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Dienstag, 20. Juni 2006

Deutsche Lyrik 1945 - 1960, 1. Lektion

Der unmittelbare geschichtliche Hintergrund ist die Lyrik 1933 - 1945, wobei die drei zeitlichen Grenzen 1933, 1945, 1960 problematisch sind: Menschen ändern sich nicht von heute auf morgen, ebenso ändern sie nicht ihre Schreibweise von einem Tag zum andern; ferner gehört Josef Weinheber z.B. sowohl zur ersten wie zur zweiten Art der Lyriker. Mit diesen Einschränkungen kann man drei Arten Lyrik kurz vor 1945 unterscheiden:

a) die dem NS angepasste Lyrik:
Josef Weinheber: Dem Führer (1939, http://www2.vol.at/borgschoren/lh/lh4.htm - 6. Dokument!)
Martin Simon: Der Befehl (1940)
Will Vesper: Das Neue Reich. Dem Führer zum 50. Geburtstag (http://ingeb.org/Lieder/sechsjah.html)

b) die Lyrik der Inneren Emigration (um die Zeitschrift "Das innere Reich"), die nach 1945 i.W. im Westen fortgesetzt wurde:
Karl Krolow: Für mein Kind (1942)
Georg Britting: Wo der Waldweg lief (1936)
[Ralf Schnell: Selbst- und Fremdwahrnehmung der Inneren Emigration im Dritten Reich (2004 - pdf-Datei)]

c) die Lyrik der Exilliteratur, die nach 1945 i.W. in Ostdeutschland veröffentlicht und fortgesetzt wurde:
Bertolt Brecht: Wie künftige Zeiten unsere Schriftsteller beurteilen werden (1939)
Bertolt Brecht: An die Nachgeborenen (1939)

Das Gedicht "An die Nachgeborenen" sollte man kennen; wir untersuchen seinen Aufbau.

Zur Literatur im Dritten Reich und zur Exilliteratur gibt es zwei Vorlesungen von V. Härle (2002), die man herunterladen kann, und zwar die Vorlesungen Nr. 8 und 9: http://www.ph-heidelberg.de/wp/haerle/epochen/
Texte, nach Jahreszahlen geordnet, findet man leicht in dem Sammelband "Epochen der deutschen Lyrik 9. 1900 - 1960", bearbeitet von Gisela Lindemann. dtv 1974 und 1984. Das Gesamtwerk ist von Walter Killy herausgegeben worden.

Noch ein Wort zur Rezeption der Lyrik: Ich habe 1961 am Kreisgymnasium Heinsberg Abitur gemacht; die deutsche Lyrik 1945 - 1960 kam in unserem Deutschunterricht nicht vor, nicht einmal die des frühen 20. Jahrhunderts, sofern sie modern war. Was die normalen Deutschen an Lyrik gelesen haben, sind etwa die heiteren Verse Eugen Roths ("Ein Mensch", 1935; "Mensch und Unmensch", 1948; "Der letzte Mensch", 1964); und die bringt man weder in den drei Kategorien der Lyrik vor 1945 noch in denen der Nachkriegslyrik unter - das sind Kategorien einer kleinen Anzahl von ausgesuchten Lesern. Noch in dem von Benno von Wiese in den 50er Jahren herausgegebenen Sammelband „Die Deutsche Lyrik“, Bd. II, 23. - 25. Tausend 1970 gedruckt, kommen als Nachkriegsautoren nur vor: Benn, Weinheber, Britting (zweimal), Brecht, wobei die besprochenen Gedichte der drei Letztgenannten fast alle vor 1945 verfasst sind.
Was heute rezipiert wird, seht ihr zum Beispiel daran, zu welchen Autoren es "Interpretationen" bei Reclam gibt: Gedichte von G. Benn, hrsg. von H. Steinhagen; Gedichte von B. Brecht, hrsg. von J. Knopf; Gedichte von P. Celan, hrsg. von H.-M. Speier.

