Einträge "Bücher, rezensiert":

Donnerstag, 28. Juni 2007

Pascal Mercier: Nachzug nach Lissabon

Ein ziemlich spannendes Buch - ich habe die knapp 500 Seiten in zwei Tagen gelesen; aber eben ein Bestseller: reißerisch, nicht ohne triviale Plattitüden, vom kirschroten Mund der süßen Schülerin bis hin zu den Unwahrscheinlichkeiten, dass der Held Raimund Gregorius immer jemanden findet, der ihn aufnimmt, und dass er innerhalb kürzester Zeit Portugiesisch lernt, nun ja. Auch die Charaktere sind holzschnittartig gezeichnet: überdeutlich.

Erzählt wird also der Aufbruch des Raimund Gregorius, eines altsprachlichen Privatgelehrten par excellence, sein Ausbruch aus dem engen Gehäuse seiner Bücher- und dem weiteren Gehäuse seiner Schulwelt: im Nachtzug nach Lissabon. Er begegnet den Schriften des zweiten Helden, des lange verstorbenen Herrn Amaden de Prado. Dieser gottlose "Priester" des Atheismus mit seinen menschlichen Defekten, dieser unerbittliche Denker und Essayist hat als gebildeter Arzt offensichtlich einiges von Nietzsche gelesen und verarbeitet; er kennt die europäische Literatur und hat, etwa Kafka folgend, auch einen Brief an den Vater geschrieben...

Im Buch wird also erzählt, wie Gregorius den Schriften Prados begegnet, wie er sich in Portugal einlebt und wie er verschiedenen Leuten, die Prado persönlich gekannt haben, aber jetzt steinalt sind (jedoch wunderbarerweise alle noch leben) begegnet und aus ihrer Perspektive Prado kennenlernt. Das ist das Buch - zum Schluss hat es einige Längen; ein paar Bekannte Prados weniger würden auch reichen; die Schwindelanfälle des lieben Kollegen Gregorius verstehe ich nicht ganz - hat er eine Krankheit zum Tode? Aber trotzdem: insgesamt schwungvoll; an vielen Stellen zum Nachdenken anregend, vielleicht vor allem ältere Zeitgenossen anregend? Nach der Lektüre weiß man jedoch nicht mehr viel, wenn man sich keine Notizen gemacht hat; aber liest man Romane, um etwas zu wissen?

Konstruktionsidee: Ein Mann lernt einen anderen aus dessen Schriften und aus der Sicht seiner Lebensgefährten aus der Zeit der Salazar-Diktatur (wodurch die Konfliktsituationen verschärft werden) kennen und muss dazu selbst ein anderer werden.

Es gibt eine beachtenswerte Diskussion der Gedanken Prados, auf deren Wiedergabe der Roman teilweise beruht, durch Ernst Michael Lange (als pdf-Datei, 2006); man findet sie über www.emlange.de/arbeit.html.

von: norberto42
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Geändert am 6. Januar 2008 um 18:31

Freitag, 21. Juli 2006

Orhan Pamuk: Schnee (2005) - Rezension

Ich habe die Lizenzausgabe für die BpB vor mir, nehme jedoch an, dass sie mit der Hanser'schen Ausgabe seitengleich ist.

Der Titel "Schnee" hat zwei Dimensionen: Einmal schneit es in Kars, als sich der Dichter Ka dort einige Tage aufhält, und erst in der Trennung von der Außenwelt wird das ganze Morden in Kars möglich; zweitens sind die 19 in Kars entstandenen Gedichte in der Form einer Schneeflocke einander zugeordnet, und zwar auf den drei Bacon'schen Achsen Erinnerung, Vernunft, Phantasie. Um es gleich vorweg zu sagen: Die zweite Schnee-Idee überzeugt mich nicht; die durch Eingebung entstandenen Gedichte bleiben, da sie nirgends erhalten sind, zu unbestimmt beschrieben, als dass ich in ihnen das Abbild einer göttlichen Weltordnung sehen könnte.

