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Donnerstag, 12. Januar 2006

J. P. Hebel: Kannitverstan (Analyse)

Wie liest man die Erzählung, wenn man analytisch vom Kommentar ausgeht? Etwa so: In der Erzählung „Kannitverstan“ (1809) belehrt ein auktorialer Erzähler seine Hörer, wie man mit seinem Schicksal zufrieden werden kann, auch wenn man arm ist: Man („der Mensch“) hat, wo auch immer man sich befindet, die richtige Betrachtung „über den Unbestand aller irdischen Dinge anzustellen“. Dieses Lernprogramm stellt der Erzähler am Anfang vor (Z. 1-8). Er führt dann die Figur eines Handwerksburschen ein (Z.9), an dessen Beispiel („denn“, Z. 11) er zeigt, wie jemand sogar „auf dem seltsamsten Umweg“ (Z. 8, „aber“) zu dieser Betrachtungsweise gekommen ist. Dahin kann man täglich und überall kommen (Z. 1-3); in der großen (!) Stadt (Z. 12), wo man fortwährend Großem begegnet (s.u.), ist der Weg zur Erkenntnis offenbar schwerer: Dass die Dimension „groß“ betont wiederholt wird, gibt zu denken - dem armen Handwerker sowieso, aber auch dem aufmerksamen Leser.
   Die eigentliche Erzählung beginnt in Z. 11; es werden drei Begegnungen des Gesellen mit dem vermeintlichen Herrn Kannitverstan erzählt. Der deutsche Geselle ist in Amsterdam ein Fremder, der die holländische Sprache nicht versteht (Z. 33-39; vgl. Z. 97 f.). Im Hintergrund klingt vermutlich das christliche Motiv an, dass der Mensch in der Welt fremd ist, auf der Wanderschaft (vgl. Z. 16 f.) zur himmlischen Heimat; diese Menschen-Wanderschaft ist ein Weg, der durch Irrtümer zur Wahrheit führt, wie der Handwerker beispielhaft erlebt und der Leser es erfährt (Z. 10 f.): durch seinen allwissenden Sprecher spricht Hebel seine Kalenderleser an. Wohlwollend verfolgt der Erzähler den Weg des Handwerksburschen (der gute Fremdling, Z. 38; unser Fremdling Z. 84)
   Es wird erzählt, was der Handwerker innerhalb eines Tages erlebt; vorab deutet der Erzähler bereits das gute Ende des Geschehens an (Z. 7-11). Dreimal begegnet der Deutsche aus dem kleinen Schwaben in der großen Stadt Amsterdam etwas Großem: einem Haus, einem Schiff und einem Leichenzug. Diese drei Erlebnisse verbindet er auf Grund eines Missverständnisses des Satzes „Kannitverstan“ zu einer sinnvollen Einheit, welche er als „Unbestand aller irdischen Dinge“ (Z. 3 f. gegen Z. 89-92!) begreift.
   Die drei Episoden (1. - 3.) werden nach dem gleichen Schema erzählt: Der Deutsche begegnet dem Großen, das lange betrachtet wird (1. - 3.); er macht sich Gedanken über den Reichtum (1. und 2., verbunden in Z. 63-68); er stellt eine falsche („traurige“, Z. 69) Betrachtung an, die auf einem Vergleich beruht (Z. 70-74) und zum Neid führt (nur in 2.); in der dritten Episode werden die falschen Gedanken vom richtigen Gefühl (Z. 84 ff.) verdrängt und münden in der richtigen Betrachtung (Z. 101 ff.). Zum Schluss wird summarisch erzählt (Z. 118 ff.), dass der Handwerker seine Lebens-Lektion im Sinn des Erzählers gelernt hat: Immer wenn er an seiner Armut leidet, stellt er die richtige Betrachtung an und erkennt (Kontrast und Abfolge: groß und reich - enges Grab), dass Reichtum zuletzt bedeutungslos ist, womit er dann den Übergang vom schweren zum leichten Herzen (Z. 115/111) schafft.
   Wenn man sich am Erzähler und am Erzählvorgang orientiert, gewinnt ein Element (eines Textes) seine Bedeutung dadurch, dass es seinen bestimmten Platz in der Abfolge vieler Elemente einnimmt. Nehmen wir als Beispiel die „traurige“ Betrachtung, welche der Handwerksbursche anstellt, als er „Kannitverstans“ großes Schiff gesehen hat (Z. 70 ff.). Diese Betrachtung nach der zweiten Begegnung mit etwas Großem aus dem Umfeld Kannitverstans folgt dem Versuch des Gesellen, sich rational den Reichtum (den Besitz des großen Hauses) Kannitverstans zu erklären. Die zweite Begeg-nung mit etwas Großem steht zwischen der ersten, auf die keine Betrachtung folgt, und der dritten, welche mit der richtigen Betrachtung (Z. 101 ff.) schließt. In dieser Reihenfolge wird der anfänglich genannte Weg der Erkenntnis „durch den Irrtum zur Wahrheit“ (Z. 10) realisiert. Die „Wahrheit“ im Sinn des Erzählers ergibt sich aus der richtigen Betrachtung des Unbestands aller menschlichen Verhältnisse (Z. 1-8) und erweist sich darin, dass sie es einem leicht ums Herz werden lässt (s.o.).
   Diese Orientierung an der Position eines Elementes in der Abfolge der Elemente nennt man syntagmatisch. Paradigmatisch ist die Betrachtung, wenn man sich fragt: Was bedeutet es, dass gerade dieses Element statt eines anderen gewählt worden ist? Was bedeutet es also, dass der Handwerker aus Duttlingen statt aus Ibbenbüren stammt? In dieser Betrachtung zeigt sich ein kleiner Witz darin, dass der Deutsche gerade die Bemerkung „Kann nit verstan“ des Holländers seinerseits nicht versteht und zum Namen „Kannitverstan“ umdeutet.

In aller Vorsicht möchte ich einige Überlegungen zur möglichen Intention des Autors um 1810 anstellen. An einigen Stellen klingen christliche Motive ebenso wie Schlagworte der Entstehungszeit an: dass wir nur Gast (Fremdling) auf Erden sind, dass wir paradoxerweise (also durch Erlösung) durch unsere Irrtümer zur ewigen Klarheit und Wahrheit kommen. Eine kirchenkritische Pointe liegt in der Tatsache, dass der Fremde in Holland durch eine unverständliche Predigt mehr gerührt wird als durch manche (langweilige) deutsche (Z. 112-114); die Rührung stammt aus dem wehmütigen Gefühl, „das an keinem guten Menschen vorübergeht, wenn er eine Leiche sieht“ (Z. 85-87). In diesem Gefühl ist der Handwerker ein guter Mensch, in diesem Gefühl stellt er die richtige Betrachtung über den Gang des Lebens an (Z. 100 ff.). Als er dagegen nur gefühllos auf seinen Verstand gesetzt hat, hat er die wesentliche Gleichheit der Menschen (angesichts des Todes) übersehen und nur die Unterschiede zwischen Armen und Reichen bemerkt (Z. 70 f.). Hier beziehen der Erzähler und sein Autor zwischen dem Vertrauen auf die Vernunft (Aufklärung, 18. Jahrhundert) und der Betonung des Gefühls (Romantik, etwa 1790-1830) Position, ebenso zwischen dem Gleichheitspathos der Revolution (1789) und dem christlichen Schöpfungs- oder Erlösungsglauben, der politisch zu einer konservativen Haltung neigt. - Man könnte auch auf die Nähe des evangelischen Theologen Hebel zum schwäbischen Pietismus verweisen, der die Herzensfrömmigkeit (gutes Herz, Gefühl) höher als die kirchliche Orthodoxie (Bekenntnis der „richtigen“ Glaubenssätze) setzt.
   Indirekt liegt auch eine Kritik an dem reichen Beerdigungsteilnehmer vor, der sogar beim Begräbnis noch kalkuliert, wie er seine Gewinne steigern kann; dieser Kapitalist blickt nicht auf das, was letztlich Bestand hat, und geht so in die Irre - er ist die unbelehrte Gegenfigur, im Vergleich mit welcher der schwäbische Handwerker als wahrhaft belehrt (und „bekehrt“) erscheint.        

