Robespierre tritt auf, „begleitet von Weibern und Ohnehosen“, also ganz anders als Danton und seine Freunde (vgl. I 1). Er kommt in die Situation, wo man beinahe den jungen Adeligen aufgehängt hätte, bloß weil er ein Schnupftuch hat.
Die Bürger fordern aufgrund ihrer Not (kein Brot) das allgemeine Totschlagen; Robespierre tritt ihnen mit der Parole „Im Namen des Gesetzes!“ entgegen. Darauf erklären ihm die Bürger, dass es kein Gesetz gebe, wenn sie als das Volk es nicht wollten. Es mischen sich „einige Stimmen“ ein; ein Weib fordert: „Hört den Messias, der gesandt ist zu wählen und zu richten...“ Indem Robespierre der Titel des Messias verliehen wird (den er im Monolog I 6 akzeptiert), wird ihm das Recht des (Welt-)Gerichtes zuerkannt, also dem Volk aberkannt.
Darauf setzt Robespierre zu einer kleinen Rede an: „Armes, tugendhaftes Volk!“ Er geht also auf das Begehren der Leute ein, nennt aber keine Maßnahmen zur Behebung der Not und wendet sich nur dem Wunsch nach Morden zu, nachdem er (in Analogie zum Messiastitel) dem Volk die Position Gottes zuerkannt hat: „Du offenbarst dich unter Blitzstrahlen und Donnerschlägen.“ Das ist Anspielung auf die Offenbarung Jahwes am Sinai (Ex 19,18 ff.; 20,18), wodurch er dem Volk das Recht des Tötens zuerkennt. Mit dem „Aber“ wird eine Wende eingeleitet, das göttliche Recht des Volkes wird beschnitten: Das Volk kann sich selbst verletzen, daher müssen die Gesetzgeber (also er selbst) „wachen“; sie sind die Augen, die das Handeln des Volkes (= Hände) führen. Mit der metaphorischen Analogie des Leibes, hier ausgeführt in Augen und Hände, ist der absolute Machtanspruch „des Volkes“ abgewehrt.
Zum Schluss ruft er sie auf, ihn in den Jakobinerclub zu begleiten, „wir [also nicht: du, N.T.] werden ein Blutgericht über unsere (!) Feinde halten“. Er stellt die Gemeinsamkeit heraus: im Handeln, in den Feinden. Was das heißt, wird sich in I 3 zeigen. Am Schluss der Szene treten noch einmal Simon und seine Frau auf. Der betrunkene Simon klagt: „Weh mir, verlassen!“ Damit könnte er Robespierre meinen; jedenfalls steht die reale Situation der Eheleute Simon-Frau in seltsamem Kontrast zu den geschraubten Reden vom Volk, das groß ist und sich offenbart; die Realität entlarvt Robespierres Reden als hohl. Für Simon ist es wichtig, dass er sich mit seiner Frau verträgt und dass sie dank der „Arbeit“ ihrer Tochter zu essen haben, das ist alles. Die Anrede „mein tugendreich Gemahl“ persifliert objektiv Robespierres Anrede „tugendhaftes Volk“ und hat in der Realität keinen Anhalt.
Im Jakobinerclub (I 3)
tritt zuerst der Lyoner Abgesandte auf, der Einschränkung der Barmherzigkeit fordert; dann spricht Legendre, der indirekt das Treiben der Dantonisten in Paris anklagt und dem Wohlfahrtsausschuss Untätigkeit vorwirft. Dagegen kündigt Collot d’Herbois blumig-bildhaft die Bestrafung der Übeltäter an, um Legendre zu beruhigen. In dieser Situation verlangt Robespierre das Wort. Er hält eine große Rede, in der er das, was er auf der Straße und im Club gehört hat, verarbeitet. [Die Rede besteht aus 9 Absätzen, die ich einzeln nummeriere.]
Zu Beginn akzeptiert er den Unwillen aller; zur Rechtfertigung des Ausschusses stellt er dessen Untätigkeit als taktisch begründet dar: „Wir warteten nur... Unsere Augen waren offen...“; „wir“ hätten den Feind so aus der Deckung hervorgelockt, der schon tot sei, „sobald ihr ihn erblickt habt“ (1). So beruhigt er einmal die Aufgebrachten, indem er ihrem Unwillen und ihrem Wunsch nach Härte entgegenkommen; zugleich schafft er sich die Chance, den Feind zu identifizieren: „sobald ihr ihn erblickt habt.“ Seine Aufgabe wird also darin bestehen, den Aufgebrachten die Augen zu öffnen (vgl. I 2: Die Gesetzgeber sind die Augen).
