Einträge "Bücher, rezensiert":

Donnerstag, 28. Februar 2008

W. Grossman: Leben und Schicksal (2007)

Für die technischen Einzelheiten der Geschichte des Romans verweise ich auf die Besprechungen. Direkt zur Sache: ein großer Roman!
   Bei den ersten 100 Seiten habe ich mich schwer getan, die verworrenenen Familienverhältnisse mit geschiedenen und toten Verwandten, alle mit fremden Namen, und die verschiedenen Erzählfäden auseinander zu halten. Danach entfaltete die Erzählung einen Sog, der mich im Lesen immer stärker anzog.
   Der „Inhalt“ ist das Geschehen der Befreiung Stalingrads von den deutschen Eroberern; das Thema kann nur als Themenbündel beschrieben werden:
• die Diktatur totalitärer Systeme,
• Verblendung und Opportunismus der Funktionäre,
• die Schwäche des Menschen gegenüber der Macht, den Machthabern,
• die Güte und Menschlichkeit einzelner,
• Bedeutungslosigkeit des Einzelnen im Krieg, im Lager
• der Rückhalt in der Familie,
• geschichtliche Konstellationen als das Bestimmende,
• die Entschlossenheit der Russen, ihre Nation zu retten,
• die vielen Varianten verwickelter und simpler Liebesgeschichten,
• die Kälte gegenüber dem Leiden des Nachbarn.
Das letzte Kapitel finde ich unbefriedigend: Die Stille des Waldes im Frühling ist kein Raum, um die Fülle von Morden und Leiden, von Verrat und Verständnis, von Glauben und Denunzieren, von Hingabe und Ausnutzung zu fassen.
Im Netz finde ich folgende Besprechungen:
http://www.tagesspiegel.de/kultur/Rezensionen-Wassili-Grossman;art15919,2396651 („Gleichheit der Systeme“: nicht ganz richtig; Verführbarkeit jedes einzelnen, auch des zunächst standhaften Strum)
http://www.zeit.de/2008/05/L-Grossman?page=1
http://www.welt.de/kultur/article1239753/Stalingrad_in_literarischer_Grossaufnahme.html
von: norberto42
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Geändert am 28. Februar 2008 um 09:48

