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Samstag, 19. August 2006

Nuber: Beachte mich! (Psychologie heute, Juli 2001, S. 20 ff.) - Analyse


Frau Nuber stellt die Ergebnisse mehrerer neuer Bücher über Aufmerksamkeit vor; sie referiert, ohne die Auffassungen der verschiedenen Autoren zu bewerten. Sie beruft sich öfter auf Georg Franck und gibt der Auffassung von Hans Dieter Mummendey viel Raum; zur Anordnung des Stoffes benutzt sie zwei Unterscheidungen aus den vorgestellten Büchern: Methoden und Taktiken (s.u.).
   Frau Nuber leitet ihren Aufsatz ein, indem sie die Leser anspricht und sie über die aktuelle Lektüre des Artikels zum Thema „Aufmerksamkeit“ führt (1). In (2) führt sie den Begriff „Markt“ ein, wodurch sie erklärt, wieso es schwer ist, Aufmerksamkeit zu gewinnen. In (3) - (5) kommt sie dann auf das eigentliche Thema zu sprechen: dass es wichtig ist, Aufmerksamkeit für uns selber zu gewinnen [Damit leitet sie in (6) zum Hauptteil ihres Aufsatzes über: Zweimal sagt sie in (6), dass wir um Aufmerksamkeit kämpfen müssen.]. Im Folgenden erklärt sie dann (im Rückgriff auf verschiedene Autoren), mit welchen Mitteln man solche Aufmerksamkeit erringen kann (6) - (18).
   Zunächst referiert sie zwei Gründe, warum es heute erforderlich sei, um Aufmerksamkeit zu kämpfen [weil sie uns nicht mehr durch Institutionen gewährt werde (7) und weil die Konkurrenz größer geworden sei (8)]. Danach stellt sie zwei Methoden gegenüber, wie man um sich Aufmerksamkeit bemühen kann: auf die grobe und auf die verfeinerte Art (9 / 10) ff.; hierbei beruft sie sich auf Georg Franck.
   Bei der verfeinerten Art unterscheidet sie mit Berufung auf H. D. Mummendey zwei verschiedene „Taktiken“ der Selbstdarstellung, die selbstaufwertende und die selbstabwertende (12).
   Für die Anwendung beider Taktiken gibt sie verschiedene Tipps: Man solle nicht übertreiben (16), man solle authentisch sein (17, dürfe aber ein wenig schummern), man solle nicht zu stark übertreiben (18); auch für diese Tipps greift sie auf Äußerungen dreier verschiedener Autoren zurück (Mummendey, Laux, Schütz).
   Den Schluss ihres Aufsatzes bildet ein Trost für diejenigen, die in ihrer Selbstdarstellung nicht die Erfolgreichsten sind: Den ganz Erfolgreichen gehöre nicht unsere Sympathie (19).

Man könnte manches noch stärker inhaltlich füllen, z.B. die verschiedenen Mittel oder Taktiken der verfeinerten Selbstdarstellung aufzählen...
Aus der Technik Ursula Hubers, einfach die Resultate mehrerer Bücher resp. Autoren aufzuzählen, ohne sie zu prüfen, ergeben sich die Schwächen dieses Aufsatzes:
1. Verschiedene Ergebnisse können sich widersprechen;
2. die Ergebnisse überschneiden sich - sie unterscheiden sich nur scheinbar, nur in der Wortwahl.
von: norberto42
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Geändert am 12. September 2006 um 21:51

