige Zeit“): Genesung; er erfährt auch die Vorgeschichte des Schlemihliums und den Stand Bendels und Minas (68/32 - 69/21);
---------------
- Peter hört die Unterhaltung seiner Freunde, schreibt zum Abschied einen Brief und bricht auf nach Hause (69/21 - 70/32).
---------------
- Er setzt seine Arbeit fort (Sammelbericht: länger als ein Jahr, 70/32-36)
---------------
Peter kommt im Heute des Erzählens an (71/1 ff.),
- blickt auf seine Arbeit als Forscher zurück und kurz voraus (71/7-27)
- und wendet sich mit den Schlussworten an Chamisso als den Bewahrer seiner Geschichte (71/28-35).

Auswertung:
Die Geschichte mit dem Grauen ist glücklich überstanden, aber es gibt für Peter noch keine Perspektive (2 Tage) - er will sich mit der Schattenlosigkeit arrangieren. Der entscheidende Tag ist der des Stiefelkaufs; Peter erhält die Möglichkeit und das Verständnis einer neuen Lebensaufgabe und findet in der Wüste der Einsiedler sein Zuhause (S. 62/15 ff.). Vom nächsten Tag, an dem er die Vorbereitungen fürs Forscherleben trifft, geht es zum Sammelbericht von diesem Leben (66/13 - 67/14).
   Das Bärenabenteuer mit anschließender Erkrankung bereitet auf wundersame Weise die Rückkehr ins Schlemihlium vor (67/17 - 68/10); die Art und Weise, wie Peter dorthin kommt, bleibt offen. Verschiedene Episoden (68/11-31; 69/21 - 70/5, mit eingeschobenem Sammelbericht) lassen ihn die alten Freunde unerkannt wieder erleben und die gute Wendung ihres Lebens begreifen; der Bericht von der Heimkehr leitet zur unbestimmten Fortsetzung seines Forscherlebens über.
   Im Heute gibt Peter seine Einschätzung der eigenen systematisch betriebenen Arbeit preis und auch seinen Auftrag und Rat an Chamisso als den Leser seines Berichts (und damit indirekt an die Leser der Novelle, die ja „später“ von Fouqué herausgegeben wird, der das Stichwort „bewahren“ aufgreift, vgl. 71/29 f. mit S. 4 f. und 6/2 ff.). 

