R. Saviano: Gomorrha - Reise in das Reich der Camorra (Rezension)
Ein hoch gelobtes Buch: wagemutig im Kampf gegen das Verbrechen ...
politisch mutig, literarisch dürftig, auf die Dauer langweilig; ich bin bis S. 120 gekommen.
Nicht zu empfehlen, wenn man lebensnah informiert und zugleich unterhalten werden will.

Geändert am 7. September 2009 um 07:53
Uwe Tellkamp: Der Turm (2008)
Jens Bisky hat Tellkamps Roman am 13. September 2008 in der SZ vorgestellt, ich habe ihn mir deshalb zu Weihnachten gekauft und dieser Tage gelesen, 967 Seiten - ein insgesamt fesselnder Roman, wenn man die Anfangsschwierigkeiten überwunden hat: Die Leute werden primär nach den Häusern sortiert, in denen sie wohnen, statt dass sie direkt nach Verwandschaftsverhältnissen geordnet würden. Was für ein Roman ist es?
Es ist ein Roman vom Ende der DDR (1982 - 1989), von der bleiernen Zeit des Untergangs; und es ist ein Roman von der Familie Hoffmann, wobei das Auge vor allem auf Christian fällt, auf seine Reifung zum Mann - durch die Schikanen der Ideologie und der Armee (eindrucksvoll erzählt), wo er sich für drei Jahre verpflichten musste, um studieren zu dürfen; im Knast geht es unmenschlich zu, und in den Fabriken werden die Menschen verheizt. Neben Christian spielen sein Vater Richard, Chirurg, und sein Onkel Meno, Lektor in einem feinen Verlag, wichtige Rollen; damit sind dann auch Krankenhaus und Verlagswesen/Zensur dominierende Bereiche des Geschehens. Die Polit-Offiziellen tragen ihre Machtkämpfe aus und genießen ihre kultivierten Lebensmöglichkeiten, die meisten anderen ducken sich, organisieren ihren beschissenen Alltag und suchen zu überleben. Die Bewohner des „Turms“ haben ihr Verhältnis zur Musik, zur Naturbeobachtung, zum Umgang mit Instrumenten, zur Vergangenheit gepflegt - und so wird der Beschreibung dieser Bereiche viel Platz gewidmet.
Bis Seite 700, 800 habe ich mit Spannung gelesen, danach (oder schon ab 500?) stießen mir doch Elemente unangenehm auf, die ich als „Kolportage“ bezeichnen würde: Sohn Robert muss den Vater bei einem Tag voller Verwicklungen in der Klinik besuchen, bricht sich dort den Arm und wird dann vom eigenen Vater operiert; dieser wäre natürlich bei der Bombardierung Dresdens fast totgeblieben, war an der Hand verwundet und ist dann doch zum Chirurgen geworden; Vater Richard ist sexuell sehr aktiv und treibt‘s dann ausgerechnet auch noch mit Reina, der Beinahe-Freundin Christians; er wird vom Halbbruder seiner unehelichen Tochter kurzerhand erpresst; ausgerechnet Christians Panzer säuft bei einer Übung ab, ein Soldat kommt ums Leben; ausgerechnet Christian fährt seinen Panzer mal über die Rampe; seine Mutter muss mit dem Star-Anwalt mal schlafen, damit Christian trotz seiner Verfehlungen noch studieren darf... Und bei seinem Einsatz gegen Demonstranten, wen sieht er da niedergeknüppelt? Klar, seine Mutter! Das alles ist so schön „dramatisch“, daraus wird bestimmt bald ein Film gemacht.
Zum Schluss will ich die Dinge aufzählen, die mich außerdem gestört haben:
1. Die Frauen treten merkwürdig zurück (außer der Schriftstellerin Schedula, deren Wandlungen aber nicht immer zu verstehen sind), der Erzähler ist viel näher bei den Männern.
2. Christian hat anfangs ein paar Pickel zu viel - seine Reifung gerade im Erotischen wird nicht erzählt, sie ist nicht da: Reifung nur im Niedergang, geschliffen werden in den Mühlen der Demütigung und Vernichtung (nicht DDR-typisch, aber auch dort praktiziert).
3. Die Friedensbewegung, das Neue Forum, der „Widerstand“ bleibt unanschaulich; die Frauen rennen hin, aber man versteht nicht warum. Auch die Eheprobleme der Hoffmanns und ihre „Lösung“ bleiben im Ungefähren.
4. Manches erzähltechnisch „Moderne“ ist völlig überflüssig: Schnitte und Überlagerung zweier Handlungsstränge sind oft bloß artifiziell, gekünstelt, nicht gekonnt.
Trotzdem ein interessantes Buch, das sich zum Schluss jedoch arg in die Länge zieht, das manches vom Innenleben einer Diktatur (jawohl, ihr Ostalgiker: Diktatur!) und von der Doppelmoral ihrer Nomenklatura anschaulich macht. Und von der (deutschen) „Kultur“, in die man sich so schön zurückziehen kann - vermutlich eher: konnte.

