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Montag, 4. Februar 2008

Büchner: Dantons Tod - Analyse I 2 und I 3 (Robespierre tritt auf)

Robespierre tritt auf, „begleitet von Weibern und Ohnehosen“, also ganz anders als Danton und seine Freunde (vgl. I 1). Er kommt in die Situation, wo man beinahe den jungen Adeligen aufgehängt hätte, bloß weil er ein Schnupftuch hat.
   Die Bürger fordern aufgrund ihrer Not (kein Brot) das allgemeine Totschlagen; Robespierre tritt ihnen mit der Parole „Im Namen des Gesetzes!“ entgegen. Darauf erklären ihm die Bürger, dass es kein Gesetz gebe, wenn sie als das Volk es nicht wollten. Es mischen sich „einige Stimmen“ ein; ein Weib fordert: „Hört den Messias, der gesandt ist zu wählen und zu richten...“ Indem Robespierre der Titel des Messias verliehen wird (den er im Monolog I 6 akzeptiert), wird ihm das Recht des (Welt-)Gerichtes zuerkannt, also dem Volk aberkannt.
   Darauf setzt Robespierre zu einer kleinen Rede an: „Armes, tugendhaftes Volk!“ Er geht also auf das Begehren der Leute ein, nennt aber keine Maßnahmen zur Behebung der Not und wendet sich nur dem Wunsch nach Morden zu, nachdem er (in Analogie zum Messiastitel) dem Volk die Position Gottes zuerkannt hat: „Du offenbarst dich unter Blitzstrahlen und Donnerschlägen.“ Das ist Anspielung auf die Offenbarung Jahwes am Sinai (Ex 19,18 ff.; 20,18), wodurch er dem Volk das Recht des Tötens zuerkennt. Mit dem „Aber“ wird eine Wende eingeleitet, das göttliche Recht des Volkes wird beschnitten: Das Volk kann sich selbst verletzen, daher müssen die Gesetzgeber (also er selbst) „wachen“; sie sind die Augen, die das Handeln des Volkes (= Hände) führen. Mit der metaphorischen Analogie des Leibes, hier ausgeführt in Augen und Hände, ist der absolute Machtanspruch „des Volkes“ abgewehrt.
   Zum Schluss ruft er sie auf, ihn in den Jakobinerclub zu begleiten, „wir [also nicht: du, N.T.] werden ein Blutgericht über unsere (!) Feinde halten“. Er stellt die Gemeinsamkeit heraus: im Handeln, in den Feinden. Was das heißt, wird sich in I 3 zeigen. Am Schluss der Szene treten noch einmal Simon und seine Frau auf. Der betrunkene Simon klagt: „Weh mir, verlassen!“ Damit könnte er Robespierre meinen; jedenfalls steht die reale Situation der Eheleute Simon-Frau in seltsamem Kontrast zu den geschraubten Reden vom Volk, das groß ist und sich offenbart; die Realität entlarvt Robespierres Reden als hohl. Für Simon ist es wichtig, dass er sich mit seiner Frau verträgt und dass sie dank der „Arbeit“ ihrer Tochter zu essen haben, das ist alles. Die Anrede „mein tugendreich Gemahl“ persifliert objektiv Robespierres Anrede „tugendhaftes Volk“ und hat in der Realität keinen Anhalt.