Donnerstag, 31. Januar 2008

Peter Bichsel: Kindergeschichten

Ich möchte eines der großen Bücher meines Lebens vorstellen; groß ist es, weil es mich fasziniert und weil ich seine Erzählungen in jeder 5. oder 6. Klasse, die ich unterrichtet habe, vorgelesen habe (neben Erzählungen von J. P. Hebel; neben „Der Bär auf dem Försterball“ von Peter Hacks; neben einigen Erzählungen aus dem Sammelband „Dichter Europas erzählen Kindern“, hrsg. von Gertraud Middelhauve, sowie Geschichten von Nasredin Hodscha) - es sind Bichsels  „Kindergeschichten“ von 1969, abgenutzt, oft schon geklebt, in Folie eingeschlagen... ein Gebrauchsbuch, dabei immer noch für 6,- Euro zu kaufen. Was wird erzählt?
   Es wird vom menschlichen Leben erzählt: von einem Mann, von einem alten Mann; dieser „Held“ macht die elementarsten Erfahrungen. Als ihm eines Tages die Welt gefällt, hofft er, dass sich alles ändert - aber es ändert sich nicht. Da beschließt er, den Dingen neue Namen zu geben; aber das nützt auch nichts, im Gegenteil, nachher versteht ihn keiner mehr („Ein Tisch ist ein Tisch“ - oft für Zwecke der Sprachtheorie missbraucht!).
   Oft wird von großen Enttäuschungen erzählt: vom Erfinder, der ganz allein lebt und das Fernsehen erfindet - um dann in der Stadt festzustellen, dass es das schon gibt. Er fügt sich in seine Enttäuschung, aber er gibt sich nicht auf: er erfindet alles, was es gibt, noch einmal; das ist nicht leicht, „und nur Erfinder können es“. Ein anderer ist der absolute Fachmann für den Fahrplan - er kennt alle Züge, alle Anschlüsse, aber er fährt nie mit der Bahn, und er versteht auch nicht, warum andere Leute fahren; die Kenntnis des Plans macht ihn blind. Als er die Leute am Fahren hindern wil, wird ihm der Zutritt zum Bahnhof verboten, und schließlich ersetzt ihn eine kompetente Auskunft. Da beginnt er etwas eigentlich Sinnloses: Er zählt die Treppenstufen aller Häuser, „um etwas zu wissen, was niemand weiß und was kein Beamter in Büchern nachlesen kann“. - So dezent kann man von den Geheimnissen des Herzens sprechen. Und dass der Stufenzähler mit der Bahn in andere Städte fährt, um auch dort die Stufen zu zählen, zeigt am Detail, wie er sich verändert hat.
   In der Kolumbus-Geschichte („Amerika gibt es nicht“) klingen nicht nur viele sozialkritische Töne an, sondern auch der tiefe Zweifel an allem, was uns umgibt, an allem, was wir wissen; denn nach der „Entdeckung“ Amerikas glauben alle, dass es Amerika gibt, „nur Kolumbus war nicht sicher, sein ganzes Leben zweifelte er daran“. Großartig!
   Mein Favorit ist jedoch „Der Mann, der nichts mehr wissen wollte“ und der bei dem Versuch, dies zu verwirklichen, natürlich scheitert; am Ende weiß er noch mehr als vorher, weiß auch alles über die Tiere im Zoo und geht gern in dieses Institut. Dort trifft er das Nashorn, sein Spiegelbild; denn das Panzernashorn steht da und versucht nachzudenken; und immer, wenn ihm etwas einfällt, rennt es vor Begeisterung los. Doch weil es immer ein bisschen zu früh losrennt, fällt ihm eigentlich gar nichts ein. „Ein Panzernashorn möchte ich sein“, sagte der Mann, „aber dazu ist es jetzt wohl zu spät.“ Und so vergisst er selber schließlich, was er alles wissen wollte, um es nicht mehr wissen zu wollen, und lebt weiter wie früher. „Nur, daß er jetzt noch Chinesisch konnte.“
   Ich habe immer gehofft, dass die Schüler etwas von der Melange aus Resignation und Zuversicht dieser Erzählungen mitkriegen. Aber so etwas weiß man nie genau.
von: norberto42
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Geändert am 3. August 2008 um 09:36

Samstag, 19. Januar 2008

Jens Soentgen: Selbstdenken! 20 Praktiken der Philosophie,

2003 im Peter Hammer Verlag (Wuppertal) erschienen, inzwischen auch als Taschenbuch: Auf den ersten Blick ein witzig geschriebenes, von Nadia Budde schön illustriertes Buch.