Zwei alte Analysen
Die Erzählung wird von einem Kommentar eingeleitet, den ich zunächst nicht beach-ten möchte; was er bedeutet, versteht man besser, wenn man die Erzählung kennt. Diese beginnt in Zeile 11; es wird davon erzählt, was ein deutscher Handwerksbursche in Amsterdam erlebt hat.
   Zwei Fragen sind zu beantworten, wenn man die Erzählung verstehen will: Was wird erzählt, und wie wird es erzählt? Die erste Frage ist leichter zu beantworten. Der Deutsche aus Duttlingen (Z. 17), einem Dorf im Schwabenland, kommt in die große Stadt Amsterdam und erblickt dort vieles, was er so nicht kennt; dabei fallen ihm drei Dinge besonders auf: ein großes, schönes Haus (Z. 15 ff.), ein großes Schiff (Z. 49 ff.) und ein großer Leichenzug (Z. 75 ff.). Erzählt wird nun, wie dieses betont Große auf den „kleinen“ namenlosen Handwerker wirkt; erzählt wird also, was er beim Anblick der drei Größen empfindet und denkt (Z. 41; 63; 72; 102 bzw. 108).
   Seine Gedanken und Empfindungen verändern sich in der Abfolge des Erlebens - das ist das, was eigentlich erzählt wird. Das große Haus erblickt er mit Verwunderung (Z.19), er denkt dabei nur an den Reichtum des Besitzers (Z. 40 f.). Wie das Schiff entladen wird, schaut er aufmerksam zu (Z. 50); er stellt nun in seinen Gedanken einen kausalen Zusammenhang zwischen dem Besitz des Schiffes und dem des großen Hauses her (Z. 63 ff.). Dieser Zusammenhang ist aber nicht richtig.
   Der Deutsche hat nämlich die Antwort „Kannitverstan“ auf seine Frage, wem das Haus gehöre, als einen Namen verstanden, also missverstanden, wie der Erzähler seinem Hörer erklärt hat (Z. 34-39); auf Grund dieses Missverständnisses stellt der Handwerker, der namenlose Held der Erzählung, „eine recht traurige Betrachtung“ (Z. 69) an - er ist neidisch auf den Reichtum des Herrn Kannitverstan, des „vermeinten Herrn Kannitverstan“ (Z. 110), wie der Erzähler hervorhebt, dem nur vermeintlich sowohl das Haus wie das Schiff gehören. Damit ist das zweite Thema der Erzählung genannt: das Missverständnis, welches die Gedanken des Handwerkers bestimmt.
   Dieses Missverständnis, was den deutschen Burschen zunächst belastet (Z. 69 ff.), lässt ihn beim dritten Erlebnis wieder (schrittweise) fröhlich werden. Er identifiziert nämlich irrtümlich den gleichen Herrn Kannitverstan als die zu begrabende Leiche (Z. 75 ff.; 97 f.) und zieht in Gedanken die Bilanz von dessen Leben: Letztlich hat dieser von seinem Reichtum genau so viel wie er von seiner Armut (Z. 102 ff.). Hat ihn der Tod des Mannes bedrückt („wehmütiges Gefühl“, Z. 85; „schwer ... ums Herz“, Z. 101), so stimmt ihn die Bilanz heiter (Z. 101, 115), da alle Besitzunterschiede im Tod aufgehoben seien (Z. 70 ff.; 102 ff.), sodass er getrost einen Käse essen kann.
   Zum Schluss weiß der Erzähler zu berichten, dass sein Held diese Betrachtung später immer wieder angestellt hat, wenn er angesichts der ungleichen Verteilung der Reichtümer in der Welt an seiner Armut gelitten hat (Z. 118 ff.).
   Wenden wir uns jetzt der Frage zu, wie diese Geschichte erzählt wird. Der Erzähler ist „allwissend“; er weiß also, was der Held auf seiner Wanderung erlebt hat (Z. 16-18), warum der erste Holländer so kurz angebunden ist (Z. 29 ff.) und was ein ande-rer beim Begräbnis denkt (Z. 89-92), ebenso was sein Held gerade oder später denkt (Z. 40 f.; 72-74 usw.; 118 ff.); er bewertet auch das Mitleid des Helden (Z. 85-87). Seinen Zuhörern erklärt er das Missverständnis seines Helden genau (Z. 34 ff.).
   Anderseits ist die Erzählweise ganz einfach und volkstümlich: Der Held hat keinen Namen, beinahe keine Geschichte und auch kaum einen Charakter: Er ist ein guter Mensch (Z. 85 f.; 111-113), zwar auf die allzu Reichen neidisch (Z. 70 ff.), doch bald wieder mit seinem Los zufrieden (Z. 101 ff.); menschliche Züge werden kurz bei den beiden Holländern (Z. 29 ff.; 89 ff.), einmal dann beim deutschen Handwerker (Z. 113 f.) erwähnt. Die chronologisch erzählten Ereignisse werden nicht datiert, außer in der Beziehung auf den Helden: „als er in diese große und reiche Handelsstadt... gekommen war“ (Z. 11 ff.) - danach gibt es nur so unbestimmte Zeitangaben wie „lange“ (Z. 18), „endlich“ (Z. 22, 41, 49 usw.), „da“ (Z. 63) oder „jetzt“ (69). Auch die Dreizahl der Erlebnisse ist für volkstümliches oder lehrhaftes Erzählen typisch.
   Im einleitenden Kommentar sagt der auktoriale Erzähler, wie er seine Geschichte verstanden wissen will; sie dient ihm als Beleg („denn“, Z. 11) für seine Behauptung, dass jemand, ein deutscher Handwerker, durch den Irrtum zur Wahrheit gekommen ist - ein Weg, den er selbst als „seltsamsten Umweg“ (Z. 8) bewertet. Umweg ist dieser Weg in den Augen des Erzählers angesichts dessen, was er als täglich gegebe-ne Möglichkeit und damit auch Aufgabe des Menschen ansieht: durch „Betrachtungen über den Unbestand aller irdischen Dinge“ (Z. 3 f.) mit dem eigenen Schicksal und seinen bescheidenen Lebensmöglichkeiten „zufrieden zu werden“ (Z. 5). Dass seine Zuhörer zur Einsicht in den wahren Wert des Irdischen kommen und dadurch mit ihrem Schicksal zufrieden werden können, dessen ist der Erzähler gewiss; sein Held ist ein Vorbild, von und mit dem man etwas lernen kann. Dass dessen Weg dabei ein seltsamer Umweg ist, macht seine Geschichte erzählenswert und unterhaltsam.

Wann hat man die Erzählung „Kannitverstan“ verstanden?  Und gibt es ein richtiges oder vollständiges Verstehen? Um diese beiden Fragen beantworten zu können, sollte man drei kommunikative Dimensionen oder Aspekte unterscheiden. Die erste Dimension wird erreicht, wenn die reine Erzählung (Z. 11 ff.) im Vordergrund steht; das ist etwa der Fall, wenn Hebels Erzählung Kindern der Primarstufe oder der frühen Sekundarstufe zur Unterhaltung vorgelesen oder zur Nacherzählung vorgetragen wird; dann haben sie es mit der Geschichte eines Missverständnisses zu tun - die realen Zuhörer halten sich für dem Helden überlegen, weil sie sein Missverständnis durch-schauen und sich deshalb daran erfreuen können. Dieses Verständnis ist sicher nicht falsch, weil dem Erzählungsaufbau entsprechend, aber nicht vollständig, weil den einleitenden Kommentar nicht beachtend.
   Die zweite Dimension des Verstehens wird durch den Erzählerkommentar eröffnet:
die Erzählung als Beispiel und der Held als Vorbild dafür, wie man von falscher Betrachtung der sozialen Unterschiede (Stichwort in Z. 3 und 69, analog zu ergänzen in Z. 101 ff. und 121) zur richtigen Betrachtungsweise kommt; als richtig gilt dabei dem Erzähler die Betrachtung, welche den einzelnen Menschen zufrieden macht (Z. 5 f.) und bei der es einem leicht statt schwer ums Herz wird (Z. 69 f.; 100 f.; 115; 119 f.). Man wird nicht fehlgehen, wenn man die Intention des auktorialen Erzählers als die des Autors Johann P. Hebel begreift; in seinen Augen wäre die Erzählung richtig verstanden, wenn die Leser den namenlosen Helden als Vorbild nähmen, zur richti-gen Betrachtung des Reichtums kämen und so zufrieden würden: Auch aus einem großen Haus kommt man in ein enges Grab (Z. 123 f.); im Tod sind alle gleich, der Unterschied zwischen Reichen und Armen ist dann aufgehoben (Z. 102 ff.).
   Da man methodisch zwischen Autor und Erzähler zu unterscheiden hat, kann man das Verhältnis von Autor und Lesern als dritte Dimension des Verstehens betrachten, auch wenn der Autor Hebel seinem auktorialen Erzähler nahe steht. Definitiv ist eine dritte Dimension erreicht, wenn ein Leser die Belehrung durch den Erzähler versteht, aber für falsch hält, Hebels Intention zurückweist und von einer (vermeintlich?) höhe-ren Einsicht in die politischen Möglichkeiten des sozialen Ausgleichs und Kampfes die möglicherweise beschwichtigende, aufs Dereinst vertröstende Wirkung der Erzählung ablehnt; statt der Gleichheit im Tod kann man Gleichheit im Leben anstreben, den Neid auf die allzu Reichen brauchte man dann nicht zu beseitigen; das Mitgefühl mit den Toten ersetzte nicht die Brüderlichkeit der Bürger. - Spätestens hier ist die dritte Dimension des Verstehens erreicht; es kann historisch untersucht werden, wie Hebels Erzählung verstanden worden ist und gewirkt hat. Ob man in dieser Dimension
entscheiden kann, welches Verständnis richtig ist, sei dahingestellt; sicher ist ein Verständnis, in dem man sich von der Intention des Autors distanzieren kann, vollständiger als eines, welches dem Charme des auktorialen Erzählers erliegt.