von: norberto42
Entry modified
Geändert am 17. August 2007 um 15:49

Montag, 22. Januar 2007

Chamisso: Peter Schlemihls wundersame Geschichte - Interpretation

Die Interpretation dieser Erzählung muss beim Schlusskapitel ansetzen. Der Erzähler sagt seinem Freund Chamisso (vgl. 13/9 ff.; 17/21 ff. usw.), er solle seine wundersame Geschichte aufbewahren, damit sie noch manchen Menschen „zur nützlichen Lehre gereichen könne“ (71/28 ff.). Seinen Freund (Chamisso) stellt er dann vor eine Wahl: Willst du „unter den Menschen leben“ oder willst du „nur Dir und Deinem besseren Selbst leben“ (71/32 ff.)? Für beide Fälle hat er etwas zu sagen:
Im Fall a) lerne verehren zuvörderst den Schatten, sodann das Geld! Diese Lehre ergibt sich aus dem, was er in Kap. I - VIII erzählt hat; denn ohne „Schatten“ nützt das schönste Geld nichts - Gangster wie Rascal schnappen einem selbst eine liebende Frau vor der Nase weg.
Für den Fall b) gilt: Du brauchst keinen Rat. Diesen Weg hat Schlemihl selber beschritten (Kap. IX ff.).
   Das bessere Selbst ist jenes Urbild des eigenen Lebens (64/10), was bei Platon „die Idee“ heißt und das einem erscheinen kann, wenn man wie Peter bereit ist, es  aufzunehmen; es ist das eigene Selbst, zu dem man aus seinem „Schlafen“ erwachen kann oder erweckt werden muss, wie später Mina und Bendel bekennen (69/25 ff. - siehe unten!). Die Heiterkeit der Seele bezeugt, dass man sein besseres Selbst gefunden hat.
   Woher weiß man aber, was zu tun ist, wenn man meinem besseren Selbst leben will? Das weiß einmal der Erzähler selber, das sagen dann auch Mina und Bendel im Schlemihlium in einem Gespräch, dem der Erzähler wunderbarerweise unerkannt zuhören darf. Der Erzähler erklärt selber, wie er dem teuflischen Angebot widerstehen konnte, seine Seele für den Schatten herzugeben, was ihm der graue Mann intellektuell brillant nahelegte (54/12 ff.: „das Wort aufzufinden, das aller Rätsel Lösung sei“). Der Erzähler vertraute gegen die intellektuellen Spiele seinem geraden Sinn und folgt wie auch sonst „der Stimme in mir, so viel es in meiner Macht gewesen, auf dem eigenen Wege“, womit er auch einen Rat Chamissos befolgte (54/22 ff.). Das führt dazu, dass er schließlich ohne Geld und Schatten dasitzt, aber heiter ist (59/31 ff.).
   Ferner sagt er selber es in einem großen Kommentar, in dem er die Bedeutung seiner Ohnmacht reflektiert (49/25 ff., der Anfang von Kap. VII); in dieser Ohnmacht trat „ein Ereignis an die Stelle einer Tat“ (54/18). Das erklärt er später so: „Es war nicht ein Entschluss, den ich fasste.“ (64/9) Vielmehr „stand plötzlich meine Zukunft vor meiner Seele. Durch frühe Schuld von der menschlichen Gesellschaft ausgeschlossen, ward ich zum Ersatz an die Natur, die ich stets geliebt, gewiesen, die Erde mir zu einem reichen garten gegeben, das Studium zur Richtung und Kraft meines Lebens, zu ihrem Ziel die Wissenschaft.“ Er hat das Urbild seines wahren Lebens gesehen (64/3 ff.). Diese Einsicht ist ihm aus dem zufälligen Kauf der Siebenmeilenstiefel aufgegangen.
   Die passivische Wendung („ward [bzw. wurde] gewiesen“) weist auf die frühere Äußerung Schlemihls im Kommentar zurück: Ein Ereignis bringt es mit sich, dass man sich ihm beugen muss („Notwendigkeit“); wenn man diese Notwendigkeit „als eine weise Fügung“ verehren lernt, dann kann man sich mit sich selber versöhnen (50/18 ff.). Dadurch erreicht man jene Heiterkeit, die Schlemihl findet (59/33), wie Mina sie längst gefunden hat (69/28).
   Damit kommen wir zur zweiten Stimme, welche dem Freund sagt, was zu tun ist: Durch eine erneute Ohnmacht (!) ist Schlemihl ins Schlemihlium gekommen und darf das Gespräch seiner Lebensgefährten Mina und Bendel anhören. Mina legt dar, dass sie einen Traum (was der Inhalt des Traums war, bleibt ungesagt - Goldbesitz? vielleicht auch die Traumexistenz der noch nicht Erwachten?) „ausgeträumt“ hat „und in mir selber erwacht bin“ (69/26). Sie bescheinigt Bendel die gleiche Heiterkeit, die daraus fließt, „dass Sie jetzt auf so gottselige Weise Ihrem Herrn und Freunde dienen“, nämlich durch seine Arbeit als Anstaltsleiter und Pfleger im Schlemihlium (69/29 ff.). Beide leben sie jetzt ihrem besseren Selbst; sie haben, wie Bendel sagt, „das erste Gaukelspiel“ ihres Lebens abgeschlossen - eine Analogie zur von Mina genannten Traumexistenz (69/31 ff.). Indem er darlegt, dass sie nun „den wirklichen Anfang erwarten“ (69/36), begibt Bendel sich auf die Bahn des christlichen Glaubens.

Es ist richtig, mit der Literaturgeschichte von Wolfgang Beutin u. a. (Metzler, 3. Aufl. 1989) in der Schlemihl-Erzählung die Entfremdungsproblematik zu sehen (S. 195). Durch das Fehlen des Schattens ist man nur den anderen fremd; die wahre Selbstfindung (oder Selbstverwirklichung) müssen jedoch auch jene leisten, welche sowohl Geld wie Schatten haben - bzw. auch im Besitz des Schattens kann man selbst-entfremdet leben, wie Rascal zeigt und wie Mina und Bendel bezeugen.