Donnerstag, 9. März 2006

K. Adenauer: Regierungserklärung vom 18. August 1961 - Analyse


Zur historischen Situation 1961:
Nach der Niederlage des Dt. Reiches 1945 wurde das Reich verkleinert und in vier Besatzungszonen aufgeteilt, woraus im Verlauf des bald einsetzenden Kalten Krieges de facto zwei neue deutsche Staaten wurden, die BRD und die DDR (1949). Berlin hatte einen Sonderstatus, war in vier Sektoren eingeteilt und wurde de jure von den Siegermächten gemeinsam verwaltet; alle vier hatten Zugang zu dieser Stadt (Vier-Mächte-Kommuniqué vom 4. Mai 1949; Vereinbarung des Außenministerrates der vier Mächte vom 20. Juni 1949). In den späten 40er Jahren brach der Kalte Krieg der Supermächte USA und SU aus, der Eiserne Vorhang trennte Europa in zwei Teile. Praktisch war Deutschland Aufmarschgebiet der beiden Blöcke, da die deutschen Staaten seit den 50er Jahren jeweils den beiden Militärbündnissen (NATO und Warschauer Pakt) angehörten. Die Bundesrepublik erhob den Anspruch, Nachfolgerin des Dt. Reiches und der einzige legitime deutsche Staat zu sein; wir sprachen von der Ostzone, der SBZ und nur in Anführungszeichen von der sogenannten (!) DDR.
   Die Fragen waren, wie eine deutsche Einheit möglich wäre (neutraler Staat wie Österreich? freie Wahlen?) und wie der Status Berlins sein wollte (Teil der BRD?), sogar ob noch die ehemaligen Ostgebiete jenseits der Oder noch als deutsches Gebiet beansprucht werden sollten - es gab ja noch keinen Friedensvertrag, in dem diese Fragen geregelt worden wären, es gab nur Fakten. Unsere Regierung forderte eine deutsche Einheit, die zu freien Wahlen in ganz Deutschland führen sollte ("Selbstbestimmungsrecht der Völker").
   Innenpolitisch tendierte (grob gesagt) die CDU stärker zur Westbindung der BRD, während die SPD eher eine deutsche Einheit anstrebte. Wichtig waren das Godesberger Programm der SPD, in dem diese sich neu orientierte, und ihre erste Regierungsbeteiligung in der großen Koalition 1966 sowie ihre Dominanz in der sozialliberalen Koalition ab 1969 (Brandt/Scheel), welche dann eine neue Ostpolitik der Annäherung an Polen und die DDR einleitete: Verträge mit beiden Staaten, Besuche westdeutscher Politiker in der DDR, Honeckers in der BRD; ständige Vertreter beider Staaten in Bonn und Ostberlin akkreditiert (Idee: "Wandel durch Annäherung").
   Nach der Berlin-Blockade 1948/49, dem großen Streik am 17. Juni 1953 in Ostberlin und dem Ungarn-Aufstand 1956 (beide von sowjetischen Panzern beendet) war der Mauerbau 1961 (neben der gleichzeitigen Kubakrise: Errichtung sowjetischer Raketenbasen auf Kuba, von Kennedy militärisch gestoppt - zu Zeile 48 ff.!) eine der großen Krisensituation der Nachkriegszeit, worauf 1968 der Prager Frühling nebst Einmarsch von Truppen des Warschauer Paktes in Prag folgte.
   Die Gründung der Solidarnosc in Polen 1980 war dann eines der Momente, die schließlich zur Wende 1989 führten.

Zum Kontext:
Die Analyse folgt der Ausgabe im Reclam-Heft Herrschaft durch Sprache (RUB 9501, S. 79 ff.), hier ab S. 81, Z. 10.
In Z. 1 f. spielt Adenauer auf den von ihm bereits genannten „Beschluss der Zonenmachthaber vom 12. August“ an.

