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Samstag, 19. Januar 2008

Stabreim (Alliteration)

Im Reim werden Wörter außerhalb der grammatischen Regeln und außerhalb der normalen Sinnbezüge rein durch den Gleichklang aneinander gebunden, miteinander verbunden, wodurch ein Mehrwert an Bedeutung erzeugt wird.

Der Stabreim ist eine Reimform, die als solche weniger bewusst ist:
1. Erklärung:
Die Alliteration (von lateinisch ad + littera = zu + Buchstabe), auch Stabreim genannt, ist eine literarische Stilfigur, bei der die betonten Stammsilben zweier oder mehrerer aufeinanderfolgender Wörter den gleichen Anfangslaut besitzen.
   Während heute der Endreim den Charakter vieler Gedichte bestimmt, hatte die Alliteration bei den Dichtern der Antike (griechische, lateinische und vor allem germanische Dichtung) eine stärkere Bedeutung als heute. Dies liegt wohl daran, dass vor 2000 Jahren die Endungen in den indogermanischen Sprachen stärker ausgeprägt waren, z.B. endeten im Lateinischen die meisten Hauptwörter auf -us, -a oder -um. Daher war der Endreim mit einer Folge gleicher Wort-Endungen nichts Auffallendes. Unterstützt wurde die Alliteration, wenn die verwendeten Wörter mit betonten Stammsilben begannen.
2. Erklärung:
Gleiche Anlaute der betonten Stammsilben, meist Konsonanten, heben wichtige Worte im Versfluss hrvor. Bei Vokalen bilden alle Vokale untereinander Alliterationen. Bei Konsonanten wird gegebenenfalls auch der Konsonant der Stammsilbe für die Alliteration betrachtet. Im Neuhochdeutschen ist die Verwendung von Alliterationen selten geworden, hielt sich aber in Redewendungen. Es alliterieren allerdings nur betonte Silben, also beispielsweise nicht „Vernunft und Verstand“.
(Beide Erklärungen sind aus dem www abgeschrieben.)

Beispiele:
auf und ab
zwischen Baum und Borke
in Bausch und Bogen verdammen
(braun gebrannt)
Volk der Dichter und Denker
durch dick und dünn gehen
jemanden doll und dusselig quatschen
mit Donner und Doria
ich bin drauf und dran
es geht drüber und drunter
ein und alles sein
Feuer und Flamme sein
fix und fertig sein
frank und frei sprechen
(frisch, fromm, fröhlich, frei: Turnvater Jahn)
das ist gang und gäbe
ganz und gar (nicht)
Gift und Galle spucken
im Großen und Ganzen
gut und gern etwas wert sein
Haus und Hof verspielen
hier und heute
hin und her
hoch und heilig versprechen
mit Kind und Kegel (uneheliche Kinder) kommen
klipp und klar
Merkel solle zeigen, wer Koch ist und wer Kellner
sich um Kopf und Kragen reden
kreuz und quer laufen
Land und Leute kennen
eine lange Leitung haben
lichterloh brennen
etwas mit Lust und Liebe tun
mit Mann und Maus untergehen
Milch macht müde Männer munter
keine müde Mark (wert) ["Mark" war vor dem Euro Währung!]
in Nacht und Nebel
nie und nimmer
nicht niet- und nagelfest sein
rein und raus
ritsche, ratsche
Sammelsurium
samt und sonders
mit Stumpf und Stiehl ausrotten
Tod und Teufel
Wind und Wetter trotzen

In Gedichten werden natürlich häufig Alliterationen verwendet:
„ob Sinn, ob Sucht, ob Sage...“ (Benn, magisch beschwörend).
In den Überschriften von Zeitungsartikeln (Feuilleton der SZ zum Beispiel) werden auch jetzt häufig Stabreime verwendet, um die Aufmerksamkeit der Leser zu gewinnen: „Alles auf Anfang...; Kampf dem Klangteppich; Neapel zwischen Müll und Mafia“
Überall, wo bewusst geschrieben wird, werden auch Stabreime verwendet und vom Leser „genossen“. So gibt es bei kulando.de „beliebte Blogs“, worin z. B. genannt werden: „Fitch&Fetch, Windwalzer, findevogels fundstücke“.

