Einträge "Bücher, rezensiert":

Sonntag, 20. Januar 2008

Jens Soentgen: Selbstdenken! 20 Praktiken der Philosophie,

2003 im Peter Hammer Verlag (Wuppertal) erschienen, inzwischen auch als Taschenbuch: Auf den ersten Blick ein witzig geschriebenes, von Nadia Budde schön illustriertes Buch.

Soentgen will in Anlehnung an des Aristoteles „Topik“ Methoden philosophischen Denkens beschreiben, die ich für jedes Argumentieren (Erörtern) empfohlen habe.
   Wenn man nach der ersten Begeisterung einmal schaut, was von Soentgens Buch „Selbstdenken!“ als Leitfaden fürs Argumentieren übrig bleibt, muss man einige Abstriche machen:
1. Als Mittel eines rein polemischen Streitens mit Gegnern, die einer rationalen Argumentation nicht fähig sind, möchte ich folgende Techniken festhalten:
provozieren
demontieren
parodieren
wiederholen
wie ein Orakel sprechen
große Gesten machen;
ich habe teilweise die Nomina in Verben umgewandelt, da im Verb bezeichnet wird, was man tut.
2. Wie man die übrigen einteilen soll, darüber könnte man streiten, weil es doch viele Überschneidungen und damit Doppelungen gibt:
a) reine Arbeitstechniken:
Autoritäten zitieren
präzisieren, definieren (nahe der b-Gruppe!)
im Bild sprechen
Gedankenexperimente machen (analog dem früheren Fabelerzählen)
umkehren (einen Anspruch auf den Sprecher selbst anwenden - in der Nähe der reinen Polemik)
kombinieren (viele Kombinationen durchspielen)
b) Methoden des Argumentierens, die der bewussten Kontrolle bedürfen bzw. ihr dienen:
* mit Fakten und Zitaten umgehen, Vergleiche und Kontraste einsetzen, Zusammenhänge herstellen
* aus Indizien Schlüsse ziehen
* hinsehen statt abschreiben
* Beispiele anführen, Gründe prüfen
* logisch denken, Logik prüfen
* nicht nur eine Ursache gelten lassen, mehrere suchen
* allgemein (also öfter): weiter als bisher umschrieben denken [N.T.]
c) Die Methode „warten“ ist eine Mahnung zur Geduld und kann als Warten auf den richtigen Einfall verstanden werden, aber auch als Mahnung zum Korrigieren und Übearbeiten eigener Entwürfe; die Methode „Material sammeln“ beschreibt die Vorarbeit des Argumentierens (das zweite meiner vier S: suchen, sammeln, sortieren). Warten und Sammeln, das geschieht am Rande der Arbeitszeit.
3. Fazit:
Das Buch besticht mehr durch die lockere Schreibweise und die vielen Beispiele, als dass es eine systematische Anleitung zum kritischen Denken wäre. Es kann also den Geübten dazu anregen, die eigene Praxis zu überprüfen; dem Ungeübten kann es einige Tipps geben. Manche davon sind jedoch so allgemein, dass sie als trivial zu bezeichnen sind, etwa beim Umgang mit Indizien:
- „Es gibt meist mehrere Möglichkeiten, Indizien zu lesen.“ Klar, das steckt im Begriff der Indizien (index, nicht res!)!
- „Ein Indiz findet sich nur dann, wenn ein Beobachter danach sucht.“ Hier fehlt die Warnung, dass man beim Suchen manche Indizien erfindet - eine alte Erfahrung!
- „Gerade das Unscheinbare birgt oft interessante Indizien.“ Wenn das keine Weisheit ist!
   Es gibt einige kleine Versehen, etwa das ein Buch des Jahres 1702 nicht dem 18. Jahrhundert zugezählt wird; solche Versehen sind weiter nicht schlimm. Die Argumentation gegen Kants kategorischen Imperativ mit Gegenbeispielen ist platt und falsch, etwa die Idee, sein Geld zu sparen, statt auszugeben, oder die Tatsache, dass Kant nicht geheiratet hat. Solche Beispiele kommen für eine moralische Vorschrift überhaupt nicht in Frage; außerdem hat Kant nirgendwo gefordert, man solle nicht heiraten; sie können daher nicht Gegenbeispiele gegen den Kategorischen Imperativ sind - eine peinliche Panne. Auch die Polemik gegen den Satz vom Grund ist ein bisschen platt: dass man mehrere Gründe statt einen suchen soll [das geht am Satz vorbei, außerdem wusste Platon das bereits, mit dem zusammen Aristoteles die Grund-Prinzipien gesucht hat].
   Auf den ersten Blick vermisse ich aus meinem Repertoire das Sortieren, als das Gliedern. Das philosophisch bedeutsame Unterscheiden kann man mehrfach angedeutet finden, auch wenn ihm kein eigenes Stichwort gemwidmet ist.
von: norberto42
Entry modified
Geändert am 25. Januar 2008 um 14:39