Aufbau der Rede:
Adenauer greift in seiner Regierungserklärung vor dem Deutschen Bundestag die damalige Regierung der DDR und der SU an, welche aber nicht im Plenarsaal vertreten waren; er konnte jedoch damit rechnen, dass sie durch die Presse und durch den sowjetischen Botschafter über die Erklärung Adenauers informiert würden. Was hinter den Kulissen an diplomatischen Aktivitäten (Proteste, Noten) entfaltet wurde, weiß ich nicht; Adenauer kann sich bei seinen Angriffen auf den Mauerbau der Zustimmung aller Parteien sicher sein. Insofern ist es eine Rede, die sich an das deutsche Volk wendet und zeigen soll, wie die Regierung Adenauer zum Mauerbau Stellung nimmt und was sie eventuell zu tun gedenkt; mit der Anklage der anderen ist also eine Selbstdarstellung oder Rechtfertigung vor dem eigenen Volk verbunden.
   Zunächst bewertet Adenauer den Mauerbau (bzw. die bis dahin sichtbaren Maßnahmen) als Verstoß gegen Internationales Recht (Viermächtestatut, Z. 3 f.) und als Auftakt zur Abtrennung Westberlins vom Westen (Z. 6 ff.).
   Danach setzt er sich mit der Begründung des Mauerbaus durch die DDR-Regierung auseinander; er weist sie pauschal als Lüge und Verdrehung zurück (Z. 12 ff.) und gibt deren Vorwurf von „Militarismus und Aggression“ einfach an diese zurück (Z. 19-21). Er weist danach den Vorwurf der sowjetischen Regierung, mit dem diese kurz vorher einen Friedensvertrag und die Umwandlung Westberlins in eine „freie Stadt“ mit der Begründung gefordert hat, in der Bundesrepublik würden kriegerische Maßnahmen vorbereitet, zurück und gibt den Vorwurf an die DDR weiter (Z. 24-46).
   Er bewertet dann den Mauerbau durch seine Terminierung (zeitliche Nähe zur Kubakrise) als ein gefährliche, friedenbedrohende Maßnahme (Z. 48-54).
   Darauf erklärt Adenauer, was die wahren Ursachen des Mauerbaus seien: Wegen der Unterdrückung der Menschen in der „Zone“ flüchteten deren Bewohner in den Westen, und zwar verstärkt, seit die SU mit der DDR einen separaten Friedensvertrag abschließen wolle; in dem Zusammenhang deutet er die DDR-Flucht als Ausübung des Selbstbestimmungsrechtes, dessen Verwirklichung die DDR-Regierung für sich reklamiert hatte (Z.56-90). Er schiebt eine statistische Zahl nach, dass nach seinen Informationen mehr als 90% der Bürger die DDR-Regierung ablehnten und die Wiedervereinigung mit der Bundesrepublik anstrebten (Z. 92-98).
   Er schließt diesen Teil seiner Rede, indem er noch einmal die Forderung nach Selbstbestimmung aufgreift; gegen das Bestreben der SU, den Status Berlins zu ändern, um so den Frieden zu sichern, stellt Adenauer die Forderung nach Selbstbestimmung als den einzigen Weg, um Spannungen zwischen den Blöcken abzubauen und den Frieden zu sichern (Z. 99-110).
   Im nächsten Teil lenkt er den Blick auf die Politik der Bundesregierung (Z. 111 ff.); er stellt dar, wie sie mit den NATO-Partnern abgestimmt ist; er berichtet über die Zusagen der Westmächte, die Freiheit Berlins zu schützen, und kündigt gemeinsame Maßnahmen gegen eine etwaige Bedrohung der Freiheit Berlins an (Z. 143 ff.); so will er die Berliner wie auch andere besorgte Deutsche beruhigen.
[Diesen Aspekt führt er dann weiter aus: den sowjetischen Drohungen mit Hilfe der NATO widerstehen, aber doch eine Verständigung in Verhandlungen suchen, etwa Z. 149-206, worauf er noch einmal die Forderung nach Selbstbestimmung der Deutschen wiederholt, Z. 207-222 bzw. bis Z. 248. - Vermutlich kann man Adenauers Rede auch unter dem Aspekt lesen, dass einen Monat später einen neuer Bundestag gewählt werden sollte, vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Bundestagswahl_1961!]
** Man könnte bei der Beschreibung des Aufbaus den Einschnitt hinter Z. 46/47 mit Miriam Reinhaus auch für weniger bedeutsam halten, als ich ihn bewerte, und darin einfach die Fortsetzung von Z. 43 ff. erblicken; dann würde man die Konjunktion „zudem“ (Z. 48) weniger stark betonen und Adenauer seine Replik von Z. 43 ff. fortsetzen sehen. - Ähnlich könnte man vielleicht auch den Einschnitt hinter Z. 98 gegenüber meiner Lesart  abschwächen. Die großen Einschnitte sind jedenfalls die hinter Z. 11, 55 und 110.  Achtet bitte darauf, woran man solche Einschnitte erkennt und wie dort zum neuen Thema oder Sprechakt übergeleitet wird; das Entscheidende steht normalerweise zu Beginn des neuen Absatzes!
** Den Aufbau der Rede erkennt man am ehesten an thematischen Einschnitten; es genügt aber nicht, diese inhaltlich zu reproduzieren, sondern man muss zusehen, was Adenauer jeweils beim neuen Thema tut (Sprechakt, sprachliches Handeln): den Mauerbau bewerten, die Begründung der Gegenseite prüfen und zurückweisen, die Gründe des Mauerbaus erklären, das Recht auf Selbstbestimmung einfordern usw.
   Wie bei allen argumentativen Texte (vgl. AB „Analyse theoretischer Texte“!) sind die elementaren Sprechakte das Beschreiben resp. Berichten, Erklären, Bewerten und Fordern; innerhalb des Argumentierens alle Formen von Begründen und Widerlegen. Natürlich gibt es viele Sprechweisen (oder -akte) innerhalb dieser vier Großformen, z.B. Bitten, Flehen, Raten, Warnen, Befehlen als Möglichkeiten des Forderns (d.h. Menschen zum Handeln zu bewegen suchen).

