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Samstag, 30. September 2006

Montage-Technik

Um das Gedicht "Topographien" von Heißenbüttel zu verstehen, muss man die Montagetechnik kennen (und erkennen):

* Schau dir Bilder von Francis Picabia an! Das ist ein Hinweis Heißenbüttels; ich würde schon auf Bilder von Braque, Léger (z.B. Contrastes deformés, 1911), Picassso oder Juan Gris nach 1910 hinweisen [später: Marcel Duchamp!]. Fragmentation ist der Titel, unter dem solche Bilder im Centre Pompidou in Paris zusammengestellt sind. Wenn Andreas Beyer ("Der souveräne, freie Blick", SZ vom 21. Oktober 2006) Recht hat, hat Paul Cézanne den entscheidenden Schritt zum konstruktiven Sehen getan und Picasso 1907 mit seinem Bild "Demoiselles d'Avignon" das erste Bild der Moderne gemalt (siehe http://search.live.com/images/results.aspx?q=Picasso%3A+Demoiselles+d%27Avignon&mkt=de-DE&form=QBRE&go.x=13&go.y=10&go=Search)
* Im TTS findest du S. 334 f. Gedichte von Bachmann, Enzensberger und Gomringer, die verschiedene Möglichkeiten der Textmontage zeigen (am einfachsten Bachmann: Reklame, worauf ich heute ja schon hingewiesen habe). Ein schönes Beispiel, eine schlichte Zusammenstellung einzelner Redensarten, nur durch die Überschrift zusammengehalten, ist folgendes Gedicht:

Brecht: Was ein Kind gesagt bekommt

Der liebe Gott sieht alles.
Man spart für den Fall des Falles.
Die werden nichts, die nichts taugen.
Schmökern ist schlecht für die Augen.
Kohletragen stärkt die Glieder.
Die schöne Kinderzeit kommt nicht wieder.
Man lacht nicht über ein Gebrechen.
Du sollst Erwachsenen nicht widersprechen.
Man greift nicht zuerst in die Schüssel bei Tisch.
Sonntagsspaziergang macht frisch.
Zum Alter ist man ehrerbötig.
Süßigkeiten sind für den Körper nicht nötig.
Kartoffeln sind gesund.
Ein Kind hält den Mund.

Lies vielleicht auch das Gedicht von G. Benn: Fragmente, um eine Rechtfertigung der Montagetechnik zu hören. Die Montage-Technik ist eine Möglichkeit, mit den in den poetologischen Gedichten gezeigten Schwierigkeiten fertig zu werden. Schau (oben) in die vier Lektionen zur deutschen Lyrik nach 1945!

von: norberto42
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Geändert am 25. März 2008 um 09:06