Mit der Metapher des Krieges („Heereshaufen“) werden „die inneren Feinde der Republik“ einmal den äußeren gleichgestellt, dann auch identifiziert: Einmal seien es die bereits füsilierten Hebertisten (2), sodann gebe es im Dienst der Fremden (Vorwurf: die inneren „Feinde“ im Dienst der äußeren!) eine zweite Fraktion. – Mit der Zweiteilung, der Kriegsmetapher und dem Hinweis auf die Hebertisten ist der Angriff auf die Dantonisten vorbereitet: Deren künftige Vernichtung ist genauso berechtigt wie die bereits vollzogene der Hebertisten.
Die zweite Gruppe wird mit ihrem „Feldgeschrei“ (Kriegsmetapher!) „Erbarmen“ als die Gruppe um Danton identifiziert; im „Krieg“ bedeute Erbarmen jedoch, dem Volk die Waffen und die Kraft zu nehmen (3). Damit ist die Forderung nach Erbarmen zurückgewiesen. Es folgt die „entlarvende“ Bestimmung des feindlichen Ziels: „um es [das Volk, N.T.] nackt und entnervt den Königen zu überantworten“; damit sind wohl die Könige der Kriegsgegner gemeint, Danton wird also als Landesverräter beschimpft und angeklagt.
Gegen die Forderung nach Erbarmen verteidigt er im Rest der Rede den Terror, gegen den Lebensstil der Dantonisten stellt er die eigene „Tugend“, und Tugend und Terror verbindet er als Waffe (Kriegsmetapher) und Kraft der Republik – setzt sie also gegen die feindlichen Könige (aus 3) ab (4).
Er bezieht sich sodann („Sie sagen“, 4) auf den Vorwurf Dantons, mit dem Terreur werde eine despotische Regierung etabliert. Dagegen wehrt er sich mit der Unterscheidung, wer die Waffe führt: Freiheitsheld oder Tyrann, also gut oder schlecht. Er setzt dann „unsrige“ Regierung und „ihr ... als Stifter der Republik“ gleich und biegt in einer paradoxen Wendung den Vorwurf Dantons um: „Die Revolutionsregierung ist der Despotismus der Freiheit gegen Tyrannei.“
Darauf entkräftet er die Forderung Dantons nach Erbarmen, indem er es als „Erbarmen mit den Royalisten“ qualifiziert: Robespierre unterscheidet einmal Bösewichter von friedlichen Bürgern, dann (nach außen) Bürger von Feinden (Krieg!): Die Republikaner, also er und seine Gruppe, seien Bürger, die Royalisten und Fremden seien Feinde (5). Mit der Kriegsmetapher wird also die Rede vom inneren Feind begründet, wird die Forderung nach „Erbarmen“ als Erbarmen mit den Royalisten zurückgewiesen, wird das Mitgefühl, dessen Seufzer „nach England oder nach Östreich fliegen“, als falsch, als Landesverrat entlarvt.
Danach stellt er in einem neuen Gedankengang die eigene Tugend dem Laster Dantons entgegen (6): Laster sei Aristokratismus, in der Republik also ein politisches Verbrechen. Die Verdienste Dantons werden als „scheinbar erwiesen“ relativiert, mit der Begründung, dass der Lasterhafte „der politische Feind der Freiheit“ sei. In (7) zählt er dann auf, worin das Lasterleben nach dem Vorbild der Adeligen besteht: in Karossen fahren, reiche Weiber heiraten, Gastmähler geben und spielen (vgl. I 1!), Diener halten, kostbare Kleider tragen... Er streift noch kurz einen Angriff Desmoulins auf die Schreckensherrschaft Robespierres (den Tacitus parodieren), um zum Schluss den Zuhörern die Identifizierung der Lasterhaften zu überlassen: „die Portraits sind fertig“, obwohl der Name Dantons niemals genannt worden ist.