Im Jakobinerclub (I 3)
tritt zuerst der Lyoner Abgesandte auf, der Einschränkung der Barmherzigkeit fordert; dann spricht Legendre, der indirekt das Treiben der Dantonisten in Paris anklagt und dem Wohlfahrtsausschuss Untätigkeit vorwirft. Dagegen kündigt Collot d’Herbois blumig-bildhaft die Bestrafung der Übeltäter an, um Legendre zu beruhigen. In dieser Situation verlangt Robespierre das Wort. Er hält eine große Rede, in der er das, was er auf der Straße und im Club gehört hat, verarbeitet. [Die Rede besteht aus 9 Absätzen, die ich einzeln nummeriere.]
   Zu Beginn akzeptiert er den Unwillen aller; zur Rechtfertigung des Ausschusses stellt er dessen Untätigkeit als taktisch begründet dar: „Wir warteten nur... Unsere Augen waren offen...“; „wir“ hätten den Feind so aus der Deckung hervorgelockt, der schon tot sei, „sobald ihr ihn erblickt habt“ (1). So beruhigt er einmal die Aufgebrachten, indem er ihrem Unwillen und ihrem Wunsch nach Härte entgegenkommen; zugleich schafft er sich die Chance, den Feind zu identifizieren: „sobald ihr ihn erblickt habt.“ Seine Aufgabe wird also darin bestehen, den Aufgebrachten die Augen zu öffnen (vgl. I 2: Die Gesetzgeber sind die Augen).
   Mit der Metapher des Krieges („Heereshaufen“) werden „die inneren Feinde der Republik“ einmal den äußeren gleichgestellt, dann auch identifiziert: Einmal seien es die bereits füsilierten Hebertisten (2), sodann gebe es im Dienst der Fremden (Vorwurf: die inneren „Feinde“ im Dienst der äußeren!) eine zweite Fraktion. – Mit der Zweiteilung, der Kriegsmetapher und dem Hinweis auf die Hebertisten ist der Angriff auf die Dantonisten vorbereitet: Deren künftige Vernichtung ist genauso berechtigt wie die bereits vollzogene der Hebertisten.
   Die zweite Gruppe wird mit ihrem „Feldgeschrei“ (Kriegsmetapher!) „Erbarmen“ als die Gruppe um Danton identifiziert; im „Krieg“ bedeute Erbarmen jedoch, dem Volk die Waffen und die Kraft zu nehmen (3). Damit ist die Forderung nach Erbarmen zurückgewiesen. Es folgt die „entlarvende“ Bestimmung des feindlichen Ziels: „um es [das Volk, N.T.] nackt und entnervt den Königen zu überantworten“; damit sind wohl die Könige der Kriegsgegner gemeint, Danton wird also als Landesverräter beschimpft und angeklagt.
   Gegen die Forderung nach Erbarmen verteidigt er im Rest der Rede den Terror, gegen den Lebensstil der Dantonisten stellt er die eigene „Tugend“, und Tugend und Terror verbindet er als Waffe (Kriegsmetapher) und Kraft der Republik – setzt sie also gegen die feindlichen Könige (aus 3) ab (4).
   Er bezieht sich sodann („Sie sagen“, 4) auf den Vorwurf Dantons, mit dem Terreur werde eine despotische Regierung etabliert. Dagegen wehrt er sich mit der Unterscheidung, wer die Waffe führt: Freiheitsheld oder Tyrann, also gut oder schlecht. Er setzt dann „unsrige“ Regierung und „ihr ... als Stifter der Republik“ gleich und biegt in einer paradoxen Wendung den Vorwurf Dantons um: „Die Revolutionsregierung ist der Despotismus der Freiheit gegen Tyrannei.“
   Darauf entkräftet er die Forderung Dantons nach Erbarmen, indem er es als „Erbarmen mit den Royalisten“ qualifiziert: Robespierre unterscheidet einmal Bösewichter von friedlichen Bürgern, dann (nach außen) Bürger von Feinden (Krieg!): Die Republikaner, also er und seine Gruppe, seien Bürger, die Royalisten und Fremden seien Feinde (5). Mit der Kriegsmetapher wird also die Rede vom inneren Feind begründet, wird die Forderung nach „Erbarmen“ als Erbarmen mit den Royalisten zurückgewiesen, wird das Mitgefühl, dessen Seufzer „nach England oder nach Östreich fliegen“, als falsch, als Landesverrat entlarvt.
   Danach stellt er in einem neuen Gedankengang die eigene Tugend dem Laster Dantons entgegen (6): Laster sei Aristokratismus, in der Republik also ein politisches Verbrechen. Die Verdienste Dantons werden als „scheinbar erwiesen“ relativiert, mit der Begründung, dass der Lasterhafte „der politische Feind der Freiheit“ sei. In (7) zählt er dann auf, worin das Lasterleben nach dem Vorbild der Adeligen besteht: in Karossen fahren, reiche Weiber heiraten, Gastmähler geben und spielen (vgl. I 1!), Diener halten, kostbare Kleider tragen... Er streift noch kurz einen Angriff Desmoulins auf die Schreckensherrschaft Robespierres (den Tacitus parodieren), um zum Schluss den Zuhörern die Identifizierung der Lasterhaften zu überlassen: „die Portraits sind fertig“, obwohl der Name Dantons niemals genannt worden ist.   
   Damit kommt er zu den Konsequenzen seiner bisherigen Ausführungen; er fordert, keine Rücksicht („Keinen Vertrag, keinen Waffenstillstand...“) auf die Angegriffenen zu nehmen, da diese nur auf die Ausplünderung des Volkes aus seien (8) – damit hat er das Thema des Volkes aus I 2 aufgegriffen, die Armut. Die Forderung nach „Erbarmen“ wird als Ausdruck eigener Lasterhaftigkeit der Dantonisten entlarvt (8) – offensichtlich ist es mit einmaliger Widerlegung dieser Forderung (in 6 und 7) nicht getan.
   Zum Schluss seiner Rede (9) wendet er sich an seine zu Beginn aufgebrachten Hörer, indem er fordert, sie sollten sich beruhigen, und sie („tugendhaftes Volk“, „ihr Patrioten“) zu den Guten zählt, zu den Verteidigern der Republik. Zugleich verspricht er metaphorisch zu handeln: Das Schwert des Gesetzes werde in den Händes des Ausschusses nicht rosten. – Hier ist die alte Metaphorik von Augen und Händen aufgegeben, dem Ausschuss ist das Schwert „des Gesetzes“ in die Hand gelegt. „Wir werden...“, und im Beifall der Zuhörer leben die Republik und Robespierre zugleich hoch.

Robespierre hat den Unmut des Volkes und der Lyoner für seinen Kampf gegen Danton genutzt; dabei hat er den Machtkampf der Revolutionäre in der Metaphorik des Krieges (innerer Feind) interpretiert und die Forderungen Dantons zum Landesverrat erklärt; er hat dabei geschickt die Lebensweise der Dantonisten mit einbezogen und so für sich die Trias „Republik – Tugend – Terror“ reklamiert, die er gegen „Landesverrat (nur scheinbar Republikaner) – Laster – Erbarmen“ stellt. Seine zahlreichen Unterscheidungen [Laster – Tugend; Bürger – Feinde; Republik(aner) – Royalisten, Aristokraten usw.] dienen der Polarisierung, d.h. sie dienen dazu, Freund/Feind zu unterscheiden und den Feind zu bekämpfen. Er lenkt die revolutionäre Ungeduld gegen Danton, ohne der Not des Volkes abzuhelfen – außer durch die Erklärung, die Dantonisten seien „auf Ausplündrung des Volkes bedacht“ gewesen. Neben der Kriegsmetaphorik steht die Metapher vom Leib, die aber nicht konsequent durchgehalten wird; man ahnt hier auch die Bedeutung der revolutionären Kriege Frankreichs für die Stabilisierung der Revolution.

Wenn man, um die NRW-Begriffe zur Analyse einer Argumentation aufzugreifen, fragt, was denn der Argumentationsansatz und die -strategie Robespierres in I 3 ist, so muss ich beim Argumentationsansatz passen [vielleicht: Erbarmen zu fordern ist konterrevolutionär (?) – aber das ist schon Argumentationsstrategie, finde ich]. Als Argumentationsstrategien könnte ich nennen,
dass R. die Bedenken und Vorwürfe der Zuhörer aufgreift,
dass er sich mit ihnen soldarisiert („wir“), sie also auch vereinnahmt,
dass er die verschiedenen revolutionären Gruppen polarisiert (gut / schlecht),
dass er so seine Gegner durch seine Rede isoliert.

P.S. Die Rede Robespierres demonstriert, auf welchem Weg es zu Massakern bis hin zum Völkermord kommt:
• Eine Krise löst kollektive Ängste aus.
• Es wird (ideologisch) ein imaginärer Feind konstruiert.
• Dieser Feind beflügelt die eigene Angst und erregt Rachegefühle.
• Hass und Rache entladen sich in der Vernichtung der „Anderen“.
Die zweite Stufe ist insofern wichtig, als eine reale Not mit einem vorgestellten gemeinsamen Feind verbunden wird; es wird die explosive Situation des „Wir“ gegen „Sie“ hergestellt. - Die Ideologien, welche dieses Wir definieren, leben von den drei Ideen der eigenen Identität, der eigenen Reinheit und der eigenen Sicherheit – diese würden von den anderen bedroht, weshalb die anderen keine (richtigen) Menschen seien, also vernichtet werden dürften und müssten.
(Jacques Sémelin: Säubern und Vernichten. Hamburg 2007, besprochen in der SZ vom 12. Februar 2008; als ich die Besprechung las, sah ich, dass in diesem Schema Robespierres Rede erfasst wird.) 