Montag, 11. September 2006

Barock: Epoche - Literatur - Lyrik


Unter dem Stichwort „Barock“ behandelt ein Konversationslexikon (Meyers großes Taschenlexikon, 6. A. 1998) die Aspekte: Namen, Epoche allgemein, Baukunst, Bildhauerkunst, Malerei, Dichtung, Musik, Philosophie, Mathematik, Naturwissenschaften. Zu diesen Aspekten solltest du je einen Namen kennen (dort weitersuchen!).
   Zur Literatur des Barock schaut man nicht in die Encarta, weil die Informationen dort zu unspezifisch oder unsortiert sind; vielmehr schaut man in eine Literaturgeschichte. Die „Deutsche Literaturgeschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart“, hrsg. von Wolfgang Beutin u.a., 3. Auflage 1989, stellt zunächst Deutschland im 17. Jahrhundert vor (30-jähriger Krieg; Absolutismus: Erstarken der Fürsten gegen das Reich und die Bürger; bürgerliche Gelehrte als Staatsdiener; Juden- durch Hexenverfolgung ersetzt).
   Die Dichtung ist Gesellschaftsdichtung, sollte sowohl erfreuen als auch nützen, sollte zur Tugend oder zur Einsicht führen; die Dichter waren hauptberuflich Gelehrte. 1617 wurde die erste deutsche Sprachgesellschaft gegründet, die „Fruchtbringende Gesellschaft“; sie stand Adeligen wie Bürgern offen und sollte die anständigen Sitten ebenso wie den Gebrauch der deutschen Sprache pflegen. Ihrem Beispiel folgten viele andere; Lesegesellschaften oder öffentliche Bibliotheken gab es noch nicht.
   Die Sprache der Dichter und Gelehrten war Latein, daneben gab es eine volkstümliche deutsche Literatur. In den führenden europäischen Ländern gab es inzwischen Literatur in der Nationalsprache. 1624 veröffentlichte Opitz sein „Buch von der Deutschen Poeterey“, worin er nicht nur bestimmte Gedichtformen empfahl, sondern auch Jambus und Trochäus als die besten Versmaße festschrieb; er entdeckte das Gesetz von der Bedeutung der Wortbetonung (statt Silbenlänge) und empfahl die Übereinstimmung von Vers- und Wortakzent. - Auf dem Land und bei den Anlässen des praktischen Lebens lebte natürlich die alte Volksdichtung weiter.
   Dichtung dient also einem Zweck und gehorcht damit den Kategorien der Rhetorik; der Dichter stellt sich in den Dienst einer Sache; es geht nicht um die Verarbeitung von Erlebnissen des Subjekts Dichter, sondern um Dichtung nach Regeln zu Zwecken im Rahmen bekannter Muster. In den Sonetten sind die beiden letzten Verse oft ein sich geschlossener Sinnspruch (Epigramm), etwa in Flemings Gedicht „An sich“. Das Sonett steht in hoher Blüte, aber es gibt auch andere Gedichtformen. Oft folgt es dem dreiteiligen Aufbau des Emblems: Überschrift - Bild (Text) - Epigramm.
   Wenn du in eine Gedichtsammlung (Anthologie) deutscher Gedichte schaust, etwa in die von Karl Otto Conrady, solltest du Gedichte von Gryphius, Greiffenberg, Fleming, Friedrich Spee, Paul Gerhardt, Angelus Silesius, Kuhlmann, Logau, Hoffmannswaldau zur Kenntnis nehmen.
Das Theater ist noch nicht so entwickelt, dass ihr es kennen müsstet. Als Roman ist „Der Abenteuerliche Simplicissimus Teutsch“ von Grimmelshausen (1669) so bedeutsam, dass ihr eine Inhaltsangabe im KLL oder einem Romanführer lesen solltet. Defoes „Robinson Crusoe“ gehört ebenso wie spanische Pikaroromane in die Epoche.
http://www.teachsam.de/deutsch/d_literatur/d_litgesch/barock/litge_barock_centermap.html

Eine Fortsetzung „Literatur des Barocks“ (mit vielen Links) findest du unter http://logos.kulando.de/post/2007/09/22/literatur_des_barocks und http://logos.kulando.de/post/2007/09/26/zur_lyrik_des_barocks.

von: norberto42
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Geändert am 26. September 2007 um 20:37