Schauen wir zurück, wie wir bei der Analyse vorgegangen sind:
1. Zunächst haben wir untersucht, was erzählt wird (die Ereignisse, die Erlebnisse und Reaktionen des Helden); dabei ist als treibendes Moment, vielleicht sogar als Thema das Missverständnis des holländischen Satzes „Kannitverstan“ aufgetaucht. Wir ha-ben also den thematischen und chronologischen Aufbau der Erzählung untersucht.
2. Danach haben wir untersucht, wie die Geschichte erzählt wird und wie der Erzähler sich zu Wort meldet - dies alles auf die eigentliche Erzählung (ab Z. 11) bezogen.
Wir haben somit die Erwählweise und die Kommunikation des Erzählers mit seinen Hörern berücksichtigt.
3. Abschließend haben wir den einleitenden Erzählerkommentar untersucht und die Erzählung von ihm her als eher erbauliche Belehrung verstanden. Wir haben somit die Intention des auktorialen Erzählers gefunden.
Damit ist die Analyse eigentlich beendet; man hätte auch mit der Untersuchung des Erzählerkommentars beginnen, die ganze Bedeutung der „Betrachtungen“ (Z. 3) dann aber erst aus der Erzählung selbst verstehen können. [Wie man vom Erzähler-kommentar ausgehen kann, wird gleich unten vorgeführt.]
   Danach haben wir die Grundsatzfrage behandelt, wann man die Erzählung vollständig oder richtig verstanden hat; dabei haben wir mehrere Dimensionen des Verstehens unterschieden, die an kommunikative Verhältnisse angebunden sind. Als neues Verhältnis taucht das des Autors Hebel zu realen Lesern damals und heute auf. Hier greift die Untersuchung als Rezeptionsforschung über den Text hinaus; als politische oder geschichtsphilosophische Untersuchung stellt sie den Autor Hebel mit seiner Erzählung in die Geschichte der sozialpolitischen Kämpfe.    
von: norberto42
Entry modified
Geändert am 13. Januar 2006 um 00:27

J. P. Hebel: Unverhofftes Wiedersehen - Analyse (Skizze)

Ausgangssituation: Es gibt ein Liebespaar in Falun.
1. Ereignis: Das Paar bereitet die Hochzeit am Tag St. Lucia vor.
2. Ereignis („als aber“, Z. 6): Die Hochzeit wird durch ein Unglück vereitelt.
- (Die Zeit von mehr als 50 Jahren wird überbrückt: „unterdessen“, Z. 15)
3. Ereignis („als aber“, Z. 25): Der Verunglückte wird gefunden und von der früheren Braut erkannt („aber - bis“); ihre Liebe erwacht wieder.
4. Ereignis: Die Frau begräbt den Toten („aber“, Z. 45), „als wenn es ihr Hochzeitstag (...) wäre“ (Z. 51; vgl. „als wenn...“, Z. 30 f.).
Ergebnis: Die Hochzeit ist symbolisch vollzogen (Halstuch umgelegt, sie trägt ihr Sonntagsgewand, er ist „im (...) Hochzeitsbett“, Z. 53); die Frau erwartet die endgültige Vereinigung mit dem Bräutigam.

Auf der Achse der Symbole (Bedeutung) stehen gegenüber:
was vergeht (Tod):       - was (50 Jahre) Bestand hat (Liebe):
das Aussehen der Braut   - die Erinnerung der Liebenden (Z. 14)
das Leben (der Menschen) - die unverweste Leiche (Z. 30 f.)
                         - die Flamme der Liebe (Z. 44 f.)
                         - das Halstuch (Z. 49 f.)
die Weltereignisse (Kriege - das gleichförmige Arbeiten der
und Tod, Z. 15 ff.)          Menschen (Z. 23-25)
Die Metapher „Schlaf“ und die zugehörige Zeitstruktur Tag / Nacht / Tag überbrücken den Gegensatz zwischen Liebe und Tod:
* Scheinen Liebeserfüllung und Tod anfangs Gegensätze zu sein („ohne dich...“, Z. 5 f.), so bezeugt schon das schwarze (Tod) Tuch mit rotem (Liebe) Rand, dass sie zusammen bestehen können; so kann die Frau den Bräutigam begraben, „als wenn es ihr Hochzeitstag... wäre“ (irrealer Vergleich, Z.51), während sie dessen Sarg als kühles (Tod) Hochzeitsbett bezeichnet (Z. 53).
* Die Frau bekennt in ihrer Rede eine utopische Hoffnung, welche den Bestand der Liebenden (der Menschen) über den Tod hinaus glaubt und deren Schlüsselsatz lautet: „und bald wird´s wieder Tag“ (Z. 54). Sie rechtfertigt diese Sicht: Der Tod sei Schlaf (Z. 52 f.); sie komme „bald“ zu ihrem Bräutigam (ins Grab, also „ins Bett“). Wie sie selbst das Halstuch in einem Kästlein aufbewahrt hat, hat die Erde ihren Bräutigam unversehrt aufbewahrt (Z. 43 f.) und ihr wiedergegeben (Z. 55); daraus leitet sie ein Gesetz ab, wie die Erde handelt: Diese wird die Toten auch zum zweiten Mal nicht behalten (Z. 55). Ist die Erde eine handelnde Größe (wohinter „Gottes Handeln“ steht!), dann ist die Metapher Schlaf für Tod (Auferstehung) angemessen; im irrealen Vergleich (Z. 30 f.) wird diese Sicht vom Erzähler vorbereitet (vgl. auch: die Flamme der Liebe „erwacht“, Z. 45); sie wird also vermutlich von ihm geteilt.

Aufbau: Die Erzählung ist in drei Abschnitte eingeteilt:
Wie eine Hochzeit vorbereitet wird und scheitert (Z. 1-14); wie die Zeit weitergeht (Z. 15-25); wie der Bräutigam gefunden und begraben [und die Hochzeit „nachgeholt“] wird (Z. 25 ff.). Die Hauptereignisse finden jeweils an zwei aufeinander folgenden Tagen statt (Z. 6-12; Z. 25 ff.), getrennt durch 50 Jahre Z. 31).