Sonntag, 6. Januar 2008

Daniel Kehlmann: Die Vermessung der Welt

Lange schon habe ich kein so faszinierendes Buch mehr gelesen wie den 2005 bei Rowohlt erschienenen Roman Kehlmanns: von der fanatischen Weltfremdheit der beiden großen Forscher Alexander von Humboldt und Gauß, die jeweils auf ihre Art die Welt vermessen haben; von ihrer nichtssagenden Begegnung; von den Zwängen des Lebens, denen sie nachgaben oder nicht nachgaben; von ihrem Altern und der Tatsache, dass sie Gefangene ihres eigenen Ruhmes wurden - und vom Motiv Alexander von Humboldts, der aus purer Rivalität zu seinem großen Bruder der berühmte Forscher wurde, der vor nichts und niemand zurückschreckte. Und von den dummen Kindern des großen Mathematikers Gauß, der aus purer Not zum zweiten Mal heiratete: eine Frau, die er verabscheute, aber für den Haushalt brauchte, nachdem er bei der ersten gelernt hatte, Teilnahme an der Geburt seiner Kinder zumindest zu zeigen, dabei bis zum Schluss ein bisschen seiner russischen Nina nachtrauerte. Und von den Verwicklungen der beiden in die Politik, von ihrem Umgang mit Königen und Beamten... Das Ganze ist nicht ohne liebenswürdige ironische Übertreibungen erzählt, aber doch immer so, dass diese im Dienst der Sache stehen: der Porträtierung zweier großer Forscher, die gegensätzlicher nicht sein können. Es fehlen auch nicht kleine süffisante Bemerkung zu Deutschland.

Anfangs wechselt der Erzählfaden von Kapitel zu Kapitel, dann kreuzen sich die Fäden mit der Begegnung der beiden Forscher; zu Schluss folgt der Blick des Erzählers dem Sohn Eugen Gauß auf seinem Weg nach Amerika.

Ende 2007 war die Auflage bereits deutlich über einer Million - das Buch hat es verdient, so oft gelesen zu werden! Wenn es in zwei Jahren als Taschenbuch zu haben ist, verdiente es mehr als Schlink und Wolf, in den Kanon der Literatur der Schule aufgenommen zu werden - wobei allerdings zu befürchten ist, dass die Schüler selbst an der Lektüre dieses Buches leiden werden.

von: norberto42
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Geändert am 7. Januar 2008 um 01:32

Freitag, 29. Juni 2007

Chinua Achebe: Okonkwo oder Das Alte stürzt (es 1138)

Vor einigen Tagen oder Wochen hat besagt Herr Achebe einen englischen Literaturpreis bekommen; aus diesem Grund wurde er im WDR vorgestellt, aus diesem Anlass "kenne" ich ihn erst, ihn und seinen 1958  erschienenen großen Roman vom Leben der Afrikaner in Nigeria vor und nach der Ankunft weißer Missionare: Das Alte stürzt.