Mittwoch, 16. August 2006

Deutsche Lyrik 1945 - 1960, 4. Lektion: Methoden

Wir haben bei Eich: Inventur,
1. auf die Überschrift (Anweisung des Autors) geachtet;
2. die Bedeutung von „Inventur“ über das Wörterbuch erschlossen. Im Netz steht euch http://www.dwds.de/woerterbuch und http://wortschatz.uni-leipzig.de/ zur Verfügung - damit zu arbeiten müsst ihr selber lernen und üben;
3. die Sprechsituation erfasst (monologisches Inventarisieren); dabei haben wir die Störung des Inventarisierens (V. 15 f.) bemerkt und auszuwerten versucht;
4. den Aufbau des Gedichtes (also der Äußerung des Sprechers) beschrieben und für das Selbstverständnis des Sprechers ausgewertet (Mittelteil);
5. den Rhythmus untersucht. Der machte euch Schwierigkeiten, weil ihr von der traditionell gelesenen Lyrik an Metrum und Reim als Mittel lyrischen Sprechens gewöhnt seid; man kann aber auf noch andere Sprechweisen achten, z.B.
- die Anzahl der Hebungen pro Vers,
- die Anzahl der Silben pro Vers,
- die wirklich betonten Wörter,
- den Zeilenschnitt (Enjambement),
- Alliteration und Assonanz (Anklänge),
- Strophenlänge... mehr fällt mir gerade nicht ein.
Die reimlose Lyrik haben wir schon bei Goethe kennengelernt, dort spricht man von freien Rhythmen der großen Hymnen - schau in den Kommentar von Erich Trunz zum Beispiel! Bei Goethe äußerte sich also ein „großes“ Ich im Überschwang seiner Kraft, seines Herzens; in der Nachkriegslyrik ist es mehr die Skepsis gegenüber den großen geformten Gedanken und Formeln (durch Klang und Metrum wird ein Text semantisch überstrukturiert!), welche die Sprechweise bestimmt. Bei Brecht ist es dagegen die aus dem Theater bekannte gestische Sprechweise, wodurch der Hörer resp. Zuschauer zum Mitdenken eingeladen wird. Es gibt also mehr als ein Motiv des reimlsoen Sprechens - schaut und hört genau hin!
6. Begnüge dich nicht mit dem ersten Eindruck, mit dem ersten Verständnis. Überprüfe es, indem du dir die Grammatik des Satzes bewusst machst (Möglichkeiten des Satzbaus durchspielst, gerade bei Gedichten!) und auch im Wörterbuch nachschlägst, ob ein Wort vielleicht mehrere Bedeutungen hat (zum Beispiel: die Seekarten "aufrollen" bei Enzensberger).
7. Bereits bei Eich (vgl. meinen kleinen Aufsatz zur Interpretation mit den Literaturhinweisen) zeigt sich ein wichtiges Prinzip des Verstehens: den Bezug auf andere Texte (Weiner, Brinkmann) beachten: das Prinzip der Intertextualität; zu Celan: Todesfuge, kann man es anwenden (Bezug auf Gedicht des Freundes Weißglas); bei Celan: Tenebrae, wird dieses Prinzip systematisch von uns angewendet: Rückbezug auf die Psalmen, speziell Ps 23.
8. Behandle einen Text nicht wie einen Haufen von Wörtern, sondern wie ein Netz von Wörtern, Wendungen und Sätzen. Was damit gemeint ist, kannst du einmal in dem Artikel "Bedeutung" in der Kategorie "Semantik" bei http://www.norberto42.kulando.de nachlesen, anderseits an meiner Analysepraxis sehen: stets beachten, wer wann wozu wie spricht. Vereinfacht gesagt fragt man immer nur:
* Was steht da (und was steht nicht da!)?
* Wo steht es (im Satz, im Gefüge der Sätze)?
Die erste Frage beantwortet man durch Ersatzproben und Suche nach dem Antonym (und ein reiches sprachliches und historisches Wissen), die zweite durch Untersuchung des Aufbaus (ausgehend von der Sprechsituation, mit der Kenntnis sprachlicher Formen und Produkte verbunden, vgl. oben 3. und 6.).
9. Ich zumindest versuche, mit mich anderen Lesern (bzw. deren Analysen) auseinanderzusetzen; das heißt nicht, dass man von ihnen abschreibt, sondern dass man sein Verständnis mit ihrem vergleicht und dann fragt, welches Verständnis sich worauf stützt und eher dem Text gerecht wird - das ergibt zwar keine objektive, aber doch eine intersubjektiv geprüfte Lesart.
10. Man wird immer den Bezug zur Entstehungszeit mitbedenken; das ist schon Interpretation, geht also über Analyse hinaus, genau wie der Bezug auf andere Texte (s.o. 6.) eher Interpretation als Analyse ist. Die Unterscheidung Analyse - Interpretation ist also nur unscharf möglich.

Beachte auch die Beiträge über bildhafte Sprache in Gedichten (1. 9. 06) und über Montage-Technik (29. 9. 06) hier in der Kategorie "Lyrik"!
Ich habe im Sommer 007 mehrere Gedichte von Bachmann, Benn, Eich und Enzensberger analysiert, auch im Hinblick aufs Zentralabitur NRW 2009/10; die Analysen stehen bei logos.kulando.de, in der Kategorie "Gedichte nach 1900".
von: norberto42
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Geändert am 14. August 2007 um 17:53