Geändert am 28. Februar 2009 um 17:04
Koelbl: Im Schreiben zu Haus
Herlinde Koelbls Buch (Fotos, Gespräche) im Verlag Knesebeck darüber, wie Schriftsteller zu Werke gehen (Untertitel), beeindruckt mich sehr. Es war ein Fehler, die Autorin nicht eher zu entdecken: unbedingt lesenswert!

Geändert am 10. Februar 2009 um 17:30
W. Grossman: Leben und Schicksal (2007)
Für die technischen Einzelheiten der Geschichte des Romans verweise ich auf die Besprechungen. Direkt zur Sache: ein großer Roman!
Bei den ersten 100 Seiten habe ich mich schwer getan, die verworrenenen Familienverhältnisse mit geschiedenen und toten Verwandten, alle mit fremden Namen, und die verschiedenen Erzählfäden auseinander zu halten. Danach entfaltete die Erzählung einen Sog, der mich im Lesen immer stärker anzog.
Der „Inhalt“ ist das Geschehen der Befreiung Stalingrads von den deutschen Eroberern; das Thema kann nur als Themenbündel beschrieben werden:
• die Diktatur totalitärer Systeme,
• Verblendung und Opportunismus der Funktionäre,
• die Schwäche des Menschen gegenüber der Macht, den Machthabern,
• die Güte und Menschlichkeit einzelner,
• Bedeutungslosigkeit des Einzelnen im Krieg, im Lager
• der Rückhalt in der Familie,
• geschichtliche Konstellationen als das Bestimmende,
• die Entschlossenheit der Russen, ihre Nation zu retten,
• die vielen Varianten verwickelter und simpler Liebesgeschichten,
• die Kälte gegenüber dem Leiden des Nachbarn.
Das letzte Kapitel finde ich unbefriedigend: Die Stille des Waldes im Frühling ist kein Raum, um die Fülle von Morden und Leiden, von Verrat und Verständnis, von Glauben und Denunzieren, von Hingabe und Ausnutzung zu fassen.
Im Netz finde ich folgende
Besprechungen:
http://www.tagesspiegel.de/kultur/Rezensionen-Wassili-Grossman;art15919,2396651 („Gleichheit der Systeme“: nicht ganz richtig; Verführbarkeit jedes einzelnen, auch des zunächst standhaften Strum)
http://www.zeit.de/2008/05/L-Grossman?page=1http://www.welt.de/kultur/article1239753/Stalingrad_in_literarischer_Grossaufnahme.html