von: norberto42
Entry modified
Geändert am 13. Februar 2008 um 07:45

Donnerstag, 31. Januar 2008

Die Lieder in Büchner: „Dantons Tod“ - Analyse

1. Lied:
Der 1. und der 3. Bürger erklären in kurzer Logik in I 2, wieso ihre eigene Armut daher kommt, dass die reichen Verführer (gemeint sind vermutlich Danton und seine Genossen, wie sich aus der Rede des 3. Bürgers und im Rückblick auf I 1 ergibt) daran schuld sind, dass sie selber nichts zu essen haben. In die erregte Forderung, die betreffenden Subjekte tozuschlagen, platzt ein junger Adeliger (jedenfalls ein Mensch, der ein Schnupftuch besitzt), den man gleich an die Laterne hängen will. Dazu singen einige Bürger die Schlussverse des Liedes vom Schinderhannes [konnte ich im Netz nicht finden]:
„Die da liegen in der Erden,
Von de Würm gefresse werden.
Besser hangen in der Luft,
Als verfaulen in der Gruft!“
   Ich nehme an, dass im Original distanziert-ironisch darüber reflektiert wird, dass als Räuber aufgehängt zu werden gar nicht so schlimm ist („Besser...“). In dieser Szene singen die Bürger es jedoch als Kommentar zu ihrem Vorhaben, jemanden aufzuhängen, und rechtfertigen dieses Vorhaben, das Lied vom Schinderhannes fröhlich „verkehrt“ zitierend.
2. Lied:
Dieses Lied singt ein Bänkelsänger, scheinbar ohne Beziehung zu dem, was gerade geschieht: dass „ein [betrunkener?] Bürger“ vermeldet, seine Frau Cornelia, mit deren Namen er ziemlich große Probleme hat, habe einen Sohn geboren, was von Simon mit gut revolutionärem Pathos kommentiert wird, das Einzelne müsse sich dem Allgemeinen unterordnen (I 2):
„Was doch ist, was doch ist
Aller Männer Freud und Lüst?“
Das bezieht man als Leser oder Zuschauer aufs Kinderzeugen. Dann geht das Gespräch weiter mit der Diskussion möglicher Namen für den Neugeborenen; der Bänkelsänger fährt fort (und enttäuscht damit die durch die beiden ersten Verse hervorgerufenen) Erwartungen:
„Unter Kummer, unter Sorgen
Sich bemühn vom frühen Morgen
Bis der Tag vorüber ist.“
   Wenn das die „richtige“ Fortsetzung der beiden ersten Verse ist (ich kann auch dieses schwäbische Volkslied nicht im Internet finden), dann wird schon im Volkslied die harte Arbeit als „Freud und Lüst“ ironisch gepriesen - im Kontext bildet das Lied jedenfalls einen ernüchternden Hintergrund zu Simons revolutionärer Begeisterung.
3. Lied:
In einer kurzen Zwischenszene singt ein Bettler, um bei den „Herren“ Mitleid zu erwecken, Verse eines (wiederum für mich nicht greifbaren) Volksliedes:
„Eine Handvoll Erde
Und ein wenig Moos“ / unterbrochen /
„Ist auf dieser Erde
Einst mein letztes Los!“ (II 2)
   Dieses von ihm gefühlvoll beklagte Geschick steht in merkwürdigem Gegensatz zu seinem Aussehen (wohlgenährt, Hände wie Samt); er verspottet auch diejenigen, die für ihr Geld und ihren vornehmen Lebenswandel arbeiten.
   Mit der Anrede „Liebe Herren, schöne Damen!“ spielt er nach der Erkenntnis kluger Leser auf Goethe an (http://www.buechner-goethe.de/texte/Anspielung.htm).
4. Lied:
An die Bettlerszene schließt sich eine kurze Begegnung zwischen Rosalie und einem Soldaten an (II 2); sie singen ein hessisches Soldatenlied (vollständiger Text wiederum nicht greifbar):
„Christinlein, lieb Christinlein mein...“
Rosalie singt, weil sie offenbar zum Geschäft mit dem Soldaten bereit ist (vgl. ihre Äußerung zu Adelaiden vorher!):
„Ach nein, ihr Herrn Soldaten,
Ich hätt‘ es gerne meh‘, gerne meh‘...“,
was normalerweise wohl eine Männerphantasie ist, hier aber im Kontext von Armut und Reichtum (vgl. auch I 2!) von einem Mädchen gesungen wird und so wiederum zeigt, wozu die Töchter des Volkes sich hergeben müssen, um etwas „Warmes in den Leib“ zu kriegen. Dadurch, dass Rosalie dieses fremde Lied singt, wird die Arbeit als Prostituierte sozusagen als allgemein nötig deklariert.
5. Lied:
Das nächste Lied singt Lucile, als sie erfahren hat, dass Dantons Verhaftung beschlossen ist und ihr Freund Camille, obwohl er sie beruhigt, ebenfalls gefährdet ist. Camille geht weg; sie räsonniert über die böse Zeit, dass man nichts machen kann, dass man sich fassen muss. Dann singt sie ein hessisches Volkslied:
„Ach Scheiden, ach Scheiden, ach Scheiden
Wer hat sich das Scheiden erdacht?“ (II 3)
Und sie wundert sich, dass ihr gerade dieses Lied einfällt: „Das ist nicht gut, daß es den Weg so von selbst findet.“ Damit ist dem Scheiden die Bedeutung des Abschieds vom hingerichteten Camille zuerkannt, die endgültige Trennung scheinbar absichtslos vorweggenommen.
   Im hessischen Volkslied (http://books.google.com/books?) ist die Situation die, dass im Bild vom zerbrochenen Mühlrad das Ende einer Liebe beklagt wird; die Frage wird dann beantwortet, dass „ein frisch junges Mädchen“ sich das Scheiden „mit Thränen erdacht“ hat. In Luciles Singen endet nicht (nur) die Liebe, sondern das Leben Camilles.
6. Lied:
Im Wohlfahrtsausschuss wird beraten (III 6), wie man Danton und dessen Leute sicher zu Tode bringen kann. Barrère feuert St. Just an und bestärkt Collot darin, eine ältere Frau nicht zu enthaupten, weil sie sich noch nicht lange genug den Tod wünsche. Als St. Just abgeht, sprechen die drei Verbleibenden respektlos und distanziert über den Tugendterror, den Robbespiere verbreitet.
   Als Barrère allein ist, spricht er anders. Er kommentiert das Agieren seiner Genossen entsetzt: „Die Ungeheuer!“ und bezieht sich dabei auf Collots Anwort an die alte Frau, dass sie sich noch nicht lange genug den Tod wünsche. Dann rechtfertigt er sich, dass er im Wohlfahrtsausschuss mitmacht, durch einen Vergleich mit einem Gefangenen, der sich bei den Septembermorden dadurch rettete, dass er einen Priester ermordete und so zum Exekutionskomitee zu gehören schien. Den Fall verallgemeinert Barrère dann: Wenn man einen zur eigenen Rettung ermorden darf, dürfen es auch zwei oder drei sein; er fragt mit Rückgriff auf das Haufen-Paradox, wann aus den einzelnen Gerstenkörnern ein Haufen wird - also wann das zur eigenen Rettung vermeintlich erlaubte Morden seine Qualität verändert und ein Verbrechen wird. Das Bild der Gerstenkörner greift er dann - jedoch nicht ohne Distanz, die in der Tiermetapher begründet ist - auf und zeigt, wie er sich ein reines Gewissen verschafft: „Komm mein Gewissen, komm mein Hühnchen, komm bi, bi, bi, da ist Futter.“ Er benutzt hier einen Reim aus einem Kindergedicht („Des Knaben Wunderhorn“ - ich konnte die Stelle wieder nicht identifizieren), singt also kein Lied; die Herkunft des Reimes zeigt ebenso wie die Metaphorik, dass die Rechtfertigung nicht ganz ernst gemeint ist, nicht wirklich „geglaubt“ wird: Das Gewissen-Hühnchen soll die Körner aufpicken; sie werden so nicht zum „Haufen“ der Schuld.
   Dementsprechend setzt er zu einer neuen Rechtfertigung an: Er war zwar kein Gefangener - die Analogie mit dem Gefangenen von den Septembermorden zählt also eigentlich nicht; doch er sei verdächtig gewesen, was auf das Gleiche hinauslaufe: „der Tod war mir gewiß“.
   Barrère ist wie Danton (in II 5) genötigt, sein revolutionäres Morden vor sich selber zu rechtfertigen, was ihm nur mit Mühe gelingt; der Rückgriff auf das Kinderverslein vom pickenden Hühnchen ermöglicht und vereitelt diese Rechtfertigung in einem.
7. Lied:
„Es stehn zwei Sternlein an dem Himmel
Scheinen heller als der Mond,
Der ein scheint vor Feinsliebchens Fenster,
Der andre vor die Kammertür.“
Dieses Lied (Erntelied, aus „Des Knaben Wunderhorn“) zeigt eine Situation, wo es hell genug ist, dass das Liebchen entweder kommen kann oder der Liebende zu ihm gehen kann.
   Mit diesem Lied will Lucile Camille „locken“ (IV 4), dass er zu ihr komme; was im Lied und auch in Luciles Worten Einladung zum heimlichen nächtlichen Treffen mit dem Liebsten ist, wird hier von ihr in der Situation gesungen, dass Camille mit den anderen auf dem Gefängniswagen zur Hinrichtung gebracht wird und sich auch hinter den Gitterstäben zeigt. Lucile erfasst die Situation, spricht aber so, als wäre sie darüber verrückt geworden (langer Steinrock, eiserne Maske; die Treppe herauf kommen; dem Wort „sterben“ nachlaufen, es fangen). Was im Lied möglich erscheint, dass die Liebenden sich treffen, ist in Paris 1794 für Camille und Lucile unmöglich; mit dem Lied spricht Lucile, die in ihrer Verzweiflung den Verstand verloren hat, ihre Sehnsucht nach Camille aus.
8. Lied:
„Und wann ich hame geh
Scheint der Mond so scheeh...“
So singt der 1. Henker (IV 9) ein Volkslied von Mosel und Saar, nachdem er seine Arbeit getan hat und die Guillotine wieder säubert; er verrichtet sein Handwerk und ist fröhlich, es geht gleich nach Hause.
9. Lied:
Im Dreißigjährigen Krieg war das Sterben so alltäglich wie in der Französischen Revolution. In einem fliegenden Blatt von 1638 (http://meister.igl.uni-freiburg.de/gedichte/anonym05.html) taucht erstmals das Lied auf, das später ein Volkslied geworden (und auch in „Des Knaben Wunderhorn“ aufgenommen worden) ist:
„Es ist ein Schnitter, der heißt Tod
Hat Gewalt vom höchsten Gott...“;
das schöne Blümlein soll sich vor ihm hüten, heißt es mehrmals - nur in der letzten Strophe wird gesungen: „Freu dich, schöns Blümelein!“ Denn du kommst zu Gott, wenn du dem Tod nicht mehr entrinnen kannst; bei allem Leiden spricht eine große Gottergebenheit aus dem Lied.
   Dieses Lied singt Lucile auf den Stufen der gereinigten Guillotine, die sie mit „du stiller Todesengel“ und „Du Totenglocke“ anspricht und metaphorisch die Wiege nennt, „die du meinen Camille in Schlaf gelullt“. Und dann wird von ihr direkt die Parallele zum 30-jährigen Krieg gezogen, ohne dass sie daran denken müsste:
„Viel hunderttausend ungezählt,
Was nun unter die Sichel fällt.“
Das ist das Fazit der Revolution, sagt eine der davon Betroffenen.
   Mit dem Ruf „Es lebe der König!“ spricht sie, als eine Patrouille erscheint, sich selbst das Todesurteil. Sie wird „Im Namen der Republik“ abgeführt.
   Dieses Lied, das letzte im Stück, steht auffällig im Kontrast zum biederen Gesang des Henkers, der gefühllos seine Arbeit verrichtet, ein ganz normaler Mitmensch. Was er tut, geht ihn nichts an - ihn peinigt nicht die Stimme des Gewissens, ihn ruft der Feierabend. Es fehlt nur noch, dass er ein Flasche Bier öffnete und sänge: „Ein Prosit der Gemütlichkeit!“