http://de.wikipedia.org/wiki/Reim
http://infos.aus-germanien.de/Reimschema

von: norberto42
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Geändert am 19. Januar 2008 um 10:28

Dienstag, 8. Januar 2008

Harald Weinrich: Semantik der Metapher

Wir haben H. Weinrich: Semantik der Metapher (TTS, S. 371 f.) gelesen, um einen theoretischen Hintergrund für das Verständnis von Metaphern (im Gedicht, in polit. Rede) zu gewinnen:

1. Der Bedeutungsumfang eines Wortes ist normalerweise weit. (Wörter bezeichnen Klassen von..., sie sind keine Namen.)
[Einwand: Es gibt Prototypen von...; so ist z.B. für viele Deutsche eine Meise oder eine Amsel das, was man sich bei "ein Vogel" vorstellt.]
2. Wörter determinieren einander (im Satz, im Text) und reduzieren dadurch ihren Bedeutungsumfang.
* determinatio est negatio.
3. Eine Metapher ist immer ein Stück Text; Beispiel dafür ist "Windrose": Wind -> Rose.
[Einwand: Das ist nur für neue Metaphern richtig; "Windrose" ist längst ein Wort geworden, steht im Wörterbuch!]
* Der ganze Satz (bzw. der Satz) ist Metapher, nicht ein Wort (Bsp.: "Eure Seele...")
4. Die Bedeutung eines Wortes ist eine (durch den Sprachgebrauch bekannte) Determinationserwartung; durch die Determination wird die Erwartung eingeschränkt (und so bestätigt).
* In einer (neuen) Metapher wird die Erwartung nicht erfüllt (Konterdetermination), d.h. man muss sie aus dem Kontext erschließen.
Auswertung für das Verstehen:
Bedeutung gibt es nur im Kontext (Prinzip, den Kontext zu beachten).
Bedeutung wird überprüft durch eine Ersatzprobe bzw. durch Suche des Antonyms.
Bei einem Gedicht sucht man nur die Bedeutung der Worte, aber keinen "tieferen Sinn"!

Nicht nur Schüler lieben den "tiefen" Sinn, auch die Autoren von Analysen sind nicht gegen das Spinnen gefeit. So habe ich im Zusammenhang mit Celans "Todesfuge" die Vermutung gefunden, "Fuge" spiele auch auf lat. fuga, die Flucht, an (P. H. Neumann, in: Geschichte im Gedicht, es 721, S. 233); und der wirklich belesene Dieter Hoffmann sieht in den Rüden des Aufsehers und in ihrem Herrn mythische Größen (Arbeitsbuch Deutschsprachige Lyrik seit 1945, 1998). Aber ein Fuge ist schlicht ein Musikstück und ein Rüde ein Hetzhund, wie man in einem guten Wörterbuch lesen kann (Bünting; Paul) - das genügt, um die Wörter zu verstehen; tiefsinnig zu fabulieren ist nicht erforderlich.
  Jan Knopf hat in seinem alten Brecht-Handbuch (Lyrik, Prosa, Schriften, 1984) Jürgen Link nachgewiesen, dass er bei der Auslegung von Brechts Gedicht "Der Rauch" gesponnen hat (S. 193 ff.): "Während das Gedicht die Elemente in Zusammenhänge stellt und sie so bewußt macht, reißt die symbolische Deutung diese Zusammenhänge auseinander und kommt so zu beliebigen Ergebnissen." (S. 196) Recht hat er - und wenn Link das assoziative Verfahren (Was fällt mir dazu ein?) jetzt "Konnotation" nennt und sich auf Gesellschaftliches bezieht, wird sein Spinnen "modern", bleibt jedoch Spinnen.
von: norberto42
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Geändert am 8. Januar 2008 um 19:38