Das Handeln des Erzählers könnte genauer untersucht werden: Verwendung der Kontraste und ihrer Überwindung, der irrealen Vergleiche, der Zeitstruktur geht z.T. auf sein Konto, z.T. auf das des erzählten Geschehens. Entsprechend ist die Frau als Hauptakteurin, von der erzählt wird, zu würdigen.

von: norberto42
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Geändert am 2. Mai 2011 um 19:46

J. P. Hebel: Kannitverstan / Unverhofftes Wiedersehen

Überlegungen zur möglichen Intention des Autors um 1810
In beiden Erzählungen klingen christliche Motive ebenso wie Schlagworte der Entstehungszeit an:
dass nach dem Todesschlaf ein neuer Tag anbricht,
dass wir nur Gast (Fremdling) auf Erden sind,
dass wir paradoxerweise (also durch Erlösung) durch unsere Irrtümer zur ewigen Klarheit und Wahrheit kommen.
Eine kirchenkritische Pointe liegt in der Tatsache, dass der Fremde in Holland durch eine unverständliche Predigt mehr gerührt wird als durch manche deutsche (Z. 112-114); die Rührung stammt aus dem wehmütigen Gefühl, „das an keinem guten Menschen vorübergeht, wenn er eine Leiche sieht“ (Z. 85-87). In diesem Gefühl ist der Handwerker ein guter Mensch, in diesem Gefühl stellt er die richtige Betrach-tung über den Gang des Lebens an (Z. 100 ff.). Als er dagegen nur gefühllos auf seinen Verstand gesetzt hat, hat er die wesentliche Gleichheit der Menschen (angesichts des Todes) übersehen und nur die Unterschiede zwischen Armen und Reichen bemerkt (Z. 70 f.). Hier bezieht der Autor zwischen dem Vertrauen auf die Vernunft (Aufklärung, 18. Jahrhundert) und der Betonung des Gefühls (Romantik, etwa 1790-1830) Position, ebenso zwischen dem Gleichheitspathos der Revolution (1789) und dem christlichen Schöpfungs- oder Erlösungsglauben, der zum politisch Konservativen neigt.
   Man könnte auch auf die Nähe des Theologen Hebel zum schwäbischen Pietismus verweisen, wo die Herzensfrömmigkeit (gutes Herz, Gefühl) höher als das Bekenntnis der „richtigen“ Glaubenssätze geschätzt wird; die Geschichte (inklusive Fr. Revolution) ist nur Hintergrundmusik auf dem Weg der (liebenden) Menschen zur ewigen Vollendung.  
   Indirekt liegt auch eine Kritik an dem reichen Beerdigungsteilnehmer vor, der sogar beim Begräbnis noch kalkuliert, wie er seine Gewinne steigern kann; dieser Erzkapitalist blickt nicht auf das, was letztlich Bestand hat, und geht so in die Irre - er ist die unbelehrte Gegenfigur des „einsichtigen“ schwäbischen Handwerkers.
    Es ist auf Grund zweier Erzählungen nur mit Vorsicht zu sagen, was des Autors Hebel Intention bei seinem literarischen Schaffen ist; doch ist zu erkennen, welches „konservative“, antiaufklärerische Wirkungspotenzial in den Erzählungen liegt. Es ist auch zu verstehen, dass die Kultusminister („die Regierung“) nichts dagegen hatten, dass gerade diese beiden Erzählungen immer wieder in deutschen Lesebüchern abgedruckt wurden. [Trotzdem sind es gute Erzählungen!] - Die tatsächliche Wirkung der Erzählungen müsste mit viel Aufwand empirisch erforscht werden.
    Vgl. den Artikel „Schatzkästlein...“ in: Hauptwerke der deutschen Literatur. Bd. 1 (Kindlers Neues Literatur Lexikon), 1994, S. 413 f., und den Artikel „Schatzkästlein...“ im alten KLL. Gute Beiträge zu „Hebel: Unverhofftes Wiedersehen“ sind bei google; vgl. auch „Text und Kritik“, Heft 151 (Juli 2001), über J.P. Hebel. Ferner: „Kalendergeschichten“ im Wörterbuch, ebenso die Epochenstichworte (s.o.).  
von: norberto42

J. P. Hebel: Der Wasserträger - Analyse

Den Text entnehme ich der Ausgabe J.P. Hebel: „Poetische Werke“ (Winckler, München o.J., S. 327-329). Diese Erzählung ist wie viele andere Erzählungen Hebels kaum bekannt, was aber nicht gegen die ihre Qualität sprechen muss; sie stammt aus dem Kalender „Rheinländischer Hausfreund“, den Hebel seit 1805 herausgegeben hat.

Überlegungen zur Analyse
Wie baut der Erzähler seine Erzählung auf?
* Z. 1-10; 11-14; 15-18; 19 f.; 20-26; 27 ff.; 58-61; 62. Was tut der Erzähler sprachlich?
* Du müsstest sehen: Es gibt eine Ausgangssituation, die durch den Gewinn „gestört“ wird; der eine / der andere handeln gegensätzlich mit dem unverhofft gewonnenen Geld; der zweite Wasserträger kehrt in die Ausgangssituation zurück.
Woran erkennst du, dass eine lehrhafte Erzählung vorliegt?
Welche Lehre will der auktoriale Erzähler vermitteln?
* Wo gibt der Erzähler zu erkennen, wen er selbst für den richtig Handelnden hält? (Es genügt nicht zu bemerken, dass es einen auktorialen Erzähler gibt - man muss wahrnehmen, welchen Beitrag er zum „richtigen“ Verstehen leistet!)
* Wie ist das erzählte Geschehen zeitlich vom Erzähler strukturiert: Was ist ihm wichtig, wofür nimmt er sich also viel Zeit?
* Wo ergibt sich das Gleiche aus dem Handeln der Figuren?
* Wo ergibt sich das Gleiche „aus der Sache“ selbst [im Urteil des Lesers, der die Bibel kennt]?
* Was bedeuten oder leisten die Hinweise auf den Hausfreund (Z. 25 f.; 30; 62)?
* Was ergibt sich aus der Überschrift „Der Wasserträger“? [Ist das die Sicht des Autors?]
Einzelfragen:
Es genügt nicht, die beiden Figuren unter der Alternative „Verstand - Gefühl“ zu sehen - warum genügt das nicht? Das Schlimme beim ersten Wasserträger ist ja nicht, dass er denkt, sondern dass er falsch denkt! (Bei Max Horkheimer heißt diese Art des Denkens „instrumentelle Vernunft“: Die Vernunft ist nur noch als Instrument auf die Mittel des Handelns gerichtet und prüft nicht mehr die Ziele des Handelnden!)
Wie denken die Hörer des auktorialen Erzählers über das sichere Anlegen des Geldes (Z. 21 f.)? Beachte: Sie alle kennen Luk 12,16-20!
Welche Bedeutung kommt der Ausgangssituation zu? Wie ergeht es beiden jahrelang und dem zweiten dann wieder für den Rest seines Lebens? (Was bedeuten die Diminutive im Zusammenhang mit den Lebensbedingungen um 1810?)
Wieso will der zweite Wasserträger unbedingt mit dem Gewinn fertig werden (Z. 32, 53)?
Wozu ist der Erzählerkommentar (Z. 15-18) im Zusammenhang  gut?
Was ist  das Thema dieser Erzählung?
Zur Darstellung der Ergebnisse:
Wie viel „Inhalt“ musst du darstellen? (Genügt es, das Thema zu nennen?)
Wie kannst du vermeiden, zu Beginn eine kurze Nacherzählung zu geben?
Wie kannst du es vermeiden, dich am Textverlauf entlang zu hangeln? Welche „Ideen“ können dich bei deiner Darstellung leiten?
Was sollte zitiert werden? Wo genügt ein Hinweis auf den Text?