Der weitere geschichtliche Hintergrund der Lyrik nach 1945 ist die sogenannte Moderne ab 1900; vielleicht ist der Überblick über die Geschichte der deutschen Lyrik, die Eberhard Hermes in seinem Buch „Abiturwissen Lyrik“ (Klett, 1985 = 9. A. 2000, S. 103 ff.) gibt, geeignet, einige Merkmale der Moderne (dazu S. 135 ff.) zu erfassen:
* Das Problem der Moderne besteht darin, dass die überlieferten Ausdrucksmittel der Sprache nicht mehr auf die erlebte Wirklichkeit passen.
* Ein erster Lösungsversuch habe darin bestanden, „das alltagssprachlich vermittelte Oberflächenbild einer zusammenhängenden Realität zu durchstoßen, um der Wirklichkeit unmittelbar zu begegnen“. Beispiel dafür wäre A. Lichtenstein: Ein dicker Junge spielt...
* Der nächste Schritt sei dort erfolgt, „wo zum Zeilenstil die Häufung der Bilder und ihre Isolierung voneinander dazukommt“. Beispiel dafür wäre Hans Arp: Ein Tag fällt vom Lichtbaum ab...
* Die letzte Stufe der Auflösung „wäre dann der Verzicht auf Sprache überhaupt“, z.B. in Hugo Balls „Wolken“: elomen elomen lefitalominal....
[Hieran schließt Hermes seine Ausführungen über die hermetische Literatur Ingeborg Bachmanns und Paul Celans an.]
Damit sind drei Merkmale expressionistischer Lyrik beschrieben, die in den 20er Jahren endete und deren „Fortführung“ 1933 politisch verhindert wurde - damit sind wir bei der Lyrik im Dritten Reich als der unmittelbaren Vorgeschichte der Lyrik nach 1945.
http://www.xlibris.de/Epochen/VJahrhdt/VJhdrt1.htm bietet einen Überblick über die Literaturgeschichte 1900 - 1933 und damit in den Beginn der Moderne - zugleich ein Beitrag zum sogenannten Epochenumbruch von 1900

Der zeitgeschichtliche Hintergrund der Lyrik 1945 - 1960 ist die Zeit der Not, der Aufarbeitung der Verluste, des Wiederaufbaus nach dem Krieg - aber auch der Konfrontation der Weltmächte USA - UdSSR mit der ständigen Drohung eines Atomkriegs. Mir fällt bei den Gedichten auf, wie wenig positiv gestimmte Äußerungen wir bei ihnen finden; offensichtlich ist poetisches Sprechen ein anderes als das alltägliche, ein anderes auch als das politische. In der nicht-poetischen Wirklichkeit waren die Leute weithin damit befasst, sich eine neue Existenz aufzubauen; in intellektuellen Kreisen herrschte jedoch ein skeptisches Denken vor, weithin von der damaligen Modephilosophie des Existenzialismus (Sartre, Camus) bestimmt. Als Vertreter eines teilweise apokalyptisch gestimmten Denkens sei Günther Anders genannt (Die Antiquiertheit des Menschen, 2 Bd.). Als Dichter der Kurzgeschichten möchte ich Heinrich Böll nennen; dessen Erzählung „Wanderer, kommst du nach Spa..." habe ich hier in diesem Blog unter „Erzählungen“ ausführlich analysiert.  
   Am ehesten waren noch Menschen positiv gestimmt, die sich nach 1945 als Sieger sehen konnten; das waren nicht einfach die Überlebenden, sondern diejenigen, die etwa zur KP gehörten und erlebt hatten, wie die Rote Armee mit den anderen Alliierten die Nazis (nicht primär „Deutschland") besiegt hatte. Aber auch Leute, die wirklich inneren Widerstand geübt hatten, konnten aufjubeln und befreit dichten (wie Horst Lommer: Der Spuk ist aus; Walter Bauer: Wenn wir erobern die Universitäten). Ansonsten sind es elementare menschliche Erfahrungen, die auch Dichter vorsichtig positiv stimmen können: dass ein Kind heranwächst; dass Vertrauen und Liebe möglich sind; dass eine Landschaft oder eine Stadt da ist und sich in ihrer Schönheit offenbart. Selten sind Gedichte wie das von Johannes Bobrowski: Die Zeit Picassos, in dem eine Kunsterfahrung poetisch geformt ist.
   Im Vorgriff auf die 2. und 3. Lektion möchte ich jetzt schon andeuten, dass es sowohl den Kitsch [vorsichtiger: trivialen Ausdruck] der positiven wie der negativen Gestimmtheit gibt; dabei ist "der positive Kitsch" leichter zu durchschauen als der negative, denke ich, weil der negative sich oft dunkel-tiefsinnig zu geben weiß: Dem Tiefsinn traut man eher als den platten Formeln [etwa von J. R. Becher, E. Rehwinkel] Sinn zu...