Gedichtvergleich: mehrere Fassungen / historisch verwandte Gedichte

Ich möchte hier eine Art des Gedichtvergleichs vorstellen, wobei nicht motivgleiche, jedoch einander „fremde“ Texte, sondern Gedichte verglichen werden, die in einem sachlich-geschichtlichen Bezug zueinander stehen. Die einfache Version ist die, dass ein Dichter selber sein Gedicht später überarbeitet, also an ihm gefeilt hat, um das, was aus späterer Sicht als Schwäche erschien, zu tilgen. Das bekannteste Beispiel ist Conrad F. Meyers Gedicht „Der römische Brunnen“, das in sechs oder acht Fassungen vorliegt, wovon die letzte sicher die gelungenste ist.
   Diese Reihe habe ich oft in Klasse 13 am Gymnasium gehalten - sie hat oft auch Aufgaben fürs Abitur geliefert, in der guten alten Zeit vor dem Zentralabitur. Die Idee habe ich bei Hilke Schildt: Aus der poetischen Werkstatt - Gedichte in verschiedenen Fassungen (Verlag G. Braun, Karlsruhe 1971) gefunden. Dort sind Goethe und C.F. Meyer die Hauptlieferanten des Materials; aber auch G. Keller und Trakl sind ergiebige Quellen. Verschiedene Fassungen von Gedichten Goethes und Kellers findet man in der Freiburger Anthologie, für Trakl ist „Das dichterische Werk“ (dtv 6001, 1972) die einfache Fundstelle. Auch die zehn Bände „Epochen der deutschen Lyrik“ (dtv) bieten bei ruhiger Suche viele Hinweise, zum Beispiel die Weiterverarbeitung von Goethes „Nachtgesang“.
   Es gibt, wie gesagt, verschiedene Möglichkeiten, ein vorliegendes Gedicht zu verarbeiten - was uns dazu dienen kann, die Geschichtlichkeit und den Literaturbezug von Literatur zu demonstrieren (ähnlich wie beim Vergleich motivgleicher Fabeln). Für die erste Version habe ich bereits C.F. Meyers Gedicht „Der römische Brunnen“ genannt; auch Goethes „An den Mond“ verdiente hier Beachtung, daneben Gedichte der oben genannten Autoren.
   Eine grundsätzlich andere Art des Bezugs liegt vor, wenn jemand das Gedicht eines anderen aufgreift und verarbeitet. Das kann noch im Sinn der Verbesserung wie bei Goethes „Nähe des Geliebten“ (1796) geschehen, wo „Ich denke dein“ der Sophie C.F. Brun von 1795 poetisch geglättet wird; häufig wird ein Gedicht aber auch parodiert. Kästners Verarbeitung der „Lorelei“ Heines verdient Beachtung; Material bieten „Lyrische Parodien vom Mittelalter bis zur Gegenwart“. Ausgewählt von Erwin Rotermund, Fink (München) 1964; Deutsche Lyrik-Parodien aus drei Jahrhunderten (RUB 7975); ich kenne noch Sammlungen von Th. Verweyen oder A. von Bormann. „Das Wasserzeichen der Poesie“ von A. Thalmayr (das ist Hans M. Enzensberger) präsentiert übrigens verschiedene Formen der Aufnahme vorliegender Gedichte.
   Eine dieser Versionen ist die so genannte Replik, wofür Braun: Fragen eines regierenden Arbeiters, ein Beispiel ist, was Brechts „Fragen eines lesenden Arbeiters“ aufgreift. In der Sammlung „Gedichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart“ (Klett 1985) heißt dieser Typus „Widerlegung und Weiterführung“.
Ob man es nun Replik nennt oder nicht, stellt Herweghs „Wiegenlied“ eine andere Art von Wiederaufnahme von Goethes „Nachtgesang“ dar: Das bekannte Gedicht wird im Rhythmus beibehalten, ebenso der Refrain „Schlafe, was willst du mehr“, aber als Hintergrund zu einem politischen Aufruf an das „schlafende“ Deutschland genutzt. - Fazit: eine interessante Form der Literaturbetrachtung , wobei der Blick auf die kleinen Unterschiede trainiert werden kann.

Die literarischen Einzelanalysen findest du unter den Namen der genannten Autoren in diesem Blog, in der Rubrik „Gedichte“.