Analyse
Es liegt eine lehrhafte Erzählung vor; das ergibt sich aus dem Konstrast der beiden Hauptfiguren, die genau Gegensätzliches mit dem unerwartet gewonnenen Reichtum tun. Beide handeln exemplarisch („unsere zwei Wasserträger“, Z. 19); doch die Überschrift „Der Wasserträger“ nennt nur den, der richtig handelt. An zwei Stellen wird das überraschende Handeln des Helden kommentiert: vom Wasserträger („Gottlob“, Z. 52 f.), indirekt von Erzähler („wieder so lustig und zufrieden, wie vorher“, Z. 58 f.). Auch die Beglaubigung des Erzählten, das bis an die Gegenwart der Leser („jetzt“, Z. 25 und 58) und die Zeugenschaft des Hausfreunds (Z. 25 f.) herangeführt wird, entspricht dem lehrhaften Charakter der Erzählung.   
   Der auktoriale Erzähler erklärt (Präsens) zunächst den Lesern des Kalenders, wieso es in Paris keine Brunnen gibt und was die Wasserträger dort zu tun haben (Z. 1-10). Dann beginnt er vom normalen Leben zweier solcher Wasserträger zu erzählen (Z. 11 ff.); sie spielen nebenher auch in der Lotterie (Z. 13 f.).
   „Lotterie“ ist das Stichwort, das der Erzähler angepeilt hat; er nutzt es zu einem Kommentar über die Dummheit des Lotteriespielens (Z. 15 ff.), im Geschehen löst es eine Veränderung im Leben der beiden Wasserträger aus: den Gewinn von 100.000 L. (Z. 18-20). Im Folgenden geht es darum, wie die beiden mit diesem unverhofften Gewinn umgehen: was der eine (Z. 20 ff.) und was der andere tut (Z. 27 ff.), bis sie sich zum Schluss wieder begegnen (Z. 59-61).
   Es fällt auf, dass die Überschrift „Der Wasserträger“ heißt, obwohl doch von zweien erzählt wird; der eine, der nachdenkt und sein Geld klug anlegt, ist dem Erzähler nur gut sechs Zeilen wert; der andere jedoch ist der wahre Held der Erzählung. Sein Tun wird zuletzt und viel breiter (gut 30 Zeilen) erzählt; auch er denkt nach (Z. 27 ff.), plant über ein Vierteljahr ein Leben ins Saus und Braus („alle Tage“ Z. 33, 34, 37; zwei Reihen, Z. 40; sechs Bediente, Z. 46; überall, Z. 47: Signale seines verschwen-derischen Lebens), bringt sein Geld jedoch schneller durch (Z. 49 ff.), macht sich noch einen lustigen Tag (Z. 53 ff.) und nimmt sein normales Leben wieder auf (Z. 56 ff.). Die großen Anreden an den Reichen klangen ohnehin recht hohl (Z. 47-49).
   Da das Leben des wahren Helden „wie vorher“ (Z. 58, wiederholt in Z. 59) weitergeht, erweist sich das große Ereignis des Lotteriegewinns als ein wahres Nicht-Ereignis, dessen Folgen der Held nach eigener Einsicht „gottlob“ bald überwunden hat. Das Leben, das er vorher wie nachher führt, ist ja auch nicht schlecht: harte Arbeit, aber doch genug zu essen, und sonntags reicht es sogar für ein Schöpplein Wein (Z. 11 f.).
   Sein Gegenspieler hat sich paradoxerweise wegen seines Reichtums gefragt: „Wieviel darf ich des Jahrs verzehren...?“ (Z. 22-24), mit dem Ziel, so viel zu bekommen, dass er es „nimmer zählen kann“. Aber wozu er so viel Geld braucht, weiß niemand; der wahre Held tut also das, was der Leser auch tun soll, er „lacht ihn aus“ (Z.61). Er beschämt ihn sogar, indem er ihn umsonst mit Wasser beliefert, und zeigt so eine Lebens-Weisheit, die „Der Schatzgräber“ Goethes (1797) erst unter Lebensgefahr erwirbt: Geld ist nur ein Mittel zum Leben, und mehr als leben kann man nicht.   
von: norberto42
Entry modified
Geändert am 19. Dezember 2006 um 07:21

F. Kafka: Vor dem Gesetz - Analysen, methodische Überlegungen


Kafka hat diese Parabel 1915 gesondert veröffentlicht, ehe er sie im Prozess-Roman zu einem Kapitel verarbeitet hat. Es wird erzählt, wie ein Mann vom Lande vergeblich versucht, in das Gesetz einzutreten oder eingelassen zu werden.
   Es treten zwei Figuren auf, der Türhüter und ein Mann vom Lande; sie führen im Wesentlichen zwei Gespräche, von denen zu Beginn und am Ende der Erzählung berichtet wird. Sie treffen sich „vor dem Gesetz“, das wie ein herrschaftliches Haus einen Türhüter vor dem Eingang stehen hat; zwischen den beiden Gesprächen verbringt der Mann vom Lande sein Leben mit erfolglosen Versuchen, in das Gesetz eingelassen zu werden. Zum Schluss wird zweimal angedeutet, dass der Mann bald stirbt: „Vor seinem Tode“ stellt er die letzte Frage; der Türhüter erkennt, „dass der Mann schon an seinem Ende ist“.
   Das wäre die banale Geschichte eines Scheiterns, wenn nicht viele Fragen auftauchten, die dem Leser nicht beantwortet werden: Leerstellen, die er aber füllen muss, wenn er so etwas wie „Sinn“ in der Erzählung finden will. Der Erzähler hält sich bis auf einen Kommentar zu den Fragen des Türhüters völlig zurück („teilnahmslose Fragen, wie sie große Herren stellen“); man bleibt an die Perspektive des Mannes und die Worte des Türhüters gebunden, ohne dass die beiden Figuren als Individuen aufträten, deren Perspektive man einschätzen könnte.
   Gleich zu Beginn fragt man sich als Leser: In welches Gesetz kann man durch ein bewachtes Tor eintreten? Und was ist die Aufgabe des Türhüters? Dessen erste Antwort des Türhüters kann in vier Lesarten betont werden: er / jetzt / nicht / (Eintritt) gewähren können.
   Unklar ist sodann, warum der Mann um Eintritt gebeten hat, wenn doch das Tor zum Gesetz offen steht „wie immer“. Unklar bleibt, warum er sich bückt und warum der Türhüter lacht; ebenso ist nicht klar, worauf „das” verweist, was dieser bemerkt.
   Der Türhüter interpretiert seine ersten Äußerungen, wenn er nun von seinem „Verbot” spricht; offen bleibt, wieweit die aus der Perspektive des Mannes gesehenen „Schwierigkeiten” bestehen oder nur erlebt ist. Unklar bleibt vor allem, warum der Mann vom Lande sich entschließt zu warten; der Erzähler nennt als Grund den Eindruck, den der Türhüter bei genauerem Zusehen auf jenen macht, ohne den Grund genau zu bestimmen.
   Die Zeit des Wartens und der vielen Versuche (worin bestehen sie?), eingelassen zu werden, reiht sich sinnvoll an das Scheitern des ersten Versuchs an. Unklar ist jedoch, worin der Mann „den unglücklichen Zufall” erblickt und ob der Glanz, den er mit seinen schlechten Augen wahrnimmt, wirklich vom Gesetz ausgeht; jedenfalls sieht er keinen der angeblich mächtigen Türhüter.
   Auch das letzte Gespräch eröffnet einige Fragen: Warum streben alle nach dem Gesetz? Was erwarten sie davon, was möchte der Mann vom Lande darin? Der Türhüter beantwort die Frage des Mannes nicht richtig: Der fragt, warum niemand gekommen ist; jener erklärt, dass niemand außer dem Mann hier Einlass erhalten konnte.
   Ein weiterer Widerspruch ergibt sich aus der letzten Antwort des Türhüters: Nach Auskunft des Erzählers steht das Tor des Gesetzes immer offen, jener jedoch kündigt an, es „jetzt“ zu schließen.
   Das größte Paradox besteht aus dem Widerspruch zwischen seinem „Verbot” (oder dem Nichtgewähren) und seiner Aussage, dass dieser Eingang nur für den Mann vom Lande bestimmt ist oder war; durch das Zustandspassiv „war...bestimmt“ wird eine ungenannte höhere Instanz eingeführt, in deren Dienst der Türhüter zu stehen, doch deren Anordnung er nicht zu befolgen scheint. Es handelt sich um ein Paradox in den Aussagen des Türhüters, welches der Erzähler nicht auflöst und zu dessen Auflösung er nichts beiträgt; man fragt, ob der Türhüter die Wahrheit sagt (und die Wahrheit kennt) und ob es überhaupt eine Wahrheit und damit Antwort auf die Fragen und eine Auflösung des Paradoxons gibt.
   Kafkas Erzählung scheint das Urteil meiner jüngeren Tochter Hanna über den Autor zu bestätigen: „Das ist ein Irrer,  der hat einen an der Klatsche.“ Etwas vorsichtiger formuliert könnte man sagen: Es tauchen erhebliche Schwierigkeiten auf, wenn man die so genannte „Parabel“ verstehen will; jeder Versuch einer Deutung, jeder Versuch, die Leerstellen zu füllen, muss daher sorgfältig geprüft werden, auf welchem Weg der Deutende zu seiner Deutung kommt. Ohne strengste methodische Kontrolle lassen wir, lasse ich keine Deutung gelten. - Ich stelle im Folgenden mehrere Versuche einer Deutung kurz vor.