Damit kommt er zu den Konsequenzen seiner bisherigen Ausführungen; er fordert, keine Rücksicht („Keinen Vertrag, keinen Waffenstillstand...“) auf die Angegriffenen zu nehmen, da diese nur auf die Ausplünderung des Volkes aus seien (8) – damit hat er das Thema des Volkes aus I 2 aufgegriffen, die Armut. Die Forderung nach „Erbarmen“ wird als Ausdruck eigener Lasterhaftigkeit der Dantonisten entlarvt (8) – offensichtlich ist es mit einmaliger Widerlegung dieser Forderung (in 6 und 7) nicht getan.
Zum Schluss seiner Rede (9) wendet er sich an seine zu Beginn aufgebrachten Hörer, indem er fordert, sie sollten sich beruhigen, und sie („tugendhaftes Volk“, „ihr Patrioten“) zu den Guten zählt, zu den Verteidigern der Republik. Zugleich verspricht er metaphorisch zu handeln: Das Schwert des Gesetzes werde in den Händes des Ausschusses nicht rosten. – Hier ist die alte Metaphorik von Augen und Händen aufgegeben, dem Ausschuss ist das Schwert „des Gesetzes“ in die Hand gelegt. „Wir werden...“, und im Beifall der Zuhörer leben die Republik und Robespierre zugleich hoch.
Robespierre hat den Unmut des Volkes und der Lyoner für seinen Kampf gegen Danton genutzt; dabei hat er den Machtkampf der Revolutionäre in der Metaphorik des Krieges (innerer Feind) interpretiert und die Forderungen Dantons zum Landesverrat erklärt; er hat dabei geschickt die Lebensweise der Dantonisten mit einbezogen und so für sich die Trias „Republik – Tugend – Terror“ reklamiert, die er gegen „Landesverrat (nur scheinbar Republikaner) – Laster – Erbarmen“ stellt. Seine zahlreichen Unterscheidungen [Laster – Tugend; Bürger – Feinde; Republik(aner) – Royalisten, Aristokraten usw.] dienen der Polarisierung, d.h. sie dienen dazu, Freund/Feind zu unterscheiden und den Feind zu bekämpfen. Er lenkt die revolutionäre Ungeduld gegen Danton, ohne der Not des Volkes abzuhelfen – außer durch die Erklärung, die Dantonisten seien „auf Ausplündrung des Volkes bedacht“ gewesen. Neben der Kriegsmetaphorik steht die Metapher vom Leib, die aber nicht konsequent durchgehalten wird; man ahnt hier auch die Bedeutung der revolutionären Kriege Frankreichs für die Stabilisierung der Revolution.
Wenn man, um die NRW-Begriffe zur Analyse einer Argumentation aufzugreifen, fragt, was denn der Argumentationsansatz und die -strategie Robespierres in I 3 ist, so muss ich beim Argumentationsansatz passen [vielleicht: Erbarmen zu fordern ist konterrevolutionär (?) – aber das ist schon Argumentationsstrategie, finde ich]. Als Argumentationsstrategien könnte ich nennen,
dass R. die Bedenken und Vorwürfe der Zuhörer aufgreift,
dass er sich mit ihnen soldarisiert („wir“), sie also auch vereinnahmt,
dass er die verschiedenen revolutionären Gruppen polarisiert (gut / schlecht),
dass er so seine Gegner durch seine Rede isoliert.
P.S. Die Rede Robespierres demonstriert, auf welchem Weg es zu Massakern bis hin zum Völkermord kommt:
• Eine Krise löst kollektive Ängste aus.
• Es wird (ideologisch) ein imaginärer Feind konstruiert.
• Dieser Feind beflügelt die eigene Angst und erregt Rachegefühle.
• Hass und Rache entladen sich in der Vernichtung der „Anderen“.
Die zweite Stufe ist insofern wichtig, als eine reale Not mit einem vorgestellten gemeinsamen Feind verbunden wird; es wird die explosive Situation des „Wir“ gegen „Sie“ hergestellt. - Die Ideologien, welche dieses Wir definieren, leben von den drei Ideen der eigenen Identität, der eigenen Reinheit und der eigenen Sicherheit – diese würden von den anderen bedroht, weshalb die anderen keine (richtigen) Menschen seien, also vernichtet werden dürften und müssten.
(Jacques Sémelin: Säubern und Vernichten. Hamburg 2007, besprochen in der SZ vom 12. Februar 2008; als ich die Besprechung las, sah ich, dass in diesem Schema Robespierres Rede erfasst wird.)