Zwei Nachträge:
1. Anregungen zum Vergleich motivgleicher Gedichte findet man nicht nur in den Registern der Lesebücher (oder sogar über das Stichwort in einer Suchmaschine, z.B. „Herbstgedichte“), sondern auch in dem Bändchen „Motivgleiche Gedichte“ (RUB 15038).
2. Das Prinzip des intertextuellen Verstehens erfordert es, reale Bezüge zwischen Texten bzw. Rückbezüge auf ältere Texte aufzudecken und zu berücksichtigen, vgl. meine Analysen und Links zu Eich: Inventur; Celan: Todesfuge, und zu Celan: Tenebrae (s. „Gedichte“ in diesem Blog).
3. Eine Übersicht über die Technik des Gedichtvergleichs (mit Links) gibt es unten in dieser Rubrik (19. August 2006) unter dem Titel: „Gedichtvergleich - Beispiele und Methode(n)“.

Nachträglich sehe ich, dass Claudius: Abendlied (1779), offensichtlich Paul Gerhardts „Abendlied“ (1667) aufgreift. Mir fällt auch die übergroße Nähe von Gryphius: Tränen des Vaterlandes, anno 1636, zu Gryphius: Trawrklage des verwüsteten Deutschlandes (http://www.archivaria.com/Gedichte/Gryphius.html), auf; das letzte scheint mir die Vorlage für das bekannte erstgenannte Gedicht zu sein. 

von: norberto42
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Geändert am 12. Januar 2008 um 15:14

Sonntag, 6. Mai 2007

Unterrichtseinheit: Lyrik des Expressionismus (expressionistische Gedichte)

1. In dieser Unterrichtsseinheit geht es um den Beginn der literarischen Moderne im strengen Sinn, also um den sogenannten „Epochenumbruch“ um 1900. Vergleichbare Stichworte - im Gegenzug gegen Realismus und Naturalismus - wären etwa Symbolismus, Jugendstil, fin de siècle, Dekadenz. Erste Hinweise bei www.literaturwelt.com, dort „Epochen“: Moderne, Expressionismus; http://www.ned.univie.ac.at/CMS/user_lang;3/ (eine große Seite: LIC, Literatur im Kontext, zur Jahrhundertwende - viele Aspekte!)

Strategisch soll diese Einheit das Verständnis der Lyrik 1945-1960 vorbereiten, ein Thema, das mindestens noch die nächsten drei Jahre im Zentralabitur NRW zu finden ist. In dieser Rubrik „Lyrik“ (hier in diesem Blog) gibt es dazu (zu Lyrik nach 45)

- eine Linkliste (13. Juni 2006),
- vier Lektionen „Deutsche Lyrik 1945 - 1960“ (19. Juni bis 16. August 2006),
- „Bildhafte Sprache in Gedichten“ (1. September 2006) und
- „Montage-Technik“ (29. Sept. 2006).
Diese Arbeiten sind auch in einem Beitrag bei lehrer-online ausgewertet: http://www.lehrer-online.de/dyn/9.asp?url=546230.htm, einige dieser Gedichte sind in www.logos.kulando.de (Gedichte nach 1900) analysiert.