Überblickt man, wann welche Lieder gesungen werden, zeigt sich insgesamt eine Spannung zwischen der im Lied gemeinten Situation und der revolutionären Situation, in der es gesungen wird: Vor dem Hintergrund der deutschen Volkslieder erscheint die Revolution als ein verwirrendes, ein schreckliches Geschehen.
   Die Untersuchung der Funktion der Lieder fällt unter das, was man normalerweise „die Sprache“ im Drama nennt. Ich bin auf das Thema durch Herrn Prof. R. Bernhardt (Königs Erläuterungen) gekommen; er hat aber nur sechs Lieder gefunden, während ich, ohne lange zu suchen, drei weitere gesehen habe. Ihm fällt zur Bedeutung dieser Lieder auch nur ein, dass durch sie „das Volk und Lucile sozial und mental charakterisiert“ (S. 38) würden: Wenn das keine umwerfende Einsicht ist! Allen Schülern kann ich nur raten: Lasst die Hände von diesem Heft der „Königs Erläuterungen“ weg! (Bernhardt besteitet auch, dass „Dantons Tod“ ein offenes Drama ist, und will es als analytisches Drama begreifen - dabei gebraucht er den Begriff falsch. Warum so ein großer Gelehrter „Erläuterungen“ zu Dramen schreiben darf, weiß das Hühnchen aus IV 9 allein.) Dass so oft Lieder gesungen werden, passt zum offenen Drama, denke ich.
von: norberto42
Entry modified
Geändert am 4. Februar 2008 um 08:00