Geändert am 28. Februar 2008 um 16:48
Peter Bichsel: Kindergeschichten
Ich möchte eines der großen Bücher meines Lebens vorstellen; groß ist es, weil es mich fasziniert und weil ich seine Erzählungen in jeder 5. oder 6. Klasse, die ich unterrichtet habe, vorgelesen habe (neben Erzählungen von J. P. Hebel; neben „Der Bär auf dem Försterball“ von Peter Hacks; neben einigen Erzählungen aus dem Sammelband „Dichter Europas erzählen Kindern“, hrsg. von Gertraud Middelhauve, sowie Geschichten von Nasredin Hodscha) - es sind Bichsels „Kindergeschichten“ von 1969, abgenutzt, oft schon geklebt, in Folie eingeschlagen... ein Gebrauchsbuch, dabei immer noch für 6,- Euro zu kaufen. Was wird erzählt?
Es wird vom menschlichen Leben erzählt: von einem Mann, von einem alten Mann; dieser „Held“ macht die elementarsten Erfahrungen. Als ihm eines Tages die Welt gefällt, hofft er, dass sich alles ändert - aber es ändert sich nicht. Da beschließt er, den Dingen neue Namen zu geben; aber das nützt auch nichts, im Gegenteil, nachher versteht ihn keiner mehr („Ein Tisch ist ein Tisch“ - oft für Zwecke der Sprachtheorie missbraucht!).
Oft wird von großen Enttäuschungen erzählt: vom Erfinder, der ganz allein lebt und das Fernsehen erfindet - um dann in der Stadt festzustellen, dass es das schon gibt. Er fügt sich in seine Enttäuschung, aber er gibt sich nicht auf: er erfindet alles, was es gibt, noch einmal; das ist nicht leicht, „und nur Erfinder können es“. Ein anderer ist der absolute Fachmann für den Fahrplan - er kennt alle Züge, alle Anschlüsse, aber er fährt nie mit der Bahn, und er versteht auch nicht, warum andere Leute fahren; die Kenntnis des Plans macht ihn blind. Als er die Leute am Fahren hindern wil, wird ihm der Zutritt zum Bahnhof verboten, und schließlich ersetzt ihn eine kompetente Auskunft. Da beginnt er etwas eigentlich Sinnloses: Er zählt die Treppenstufen aller Häuser, „um etwas zu wissen, was niemand weiß und was kein Beamter in Büchern nachlesen kann“. - So dezent kann man von den Geheimnissen des Herzens sprechen. Und dass der Stufenzähler mit der Bahn in andere Städte fährt, um auch dort die Stufen zu zählen, zeigt am Detail, wie er sich verändert hat.
In der Kolumbus-Geschichte („Amerika gibt es nicht“) klingen nicht nur viele sozialkritische Töne an, sondern auch der tiefe Zweifel an allem, was uns umgibt, an allem, was wir wissen; denn nach der „Entdeckung“ Amerikas glauben alle, dass es Amerika gibt, „nur Kolumbus war nicht sicher, sein ganzes Leben zweifelte er daran“. Großartig!
Mein Favorit ist jedoch „Der Mann, der nichts mehr wissen wollte“ und der bei dem Versuch, dies zu verwirklichen, natürlich scheitert; am Ende weiß er noch mehr als vorher, weiß auch alles über die Tiere im Zoo und geht gern in dieses Institut. Dort trifft er das Nashorn, sein Spiegelbild; denn das Panzernashorn steht da und versucht nachzudenken; und immer, wenn ihm etwas einfällt, rennt es vor Begeisterung los. Doch weil es immer ein bisschen zu früh losrennt, fällt ihm eigentlich gar nichts ein. „Ein Panzernashorn möchte ich sein“, sagte der Mann, „aber dazu ist es jetzt wohl zu spät.“ Und so vergisst er selber schließlich, was er alles wissen wollte, um es nicht mehr wissen zu wollen, und lebt weiter wie früher. „Nur, daß er jetzt noch Chinesisch konnte.“
Ich habe immer gehofft, dass die Schüler etwas von der Melange aus Resignation und Zuversicht dieser Erzählungen mitkriegen. Aber so etwas weiß man nie genau.

Geändert am 3. August 2008 um 16:36