Soentgen will in Anlehnung an des Aristoteles „Topik“ Methoden philosophischen Denkens beschreiben, die ich für jedes Argumentieren (Erörtern) empfohlen habe.
   Wenn man nach der ersten Begeisterung einmal schaut, was von Soentgens Buch „Selbstdenken!“ als Leitfaden fürs Argumentieren übrig bleibt, muss man einige Abstriche machen:
1. Als Mittel eines rein polemischen Streitens mit Gegnern, die einer rationalen Argumentation nicht fähig sind, möchte ich folgende Techniken festhalten:
provozieren
demontieren
parodieren
wiederholen
wie ein Orakel sprechen
große Gesten machen;
ich habe teilweise die Nomina in Verben umgewandelt, da im Verb bezeichnet wird, was man tut.
2. Wie man die übrigen einteilen soll, darüber könnte man streiten, weil es doch viele Überschneidungen und damit Doppelungen gibt:
a) reine Arbeitstechniken:
Autoritäten zitieren
präzisieren, definieren (nahe der b-Gruppe!)
im Bild sprechen
Gedankenexperimente machen (analog dem früheren Fabelerzählen)
umkehren (einen Anspruch auf den Sprecher selbst anwenden - in der Nähe der reinen Polemik)
kombinieren (viele Kombinationen durchspielen)
b) Methoden des Argumentierens, die der bewussten Kontrolle bedürfen bzw. ihr dienen:
* mit Fakten und Zitaten umgehen, Vergleiche und Kontraste einsetzen, Zusammenhänge herstellen
* aus Indizien Schlüsse ziehen
* hinsehen statt abschreiben
* Beispiele anführen, Gründe prüfen
* logisch denken, Logik prüfen
* nicht nur eine Ursache gelten lassen, mehrere suchen
* allgemein (also öfter): weiter als bisher umschrieben denken [N.T.]
c) Die Methode „warten“ ist eine Mahnung zur Geduld und kann als Warten auf den richtigen Einfall verstanden werden, aber auch als Mahnung zum Korrigieren und Übearbeiten eigener Entwürfe; die Methode „Material sammeln“ beschreibt die Vorarbeit des Argumentierens (das zweite meiner vier S: suchen, sammeln, sortieren). Warten und Sammeln, das geschieht am Rande der Arbeitszeit.
3. Fazit:
Das Buch besticht mehr durch die lockere Schreibweise und die vielen Beispiele, als dass es eine systematische Anleitung zum kritischen Denken wäre. Es kann also den Geübten dazu anregen, die eigene Praxis zu überprüfen; dem Ungeübten kann es einige Tipps geben. Manche davon sind jedoch so allgemein, dass sie als trivial zu bezeichnen sind, etwa beim Umgang mit Indizien:
- „Es gibt meist mehrere Möglichkeiten, Indizien zu lesen.“ Klar, das steckt im Begriff der Indizien (index, nicht res!)!
- „Ein Indiz findet sich nur dann, wenn ein Beobachter danach sucht.“ Hier fehlt die Warnung, dass man beim Suchen manche Indizien erfindet - eine alte Erfahrung!
- „Gerade das Unscheinbare birgt oft interessante Indizien.“ Wenn das keine Weisheit ist!
   Es gibt einige kleine Versehen, etwa das ein Buch des Jahres 1702 nicht dem 18. Jahrhundert zugezählt wird; solche Versehen sind weiter nicht schlimm. Die Argumentation gegen Kants kategorischen Imperativ mit Gegenbeispielen ist platt und falsch, etwa die Idee, sein Geld zu sparen, statt auszugeben, oder die Tatsache, dass Kant nicht geheiratet hat. Solche Beispiele kommen für eine moralische Vorschrift überhaupt nicht in Frage; außerdem hat Kant nirgendwo gefordert, man solle nicht heiraten; sie können daher nicht Gegenbeispiele gegen den Kategorischen Imperativ sind - eine peinliche Panne. Auch die Polemik gegen den Satz vom Grund ist ein bisschen platt: dass man mehrere Gründe statt einen suchen soll [das geht am Satz vorbei, außerdem wusste Platon das bereits, mit dem zusammen Aristoteles die Grund-Prinzipien gesucht hat].
   Auf den ersten Blick vermisse ich aus meinem Repertoire das Sortieren, als das Gliedern. Das philosophisch bedeutsame Unterscheiden kann man mehrfach angedeutet finden, auch wenn ihm kein eigenes Stichwort gemwidmet ist.
von: norberto42
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Geändert am 25. Januar 2008 um 07:39