Samstag, 1. Juli 2006

Deutsche Lyrik 1945 - 1960, 3. Lektion


Das Verb „dichten“ ist älter als das Nomen „Dichter“, was sich erst seit dem 18. Jh. als Verdeutschung von „Poet“ durchgesetzt hat. Die Volksetymologie, „dichten“ heiße „dichte“ Aussagen zu machen, ist falsch; „dichten“ ist ein Lehnwort, schon über 1000 Jahre alt, was auf das lat. dictare: etwas zum Aufschreiben vorsagen, zurückgeht (Intensivum zu dicere). Das entnehme ich dem Wörterbuch von Kluge, 24. Auflage.
   Daraus ergibt sich, dass ein Gedicht nicht desto besser, je „dichter“, also je unverständlicher es ist; was „hermetische Dichtung“ genannt wird [und wozu Korte Benns „Nur zwei Dinge“ zählt, während Hoffmann dieses Gedicht traditionell nennt - ein Beispiel für die Problematik von Kategorisierung], stößt also in der Produktion des schwer Verständlichen an eine Grenze, die nur zum Un-sinn hin überschritten werden kann. Für den Jargon der Eigentlichkeit haben Theodor W. Adorno (http://www.kk.jgora.pl/gutenberg/etextde/Adorno%20Theodor%20-%20Jargon%20der%20Eigentlichkeit.txt) und Christian Schütze („Gestanzte Festansprache“, Stuttgarter Zeitung vom 2. 12. 1962) entlarvt, dass hinter den Phrasen des Erhabenen nichts steht - man konnte das auch schon im 19. Jh. in Andersens Märchen von des Kaisers neuen Kleidern nachlesen. Nur die Eingeweihten scheinen den Un-sinn zu verstehen und sich darüber zu verständigen; erst nach einiger Zeit merkt der gesunde Menschenverstand, dass da nichts ist, wenn Kindermund Wahrheit kund tut. Dichtung muss also auch für jemand verstehbar sein, der nicht zehn Semester Germanistik studiert hat; Dichtung muss vielleicht auch zitierbar sein.
   Nehmen wir ein neutraleres Beispiel, die Dichtung um 1900; George ließ sich als tiefsinniger Seher feiern, scharte sogar einen Jünger-Männer-Kreis um sich, hat aber viel Schwulst produziert; freiwillig lese ich von ihm nur das Gedicht „Komm in den totgesagten Park...“. Christian Morgenstern hat leicht und lustig gedichtet, steht auch im großen Conrady, kommt aber im Deutschunterricht der Sek. II nicht vor. Dabei hat er Zitierbares gedichtet, etwa das große Gedicht „Die unmögliche Tatsache“: Palmström ist von einem Auto überfahren worden und studiert daraufhin Gesetzesbücher, um den Fall juristisch zu begreifen. Und dann die letzte Strophe:
   Und er kommt zu dem Ergebnis:
   Nur ein Traum war das Erlebnis.
   Weil, so schließt er messerschaft,
   nicht sein kann, was nicht sein darf.
Das ist scharf beobachtet, ist große Dichtung, und ist sogar ist zitierbar! Ähnliches gilt von Wilhelm Buschs Gedichten „Die Liebe war nicht geringe“ oder „Ach, wie geht‘s dem Heilgen Vater!“; im zweiten wird erzählt, wie Joseph einen für den armen Heiligen Vater bestimmten Gulden in einer Wirtschaft verprasst und dann zur Einsicht kommt:
   Ach der Tugend schöne Werke,
   Gerne möcht ich sie erwischen,
   Doch ich merke, doch ich merke,
   Immer kommt mir was dazwischen.
Auch Wilhelm Busch kommt im Deutschunterricht höchstens in Kl. 5 und 6 vor, unter dem Aspekt „lustige Gedichte“; vielleicht sollte man ihn unter Weisheit einordnen und auch in Kl. 13 besprechen? Doch leider, leider kann man an ihm keinen „Epochenumbruch“ demonstrieren - damit ist er didaktisch erledigt.
   Uns ist es aufgegeben, die deutsche Lyrik von 1945 - 1960 zu erforschen; das werden wir also tun. Das kann uns aber nicht daran hindern, auch Grenzen sinnvollen Dichtens zu benennen; und es darf uns nicht daran hindern, beim Lesen selber auf dem Teppich zu bleiben. Ein schönes Beispiel fürs Abheben liefert Adelheid Petruschke, die zu Eichs Gedicht „Inventur“ zu V. 7 f. (ich hab in das Weißblech / den Namen geritzt) schreibt: „Das Ich vergewissert sich seiner Identität dadurch, dass es seinen Namen auf einen unverzichtbaren Gegenstand schreibt.“ (Lyrik der Nachkriegszeit 1945 - 1960, 2006, S. 25) Das kann man zwar ähnlich öfter lesen, ohne dass es durch Wiederholung richtig würde: Wenn man in einem Lager, wo Not herrscht, seinen Namen auf Geräte schreibt, markiert man sie als sein Eigentum, damit sie nicht so leicht geklaut werden (vgl. den Nagel vor begehrlichen Blicken verbergen!). Ich schreibe meinen Namen doch auch nicht in Bücher, um mich meiner Identität zu vergewissern, sondern um sie als meine zu kennzeichnen, damit sie die Chance haben, vom Ausleihen zurückzukommen. - In einem kleinen Aufsatz zu Weinrich: Semantik der Metapher [in der Rubrik „Lesen: Text(e)“ bei www.norberto42.kulando.de] habe ich das Nötige zu den Prinzipien des Verstehens gesagt. Wendet diese Prinzipien nüchtern an, egal, was Frau Petruschke schreibt oder Norbert Tholen sagt! Denkt selber, auch wenn es bequemer ist abzuschreiben! Wenn ihr dazu ein ganz großes Gedicht lesen wollt, klickt bitte an: http://www.hegel.net/werkstatt/artikel/grundkonzepte/der_zweifler.htm