Erzählt wird also das Leben des Herrn Okonkwo - eines starken, nicht immer sympathischen Mannes, der unter dem Eindruck, Sohn eines verkommenen freundlichen Faulenzers zu sein, hart gegen sich und andere geworden ist; ein kämpferischer Mann, der Erfolg hat, Ansehen in seinem Dorf gewinnt; der schließlich für sieben Jahre ins Exil muss, weil er durch die Explosion seines Gewehrs einen Dorfgenossen getötet hat; der erlebt, wie in dieser Zeit das Dorf unter dem Einfluss zweier englischer Missionare sich verändert hat: seinen Geist aufgegeben hat; der schließlich einen der Gerichtsdiener, die ihn gedemütigt hatten, tötet und sich anschließend erhängt.

Makabre Pointe ist zum Schluss, dass der Distriktsverwalter diesem verzweifelten Selbstmord ein Kapitel oder zumindest einen größeren Abschnitt in einem gepanten Buch widmen will, dessen Titel schon feststeht: "Beiträge zur Befriedung der Eingeborenenstämme im Gebiet des Unteren Niger". - Eine Kritik des von den Weißen gebrachten (christlichen) "Fortschritts" aus afrikanischer Sicht. Unbedingt lesenswert!

von: norberto42

Pascal Mercier: Nachzug nach Lissabon

Ein ziemlich spannendes Buch - ich habe die knapp 500 Seiten in zwei Tagen gelesen; aber eben ein Bestseller: reißerisch, nicht ohne triviale Plattitüden, vom kirschroten Mund der süßen Schülerin bis hin zu den Unwahrscheinlichkeiten, dass der Held Raimund Gregorius immer jemanden findet, der ihn aufnimmt, und dass er innerhalb kürzester Zeit Portugiesisch lernt, nun ja. Auch die Charaktere sind holzschnittartig gezeichnet: überdeutlich.

Erzählt wird also der Aufbruch des Raimund Gregorius, eines altsprachlichen Privatgelehrten par excellence, sein Ausbruch aus dem engen Gehäuse seiner Bücher- und dem weiteren Gehäuse seiner Schulwelt: im Nachtzug nach Lissabon. Er begegnet den Schriften des zweiten Helden, des lange verstorbenen Herrn Amaden de Prado. Dieser gottlose "Priester" des Atheismus mit seinen menschlichen Defekten, dieser unerbittliche Denker und Essayist hat als gebildeter Arzt offensichtlich einiges von Nietzsche gelesen und verarbeitet; er kennt die europäische Literatur und hat, etwa Kafka folgend, auch einen Brief an den Vater geschrieben...

Im Buch wird also erzählt, wie Gregorius den Schriften Prados begegnet, wie er sich in Portugal einlebt und wie er verschiedenen Leuten, die Prado persönlich gekannt haben, aber jetzt steinalt sind (jedoch wunderbarerweise alle noch leben) begegnet und aus ihrer Perspektive Prado kennenlernt. Das ist das Buch - zum Schluss hat es einige Längen; ein paar Bekannte Prados weniger würden auch reichen; die Schwindelanfälle des lieben Kollegen Gregorius verstehe ich nicht ganz - hat er eine Krankheit zum Tode? Aber trotzdem: insgesamt schwungvoll; an vielen Stellen zum Nachdenken anregend, vielleicht vor allem ältere Zeitgenossen anregend? Nach der Lektüre weiß man jedoch nicht mehr viel, wenn man sich keine Notizen gemacht hat; aber liest man Romane, um etwas zu wissen?

Konstruktionsidee: Ein Mann lernt einen anderen aus dessen Schriften und aus der Sicht seiner Lebensgefährten aus der Zeit der Salazar-Diktatur (wodurch die Konfliktsituationen verschärft werden) kennen und muss dazu selbst ein anderer werden.