Rhetorische Analyse:
Der von mir ausgewählte Teil macht etwa 40 % der gesamten Rede aus (4 von 10 Seiten in dem von Walter Schafarschik herausgegebenen Arbeitsheft). Bei der rhetorischen Rede zeigt sich deutlich, dass mit Z. 110 der erste Teil des Auszugs endet und Adenauer dann ein neues Thema anfasst. Er spricht unmittelbar die Abgeordneten des Bundestages, doch über die Medien zumindest in gleicher Weise die Bürger an.
   Es geht also um den am 13. August von Truppen der DDR begonnenen Mauerbau. Wie dieser Mauerbau zu verstehen und zu bewerten ist, ist die zwischen Ost und West strittige Frage: Dient die Mauer der Verteidigung gegen westlichen Militarismus? Und wie berührt er geltendes Recht?
   Die erste Strategie Adenauers besteht darin, dass er (wie bisher - vgl. die 1955 verkündete Hallsteindoktrin, dass gemäß dem Grundgesetz die Bundesrepublik allein das deutsche Volk vertritt) die „DDR“-Regierung als Gesprächspartnerin ablehnt und sie demgemäß sprachlich abwertet: Sie sei nur ein „Marionettenregime“ in der „Zone“ (Z. 12 f., vgl. noch Z. 43, 67 und 75; vgl. noch „Zonenmachthaber“ und „Ulbricht-Regime“ als abwertende Bezeichnungen); ernsthaft befasst er sich nur mit Aktionen der Sowjetunion [Z. 24 ff.: Der von der SU vorgeschlagene Friedensvertrag gilt ihm jedoch nur als ein sogenannter Friedensvertrag (Z. 25 f.), in Wahrheit sei er ein Separationsvertrag (Z. 77) zur Abtrennung Berlins vom Westen; er wird also nach dem Prinzip „Lüge / Wahrheit“ abgewertet, s.u.!] Das Verhältnis BRD - DDR wird durch den absoluten Kontrast von Freiheit und Unfreiheit qualifiziert (Z. 90, 97; negativ,  übertreibend [?]: „Terrorherrschaft“, „Sklavenstaat“ Z. 93 f.).
   Die Maßnahme selbst wird im Superlativ als „brutalste“ aller bisherigen bewertet (Z. 5 f.), als gerade zu diesem Zeitpunkt höchst gefährliche (Z. 48 ff.), als Angriff auf die Freiheit Berlins (Z. 10 f.).
   Die von der Gegenseite vorgebrachten Begründungen, die Mauer diene dem Schutz vor westlicher Aggression (Z. 13 ff.), behandelt er auf doppelte Weise: Einmal gibt er den Vorwurf einfach zurück (Z. 18 ff.) und verteidigt sich nicht einmal gegen eine offenkundige Lüge (Z. 15 ff.); was also der Fall ist, wo wirklich Militarismus herrscht, das sei offenkundig und die ganze Welt könne das als Zeuge beurteilen (Z. 1, 56; jeder Z. 35; die Wirklichkeit Z. 17 f., 70 f., 89; der Augenschein Z. 44). Dem Versuch, die Vorwürfe der Gegenseite zurückzuweisen, dient auch der Kontrast von „Lüge / Wahrheit“ (wahre Ursachen, Z. 57; wahre Absichten, Z. 60). Demgemäß sind für ihn die Begründungen der DDR ein vergeblicher Versuch, eine angebliche Notwendigkeit nachzuweisen (Z. 13 f.), also nicht wahr und nicht haltbar.
   Zum anderen betont er den friedlichen Charakter westlicher Politik, die nur der Verteidigung diene (Z. 30-40). Die Politik der Gegenseite wird dagegen als Ursache des Flüchtlingselends bewertet (Z. 79 ff.), welches auf der Verweigerung des Selbstbestimmungsrechtes beruhe (Z. 86; durch Zahlen untermauert, Z. 94)
   Was nun das Recht zum Mauerbau betrifft, so bewertet Adenauer den Vorgang als Rechtsbruch: als Bruch eines Abkommens (Viermächtestatut, Z. 3 f.) und als Verstoß gegen ein Prinzip des Völkerrechts, das Prinzip der Selbstbestimmung; dieses Prinzip wird von Adenauer wiederholt vorgetragen (Z. 67, 86, 105), als von den Flüchtenden praktiziert sowie als Lösung der Probleme (in der Wiedervereinigung Deutschlands) empfohlen.