Im Roman dominieren zwei Themen, die inneren Probleme der Türkei oder des Türkischseins, das zwischen Europa, Islam und Armut sich zu definieren sucht, wobei die Lust zu gewaltsamen Lösungen und endlosen Debatten mitschwingt - insgesamt wird für den Leser etwas zu viel debattiert, die Themen wiederholen sich; wie weit diese Türkeidarstellung "richtig" ist, kann ich nicht beurteilen. Das zweite Thema ist die Liebe, die Liebeshoffnung und -erfahrung verschiedener Figuren - zunächst Kas zur schönen Ipek und die Kadifes zu Lapslazuli; aber da kommt noch einiges an Hoffnungen und Enttäuschungen hinzu. Dieser Aspekt Liebesroman ist der (mich) eher fesselnde, wobei zum Schluss letztlich unklar bleibt, warum Ka Lapislazuli verraten und so Ipek verloren hat. - Das Liebesthema ist mit zwei kriminalistischen Erzählfäden verwoben, den Morden während des Theaterspiels und den geheimen Treffen mit verfolgten Islamisten.

Die Erzählsituation befriedigt nicht: Zuerst hat man den Eindruck, ein allwissender Erzähler agiere souverän; dass ein Ich-Erzähler da ist, habe ich erstmals auf S. 123 bemerkt. Woher hat dieser Ich-Erzähler Orhan (Pamuk) sein umfassendes Wissen? Er war mit Ka befreundet und hat dessen akribisch genaue Aufzeichnungen von den Tagen in Kars gelesen (S. 496) - aber Ka hatte in den paar Tagen gar keine Zeit, alles genau zu notieren, und dass Ipek ihm weitere Details erzählt habe (S. 498), ist auch nicht plausibel. Dieser Ich-Erzähler Orhan (S. 301 ff.) spricht ebenso wie die Figur Fazil von dem Roman, den Orhan schreiben wird [also geschrieben hat], und von seinen Lesern sowie von dem, was diese glauben oder nicht glauben werden; der Ich-Erzähler kann derart in den Vordergrund treten, weil Ka vor einigen Jahren ermordet worden und das grüne Heft mit den 18 erhaltenen Gedichten und dem einen rekonstruierten verschwunden ist. Fazit: Der Ich-Erzähler weiß für seine Rolle zu viel; vielleicht wäre sein Versuch, sich aus Aufzeichnungen und Gesprächen zu informieren und aus diesem Wirrwarr von Perspektiven und Meinungen die Umrisse eines Bildes zu machen, besser gelungen.

Orhan Pamuk ist wegen des Buches in der Türkei heftig angegriffen worden; das war das Beste, was ihm als Autor passieren konnte.

von: norberto42
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Geändert am 24. Juli 2006 um 12:57

Dienstag, 11. Juli 2006

Peter von Matt: Die Intrige (Hanser, 2006)

Ich kenne vier Bücher des Germanisten Peter von Matt; das neue, "Die Intrige", kann sich mit dem "Liebesverrat" darum streiten, welches das beste von allen ist. "Die Intrige" ist also ein großes Buch, ein lesenswertes Buch: weil von Matt anschaulich Literatur referieren kann; weil er offensichtlich die europäische Literatur hervorragend kennt; und weil das Thema ein elementar menschliches ist.

Matt zeigt also, wie das Intrigieren mit dem Versuch des sich aufklärenden Menschen, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, verbunden ist; wie es die europäische Literatur seit der Ilias bestimmt; wie die scheinbar einfache Form der Fabel mit dem Fuchs als Akteur in der Literatur zentral ist. Und er zeigt in einem, was der Umbruch von der feudalen zur bürgerlichen Literatur im 18. Jahrhundert fürs Intrigieren bedeutet (das ist nichts mehr für Frauen) und wie sich der Umbruch zur Moderne ab 1900 in der Darstellung der Intrige spiegelt. Nebenher kriegt man noch einiges von Kriminalromanen mit, die man (also ich) nur dem Namen nach kannte.