von: norberto42
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Geändert am 21. Oktober 2006 um 17:10

Freitag, 30. Juni 2006

Deutsche Lyrik 1945 - 1960, 2. Lektion

In der 1. Lektion solltet ihr gelernt haben, dass es „die deutsche Lyrik“ so nie gegeben hat. Ich möchte erklären, welche Frage sich stellt, wenn man die deutsche Lyrik 1945 - 1960 verstehen will.
   Man muss um 1900 ansetzen, nach Realismus und Naturalismus: bei Dichtern wie Rudolf G. Binding (Jg. 1867), Stefan George (Jg. 1868), Hugo von Hofmannsthal (Jg. 1874) und Rainer Maria Rilke (Jg. 1875). Sie alle dichteten erlesen und wollten den tieferen Sinn der Welt den Uneingeweihten entschlüsseln; George hatte dazu sogar einen Kreis von Jüngern um sich geschart und ließ sich noch 1928 als Dichterfürst feiern, der ein besonderes Amt innehabe. Von den Genannten, zu denen man auch noch Hesse (Jg. 1877), Schröder (Jg. 1878), Carossa (Jg. 1878), Wilhelm Lehmann (Jg. 1882), Oskar Loerke (Jg. 1884) u.a. zählen kann, hat Hofmannsthal in der Krise um die Jahrhundertwende als einziger bemerkt, dass es mit der Sprache nicht so einfach weitergeht wie bisher (Chandos-Brief, 1902, s. TTS S. 304 f.).
   In der Dichtung setzte sich das in einer Suche nach neuen Formen des Sprechens um: im Expressionismus, wie er von Gottfried Benn (Jg. 1886), Georg Trakl (Jg. 1887), Georg Heym (Jg. 1887) u.a. nach 1910 praktiziert wurde (auch noch von Brecht, Jg. 1998, um 1920). Nach dem ersten Weltkrieg war die Zeit des Expressionismus vorbei, Trakl und Heym waren tot - die einen suchten neue Formen (Dadaismus), die anderen suchten die alten Formen zu beleben: naturmagische Dichtung um die Zeitschrift „die Kolonne“, wozu auch Lehmann, Loerke, Georg Britting (Jg. 1891), Elisabeth Langgässer (Jg. 1899) und auch Günter Eich (Jg. 1907) gehörten. In gewisser Weise lebt bei ihnen die alte romantische Vorstellung fort, wie Eichendorff sie in „Wünschelrute“ formuliert hat: dass ein Lied in allen Dingen schläft, was durch ein Zauberwort erweckt wird.
   Die Neuorientierung in der Weimarer Zeit trieb Bertolt Brecht und andere zum Kommunismus; Dichtung sollte im Dienst der politischen Aufklärung stehen. 1933 wurde in Deutschland mit allem Linken und allem Modernen kurzer Prozess gemacht, im Mai gab es die großen Bücherverbrennungen und die entschlossene Wendung zum Provinziellen... - wie das weiterging, steht in der 1. Lektion.
   Die Erfahrung des Dritten Reiches, der vielfachen Verbrechen und des Krieges ließ die Dichter zunächst einmal ratlos da stehen: Worüber sollte man dichten? Und wie sollte man es sagen?[Am einfachsten ist die (frühe) Lyrik nach 1945 vielleicht zu verstehen, wenn man weiß, was 1945 und vorher geschehen ist. Dazu solltet ihr ganz einfach einmal in die großen Darstellungen der Leiden dieser Zeit schauen, etwa in die Bücher von Edgar Hilsenrath („Nacht“), Primo Levi („Ist das ein Mensch?“), Jorge Semprun („Die große Reise“) und ähnliche Werke - wer bloß Schlink liest, versteht natürlich nichts davon!.] Die einen haben dazu gesagt: so wie früher (naturmagische Dichtung); und die Leute kannten das und haben es auch geschätzt. Die anderen haben gesagt: Das geht jetzt nicht mehr; und sie haben neue Inhalte und neue Formen (und Anschluss an die europäische und amerikanische Moderne) gesucht, was die meisten Deutschen nicht verstehen konnten. Aus der Unsicherheit, wie man überhaupt noch „gültig“ sprechen und dichten kann, erklärt sich auch die Vielzahl poetologischer Gedichte, wie man sie bei Adelheid Petruschke vorgestellt bekommt, aber auch der Ausbruch aus den normalen Sprechweisen in der konkreten Poesie.- Mit diesen Versuchen (Was sagen? Wie dichten?) befassen wir uns; man kann sagen, dass besagter Anschluss um 1960 gefunden war; damit war aber auch ein neues Selbstverständnis der Dichter verbunden - jedenfalls der Verzicht auf ein Sehertum und Dichteramt, teilweise der Rückzug in eine artistische (Benn) oder dunkle Sprache (hermetische Dichtung: Celan, Jg. 1920; Bachmann, Jg. 1926), bald auch die Wendung zu politischen Themen (Enzensberger, Jg. 1929) und zu sprachlichen Experimenten (Gomringer, Jg. 1925; Heißenbüttel, Jg. 1921) oder neuen Sprechweisen (Kaschnitz, Jg. 1901). - Wenn ihr das Alter der Dichter beachtet, seht ihr, dass eine bestimmte „Richtung“ oft auch die Sache einer Altersgruppe ist.
   Diese Lektion kann man nur verstehen, wenn man viele Gedichte liest, Erläuterungen bedenkt und sich Zeit zum Lesen nimmt; sie bietet eine allererste Orientierung. Davon abgesehen fällt vielen das Verständnis bereits des Umbruchs im Expressionismus (nach 1900) schwer, weil sie noch altdeutsch eingerichtet wohnen oder (trotz PC-Nutzung und Fremdsprachenkenntnis) begeistert Kirmes in Glehn und Abitur in Giesenkirchen in Formen feiern, die nicht über das 19. Jahrhundert hinausgekommen sind.
   Vielleicht hilft mein kleiner Aufsatz "Montage-Technik" vom 29.09.06 in dieser Kategorie "Lyrik" dabei, den Umbruch zur "Moderne" um 1900 besser zu verstehen?     