Es gibt eine beachtenswerte Diskussion der Gedanken Prados, auf deren Wiedergabe der Roman teilweise beruht, durch Ernst Michael Lange (als pdf-Datei, 2006); man findet sie über www.emlange.de/arbeit.html.

von: norberto42
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Geändert am 7. Januar 2008 um 01:31

Freitag, 21. Juli 2006

Orhan Pamuk: Schnee (2005) - Rezension

Ich habe die Lizenzausgabe für die BpB vor mir, nehme jedoch an, dass sie mit der Hanser'schen Ausgabe seitengleich ist.

Der Titel "Schnee" hat zwei Dimensionen: Einmal schneit es in Kars, als sich der Dichter Ka dort einige Tage aufhält, und erst in der Trennung von der Außenwelt wird das ganze Morden in Kars möglich; zweitens sind die 19 in Kars entstandenen Gedichte in der Form einer Schneeflocke einander zugeordnet, und zwar auf den drei Bacon'schen Achsen Erinnerung, Vernunft, Phantasie. Um es gleich vorweg zu sagen: Die zweite Schnee-Idee überzeugt mich nicht; die durch Eingebung entstandenen Gedichte bleiben, da sie nirgends erhalten sind, zu unbestimmt beschrieben, als dass ich in ihnen das Abbild einer göttlichen Weltordnung sehen könnte.

Im Roman dominieren zwei Themen, die inneren Probleme der Türkei oder des Türkischseins, das zwischen Europa, Islam und Armut sich zu definieren sucht, wobei die Lust zu gewaltsamen Lösungen und endlosen Debatten mitschwingt - insgesamt wird für den Leser etwas zu viel debattiert, die Themen wiederholen sich; wie weit diese Türkeidarstellung "richtig" ist, kann ich nicht beurteilen. Das zweite Thema ist die Liebe, die Liebeshoffnung und -erfahrung verschiedener Figuren - zunächst Kas zur schönen Ipek und die Kadifes zu Lapslazuli; aber da kommt noch einiges an Hoffnungen und Enttäuschungen hinzu. Dieser Aspekt Liebesroman ist der (mich) eher fesselnde, wobei zum Schluss letztlich unklar bleibt, warum Ka Lapislazuli verraten und so Ipek verloren hat. - Das Liebesthema ist mit zwei kriminalistischen Erzählfäden verwoben, den Morden während des Theaterspiels und den geheimen Treffen mit verfolgten Islamisten.

Die Erzählsituation befriedigt nicht: Zuerst hat man den Eindruck, ein allwissender Erzähler agiere souverän; dass ein Ich-Erzähler da ist, habe ich erstmals auf S. 123 bemerkt. Woher hat dieser Ich-Erzähler Orhan (Pamuk) sein umfassendes Wissen? Er war mit Ka befreundet und hat dessen akribisch genaue Aufzeichnungen von den Tagen in Kars gelesen (S. 496) - aber Ka hatte in den paar Tagen gar keine Zeit, alles genau zu notieren, und dass Ipek ihm weitere Details erzählt habe (S. 498), ist auch nicht plausibel. Dieser Ich-Erzähler Orhan (S. 301 ff.) spricht ebenso wie die Figur Fazil von dem Roman, den Orhan schreiben wird [also geschrieben hat], und von seinen Lesern sowie von dem, was diese glauben oder nicht glauben werden; der Ich-Erzähler kann derart in den Vordergrund treten, weil Ka vor einigen Jahren ermordet worden und das grüne Heft mit den 18 erhaltenen Gedichten und dem einen rekonstruierten verschwunden ist. Fazit: Der Ich-Erzähler weiß für seine Rolle zu viel; vielleicht wäre sein Versuch, sich aus Aufzeichnungen und Gesprächen zu informieren und aus diesem Wirrwarr von Perspektiven und Meinungen die Umrisse eines Bildes zu machen, besser gelungen.

Orhan Pamuk ist wegen des Buches in der Türkei heftig angegriffen worden; das war das Beste, was ihm als Autor passieren konnte.

von: norberto42
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Geändert am 24. Juli 2006 um 19:57