   Kontraste im Sinn von „gut / böse“ verwenden, eigene Vorwürfe und Forderungen wiederholen, Vorwürfe des Gegners zurückweisen und ihn herabsetzen - das sind klar Strategien, welche eine Gegnerschaft (Kalter Krieg) charakterisieren, in der es kaum Verhandlungen geben kann; erst die neue Ostpolitik der sozialliberalen Regierung Brandt/Scheel nach 1969 hat gegen den heftigen Widerstand der CDU und der Vertriebenenverbände hier eine Änderung herbeigeführt, wofür Willy Brandt schließlich auch den Friedensnobelpreis bekommen hat. (Informiere dich über diese politische Wende!)
   Der zweite Teil dieser Rede Adenauers steht unter der Frage: Was werden wir gegen den Mauerbau tun? Hier betont Adenauer in vielen Wendungen (Prinzip der Wiederholung und der Variation bzw. Umschreibung), dass die Bundesrepublik in engster Verbindung mit den Westmächten wie der NATO insgesamt steht, mit diesen in der Beurteilung des Mauerbaus einig ist (Z. 113 f., 117 usw.) und mit ihnen gemeinsam die erforderlichen Maßnahmen treffen wird (Z. 114). Einvernehmen und Übereinstimmung werden durch das Adjektiv „voll“ charakterisiert (Z. 121, 126); er beruhigt also das deutsche Volk, welches ja die Rede über Rundfunk und Fernsehen verfolgen kann und welches auch der wahre Adressat der Regierungserklärung ist. Konkret verspricht er nur, dass die Freiheit Westberlins aufrechterhalten und verteidigt werden soll (Z. 134 f., 146/48); unausgesprochen heißt das, dass gegen den Mauerbau nichts unternommen werden wird - das verschweigt Adenauer jedoch.
   Durch zwei Stichworte ist dieser zweite Teil der Rede mit dem ersten verbunden, durch Erwähnung der „Freiheit“ (Z. 10; hier Berlins, Z. 134 ff.) und durch Berufung auf das Selbstbestimmungsrecht der Völker als Prinzip einer friedlichen Politik (Z. 138 ff.)., was den verbalen Ausfällen des ersten Teils etwas von ihrer Schärfe nimmt und sie als Teil der Streitkultur von Gegnern erkennen lässt, die sich beschimpfen, aber nichts tun. Damit stimmt die Gesamtstrategie der Regierungserklärung mit der Politik der gegenseitigen Abschreckung durch die Möglichkeit, den zweiten Schlag im Atomkrieg auszuführen, überein; eine Verständigung jedoch (oder gar die Wiedervereinigung Deutschlands) konnte so nicht erreicht werden.
   Schaut man sich an, wann Adenauer von wem Beifall bekommt (insgesamt neunmal zu unserer Passage), so sind dies Stellen, an denen die von uns benannten Strategien besonders deutlich werden [man hätte die Rede insofern auch vom Beifall her analysieren können]: Vorwürfe gegen die DDR, Behauptung der eigenen guten Absichten, Forderung der Freiheit für die Ostdeutschen, Bereitschaft zur Verteidigung Berlins. Viermal gibt es ausschließlich oder hauptsächlich Beifall der CDU/CSU für den Kanzler, aber das ist sachlich nicht begründet, sondern nur parteipolitisch zu erklären: Beifall für den Mann aus den eigenen Reihen. Nur an einer Stelle scheinen Teile der SPD, in die 1957 die GVP Gustav Heinemanns aufgegangen war, sich bewusst zurückzuhalten: als Adenauer behauptet, seine Politik sei ausschließlich „auf die Verteidigung unserer Lebensinteressen“ ausgerichtet (Z. 39 f.).  
von: norberto42
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Geändert am 9. März 2006 um 03:19