Sonntag, 6. Januar 2008

Daniel Kehlmann: Die Vermessung der Welt

Lange schon habe ich kein so faszinierendes Buch mehr gelesen wie den 2005 bei Rowohlt erschienenen Roman Kehlmanns: von der fanatischen Weltfremdheit der beiden großen Forscher Alexander von Humboldt und Gauß, die jeweils auf ihre Art die Welt vermessen haben; von ihrer nichtssagenden Begegnung; von den Zwängen des Lebens, denen sie nachgaben oder nicht nachgaben; von ihrem Altern und der Tatsache, dass sie Gefangene ihres eigenen Ruhmes wurden - und vom Motiv Alexander von Humboldts, der aus purer Rivalität zu seinem großen Bruder der berühmte Forscher wurde, der vor nichts und niemand zurückschreckte. Und von den dummen Kindern des großen Mathematikers Gauß, der aus purer Not zum zweiten Mal heiratete: eine Frau, die er verabscheute, aber für den Haushalt brauchte, nachdem er bei der ersten gelernt hatte, Teilnahme an der Geburt seiner Kinder zumindest zu zeigen, dabei bis zum Schluss ein bisschen seiner russischen Nina nachtrauerte. Und von den Verwicklungen der beiden in die Politik, von ihrem Umgang mit Königen und Beamten... Das Ganze ist nicht ohne liebenswürdige ironische Übertreibungen erzählt, aber doch immer so, dass diese im Dienst der Sache stehen: der Porträtierung zweier großer Forscher, die gegensätzlicher nicht sein können. Es fehlen auch nicht kleine süffisante Bemerkung zu Deutschland.

Anfangs wechselt der Erzählfaden von Kapitel zu Kapitel, dann kreuzen sich die Fäden mit der Begegnung der beiden Forscher; zu Schluss folgt der Blick des Erzählers dem Sohn Eugen Gauß auf seinem Weg nach Amerika.

Ende 2007 war die Auflage bereits deutlich über einer Million - das Buch hat es verdient, so oft gelesen zu werden! Wenn es in zwei Jahren als Taschenbuch zu haben ist, verdiente es mehr als Schlink und Wolf, in den Kanon der Literatur der Schule aufgenommen zu werden - wobei allerdings zu befürchten ist, dass die Schüler selbst an der Lektüre dieses Buches leiden werden.

von: norberto42
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Geändert am 6. Januar 2008 um 18:32

Donnerstag, 28. Juni 2007

Chinua Achebe: Okonkwo oder Das Alte stürzt (es 1138)

Vor einigen Tagen oder Wochen hat besagt Herr Achebe einen englischen Literaturpreis bekommen; aus diesem Grund wurde er im WDR vorgestellt, aus diesem Anlass "kenne" ich ihn erst, ihn und seinen 1958  erschienenen großen Roman vom Leben der Afrikaner in Nigeria vor und nach der Ankunft weißer Missionare: Das Alte stürzt.

Erzählt wird also das Leben des Herrn Okonkwo - eines starken, nicht immer sympathischen Mannes, der unter dem Eindruck, Sohn eines verkommenen freundlichen Faulenzers zu sein, hart gegen sich und andere geworden ist; ein kämpferischer Mann, der Erfolg hat, Ansehen in seinem Dorf gewinnt; der schließlich für sieben Jahre ins Exil muss, weil er durch die Explosion seines Gewehrs einen Dorfgenossen getötet hat; der erlebt, wie in dieser Zeit das Dorf unter dem Einfluss zweier englischer Missionare sich verändert hat: seinen Geist aufgegeben hat; der schließlich einen der Gerichtsdiener, die ihn gedemütigt hatten, tötet und sich anschließend erhängt.

Makabre Pointe ist zum Schluss, dass der Distriktsverwalter diesem verzweifelten Selbstmord ein Kapitel oder zumindest einen größeren Abschnitt in einem gepanten Buch widmen will, dessen Titel schon feststeht: "Beiträge zur Befriedung der Eingeborenenstämme im Gebiet des Unteren Niger". - Eine Kritik des von den Weißen gebrachten (christlichen) "Fortschritts" aus afrikanischer Sicht. Unbedingt lesenswert!

von: norberto42