Eine große Übersicht über Hilfsmittel für das Verständnis der deutschen Lyrik 1945 - 1960 habe ich in http://logos.kulando.de/post/2009/07/27/deutsche-lyrik-1945-1960-hilfsmittel gegeben.

von: norberto42
Entry modified
Geändert am 28. Juli 2009 um 12:54

Dienstag, 13. Juni 2006

Deutsche Lyrik 1945 - 1960 / Links

Der Rahmen der Lyrik ist die deutsche Literatur 1945 - 1960 :
http://oregonstate.edu/instruct/ger341/lit45-95.htm
http://members.aon.at/livingbox/literaturnach1945.html
http://www.uni-essen.de/literaturwissenschaft-aktiv/nachkriegsliteratur.htm
http://www.phil.uni-erlangen.de/~p2gerlw/ressourc/epoc_11a.htm
http://www.literatur-live.de/gerhardt/braun.htm
http://berg.heim.at/tibet/450508/6-Deutsche-Nachkriegsliteratur-1945-1949.htm (die Zeit über 1949 hinaus verfolgen)
http://de.dir.yahoo.com/Unterhaltung_und_Kunst/Literatur/Literaturgeschichte/Literatur_nach_1945/
http://www.wcurrlin.de/kulturepochen/kultur_nach_1945.htm
http://www.learn-german-online.net/learning-german-resouces/literatur.htm (dt. Literatur: Links)
http://www.hamburger-bildungsserver.de/index.phtml?site=faecher.deutsch (Fach Deutsch -> Literaturgeschichte, sehr hilfreich!)
http://www.pinselpark.de/geschichte/spezif/literaturg/index.html
http://de.dir.yahoo.com/Unterhaltung_und_Kunst/Literatur/Literaturgeschichte/Literatur_nach_1945/
http://www.literarischesleben.uni-goettingen.de/ (äußerst detailliert)

Der weitere Rahmen der Lyrik ist die deutsche Geschichte:
http://www.lehre.historicum.net/didaktik/bdgnach1945.html (deutsche Geschichte!)
http://www.bpb.de/popup/popup_druckversion.html?guid=A898EE (deutsche Geschichte 1945 - 1949)
http://www.literatur-live.de/strand/work/rmg_sek/gerhardt2.htm
http://www.zeit.de/2006/08/I_Zeitleiste_1946-1966 

Die Trennung von Literatur und Lyrik ist eine Trennung von Wörtern; man findet unter "Literatur" manches, was genauso gut unter "Lyrik" stehen könnte (Angabe zu Autoren z.B.). Weitere Links zur deutschen Lyrik 1945 - 1960:
http://www.fachdidaktik-einecke.de/9_diagnose_bewertung/zentralabitur_nrw2007_deutsch_schwerpunkte_arbeitshinweise.htm (Links zu allen Themen des Zentralabiturs NRW 2007/08, auch zur Lyrik nach 1945)

Ein anderses Suchwort ist Nachkriegsliteratur bzw. Nachkriegslyrik:
http://www.literaturwelt.com/epochen/nachkrieg.html
http://www.uni-regensburg.de/Fakultaeten/phil_Fak_IV/Germanistik/Braungart/skripten/ws98/vl271197.html (weitere Vorlesungen, jetzt an der Uni Tübingen)
Dann gibt es auch noch den engeren Begriff der Trümmerliteratur! Es ist auch klar, wie man weitere Links findet: indem man Namen (und Werke) in der Suchmaske eingibt, auch die Namen von Zeitschriften ("Der Ruf") und Gruppen (Gruppe 47), z.B. http://kultur-netz.de/archiv/literat/gruppe47.htm
www.gymnasium-barntrup.de/de (mit Bildern und Links)

Speziell zur konkreten Poesie:
http://www.virtuelleschuledeutsch.at/literatur3/ly_konkret_vtfg.htm
http://de.wikipedia.org/wiki/Konkrete_Poesie
http://www.reinhard-doehl.de/konkret1.htm
http://www.stuttgarter-schule.de/
http://www.kurt-schwitters.org/m,700019,1.html
http://www.anatol.cc/032-Poesie.htm
http://www.harmonie-online.de/wiki/Konkrete_Poesie
http://www.sacrion.org/30611/30692.html?*session*id*key*=*session*id*val* (Heißenbüttel)

Verschiedene theoretische Positionen von Dichtern zur Lyrik im Miniformat stehen hier: http://www.uni-greifswald.de/~dt_phil/litwiss/Gratz/Kartei/rg-ismen.html

Die im Netz greifbaren Texte versucht man hier zu sammeln (nach Autoren): http://www.litlinks.it/litlinks.htm

Die U-Reihe steht bei l-o unter http://www.lehrer-online.de/dyn/9.asp?path=/lyrik1945-1960. Für die Einzelanalysen schaut ihr bitte in der Rubrik "Gedichte" nach! Ein mir nicht namentlich bekannter Kollege hat Ergebnisse seines Unterrichts (Frühjahr 2006) unter http://deutsch.boba109.net/?p=5 ins Netz gestellt; interessant ist die Zeitleiste (die man am besten als .doc herunterlädt, dann sieht man auch Bilder) und die Zusammenstellung seiner Materialien: Nachkriegslyrik (u.a. als pdf-Datei). Die Schüleranalyse zu Eich: Inventur, ist eher dürftig!