Damit habe ich die großen Linien einer Interpretation gezeichnet. Man versteht also die Erzählung Chamissos (noch) nicht, wenn man literarturgeschichtlich die Zeugnisse von Doppelgängern und Schattenexistenzen erforscht, das Motiv des Teufelspaktes (den Schlemihl ja gerade nicht schließt!) identifiziert oder die Geldgier als anfänglich treibendes Motiv Peter Schlemihls im historischen Kontext des frühen Kapitalismus untersucht. Ein methodischer Fehler wäre es, wenn man „das bessere Selbst“ oder „das höhere Selbst“ (Nietzsche: Menschliches, Allzumenschliches I 629) nur aus seinem eigenen Verständnis oder gar aus dem heutigen Sprachgebrauch aberwitziger Esoteriker oder Reiki-Anhänger erklärte, die auf einem ganz anderen Weg als Peter Schlemihl und Mina zu ihrem höheren Selbst finden.
   Für die Metaphorik von „schlafen/erwachen“ verweise ich auf meinen Aufsatz unter http://norberto42-2.blog.de/2005/07/ bzw. http://also.kulando.de/post/2007/01/05/schlafen_-_erwachen_-_aufstehen_ein_metaphernfeld; dass man zuletzt auf sich selbst verwiesen bleibt (oder sein sollte), sagt Theodor Storm im Gedicht „Für meine Söhne“ (http://www.staff.uni-mainz.de/pommeren/Gedichte/Storm/soehne.htm) in der letzten Strophe:
„Wenn der Pöbel aller Sorte
Tanzet um die goldnen Kälber,
Halte fest: du hast vom Leben
Doch am Ende nur dich selber.“

   Zum ursprünglich religiösen Motiv „seine Seele verkaufen“ (vgl. Mt 6,19 ff.) siehe http://www.amertin.de/aufsatz/2002/simpsons.htm; Goethes „Zauberlehrling“ erhält vom holden Knaben eine ganz andere Lehre als Chamisso von Schlemihl (man könnte diese aber durchaus zur Deutung des Schattens heranziehen!). Eine moderne Anwendung (Auslegung) des Bildes vom grauen Mann findet sich in dem Aufsatz http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2002/0831/magazin/0001/index.html.

Schlemihls Bekenntnise
Chamissos Novelle wird durchweg in die beiden formalen Kategorien „Märchen“ und „Novelle“ oder eine Kombination beider eingeordnet. Mit dem Stichwort „Bekenntnisse“ möchte ich auf einen Aspekt des Inhalts hinweisen, den ich bisher nicht in der Literatur gefunden habe: dass Chamissos Novelle zu den Büchern gehört, in denen jemand eine Lebensbeichte ablegt. Der Bischof Augustinus hat um 400 als erster „Confessiones“ abgelegt, also in einem Gespräch mit Gott sein Leben erzählt und Gott für die Erlösung vom Irrweg gedankt; 1782 hat Rousseau seine „Bekenntnisse“ herausgegeben. Am 26. September 1813 hat Schlemihl sein Beichte bei Chamisso abgegeben - das ist natürlich Fiktion, wie ja der ganze Brief Chamissos an Hitzig die fiktive Freundschaft mit Peter Schlemihl darstellt.
   Chamisso selber charakterisiert die bei ihm abgegebenen „Blätter“ (5/19) als „Beichte, die ein ehrlicher Mann im Vertrauen auf meine Freundschaft und Redlichkeit an meiner Brust ablegt“ (5/6 f.). Schlemihl betont diesen Zug des Beichtens, als er seine Erzählung vom seinem Goldrausch unterbricht (17/21) und bekennt, diesen Goldrausch vor Chamisso „zu gestehen“ mache ihn beim Erzählen noch erröten (17/21 ff.). Den zweiten, noch bedeutenderen Hinweis auf den Aspekt des Beichtens gibt Schlemihl in seinem wichtigsten Kommentar (49/25 ff.), den er so beginnt: „Ich werde mich Deinem Urteil bloß stellen, lieber Chamisso, und es nicht zu bestechen suchen.“ Mit diesem Kommentar begleitet Schlemihl die Erzählung davon, wie er drauf und dran war, den Teufelspakt zu unterzeichnen (49/22 f. und 50/39 f.), und wie ihn eine Ohnmacht davor bewahrte. Davor hat er seinen Konflikt (vgl. auch 44/4 f.!) erklärt: Aus Liebe hat er Mina an sich gebunden und müsste sie nun vor ihrem Verderben (Heirat mit Rascal) retten - anderseits hat er gegen den Grauen und eine Gemeinschaft mit ihm einen unüberwindlichen Hass (50/3 ff.). Die Ohnmacht erspart ihm die Entscheidung in diesem Konflikt (50/16 ff.) - die eigene Entscheidung holt er später im Entsetzen über die Höllenfahrt Thomas Johns nach (59/24 ff.).
   In den Zusammenhang der Beichte passt auch die Redeweise vom geraden Weg (49/32 f.; vgl. 50/14) und vom eigenen Weg (54/25), den Schlemihl mit geradem Sinn (54/23) wählt, während er „diesen rätselhaften Schleicher auf krummen Wegen“ (50/13 f.) hasst.
   Erst recht passt das Bekenntnis, das er zur Erläuterung seiner Erleuchtung und der neuen Lebenssicht ablegt (64/2 f.) zur Beichte: „Durch frühe Schuld von der menschlichen Gemeinschaft ausgeschlossen, ward ich zum Ersatz ... an die Natur gewiesen“ (64/4 ff.). Wenn man die „Schuld“ Chamissos untersucht, relativiert sie sich dahin, dass er angesichts der Möglichkeit, Fortunati Glückssäckel zu bekommen, von Sinnen war und von einem „Schwindel“ befallen wurde (15/17 ff., 16/4-6), nur dass er dort (anders als beim Anblick der Seele Thomas Johns, 59/24) dem gespürten Entsetzen nicht nachgab; ähnlich erging es ihm im oben genannten Konflikt (44/4 f.), doch enthebt ihn die Ohnmacht in diesem Konflikt einer Entscheidung. Dass er in einem Konflikt gestanden hat, wird beim zweiten Mal deutlich gesagt (57/28 und 57/30).
   Auch in seinem Brief an die alten Freunde bekennt Schlemihl, dass er seine Behinderungen als „Buße der Versöhnung“ (70/12) versteht. Er hat sich selbst gerichtet (49/26 f.) und hat sich später mit seinem Schicksal versöhnt, als er die schicksalhaften Notwendigkeiten der Schattenlosigkeit als weise Fügung zu verstehen gelernt hat (50/18 ff.). So wird auch klar, wieso sein Bekenntnis anderen Menschen zu Belehrung gereichen könnte und wieso Chamisso keinen Rat braucht (71/28 ff.) (Alle Sperrungen in den Zitaten stammen von mir.) 