2. Versuch

Dieser Versuch (www.germanistik.uni-freiburg.de/seminare/kafka/bittner.htm) stammt aus dem Hauptseminar von Prof. Günter Saße (Uni Freiburg, WS 1995/96); ich nehme an, dass der Autor dafür einen Seminarschein und somit den professoralen Segen bekommen hat. Die Arbeit von Johannes Bittner ist (vereinfacht) folgendermaßen gegliedert:
1. EINLEITUNG                                 
2. TEXTANALYSE                                
3. ? [fehlt, N.T.]                        
3.1. Die Beziehung Türhüter-Mann   
3.2. Das Leben des Mannes                 
4. TEXTINTERPRETATION                         
5. FAZIT                                  
6. BIBLIOGRAPHIE                          
Bittner gibt im Wesentlichen zwei Deutungen, eine psychologische (wir kennen sie bereits von H. Harbrecht) und eine religiöse; diese stützt sich auf den „Glanz“, der aus dem Gesetz hervorbricht (vgl. meine metaphorische Deutung). Lichtglanz ist ein altes Atrribut des Göttlichen, wie wir ihn noch vom Heiligenschein auf alten Bildern kennen, der noch bei Goethe nachscheint: Wie herrlich leuchtet / mir die Natur. Ich gebe die wichtigsten Passagen der „Textinterpretation“ wieder:

„Untersucht man den Text einmal unter psychologischen Vorzeichen, so stellt man fest, daß hier die Geschichte einer Verdrängung und einer Projektion erzählt wird. Der Mann sieht sich gefangen zwischen einem "Nomos", das er sich selber auferlegt hat und das besagt, daß er "in das Gesetz eintreten" will, und seinen Ängsten, die genau diesem "Nomos" zuwiderlaufen. Das Gesetz scheint offensichtlich ein Ort zu sein, der Angst auslöst: Der Türhüter spricht von "schrecklichen Türhütern", deren Anblick nicht zu ertragen sei, der Mann blickt nur vorsichtig hinein, insgesamt ist das Gesetz als eine geheimnisvolle, unbekannte Sphäre charakterisiert. Das "Nomos", seinen Willen, in das Gesetz einzutreten, hat der Mann deutlich geäußert. Seine Ängste werden da deutlich, wo sein Eintritt in das Gesetz scheitert: Der Mann vom Lande hat zwar alle äußeren - oberflächlichen - Vorkehrungen getroffen, die für sein Unternehmen wichtig sind, und er ist auch den weiten Weg bis hin zum Tor des Gesetzes gegangen, doch an dieser Stelle, da der "Punkt ohne Wiederkehr" für ihn erreicht ist, zeigt sich, daß er nicht die innere Vorbereitung bzw. den tatsächlichen, inneren Willen besitzt, um wirklich in das Gesetz einzutreten.
[...]
Diese Interpretation wird gestützt durch das Ende des Textes, wo es heißt, daß der Türhüter den Eingang, der für den Mann bestimmt war, schließt. Der Eingang war tatsächlich nur für den Mann bestimmt, und es konnte auch sonst niemand dort Einlaß begehren, da der Mann diesen bestimmten Eingang (der keiner werden sollte) für sich gewählt hatte. Der Mann vom Lande hatte in der Tat jenen Eingang gewählt, weil gerade dieser Eingang ihm den Eintritt verwehren würde. Der Eingang, vor dem der Mann sein ganzes Leben verwartete, war also sein ganz individueller Ort, an dem er im Schwebezustand zwischen seinen Ängsten und dem "Nomos" untätig verharrte.
   So gesehen verrät auch diese letzte Frage, die der Mann in all den Jahren nicht an den Türhüter gestellt hatte, das verdrängte Bewußtsein um die Besonderheit seiner Lage. Die Frage offenbart, daß der Mann schon erkennt, daß seine Situation ungewöhnlich ist und daß er isoliert ist; die Frage mutet fast ironisch an, bedenkt man, daß sich der Mann dieses Tor und seine konkrete Form (mit Türhüter) selbst gewählt hat: Wie kann er angesichts dessen verwundert sein, daß niemand sonst an diesem Tor Einlaß verlangt hat?
   Schließlich beantwortet die vorliegende Interpretation auch die Frage, ob der Türhüter das Tor tatsächlich schließt, ob er es überhaupt schließen kann. Der Türhüter besaß ja nur solange eine Existenzberechtigung, solange der Mann vom Lande lebte und ihn brauchte, um ihm den Eintritt in das Gesetz zu verbieten. Mit dem Tode des Mannes ist dies hinfällig geworden und der Türhüter seiner Funktion verlustig gegangen. Das ganze Tor mitsamt seinem Türhüter hat keine Bedeutung mehr, da der Mann vom Lande nicht mehr existiert; allenfalls wird es wieder neue und andere Tore, mit neuen, anderen Türhütern oder anderen Hindernissen, geben, die anderen "Männern vom Lande" den Eintritt verweigern.
[...]
Wenden wir uns aber doch noch einmal dem Text zu, und zwar dem Problem des "Glanzes, der unverlöschlich aus der Tür des Gesetzes bricht". Hier stellt sich die eminent wichtige Frage, wie dieser "Glanz" zu verstehen ist: Haben wir es mit "dem Licht der Welt" zu tun (Joh 8,12)? Dies ist bei Kafka, der von sich selbst sagte, er sei "nicht von der allerdings schon schwer sinkenden Hand des Christentums ins Leben grführt worden wie Kierkegaard und habe nicht den letzten Zipfel des davonfliegenden jüdischen Gebetmantels noch gefangen wie die Zionisten"  kaum vorzustellen und würde den Text in Brodscher Manier für eine religiöse Deutung vereinnahmen.
   Gleichwohl ist das Diktum vom Glanz im Text manifest. So ist gerade der Glanz, den der Mann im Inneren des Gesetzes leuchten sieht, so etwas wie die "Hauptfrage" des Textes. Dies kommt nicht von ungefähr: Auch im wirklichen Leben ist wohl immer noch die "Hauptfrage" des Menschen und der menschlichen Existenz diejenige nach Gott und Transzendenz, nach den großen Unbekannten in der Gleichung der Welt und des Lebens. So wie in unserer Realität diese Frage und ihre Beantwortung grundlegende Bedeutung besitzen, so verhält es sich auch im Text. Denn je nachdem, wie der Leser diese Frage beantwortet, wird er verschiedene andere Elemente des Textes und in letzter Konsequenz den Text selbst verschieden interpretieren. Nimmt man etwa an, der Mann habe sich nicht getäuscht und der Glanz ist "wirklich", so wird man daraus schließen, daß sich hinter den Toren des Gesetzes tatsächlich etwas befindet, das der Mühe wert wäre, usf. Verneint man die "Realität" des Glanzes, so wird man annehmen müssen, daß sich sehr wahrscheinlich nichts hinter der Mauer befindet und sich der Mann im Anschauen des Glanzes einem Traum- und Trugbild hingibt usf. Man gelangte so zu diametral entgegengesetzen Deutungen des Textes.“

An Bittners Arbeit kann man schön erkennen, wie ein Autor beim Deuten Leerstellen des Textes füllt: Die Tür des Gesetzes wird am Ende doch geschlossen, das Hauptparadox ist damit beseitigt. Obwohl Bittner sich auf Sekundärliteratur stützt, muss er sich unsere Fragen anhören:
- Woher hat er die Psycho-Deutung? Die ist offensichtlich so verbreitet, wie man schon an Harbrechts Aufsatz sieht, dass sie unverstanden nachgebetet werden kann. Abgesehen von dem kleinen Unfall, dass Bittner „das Nomos“ anführt (wer Griechisch kann, würde „der Nomos“ sagen), klappt die Psycho-Deutung nicht ganz; denn der Türhüter wird zu einer psychischen Instanz des Mannes degradiert, während doch beide Figuren ebenso wie das Gesetz psychische Größen oder Funktionen eines Gesamtbewusstseins sein müssten.
- Noch wilder ist der zweite Versuch, der gegen das zitierte (!) ausdrückliche Diktum Kafkas eine religiöse Deutung hervorzaubert. Die Hauptfrage des Textes nach dem Glanz (wieso ist das die Hauptfrage?) wird einfach mit der „Hauptfrage des Menschen“ nach Gott kurzgeschlossen; dann wird dem Leser zugebilligt, die Frage nach Gott mit Ja/Nein beantworten zu können, wodurch Bittner die Möglichkeit gegeben sieht, „zu diametral entgegengesetzten Deutungen des Textes“ zu gelangen. Das ist insofern ein Trugschluss, als damit nur die religiöse Prämisse (!) des Lesers auf die Realität des Glanzes bezogen wird; aber die Frage, was der vom Mann erkannte Glanz besagt oder im Ganzen des Geschehens bedeutet, wird nicht einmal gestellt.
   Nehmen wir einfach einmal an, der Glanz sei das Göttliche - wer ist dann der Türhüter? Warum ließe er den Mann nicht eintreten? Von welchen anderen Türhütern spräche er dann? Hier wird also eine Einzelheit des erzählten Geschehens isoliert betrachtet und „gedeutet“, wobei der Zusammenhang des Geschehens aus dem Blick gerät und sich mehr Fragen auftun, als durch die Deutung beantwortet werden.