Ende Juni 2006 / 11. August 2006

von: norberto42
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Geändert am 21. August 2006 um 14:28

Donnerstag, 20. April 2006

Unterrichtsreihe "Balladen" in Kl. 11


In meinem laufenden 11er-Kurs habe ich eine Balladenreihe gemacht:
Bürger: Lenore (sehr intensiv)
Goethe: Die Braut von Korinth
Heine: Maria Antoinette
Diese ersten drei Balladen sind dadurch verbunden, dass Gespenstisches erzählt wird, jedoch von Seiten des Sprechers zunehmend entmystifiziert.
Brecht: Die Ballade vom Soldaten
Als Klausur folgte Kästner: Der Handstand auf der Loreley.
(Analysen zu zu diesen Balladen gibt es hier bei bloghof.net unter „Gedichte“, ferner zu Goethe: Der Fischer.)
Zum Üben war Kästner: Die Ballade vom Nachahmungstrieb, empfohlen; zu diesem Gedicht gibt es im www leider kein Material kostenlos.

Im Internet kann man sich den Aufsatz Gunter Grimms herunterladen ("Grimm: Bestrafte Hybris"). (Grimm leistet mehr für die Deutung, weniger für die Analyse.)
Wenn man die Zeile in der suchmaske eingibt:
Michael Will: Die Ballade - das "Ur-Ei" der Poesie,
bekommt man ein Protokoll von Herrn Wills Ausführungen über "Ballade" und Bürgers Gedicht aus dem vergangenen Wintersemester (Uni Würzburg).

Wer sich das Buch besorgen kann, sollte zugreifen: Geschichte im Gedicht. Texte und Interpretationen (Protestlied, Bänkelsang, Ballade, Chronik). Hrsg. von Walter Hinck (1979, es).
Wir waren zunächst am Thema „Gespenster“ orientiert; wenn man Goethes „Fischer“ und die Loreley mag, kann man sich auch dem reizvollen Motiv der Wasserfrauen zuwenden, wozu es auch im www Literatur gibt (gerade auch zu den verschiedenen Loreley-Gedichten!), u.a. ein Berliner Projekt (Uni).

von: norberto42
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Geändert am 14. August 2007 um 20:57

Samstag, 15. April 2006

Hast du nicht die gesuchte Analyse gefunden?


Dann schalte mal in die Kategorie "Gedichte",
dorthin sind die Analysen verlegt worden!
von: norberto42
Entry modified
Geändert am 20. Mai 2006 um 02:35

Freitag, 13. Januar 2006

W. Busch: Die Affen, und Ringelnatz (Beispiele für Personifizierung)

Wilhelm Busch: Die Affen

Der Bauer sprach zu seinem Jungen:
„Heut in der Stadt, da wirst du gaffen.
Wir fahren hin und sehn die Affen.

Es ist gelungen
Und um sich schief zu lachen,
Was die für Streiche machen
Und für Gesichter,
Wie rechte Bösewichter.
Sie krauen sich,
Sie zausen sich,
Sie hauen sich,
Sie lausen sich,
Beschnuppern dies, beknuppern das,
Und keiner gönnt dem andern was,
Und essen tun sie mit der Hand,
Und alles tun sie mit Verstand,
Und jeder stiehlt als wie ein Rabe.
Pass auf, das siehst du heute.“

„O Vater“, rief der Knabe,
„Sind Affen denn auch Leute?“

Der Vater sprach: „Nun ja,
Nicht ganz, doch so beinah.“


Joachim Ringelnatz: Ein männlicher Briefmark

Ein männlicher Briefmark erlebte
was Schönes, bevor er klebte.
Er war von einer Prinzessin beleckt.
Da war die Liebe in ihm erweckt.

Er wollte sie wiederküssen,
da hat er verreisen müssen.
So liebte er sie vergebens.
Das ist die Tragik des Lebens. 
von: norberto42
Entry modified
Geändert am 13. Januar 2006 um 01:29