Mittwoch, 30. Januar 2008

Büchner: Dantons Tod - Grundlagen des Verstehens

1. Man versteht „Dantons Tod“ nur richtig, wenn man es als ein Drama vom Typus der offenen Form versteht; diese wird von der geschlossenen Form unterschieden:

Offene Form des Dramas:
idealtypische dramatische Bauform (versus geschlossene Form): dramatische Präsentation eines unabgeschlossenen Geschehens in nicht wesentlich miteinander verknüpften Einzelsequenzen, die keinen Gesamtzusammenhang bilden [„idealtypisch“ heißt, dass diese Definition auf einer Abstraktion beruht, dass die Form also selten rein vorkommt, dass vielmehr ein Typus erfasst wird, eine Idee N.T.] (http://www.fernuni-hagen.de/EUROL/termini/welcome.html?page=/EUROL/termini/8330.htm; dort weitere Erläuterungen).

Geschlossene Form des Dramas:
dramatische Präsentation eines in sich geschlossenen, also ganzen Handlungszusammenhangs aus strikt aufeinander bezogenen Elementen als exemplarisches Geschehen [„Don Carlos“: geschlossene Form, N.T.]
(http://www.fernuni-hagen.de/EUROL/termini/welcome.html?page=/EUROL/termini/8320.htm)
Vgl. ferner zur Form des Dramas:
http://www.uni-essen.de/literaturwissenschaft-aktiv/Vorlesungen/dramatik/dramaoffge.htm
http://www.thomasgransow.de/Fachmethoden/Deutsch/Strukturelemente_2.html (ziemlich breite Übersicht, gut!)
http://www.teachsam.de/deutsch/d_literatur/d_gat/d_drama/drama_2.htm („geschlossene Form“ wird dort viel  besser als „offene Form“ erklärt!)

Bei den Lektürehilfen findet man Erläuterungen zur offenen Form bei H. Popp (Klett 2007, S. 80 ff.) und bei J. Barke (Stark, 2001, S. 60 ff.). Die offene Form des Dramas impliziert, dass man nicht immer wie sonst streng ermitteln kann, welche Absicht die handelnden Figuren einer Szene verfolgen (vgl. mein Konzept des Analysierens: „Figurenrede im Drama“, in diesem Blog in der Rubrik „Methoden lit. Analyse“ bzw. in der Kategorie „Methodisches“, in http://norberto42.kulando.de). - Wenn man einen durchgängigen Textkommentar lesen will, empfehle ich wiederum H. Popp; die Büchlein von R. Bernhardt (Bange: Königs Erläuterungen) und J. Barke sind in dieser Hinsicht unter Niveau. W. Frizen (Oldenbourg, 1990) redet insgesamt zu schlau für Schüler, vermutet manches auch nur auf schlaue Weise. Man wird auch die Erläuterungen von Reclam brauchen, wenn man nicht auf den Kommentar in der Werkausgabe (1988) zurückgreifen kann. – Ansonsten wie üblich: den Text zweimal lesen, beim Lesen Notizen machen!