Im 5. Kapitel reflektiert Bittner die Problematik seines Deutens; ich werde seine wesentlichen Aussagen zitieren und befragen:
„Die wichtigen Kernaussagen des Textes müssen jeweils in Abhängigkeit von einer Interpretation gedeutet werden, und es muß sich dann zeigen, ob sie sich harmonisch in eine Gesamtdeutung fügen oder nicht.“
Das hört sich gut an - aber woran erkenne ich die Kernaussagen?
„Die psychologische Interpretation ließe sich sicherlich auch auf Kafkas Biographie anwenden.“
Darauf verzichtet er jedoch, was uns aber nicht berühren muss.
„Zum anderen problematisiert der Text für den Leser die Kategorien des Verstehens und der Wahrheit, indem er anhand des Textes Unsicherheiten und Unentscheidbarkeiten aufdeckt und die konstitutive Anlage dieser deutlich macht.“
Das ist noch der beste Gedanke, aber von zwei grammatischen (vorsichtig gesagt) Unklarheiten getrübt: Wer ist der aufdeckende „Er“ - ist das der Text oder der Leser? Daneben fällt der Schnitzer „Anlage dieser“ statt „deren konstitutive Anlage“ nicht ins Gewicht.
„Die Koexistenz der zwei verschiedenen, sich ergänzenden Interpretationsansätze zeigt die relative Wahrheit der Deutung, welche stets auf verschiedene Aspekte eines Textes rekurrieren muß, will sie seine Vielfalt auch nur andeutungsweise zu erfassen suchen.“
Wieso ergänzen sich die beiden Deutungen? Sie haben nichts miteinander zu tun. Worin zeigt sich die relative Wahrheit einer Deutung? Das ist eine so wichtige Frage, dass sie grundsätzlich diskutiert werden müsste. „Vielfalt“ ist ein zu schönes Wort, als dass damit die Unklarheiten und Widersprüche des Textes erfasst werden könnten. Bittner setzt das letzte Zitat so fort:
„Von diesem Problem heißt es bekanntlich: "Die Schrift ist unveränderlich und die Meinungen sind oft nur ein Ausdruck der Verzweiflung darüber".“
Damit haben beide, der Kaplan im Dom wie Bittner, zweifellos Recht.

3. Versuch

Die beiden ersten Versuche haben die Methode metaphorischen Deutens und deren Probleme vorgeführt. Der dritte Versuch sieht die „Legende“ (Kafka) als Teil des Prozess-Romans, was wir hier aber aus Platzgründen nicht würdigen können, und stellt sie in den Kontext anderer Werke oder Äußerungen des Autors Kafka: Walter H. Sokel: Franz Kafka - Tragik und Ironie. Zur Struktur seiner Kunst (München 1964, hier nach dem Fischer-TB 1790 von 1976, S. 223 ff. zitiert).
   Sokel bezieht sich zunächst auf einen Eintrag Kafkas in seinen Tagebüchern, wo es um das Stellen von Fragen und das Warten auf Antwort geht, was Kafka als das Wesen des „Klagens“ ausmacht; fragendes Warten sei sinnlos, da Fragen, „die sich nicht selbst im Entstehen beantworten, niemals beantwortet werden“ (S. 223). In dem Sinn sei der Zustand des Mannes vom Lande, seine Lebensform die Klage geworden. „Der Mann ist verantwortlich für die Vergeblichkeit seines Tuns, weil er sich darauf versteift, das Vergebliche zu tun.“ (S. 224)
   Die Konsequenz einer solchen Existenz sei „ein abseitiges Leben“ (S. 224); dieses zeige sich darin, dass der Mann vom Lande auf einem Schemel in erniedrigter Position sitzt. Diese Lebensform kann wiederum als „Dasein eines Kindes“ beschrieben und mit dem „Brief an den Vater“ in Verbindung gebracht werden; das Emporblicken vom Schemel aus lässt sich mit dem Aufblicken Gregor Samsas verbinden („Die Verwandlung“, S. 224).
   Dem Leerlauf des Dasein entspreche „auf der anderen Seite der Sadismus des Gesetzes“; denn der Glanz, der aus dem Gesetz hervorbricht, stelle nicht nur das Mystische des Gesetzes dar, sondern bedeute auch „eine Neckerei und Verhöhnung des Mannes“ (S. 225). Dies sieht Sokel durch die letzte Antwort des Türhüters bestätigt: „Der Türhüter spielt mit dem Mann.“ (S. 226) Dieser sei dagegen frei gewesen fortzugehen. „Er hätte sich nicht verlocken lassen müssen.“ (S. 226) Erst das Begehrtsein gebe dem Gesetz Macht über den Mann; hier zieht Sokel dann eine Parallele zum Amerika-Roman mit der Figur der Brunelda und ihrem „Türhüter“ Delamarche.
 
Überblickt man Sokels Vorgehen, so zeichnen sich drei Linien ab, von denen die beiden ersten bereits bei Bittner zu erkennen sind und erst die dritte den belesenen Autor zeigt:
1. Protagonist ist der Mann vom Lande; sein Leben wird als Chiffre einer verfehlten Existenzform, eines Lebensvollzugs gedeutet.
2. Einzelnen Handlungen wird eine symbolische Bedeutung zugemessen.
3. Diese symbolische Deutung wird durch Verweis auf andere Werke des Autors Kafka gestützt, was ebenso für die Deutung der Existenzform gilt. - Insofern ist schwer zu entscheiden, ob bei Sokel die symbolische Bedeutung oder der Rückbezug auf andere Werke Kafkas im Vordergrund steht; vermutlich ist diese Frage aber unwichtig.
   Interessant jedenfalls ist die für den Mann vom Lande vorgesehene „Lösung“, nicht das Gesetz zu betreten, sondern fortzugehen und auf die Verlockungen des Gesetzes zu pfeifen. Diese Lösung arbeitet einerseits mit der Annahme, der Mann vom Lande lebe ambivalent (was noch nicht originell ist), widerspricht dann aber der theologisch inspirierten wie auch der bisher bekannten „psychologischen“ Deutung.

Problematisch ist das Verfahren, sich auf andere Textstellen aus Kafkas Werk zu beziehen, insofern, als damit zumindest die Deutung der dafür ausgewählten Textstellen klar sein muss; dieser Unterstellung wird der 4. Versuch widersprechen. Problematisch ist auch das Verfahren, von einzelnen menschlichen Gesten, Positionen und Handlungen des Mannes aus die Widersprüche des erzählten Geschehens auflösen zu wollen; problematisch ist das Verfahren, die Widersprüche als psychische Ambivalenz des Mannes vom Lande zu deuten und dann diese - wohin auch immer: Beide Seiten werden ja in Betracht gezogen! - aufzulösen.
   Friedrich Nemec: Kafka - Kritik. Die Kunst der Ausweglosigkeit. W. Fink Verlag: München 1981, untersucht „Vor dem Gesetz” im Kontext folgender Erzählungen: Kleine Fabel; Das nächste Dorf; Der Aufbruch; es folgen „Vor dem Gesetz”, „Von den Gleichnissen” und „Prometheus”, worauf Nemec zum Gleichnis als Methode u.a. schreibt, es diene bei Kafka allein dazu, „um die von vornherein unterstellte Irrationalität alles Wirklichen zu demonstrieren, das Wirkliche als Täuschung zu behaupten, der gegenüber nicht einmal der platonische Ausweg des Aufstiegs zur Idee bleibt, sondern allein deren Affirmation als Täuschung” (S. 43). Seine Analyse von „Auf der Galerie” zeigt anschließend die betrachtende Haltung als Schicksal, die von „Das Urteil” den Gewinn des Scheiterns.