Eine Bemerkung von Lars aufgreifend möchte ich anmerken, dass auch mir eine gewisse Nähe der Erzählung zu „Faust I“ aufgefallen ist; das ist nicht nur durch die zeitliche Nähe (1806 - 1813), sondern auch durch das Motiv des Teufelspaktes bedingt. Dieser wird im „Faust“ schon nur als „Wette“ abgeschlossen, im „Schlemihl“ kommt sogar nur die Pakt-Vorform des Schattenverkaufs zum Tragen.
   Auch spricht der Graue wie Mephisto manchmal Wahrheiten aus, die vom jeweiligen Partner nicht ganz verstanden werden, z.B. dass Peter seinen Schatten „von sich“ wirft (14/19 - statt nur: einen Schatten werfen) oder dass dies ein unschätzbarer Schatten ist (14/33 f.), was Peter erst später zu ahnen beginnt (17/4 ff.).
   Faust unterscheidet sich aber wahrlich nicht nur in Liebesangelegenheiten von Peter; das Grauen Gretchens vor dem Teufel (V. 3471 ff.) hat nun Peter selber, da er wie Gretchen, aber anders als Faust letztlich eine reine Seele hat. Die Worte des Herrn im „Prolog im Himmel“ können deshalb sinngemäß in der Reflexion Peters auftauchen (Kommentar S. 49 f.). - Benno von Wiese betont, dass Peter dem Alltäglichen nahtrauere, vielleicht etwas zu stark;  aber vom Geniekult des 18. Jahrhunderts ist wahrlich nicht viel zu spüren - Peter ungewöhnliche Leistungsfähigkeit kommt nicht aus ihm selbst, sondern aus einem Zufallsfund!

Als reizvoll empfinde ich auch einen Vergleich mit Goethes Gedicht „Der Zauberlehrling“ (1798); da sucht der Erzähler einen Teufelspakt abzuschließen, aber er wird von einer Lichtgestalt belehrt. Zu prüfen wäre, was der „Mut des reinen Lebens“ ist - der Erzähler wird jedenfalls in die Normalität des harten Arbeitens und des seltenen, aber regelmäßigen Feierns gewiesen: Seine falsche Weltsicht wird korrigiert, das ist alles.

von: norberto42
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Geändert am 22. März 2007 um 05:07