2. Man versteht „Dantons Tod“ nur, wenn man grob die Situation des Geschehens kennt:
Die in I 1 genannten „zwanzig Opfer“ sind die Hébertisten, die am 24. März 1794 („heute“) geköpft wurden; Danton wurde am 5. April 1794 hingerichtet. Diese 13 Tage sind die Zeit des Geschehens; es ist die Zeit einer Radikalisierung der Revolution, die die sozialen Probleme nicht lösen kann.
   Danton (1759-1794) war Anwalt, begeisterte das Volk zum Sturm auf die Bastille und klagte 1790 die Minister vor der Nationalversammlung an. Er gründete mit Desmoulins, Fabre d‘Eglantine und Marat innerhalb der Jakobiner den radikalen Club der Cordeliers („Strickträger“, nach dem Franziskanerkloster als ihrem Versammlungsort); 1793 heiratete er Louise („Julie“) Gély in kirchlicher Trauung. Die Revolution:
   20. Juni 1789: Die Abgeordneten des Dritten Standes erklären sich zur Nationalversammlung (Ballhausschwur); diese erklärt sich am
   9. Juli 89 zur Verfassunggebenden Versammlung.
   14. Juli 89: Die Bastille wird gestürmt.
   6. Oktober 89: Der König wird (wegen Hungersnot und Arbeitslosigkeit der Leute) gezwungen, von Versailles nach Paris zu ziehen. Die Kirchengüter fallen an den Staat, Nutznießer der Revolution sind die reichen Großbürger (Zensuswahlrecht: nach Steueraufkommen).
   21. Juli 91: Der König flieht, wird aber wieder gefangen.
   14. September 91: „Konstitutionelle Monarchie“ eingeführt; die Girondisten sind in der Mehrzahl gegenüber den Jakobinern (diese tragen rote Mützen und lange Hosen; sie sind für politische Gleichberechtigung aller sowie für eine Republik mit straffer Zentralisierung).
   20. April 92: Krieg gegen Österreich und Preußen (aus innenpolitischen Gründen: Stabilisierung der Revolution) beschlossen.
   10. August 92: Die Tuilerien werden gestürmt, der König wegen Drohungen des Auslandes (falls dem König etwas geschehe...) verhaftet.
   2. - 5. September 92: Über 1100 politische Gefangene werden ermordet, damit man im Krieg den Rücken in der Heimat frei hat („Septembermorde“, mit Billigung Dantons).
   20. September 92: Kanonade von Valmy: Die Revolutionstruppen halten den europäischen Armeen Stand.
   21. September 92: „Nationalkonvent“ (749 Abgeordnete) tritt an die Stelle der Nationalversammlung: Die Monachie wird abgeschafft; Dantons 140 Anhänger trennen sich, nach ihren Sitzplätzen „der Berg“ genannt, vom „Tal“ oder „Sumpf“ der Gemäßigten, die in der Mehrzahl sind.
   21. Januar 93: Der König wird hingerichtet.
   1. Februar 93: Der Konvent erklärt Holland und England den Krieg; im Lauf des Jahres verliert das Revolutionsheer seine Überlegenheit, viele Freiwillige wollen nach Hause. In vielen Provinzen gibt es Aufstände gegen die Revolution.
   6. April 93: Der Wohlfahrtsausschuss (9 Männer) unter Vorsitz Dantons übernimmt die Regierungsgewalt. Das am 10. März 93 eingerichtete Revolutionstribunal kennt nur „unschuldig / Kopf ab“.; täglich werden 70 Leute geköpft, insgesamt etwa 35.000. - Es gibt Aufstände wegen Hunger, Preisstopp und Zwangsanleihen.
   2. Juni 93: Es werden 32 Führer der Girondisten hingerichtet.
   24. Juni 93: Es wird eine demokratische Verfassung beschlossen, die aber erst nach dem Friedensschluss in Kraft treten soll.
   10. Juli 93: Danton wird aus dem Wohlfahrtsausschuss abberufen; dafür wird Robbespierre am 27. Juli berufen.
   4. September 93: Aufstand in Paris wegen wirtschaftlicher Not; es werden Radikale (Collot d‘ Herbois, Billaud-Varenne) in den Ausschuss berufen; der Terror wird zum Regierungsmittel erklärt.
   16. Oktober 93: Marie Antoinette wird geköpft; Anhänger Dantons wegen Korruption verhaftet, er selbst verdächtigt.
   November 93: Danton fordert Ende der Schreckensherrschaft, um einen Kompromissfrieden mit dem Ausland schließen zu können; dagegen spricht Robbespierre.
   24. März 94: Hébert (radikaler Revolutionär, wollte das Christentum abschaffen und alle Gewalt auf die Pariser Kommune übertragen; trat für soziale Gleichheit ein) wird hingerichtet.
   30. März 94: Danton wird mit einigen Anhängern verhaftet (letztes Treffen mit Robbespiere war am 19. März ohne Ergebnis geblieben).
   2. April 94: Prozess gegen Danton wegen Bestechlichkeit und Verbindung mit dem Ausland; Hinrichtung am 5. April. - Robbespierre verstärkt den Terror.
   27. Juli 94: Robbespierre wird mit St. Just verhaftet und am folgenden Tag ohne Verhandlung hingerichtet.
   1795 wird vom Konvent ein Direktorium von fünf Männern eingerichtet, die zu den Gemäßigten gehören; die Revolutionäre sind des Terrors und der „Volksdiktatur“ überdrüssig, die Girondisten setzen sich durch.
   Die Revolutionskämpfe nach innen sind (auch) Ausdruck des Problems, ob und wie man die sozialen Probleme politisch lösen kann. Robbespierre hat eine Linie verfolgt, die radikaler als die Dantons, aber gemäßigter als die Héberts war - auf die Dauer politisch aber immer noch zu radikal und dabei sozial erfolglos. - Einen guten Überblick über die Französische Revolution gibt Sabine Büttner (dort vor allem: V. Radikalisierung) in http://www.revolution.historicum-archiv.net/etexte/einfuehrung/verlauf/intro.html. Für den Hausgebrauch langt die Darstellung des Hintergrundes in http://de.wikipedia.org/wiki/Dantons_Tod, während die Ausführungen zum Geschehen des Dramas dort dürftig sind.

Für Lehrer: Didaktik des Dramas
http://www.didaktikdeutsch.de/lehre/ss05/Hauptseminar%20Schiller/Aufsatz%20L%F6sener.pdf (Lösener: Konzepte der Damendidaktik)
http://www.homilia.de/download/Methoden.pdf (Dittmann: Durch kreatives Schreiben Texte verstehen)
http://www.ph-ludwigsburg.de/fileadmin/subsites/2b-dtsc-t-01/user_files/gans/drama/dramatik01.htm (Lernarregement Drama: PH Ludwigsburg - für Schüler interessant!)
http://www.matthiasberghoff.de/pub/examarb/ (Berghoff: Möglichkeiten und Probleme eines handlungs-, produktions- und identitätsorientierten Deutschunterrichts)
Literaturdidaktik (allgemein)
http://www.fachdidaktik-einecke.de/4_Literaturdidaktik/sem_hauptseite_literaturdidaktik.htm
www.erzwiss.uni-hamburg.de/ Internetseminar/Vorles_Literatur.doc (Übersicht)
http://books.google.com/books?hl=de&id=EvJ1hrfoTcUC&dq=literaturdidaktik (Buch: Rezeptionsästhetische Lit-didkatik)
http://www.phil-fak.uni-duesseldorf.de/germ5/service/skripte/sose1997-probleme.html (Probleme der Literaturdidaktik)

von: norberto42
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Geändert am 7. Februar 2008 um 21:02