Fazit: Je mehr Kafka-Literatur man kennt, desto klarer wird es, dass der Deuter sich auf viele „Parallelen“ im Werk Kafkas stützen kann und dass für die Probleme des Mannes vom Lande sowohl eine Lösung (oder sogar deren zwei, nämlich die entgegengesetzen) als auch die Unausweichlichkeit des Scheiterns als „Lösung“ gesehen werden können. Welcher Weg des Verstehens aber lässt sich rechtfertigen? Und vor welcher Instanz? Ja, was heißt überhaupt: verstehen?

4. Versuch

Dieser ist unter http://www.geo.uni-bonn.de/cgi-bin/kafka? zu finden. Dieser Aufsatz bietet eine Reihe interessanter Unterpunkte, die unsere bisherige Diskussion ergänzen (Form; Parabel; Deutungsmöglichkeiten). Ich referiere hier den Unterpunkt „Kafkas Paradox“:
„Die Darstellung paradoxer und scheinbar auswegloser Situationen ist charakteristisch für Kafkas Texte. Aber gerade durch eine Beschreibung unlogischer, widersprüchlicher und unlösbarer Situationen fordert Kafka den Leser zu einer gedankliche Auseinandersetzung.“
   Zunächst wird der Begriff des Paradoxons eingeführt, im Anschluss daran der von Gerhard Neumann für Kafkas Paradoxien geprägte Begriff des gleitenden Paradoxes, der einen Kreislauf beschreibe, welcher sich niemals auflösen lässt:
„Gerhard Neumann erklärt die Struktur des "gleitenden Paradox" am Beispiel der Beziehung von Suchen und Finden. Die Aussage "Wer sucht findet." wird zunächst in ein paradoxes Verhältnis gesetzt d. h. umgekehrt. "Wer sucht findet nicht." Kafka ergänzt dies nun durch eine weitere Möglichkeit, die Hartmut Binder mit dem Begriff der Ablenkung bezeichnet. Bei Kafka heißt es "Wer sucht findet nicht, aber wer nicht sucht wird gefunden." Er erweitert das Paradox also um die Negation und die passive Variante. Die Ablenkung, deren Ergebnis der unauflösbare Kreislauf immer neuer Widersprüche ist, begründet den Begriff des "gleitenden Paradox."“
   Dann wird kurz nachgewiesen, dass dieser Begriff die Paradoxien von Kafkas Erzählung „Vor dem Gesetz“ erfasst. Daraus ergibt sich als Folgerung: „Durch die Struktur seiner Paradoxien erreicht Kafka, daß der Leser jede Möglichkeit des Verständnisses, jede Interpretation immer wieder aufs neue in Frage stellen muß, weil es letzten Endes keine Lösung gibt. Durch das zwanghafte und provozierte Mißverstehen, ist der Rezipient gezwungen, immer neue Erklärungen zu suchen, die jedoch immer nur als Möglichkeiten gelten können. Jede Auslegung sollte also immer nur als Versuch verstanden werden.“

Dieser Versuch besticht deshalb, weil er einen Universalschlüssel für das Verständnis aller Werke Kafkas anbietet. Sein Nachteil besteht darin, dass er Türen aufschließt, hinter denen eigentlich nichts zu finden ist („letzten Endes keine Lösung“). Bestenfalls sind Kafkas Werke dann so etwas wie ein Rorschach-Test: Die Deutung sagt mehr über den Leser als über den Text und dessen „Bedeutung“; jeder sieht etwas, jeder sieht etwas anderes, aber letztlich ist da nur ein Klecks.
   Der Begriff des gleitenden Paradoxes wäre zu prüfen: ob denn wirklich alle Texte Kafkas gleichermaßen unverstehbar sind; ob wirklich überall ein Kreislauf immer neuer und damit unauflösbarer Widersprüche besteht. Zumindest für die „Kleine Fabel“ könnte man das bezweifeln; der Rat der Katze ist als Zynismus des Überlegenen verständlich.
   Ferner könnte man versuchen, in der Produktion nichtverstehbarer Erzählungen einen Sinn zu finden; aber eigentlich hätte Kafka sich damit begnügen können, einen größeren nichtverstehbaren Text zu schreiben - es sei denn, er habe die Artistik des Schreibens geliebt oder habe zwanghaft unverstehbare Literatur produzieren müssen.

Im Anschluss an Neumanns Begriff des gleitenden Paradoxes tauchen einige Fragen auf:
Was ist überhaupt eine Parabel, und sind Kafkas Erzählungen Parabeln?
Was heißt einen Text verstehen, was heißt Widersprüche verstehen?
Besagt der Begriff des gleitenden Paraxes nicht, dass auch das Unverständliche als solches verstehbar ist?
Wozu schreibt jemand und liest ein anderer unverstehbare Texte?

5. Versuch

Als Repäsentanten dieses Versuchs nenne ich Bert Nagel: Kafka und die Weltliteratur. Zusammenhänge und Wechselwirkungen. Darmstadt 1983. Nagel sieht in den Gestalten Kafkas, speziell im Mann vom Land (und in Josef K.) eine psychologische Interpretation des antiken Helden Sisyphus (S. 142 ff.); Kafkas Helden scheiterten an einem Zuviel, einem „Überengagement, das sie in dringlichen Augenblicken keinen Ausweg sehen läßt, sondern blind macht für Alternativen oder dritte Möglichkeiten. Was ihnen fehlt, ist das innere Gleichgewicht, die nötige Distanz zu den Dingen.“ (S. 148) Der „Ödipus“ des Sophokles sei das krasseste Beispiel solcher tragischen Ironie (S. 149). Doch stellten Kafkas Figuren Selbsterlebtes, nicht Angelesenes dar; sie seien „Urerlebnisse, nicht Bildungserlebnisse“ (S. 149).
   Mit dieser Einreihung in die Motive der Weltliteratur ist Kafka als ein großer Autor gewürdigt - und sind seine Erzählungen „verstanden“. Ohne die Annahme, dass sie verstehbar sind, kann man sie nicht in die Weltliteratur einordnen.

Hier tauchen folgende Fragen auf:
Wie erkennt und bestimmt man ein literarisches Motiv? Dazu müsste man sich intensiv etwa mit Elisabeth Frenzels Buch „Motive der Weltliteratur“ und ähnlichen Werken befassen.
Gibt es nun das gleitende Paradox (Neumann) oder nicht? Schließt das gleitende Paradox eine Deutung im Sinne Nagels nicht aus? Ist nicht die Unverstehbarkeit einer Erzählung Kafkas nicht etwas anderes als die Tragik eines menschlichen Lebensweges, wie ihn Sisyphus oder Ödipus gegangen sind?

Fazit

Die methodischen Fragen, die sich an Deutungen von Kafkas erzählung „Vor dem Gesetz“ anschließen, sind so vielfältig und kompliziert, dass sie hier nicht beantwortet werden können. Die einzelne Deutung müsste so angelegt sein, dass sie vor diesen Fragen zu rechtfertigen ist.
   Wenn man Kafka für so außerordentlich schwer, wenn überhaupt verstehbar hält, sollte man seine Texte vielleicht nicht Schülern zur Deutung in einer Klausur vorsetzen; Kafka streifen, ja, aber für die Klausur sollte man - mein didaktisches Fazit - vielleicht lieber verstehbare Texte wählen: Musil, Anders, Kunert, Brecht, allesamt intelligente Autoren guter Texte. Ich verweise auf meine Ausführungen zur Parabel-Analyse unter „Deutsch in der Schule“.
   Ich kenne allerdings eine verbreitete „Lösung“ für die Interpretation von Kafkas Texten: Die Schülern lernen schematisch vier verschiedene „Deutungsansätze“ auswendig und wenden sie auf Biegen und Brechen bei jedem Text an: den psychologischen, den biographischen, den existenzialistischen, religiösen, sozialkritischen, zeitgeschichtlichen, marxistischen... usw., bei etwas gutem Willen findet man noch mehr Deutungsansätze, die je nach der Mode oder dem Geschmack des Lehrers auftauchen. Es kommt dann für die Schüler darauf an, den Deutungsansatz zu finden, der nach Geschmack des Lehrers der jeweils beste ist; manche Kollegen begnügen sich aber auch damit, mehrere durchspielen zu lassen, mit dem Fazit, was oben schon bei Bittner und Neumann zu lesen ist und was man bereits vorher kannte.

P.S. Bei Giorgio Agamben: Homo sacer, Suhrkamp 2002, S. 60 ff., stoße ich auf Überlegungen zum Verständnis der Erzählung. (12. Juli 007) 

von: norberto42
Entry modified
Geändert am 13. Juli 2007 um 03:58