Dienstag, 7. März 2006

Rede Willy Brandts zum Moskauer Vertrag vom 12. August 1970


Erste Analyse
Nachdem Brandt den Moskauer Vertrag unterzeichnet hat, wendet er sich über das Fernsehen an alle Deutschen (der Bundesrepublik: Mitbürger), um ihnen die Bedeutung des Vertrags zu erklären und um die Bedenken und Einwände der CDU-Anhänger (im weiten Sinn) aus dem Weg zu räumen. Da er über das Medium Fernsehen spricht, kann er Reaktionen der Zuschauer nicht wahrnehmen, muss also sorgfältig und vorsichtig argumentieren und um Zustimmung zu seiner neuen Ostpolitik werben.
Aufbau:
Nach der Begrüßung (Z. 1) würdigt (auch: erklärt, bewertet) er zunächst die Bedeutung des Vertrags (Z. 2-10): Mit ihm werde das Verhältnis zum Osten neu begründet. Zur Begründung dieser Ostpolitik beruft er sich auf seine eigene Regierungserklärung als der „Richtlinie“ (Z. 19) seiner Politik, die insgesamt einem „Friedenswerk“ (Z. 19) verpflichtet sei (Z. 11-20).
   Im folgenden Teil (bis Z. 50) würdigt er den Vertrag ausführlicher, weist dabei zugleich Einwände der CDU-Anhänger und -Politiker zurück:
1. Der Vertrag stellt einen Erfolg dar, weil er nach dem (auch für den Osten) katastrophalen Krieg die Beziehungen zu den Staaten im Oster verbessert (Z. 21 ff.); damit widerspricht er dem Einwand, der Vertrag stelle einen Ausverkauf dar.
2. In ihm werden die Beziehungen zur Sowjetunion verbessert,
3. ebenso die Beziehungen zur DDR entspannt;
beides erfolge im Interesse des ganzen deutschen Volkes (v.a. die Entspannung im Verhältnis zur DDR, Stichwort „Mauer“) - damit weist er den Einwand zurück, es würden Interessen der Ostdeutschen aufgegeben (Z. 35 ff.).
4. Der Vertrag dient auch Europa (Z. 44 ff.); ausdrücklich spricht Brandt von „Rußland“ statt „Sowjetunion“, um die Bindung dieses Staates an die europäische Geschichte Geschichte beweisen zu können: Es werde ein „Ausgleich der Interessen“ hergestellt (Z. 49), was ja ein Merkmal fairer Politik ist. Damit weist er den Einwand zurück, die europäische Einigung werde durch eine Wendung nach Osten beeinträchtigt.
   Im folgenden Abschnitt (Z. 51 ff.) nimmt Brandt direkt zu Einwänden Stellung:
- „Preisgabe deutschen Landes“: Nichts gehe verloren, was nicht durch den Krieg verspielt worden ist (Z. 51 ff.);
- „Verhältnis der BRD zum Westen wird gefährdet“: Dieses Verhältnis werde nicht gefährdet (Z. 58 ff.);
- „Europäische Einigung verliert an Bedeutung“: Die Einheit Europas werde vorangetrieben (Z. 61 ff.).
Zum Schluss zieht Brandt ein Fazit (Z. 64-66): Der Vertrag dient dem Frieden, dient Europa und „uns allen“ [wobei offen ist, wer zu „uns“ gehört]. Es folgt der abschließende Gruß nach Deutschland (Z. 67).