Montag, 28. Januar 2008

Büchner: Dantons Tod - zur Analyse von II 1 und II 5

Die beiden Szenen sind, wenn man I 1 gelesen hat, interessant, weil hier erneut das Spiel-Motiv in der Theater-Metapher (II 1) und in einer Marionetten-Metapher (II 5) aufgegriffen wird, weil Dantons Todesahnungen oder -andeutungen zunehmen und weil zuletzt ein wichtiges Motiv Dantons offenbar wird, aus dem er die Ruhe und damit den Tod sucht: Er hat wegen der Septembermorde ein schlechtes Gewissen (II 5 nach II 4).
   In II 1 sind vier Freunde bei Danton, drei davon Deputierte; Camille drängt zur Eile, Danton wehrt mit einem Wortspiel ab: „Aber die Zeit verliert uns.“ Das ist die erste von vielen Ankündigungen des bevorstehenden Todes („Sterbende werden oft kindisch.“ „Ich bin eine Reliquie...“ und öfter), mit dem er sich offensichtlich abgefunden hat.
   Er erklärt dann, wieso er des Lebens überdrüssig ist: „Das ist sehr langweilig“, immer das Gleiche zu tun; eine Änderung sei nicht abzusehen - dies erinnert mich an die Stimmung des Mannes in Peter Bichsels „Ein Tisch ist ein Tisch“. Es sei „sehr traurig“, dass wir das Gleiche wie Millionen andere machen und dazu noch aus zwei Hälften bestehen. Camille nennt das einen „ganz kindlichen Ton“ - dabei leidet Danton anscheinend an der Normalität, dass eben das Menschenleben sich in bestimmten Formen vollzieht.
   Lacroix appelliert an ihn, sich aufzurappeln (Imperative!), und gibt ihm auch ein paar Tipps, wie er gegen Robbespierre vorgehen soll, damit sie wenigstens nicht „erniedrigt“ sterben. Dem widerspricht Danton, indem er Lacroix dessen eigenen Ausspruch entgegen hält: Er sei ein toter Heiliger, ein Reliquie (I 5); Lacroix deckt einen Widerspruch in Dantons Handeln auf und fragt: „Warum hast du es dazu kommen lassen?“ Damit erinnert er daran, dass Danton schon in ganzer Machtfülle agiert hat.
   Darauf verteidigt Danton sich ausführlich, und zwar vierfach:
- Das Leben, wie es abläuft, langweilt ihn, wie er bereits zu Beginn gesagt hat;
- er möchte Ruhe finden, wenn auch eine andere als die ihm drohende;
- er hat keine Machtbasis, allenfalls eine auf Verhaftungen und Beseitigung Robbespierres beruhende [wobei die rätselhafte Begründung steht, dass nicht wir die Revolution, sondern „diese uns“ gemacht hat - was vielleicht besagt, dass man sich nicht gegen die Revolution stellen darf];
- er will lieber guillotiniert werden als andere köpfen. An diesen vierten Grund schließt sich eine philosophische Überlegung an, dass das Kämpfen und Morden auf einer Fehlkonstruktion des Menschen beruhe und dass man es besser einstelle.
   Camille greift diese Äußerung Dantons auf und schmückt sie aus; doch Philippeau macht einen letzten Einwand gegen Dantons Lethargie und erinnert an das Frankreich drohende Schicksal. Mehr oder weniger zynisch-spielerisch verteidigt Danton, dass es nicht schlimm sei, wenn viele frühzeitig geköpft würden,
- mit der Steigerung des Lebensgefühls, wenn man geköpft wird;
- mit dem Beifall, den die Zuschauer beim Guillotinieren spenden, was er mit der Theater-Metapher erklärt;
- mit der Steigerung des Lebens, wenn man dessen geringe Essenz in kurzer Zeit genießt (Essenz aus einem Zuber, also einer Bütte, oder aus einem Likörglas tringen - die Gefäße sind Bilder für die Länge oder Kürze des Lebens; beim Trinken aus dem kleinen Glas genießt man die Essenz besser).
   Im Schlusswort wertet er noch einmal das Leben ab: nicht der Mühe wert, es zu erhalten. Ohne auf dieses Argument zu hören, fordert Paris: „So flieh Danton!“ - dabei bereitet Flucht auch Mühe und ist ein Versuch, das Leben zu erhalten. Danton weist den Vorschlag zurück, wobei er seine Hauptbegründung zweimal nennt: „sie werden‘s nicht wagen“. Das hat er schon zu Lacroix in I 5 gesagt, er sagt es sich auch in einem Monolog (II 4); diese Tatsache könnte dafür sprechen, dass er es wirklich glaubt - aber angesichts seiner vielen Todesahnungen und -andeutungen darf man fragen, ob er wirklich davon überzeugt ist, dass sie es nicht wagen werden, ihn zu töten, oder ob er in seiner ambivalenten Einstellung dies vielleicht nur zur Beschwichtigung der anderen und zur Dämpfung seiner eigenen Furcht sagt.
   Lacroix kommentiert jedenfalls den Spruch mit einem Zweifel an Dantons Aufrichtigkeit. Dass seine Erklärung „Nichts als Faulheit!“ Danton gerecht wird, bezweifle ich. Er stellt sich jedenfalls darauf ein, dass sie dem Tod entgegen gehen; „als Lucrecia auf einen anständigen Fall studieren“ verstehe ich so, dass sie mit Würde sterben [oder: sich töten?] sollen.
   Wenn man noch einmal die Theater-Metapher betrachtet, sieht es zunächst so aus, als ob „auf dem Theater stehen“ (und Beifall suchen) dem Ernstfall, erstochen zu werden, gegenübergestellt werde; da aber der Beifall auch erklingt, wenn man getötet wird, heißt „im Ernst erstochen werden“ vielleicht nur: tatsächlich erstochen werden, was dann die letzte Szene des eigenen Spiels wäre. Zur Theatermetapher gehörte normalerweise jedenfalls auch das Sterben, da das große Welttheater von Gott selbst veranstaltet wurde. Dafür würde auch Lacroix‘ Schlusswort sprechen, dass man den anständigen, also den gelungenen Fall (das Fallen) einstudiert, also einübt: für die Aufführung.

Im Monolog II 4 offenbart Danton bei seiner Flucht, dass er von seinem Gedächtnis befreit werden will und deshalb den Tod sucht; deshalb kehrt er um, durchaus im Bewusstsein, dass er mit dem Tod kokettiert. Im Gespräch mit seiner Frau Julie (II 5) wird dann klar, was ihn bzw. sein Gedächtnis belastet („die garstigen Sünden“), was ihn im Schlaf verfolgt und (gegen seine Äußerung in I 1, wo der Grab-Vergleich bereits die Ruhe bei Julie transzendiert) keine Ruhe finden lässt: Es ist die Tatsache, dass er das wilde Ross der Revolution nicht bändigen kann; es sind die Septembermorde, die Danton veranlasst hat.
   Er findet erst Ruhe, als er diese Morde rechtfertigen kann: „das war kein Mord, das war Krieg nach innen“; es war Notwehr zur Rettung des Vaterlandes, bestätigt Julie ihm.
   Dann folgt der entscheidende Satz, der ihn der Verantwortung fürs Morden enthebt: „wir mußten [töten, N.T.]“. An dieses Modalverb schließt sich eine Reflexion an. Zuerst wird das Jesuswort zitiert (auch in I 6 wurde Jesus bemüht, auch wenn Danton sich einen Atheisten nennt), dass Ärgernis kommen muss - „doch wehe dem, durch welchen Ärgernis kommt“ (Mt 18,7). Den zweiten Teil des Satzes blendet Danton bezeichnenderweise aus, um sich auf das „Muß“ zu stürzen: „dies Muß“. Er entfaltet dann zuerst logisch, was dies Muß bedeutet: Wer unter dem Muß handelt, ist nur Hand (also ein Organ), aber nicht verantwortlicher Täter; er fragt dann nach dem Ursprung des Muß und greift dabei auf eine Erfahrung zurück, dass wir nicht immer selber das wirklich wollen, was wir tun: „Was ist das, was in uns hurt, lügt, stiehlt und mordet?“ Davon hatte Büchner in einem Brief an die Braut bereits im März 1834 gesprochen - es ist ein Gedanke, der Büchner bewegt hat (und den Freud später in der Konzeption des Es formuliert, den Paulus bereits kannte und den Schlink noch einmal aufkocht: Der Vorleser, 1997, S. 21 f. - zugleich eine Absage an die pathetische Formel der Aufklärung: „Kein Mensch muss müssen“, aus dem „Nathan“, V. 385 ff.).   
   Danton fasst seine Einsicht dann in der Puppen- oder Marionetten-Metapher zusammen: Wir sind nur Puppen, „von unbekannten Gewalten am Draht gezogen“; oder Schwerter, also Werkzeuge, mit denen Geister kämpfen (und töten) - die Metapher entlastet Danton als Täter. Und er kann beruhigt sagt: „Jetzt bin ich ruhig.“ Diese Ruhe (Stichwort: Grab) hat er bei Julie (I 1) gesucht, diese Ruhe sucht er im Tod (II 4) - die Ruhe des ruhigen Gewissens, welches er bei Robbespierre in Zweifel gezogen hat (I 6), und zwar zu Recht, wie dieser im Selbstgespräch bekennt, auch wenn er vor Danton sich brüstet: „Mein Gewissen ist rein.“ Doch Danton weiß es besser: „Das Gewissen ist ein Spiegel vor dem ein Affe sich quält“.