2. In meiner Unterrichtseinheit wurden besprochen
Georg Trakl: Verfall (Aufbau eines Sonetts),
Gottfried Benn: Requiem,
Gottfried Benn: Gesänge (kurz),
Georg Heym: Die Tote im Wasser (v.a. die Bilder ausgewertet); Heyms Gedicht war Anlass, das in Malerei und Dichtung gegebene Motiv der Wasserleiche (Ophelia, totes Mädchen) kennenzulernen;
Georg Heym: Der Krieg (kurz); das Gedicht war Anlass, in das Verfahren der Textkritik einzuführen, da es in verschiedenen Versionen kursiert;
Gottfried Benn: Schöne Jugend; das Gedicht liegt in zwei Versionen vor; das war uns Anlass, die Arbeit des Dichters an der Fassung eines Gedichtes für das Verständnis heranzuziehen;
Georg Trakl: Der Traum des Bösen; das Gedicht liegt in drei Fassungen vor, die bei „Schöne Jugend“ angewandte Methode wurde vertieft.
Klausur war dann die Analyse von Heym: Ophelia I.
3. Abschließend wurden diese Gedichte insgesamt noch einmal als expressionistische Gedichte betrachtet: Was ist das eigentümlich Expressionistische daran?
Dieser Abschluss dient zunächst dazu, die Epoche in verschiedenen Ausdrucksformen zu verstehen; er dient auch dazu, Suchtechniken (Internet) zu üben (Variation „Expressionismus/expressionistisch“ und „Gedichte/Lyrik“ beim Suchen) und Hilfsmittel aus der Bibliothek kennenzulernen:
- Literaturgeschichten (z.B. dtv-Atlas Deutsche Literatur; Literatur: Basiswissen Schule),
- literaturwissenschaftliche Wörterbücher (z.B. Gero von Wilpert; Schülerduden Literatur).
4. In meinem Blog www.bloghof.net/studioD wurde die Reihe in der Kategorie Studio D11.3 vom 16. März 2007 an begleitet. Die Reihe passt gut in die (gegenwärtige) Klasse 11, weil man sich zumindest in der Sek II den Problemen mit dem Verständnis der Moderne stellen muss und weil in den beiden folgenden Jahren das Zentralabitur mit seiner Obligatorik ansteht; weil ab 2009 in NRW Benn namentlich verpflichtend zu lesen ist, ist er auch hier gebührend beachtet. - Die Texte der Gedichte sind im www greifbar; zu einigen dieser Gedichte gibt es Analysen von mir (+norberto42).

Wenn man „Unterrichtseinheit Lyrik Expressionismus“ bei eTools eingibt, bekommt man mehr als zehn vollständig passende Links angeboten. - Zur modernen Lyrik (allgemein) vgl. hier! Vgl. auch meinen neueren Aufsatz über den Epochenumbruch um 1900!

Dem Lehrer sei das Buch „Moderne Literatur in Grundbegriffen“, hrsg. von Dieter Borchmeyer und Viktor Zmegac, 2., neu bearbeitete Auflage 1994, empfohlen; relevante Stichwörter sind „Aleatorik, Décadence, Expressionismus, Moderne/Modernität, Montage/Collage“.

von: norberto42
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Geändert am 6. September 2008 um 22:47

Sonntag, 7. Januar 2007

Die Klangform des Gedichts


Das ist der Titel eines „Arbeitsgangs“ im Lehrbuch „Deutscher Sprachspiegel. Sprachgestaltung und Sprachbetrachtung. Ausgabe für Gymnasien“, Bd. 2, erarbeitet vom August Arnold, Erika Essen und Hans Glinz, Düsseldorf 1971 (13. Auflage), S. 109 ff. Wer dieses Lehrbuch und den Folgeband (Bd. 3, Erika Essen ist durch Werner Zimmermann ersetzt worden) mit dem Arbeitsgang „Vers und Reim“ (S. 90 ff.) besitzt, kann sich glücklich schätzen - solche gründlichen Anleitungen zum Hören von Gedichten gibt es heute nicht mehr; die Schüler sollen heute lernen, an Gedichten herumzubasteln und Standbilder zu bauen.
   Ein Gedicht ist ein Gebilde, das man eher hören als lesen soll - das ist die Idee, welche hinter dem Wort „Klangform“ steht; lesen soll man es natürlich auch, aber das Lesen hat im Dienst des Hörens zu stehen. Zur Klangform gehören zwei Größen, der Gestus und der Rhythmus des Gedichts. Über den Gestus (im Sinn Brechts) ist das Nötige in dem Aufsatz „Zuerst den Aufbau von Gedichten untersuchen“ [in der Kategorie „Lesen: Text(e)“ im Blog http://norberto42.kulando.de] gesagt. Deshalb bleibt hier nur 