Adelheid Petrusche hat zwei „Lektürehilfen“ bei Klett veröffentlicht, einmal zur deutschen Lyrik nach 1945 (1987, 2. Aufl. 1988), wo allerdings die wirklich kanonischen Gedichte von Eich, Benn, Brecht und Celan fehlen - kanonisch an dem gemessen, was allgemein rezipiert und analysiert wird. Im Hinblick auf die Themen des Zentralbiturs 2007/08 ist dieses Büchlein geringfügig überarbeitet worden (Eich: Inventur, ist hinzugekommen, die politische Lyrik ist überarbeitet; Brinkmann ist rausgeflogen), zum Schluss stehen einige Prüfungsaufgaben und Lösungen: Lyrik der Nachkriegszeit 1945 - 1960 (bei Klett 2006). Klug, aber knapp sind die Analysen von Hermann Korte (Lyrik von 1945 bis zur Gegenwart, 1996 bei Oldenbourg); sehr viele Texte mit Aufgabenstellungen, Erläuterungen und kurzen Einzelanalysen bietet Dieter Hoffmann (Arbeitsbuch Deutschsprachige Lyrik seit 1945, 1998 bei Francke); Korte und Hoffmann liegen inzwischen in zweiter Auflage vor.

Die Zusammenfassung von Braungarts Vorlesung in Regensburg 1997/98 über die dt. Lyrik des 20. Jh. findet ihr unter http://www.uni-regensburg.de/Fakultaeten/phil_Fak_IV/Germanistik/Braungart/skripten/ws98/vl26298.html; solche Zusammenfassungen solltet ihr "draufhaben", d.h. von dort aus denken und sie auch reproduzieren können. Im Übrigen sind die vorhergehenden Vorlesungen dort einzusehen, u.a. über Benn, Brecht, Bachmann und Celan. (28. August 2006)

von: norberto42
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Geändert am 17. April 2007 um 04:31