(Vgl. die vorhergehenden Analysen von I 1 und I 5!) 

von: norberto42
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Geändert am 5. Februar 2008 um 17:22

Büchner: Dantons Tod - „Liebe“ in I 5 - Analyse

Das Drama „Dantons Tod“ ist eher ein Drama der Menschen als das eines dramatischen Geschehens. Angeregt durch den Befund in I 1, dass das Leben der Menschen als Spiel erscheint, möchte ich diesen Aspekt für das Thema „Liebe“ in I 5 untersuchen.
   Danton ist mit Marion zusammen, offenbar einer Dirne, die ihren Lebensweg und ihr Erleben vor Danton ausbreitet. Sie lebt für die Liebe: „Ich bin immer nur Eins. Ein ununterbrochenes Sehnen und Fassen, eine Glut, ein Strom.“ Und „wer am Meisten genießt, betet am Meisten.“ Hier haben wir die religiöse Interpretation und Überhöhung der Liebe, wie wir sie von Ferdinand aus Schillers „Kabale und Liebe“ (III 4) kennen. Danton möchte die schöne Frau genießen („deine Lippen besser gebrauchen“, zu Beginn): „Ich möchte ein Teil des Äther sein, um mich in deiner Flut zu baden...“
   Dann tritt Lacroix mit zwei „Damen“ ein und entlarvt die Liebesidylle: „Ich muß lachen...“ Er sieht hier im Zimmer das Gleiche wie auf der Gasse, wo die Hunde es miteinander treiben (Dogge: Danton; „Schoßhündchen“ ist pejorativ, Dogge - Schoßhündchen ein triebbedingtes Missverhältnis) und die Mücken ebenfalls. Das Erhabene von Dantons und Marions Liebeserleben wird auf die Stufe der Tiere herabgeholt; nicht anders schätzt Danton selber ein, was andere treiben („wie die Hunde auf der Gasse“, II 2).
   Lacroix geht dann noch einen Schritt weiter, indem er für das Treiben der Dirnen ironisch religiöse Metaphern verwendet: Die Nönnlein von der Offenbarung durch das Fleisch wollten den Segen. Durch die scheinbare Erhöhung des sexuellen Treibens in die Sphäre des Göttlichen wird Marions Äußerung indirekt parodiert; vielleicht ist solche Ironisierung nur deshalb möglich, weil die Religion 1794 den Anschein des göttlichen Heilsgeschehens für die Revolutionäre verloren hat.
   Im Kontrast von antikem und modernem Adonis wird in der ironisierten mythischen Metapher der Sexbetrieb als zerstörerisch entlarvt.
   Am Ende von Dantons politischem Gespräch mit Lacroix wird das sexuelle Treiben der Gruppe um Danton von Lacroix noch einmal entlarvt: Das Volk genießt nicht, was Danton dem Volk anrechnet („wie ein Eunuch“), während Lacroix halb spöttisch bekennt, dass „wir“, die Clique um Danton, reiche Spitzbuben sind; zugleich verspottet er Robbespierre und das Volk als „tugendhaft“. Er hebt hier die Unterscheidung von Tugend und Laster auf [was in I 1 politische Implikationen aufweist], genau wie Danton im folgenden Gespräch mit Robbespierre (I 6), der sich als tugendhaft darstellt, Terror im Namen der Tugend verübt und als „der Unbestechliche“ gilt.
   In Dantons letzter Äußerung zu Marion wird nicht ganz klar, worauf sie sich bezieht: „So viel Zeit zu verlieren! Das war der Mühe wert!“ Vielleicht verteidigt er sich gegen ihren Vorwurf, dass seine Lippen kalt geworden sind; auch wird seine Rechtfertigung („der Mühe wert“) nicht begründet. Vermutlich jedoch verteidigt er sich gegen die Vorwürfe seiner Freunde, seine Zeit mit Marion zu vertun; dann wäre „verlieren“ ironisch gemeint, die ganze Äußerung ein Kompliment gegenüber der schönen Marion. - Ich denke, dass hier ein Zusammenhang zwischen dem politischen Kampf und dem sexuellen Treiben deutlich wird. Ausdrücklich stellt Lacroix in seiner letzten Äußerung diesen Zusammenhang her, als er sagt, dass die Schenkel der Demoiselle Marion Danton guillotinieren werden: eine schöne Analogie der quasi einklemmenden Bewegung von Schenkeln und Fallbeil/Boden, die den vorhergesehenen (vorhersehbaren?) Untergang Dantons auf seine amourösen Bestrebungen zurückführt, welche ihn politisch untätig sein lassen. Ob er damit Dantons Untätigkeit ganz erfasst, darf der Leser bezweifeln.
   Auch wenn es nicht hierhin gehört, sollte man noch wahrnehmen, dass Robbespierre am Ende von I 6 bekennt: „- ich bin allein.“ Damit sagt er für sich als Politiker das Gleiche wie Danton für sich als Ehemann: „- wir sind sehr einsam.“ (I 1, zweite Äußerung).
von: norberto42
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Geändert am 6. Februar 2008 um 13:47