der Rhythmus des Gedichts

als Thema der Untersuchung übrig. Wir befassen uns jetzt also mit der Frage: „Wie spricht der Sprecher?“ - Es bleibt festzuhalten, dass Tempo und Lautstärke des Sprechens sowie die Melodie der Stimme (Höhe, Pathos) vom Sprechakt bestimmt sind und deshalb dort untersucht werden müssen. [Die klassische Unterscheidung von „Inhalt und „Form“ ist also hinfällig, wenn man sprachliches Handeln versteht.]
   Für den Rhythmus bleiben zwei Größen zu untersuchen, die Betonung von Silben (Wörtern) und die Pausen beim Sprechen. Die Größe, die diese Fragen aufwirft, ist die Tatsache, dass die Grundeinheit eines Gedichtes der Vers ist.

1. Über den Zusammenhang von Vers und Satz
Die Einheit einer „normalen“ Äußerung ist der Satz; die Einheit eines Gedichtes ist der Vers. Wodurch unterscheidet sich der Vers vom Satz?
   Ein Gedicht besteht als Gedicht in der Regel aus mehreren einander zugeordneten Versen; ein Gedicht als Text besteht dagegen aus Sätzen. Die Verse können aus Sätzen bestehen, müssen es aber nicht. Was ein Vers ist, sieht man, wenn das Gedicht gedruckt vorliegt; man müsste es hören, wenn es gesprochen wird. [Da wir in der Schule durchweg das Lesen und nicht das Hören trainieren, fällt es Schülern schwer, Verse im Hören zu erkennen.] Auch wenn es verschiedene Arten von Versen gibt, gilt als Merkmal des Verses, dass er rhythmisch gegliedert ist, also aus mehreren Takten besteht, zumindest aus einer bestimmten Anzahl betonter Silben. Die geordnete Zusammenstellung von Versen gleicher oder unterschiedlicher Bauart macht eine Strophe und macht letztlich das Gedicht aus.
   Dem Takt im deutschen Gedicht liegt die Tatsache zugrunde, dass Wörter oder Wortgruppen in bestimmter Weise betont werden. Informiere dich über die Taktformen (Metren, d.i. Plural von Metrum - das lateinische Wort Metrum = „Maß“ erinnert daran, dass im Lateinischen und Griechischen die geregelte Abfolge von langen und kurzen Silben das Merkmal des Versfußes war) des Jambus usw.

2. Über die Betonung von Silben
In Wahrheit werden natürlich Wörter betont, nicht Silben; aber da bei einer schematischen Darstellung Silben und nicht Wörter um des Versmaßes willen durch Zeichen repräsentiert werden, weil im Takt Silbenabfolgen beachtet werden, sagt man normalerweise, dass „Silben“ betont würden.
   Führen wir also das Zeichen e für eine Silbe [normalerweise nimmt man x, aber mit meiner Maschine kann ich auf das x keinen Akzent setzen] ein und die Akzente é für eine stark betonte, è für eine schwach betonte Silbe. An der ersten Strophe des Gedichtes „Abseits“ von Theodor Storm können wir jetzt die Darstellung der Betonung vorführen:

„Es ist so still; die Heide liegt
Im warmen Mittagssonnenstrahle,
Ein rosenroter Schimmer fliegt
Um ihre alten Gräbermale;
Die Kräuter blühn; der Heideduft
Steigt in die blaue Sommerluft.“