Mich hat das Buch angeregt, einzelne seiner Gedanken weiterzuspinnen und sie an Themen zu binden, die mich interessieren; ich habe sogar Anregungen dafür gefunden, was ich in einem Jahr bei meiner Pensionierung sagen und nicht kann. Ein schönes Buch, für das ich seinem Autor danke.

von: norberto42
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Geändert am 11. Juli 2006 um 21:15

Donnerstag, 4. Mai 2006

St. Lem: Solaris


Weil "Solaris" in den Nachrufen auf Lem als sein größter Roman gefeiert wurde, habe ich das Buch gelesen: spannend, aber nicht das größte Buch Lems. Ein Aspekt hat mich beeindruckt: die Begegnung mit Harey, zehn Jahre nach ihrem Tod.
   Um das zu verstehen, muss man die Fähigkeit des "Meers" auf Solaris kennen: jedem seine tiefsten Gedanken zu spiegeln und sie quasi zu materialisieren - in der Weise einer neuen Materie. Dem Forscher Kelvin begegnet so seine Geliebte, die er zehn Jahre zuvor in einem kleinlichen Streit in den Selbstmord getrieben hat. Diese Begegnung mit einer Gedächtnisgröße - sie ist zwanzig Jahre alt geblieben, er ist älter geworden - ist ein Fall, der zum Nachdenken über die eigenen Gedächtnisgrößen anregt und der zugleich bewusst macht, dass im Umgang mit ihnen das eigene Altern eine Verzerrung der Sicht bedeutet: In Wahrheit sind solche Personen nicht die wirklichen Personen; die sind ja auch anders geworden, vielleicht sind sie sogar tot; aber in meiner Bilderwelt sind sie die, die sie dort immer sind und die sich nicht geändert haben. Die Vergangenheit kann man nicht mehr in einem neuen Leben korrigieren, man kann sie nicht fortsetzen - sie ist anders fortgesetzt worden.
   Ganz nett sind die Konflikte zwischen den Forschern, ganz nett ist auch die Geschichte der Solaristik erzählt: das übliche Hin und Her der Wissenschaften. Das Meer und seine Gebilde, seine Fähigkeiten, seine Unerklärlichkeiten interessieren nicht als solche; das ist Schnickschnack, den man verfilmen kann.
   Von grundsätzlicher Bedeutung ist die Aufklärung, die Snaut Kelvin zukommen lässt (Ausgabe des Claassen Verlags, 1972 = 1981, S. 97): "Wir brechen in den Kosmos auf..."; doch wir wollen gar nicht den Kosmos erobern, sondern nur die Grenzen der Erde ausweiten. Und die zweite Lüge: "Wir halten uns für die Ritter vom Heiligen Kontakt. (...) Wir brauchen keine anderen Welten. Wir brauchen Spiegel. Mit anderen Welten wissen wir nichts anzufangen. Wir wollen das eigene idealisierte Bild finden..." Aber die Menschen fliegen als die, die sie wirklich sind; diese Wahrheit können sie nicht hinnehmen.
   Grundsätzlichere Bedeutung haben für mich Lems "Memoiren, gefunden in der Badewanne"; leichter, spritziger sind die Fabeln zum kybernetischen Zeitalter, "Kyberiade", geschrieben.
   Mit Lem ist ein großer Autor gestorben, dessen Biografie, dessen Rettung vor den damaligen Deutschen selbst eine Abenteuergeschichte ist.
von: norberto42
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Geändert am 4. Mai 2006 um 12:03

Samstag, 1. April 2006

Peter Wensierski: Schläge im Namen des Herrn (2006)


P. Wensierski berichtet hier über "Die verdrängte Geschichte der Heimkinder in der Bundesrepublik"; das Buch ist von Matthias Dobrinski, dem Kirchenexperten der SZ, in der SZ vom 27. März besprochen worden (Die schwarze Pädagogik. Vom brutalen und erbarmungslosen Alltag der Heimerziehung in kirchlichen Einrichtungen der 50er und 60er Jahre). Dobrinski vermerkt, dass bereits die ersten Heime aufgrund der Recherchen zu diesem Buch sich ihrer verdrängten Geschichte stellten.
Besagter Peter Wensierski hat in DIE ZEIT vom 9. Februar im "Dossier" eine Summe seines Forschungen vorgestellt: "Das Leid der frühen Jahre".
Ich meine mich zu erinnern, dass Heinrich Kirschbaum mir hinter vorgehaltener Hand erzählte, Rosemarie Nitribit sei Insassin des Eschweiler Kinderheims gewesen, was man bloß nicht laut sagen dürfe: ein Beispiel misslungener Frömmigkeitserziehung.
von: norberto42
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Geändert am 1. April 2006 um 22:54