Rein für die Anzahl der Silben sieht die Strophe als Schema folgendermaßen aus:
e e e e e e e e
e e e e e e e e e
e e e e e e e e
e e e e e e e e e
e e e e e e e e
e e e e e e e e
Jede zweite Silbe vom Versanfang an wird hier schematisch betont: Das Metrum ist ein Jambus. Das sieht dann so aus, wenn man das Zeichen / für das Ende eines Taktes einführt (nur die beiden ersten Verse):
e é /e é /e é /e é /
e é /e é /e é /e é /e
Läse man das Gedicht so, würde man nur leiern; dem Gestus des Sprechens: dem Ausdruck der Freude oder Begeisterung des Sprechers bei der Beschreibung seiner Eindrücke, entspricht eine andere Betonung:
e è e é e é e è
e è e é e é e è e
e é e è e é e é
e è e é e é e è e
e é e é e é e è
è e e é e é e è
Das ist ein Vorschlag, wie man die Wörter betonen soll: Stark betont würden „still, Heide, Mittag, Sonne, Rosen, Schimmer, fliegt, alten, Gräber, Kräuter, blühn, Heide, blau, Sommer“. Außerhalb der Reihe ist „steigt“ (mehr oder weniger stark) betont und damit deutlich hervorgehoben; diese Taktstörung (Akzentverschiebung) wird im Sprachbuch „Wort und Sinn“ Bd 9/10 (1977) Synkope genannt; aber dieser Begriff ist bereits anders besetzt (Auslassung eines unbetonten Vokals). Oft kann man darüber streiten, ob ein Wort stark oder schwach betont wird; außerhalb der Hörprobe gibt es keine Möglichkeit, über das Maß der Betonung zu entscheiden.

3. Über die Pausen im Gedicht

Es gibt mehrere Größen, die eine Pause beim Sprechen erzwingen oder nahelegen: das Satzende, der Reim, die Kadenz. Gehen wir sie der Reihe nach durch:
a) Ein Satzende liegt vor in V. 1, nach V. 2, 4, in V. 5, nach V. 6. Mit diesen klaren Pausen (Zeichen: //) sähe das Schema der 1. Strophe so aus:
e è e é //e é e è
e è e é e é e è e //
e é e è e é e é
e è e é e é e è e //
e é e é //e é e è
é e e é e é e è //
Wir haben also nach jedem zweiten Vers sowie mitten im ersten und fünften Vers eine klare Pause. Dass in V. 1, 3, 5 der Satz über das Versende hinausgeführt  und deshalb flüssig weitergesprochen wird, nennt man Enjambement.
b) Wenn ein Reimwort auftaucht, also der Klang an einen vorhergehenden Klang erinnert, erzeugt das eine minimale Pause. Weil hier zunächst ein Kreuzreim und dann ein Paarreim vorliegt, wird diese minimale Reimpause in den Versen 2, 4, und 6 spürbar, wo bereits die großen Satzende-Pausen vorliegen. Die Reimpausen fallen dort also nicht ins Gewicht; nur in dem auf V. 1 reimenden Vers 3 ist diese minimale Pause zu hören, sodass das Schema folgendermaßen aussähe (Zeichen: ‘):
e è e é //e é e è
e è e é e é e è e //
e é e è e é e é ‘
e è e é e é e è e //
e é e é //e é e è
é e e é e é e è //
c) In Vers 2 und 4 wird jeweils eine Silbe an die vier Takte angehängt; man nennt das eine weibliche Kadenz (unbetonte Silbe, nachklingend) und kann die als Anfang eines neuen, jedoch nicht vollendeten Taktes ansehen. Das heißt dann, dass hinter Vers 2 und 4 eine merkliche Pause entsteht, weil vom Taktgefühl her noch eine Silbe erwartet wird, die aber ausgespart ist. Weil in dieser 1. Strophe aber bereits die Satzende-Pausen hinter V. 2 und 4 liegen, fällt auch die Kadenz-Pause kaum ins Gewicht. (Als Pausenzeichen hätte ich / eingeführt.) - Damit wäre das Schema in 3. b) das Schema des Rhythmus dieser Strophe; der Gestus erfordert eine ruhige, besinnliche Melodie. Welche der betonten Wörter heller zu sprechen sind, gehört in die Untersuchung des Aufbaus. Der so verstandene Rhythmus ist jedenfalls so etwas wie der Fingerabdruck eines Gedichts.
   Ein Gedicht ist also ein Gebilde, das man eher hören als lesen und an dem man auch nicht unnötig herumbasteln soll; aber das ist eine andere Frage. Mit den Ausführungen zu Aufbau, Klangform, Rhythmus eines Gedichts hoffe ich, auf stets postulierte „sinngemäße Betonung“ und den hilflosen Rekurs auf die zentrale Aussageabsicht [Wie findet man die?!] verzichten zu können.

4. Zum Rhythmus trägt auch die Abfolge der Satzglieder bei, wenn diese zugleich auch für den Sinn eines Satzes maßgeblich ist. In der Regel wird hier nur „Inversion“ als rhetorisches Mittel genannt; doch wäre auch alles zu beachten, was unter dem Stichwort „Satzklammer“ (und damit Spitzenstellung und Endstellung im Satz) vermerkt wird: http://norberto42.kulando.de/post/2008/04/10/die_innere_gliederung_des_deutschen_satzes__die_reihenfolge_der_satzglieder
Das ist, was die Spitzenstellung betrifft, in folgendem Beitrag zu Hebels „Sommerbild“ beachtet: http://norberto42.kulando.de/post/2008/03/24/kleiner_lehrgang_im_lesen__zweitleseunterricht

Unter dem Stichwort „Klangform“ (und „Rhythmus“) habe ich im Netz gefunden:
http://www.rcs-krueger.de/Wekzeug.htm (technisch schwer zu lesen)
http://www.german.sbc.edu/Verslehre.html (Verslehre)
http://privat.oliverkuna.de/deutsch.php?doc=21 (Beispiel: Heine)
http://home.arcor.de/sonnenblume69/trakl.htm#2.1.1 ( Formuntersuchung dreier Gedichte Trakls)
http://www.suchpad.de/wissen/artikel/dichtung/ (in Grenzen)
http://lrc-web.modlang.ohiou.edu/lrc/poetry/KATZ/Hilfen/Gedichtinterpretation/body_gedichtinterpretation.html#Rhythmus (?)
sowie die Besprechung von Günter Waldmann: Produktiver Umgang mit Lyrik (rund 45 Seiten über die Klangform); unter „norberto42 + Rhythmus“ findet man auch viele Links.
   Hervorragende Hinweise zum Verständnis von Klang und Rhythmus eines Gedichtes findet man in der Vorlesung "Praktische Stilistik" von Prof. Buenting: http://www.uni-essen.de/buenting/02StilLaut_Normalschrift.html, dort v.a. unter 4. "Gebundene Rede: Vers, Klang/Reim, Strophe". Man muss nur ein bisschen aufpassen - es handelt sich um ein Manuskript, und da ist dem Autor ein kleines Versehen unterlaufen: Auf 4.2 folgt "5. Strophen" und "6. Gedichtformen"; diese beiden Abschnitte müssten eigentlich 4.3 und 4.4 gezählt werden, weil darauf nämlich das richtige "5." folgt. Vgl. auch diesen Aufsatz zu Intonation von Sätzen!

In meinen beiden Arbeitsblättern zur Gedichtanalyse (Kategorie „Methodisches“ im Blog http://norberto42.kulando.de) sind Gedichte genannt, bei denen ich den Rhythmus eigens beachtet habe. Dort sind in der Kategorie „Lesen: Text(e)“ noch zwei Gedichte nach ihrem Rhythmus untersucht, und zwar Goethe: Gefunden, und Kästner: Die Entwicklung der Menschheit, unter der Überschrift „Rhythmus“ (1. und 2.). Rein technisch sind, von dem genannten Synkopen-Fehler abgesehen, auch die Ausführungen im Sprachbuch von „Wort und Sinn“ (9/10, 1977, bearbeitet von Billen, Hassel, Heller, König, Muthmann, Zabel, S. 114 ff.: Das Gedicht in Versform), nicht schlecht; und dass der Sprachspiegel über die Köpfe der Schüler ab Kl. 7 auch damals hinweggegangen ist, soll nicht bestritten sein - es geht hier nur darum, wo man etwas für die Hand des Lehrers findet; da muss man heute lange suchen...

In der wunderbaren "Grammatik der deutschen Sprache" von Walter Jung (1990, gut sind die Auflagen ab 1978), die nur noch antiquarisch zu erwerben ist, gibt es Ausführungen über "Satzakzentuierung und Intonation" (Nr. 330 ff.) und über "Die Wortbetonung" (Nr. 1136 ff.).

von: norberto42
Entry modified
Geändert am 16. April 2008 um 10:48