Rhetorische Analyse:
Insgesamt erkenne ich vier dominierende Strategien Willy Brandts in dieser Rede. Sein Hauptanliegen scheint mir zu sein, die von CDU und Vertriebenenverbänden vorgebrachten Bedenken zu zerstreuen; dem dient ein ganzer Abschnitt seiner Rede (Z. 51 ff., aber auch bereits Z. 21 ff.). Dem dient auch der Hinweis, dass er sich (wie die meisten seiner Zuhörer, Z. 21!) „frei vom Wunschdenken“ weiß, was er also dem politischen Gegner zuschiebt. Hier ist auch die einzige Stelle, wo er pointiert „ich“ sagt, während er zuvon von der Bundesregierung gesprochen hat (Z.11 ff.); er beansprucht die Zustimmung der „meisten Deutschen“, weist dem Gegner also eine Minderheitsposition zu. Auch das Stichwort der „Nüchternheit“ (Z. 23) und der Hinweis auf die Lage, wie sie in Europa besteht (Z. 10, als Folge des Krieges, Z. 55 f.), unterstreichen seine Anspruch auf Realpolitik und die Absage an die Träumereien der politischen Gegner.
   Die zweite Strategie dient ebenfalls seiner Rechtfertigung: Er ordnet den Abschluss des Vertrags in die politische Geschichte ein (Z. 5-10), deren einzelne Abschnitte auch vom CDU-Kanzler Adenauer gestaltet worden sind. [Man könnte diesen Gedanken auch der 1. Strategie zuordnen.]
   Die dritte Strategie besteht darin, die Chancen aufzuzeigen, die durch den Vertrag geschaffen werden: Es ist vor allem der Frieden nach dem Kalten Krieg (und statt eines mehrmals drohenden Atomkrieges), von dem Brandt wiederholt spricht (Z. 16, 19, 54, 66), und der ihm korrespondierende gegenseitige Verzicht auf Gewalt (Z. 9, wobei der Weltkrieg den Kontrast und Ausgangspunkt bildet, Z. 32 ff.). Dem Frieden entspricht das Verhältnis einer Partnerschaft (Z. 48), ein Ausgleich der Interessen (Z. 49), auch der Zusammenschluss Europas (Z. 66, 44 ff.).
   Die vierte Strategie besteht in der Bewertung des Vertrags als Erfolg deutscher Politik (wiederholt, Z. 27 und 29). In den Metaphern, dass der Vertrag einen entscheidenden Schritt (auf einem Weg, Z. 30) darstellt und dass in ihm „ein neues Blatt“ im Buch der Geschichte aufgeschlagen wird (Z.52 f.), wird die Bedeutung des Vertrags bildhaft umschrieben. [Die Metaphern könnte man auch der 3. Strategie zuschlagen: Frieden nach dem Krieg und Kalten Krieg als weiterer Schritt oder als neues Blatt.]

Nachtrag,
zwei Wochen später geschrieben, nachdem ich 17mal geschlafen und 24 Klausuren zum Thema korrigiert habe:
Ich sehe jetzt stärker, dass die Rede dem genus demonstrativum angehört; Brandt hält eine Rede zur Feier des Tages, also zur Feier des Vertragsabschlusses. [Nebenher sei bemerkt, dass es sich um den Abschluss, nicht um die Abschließung eines Vertrags handelt - bei Türen mag es die letztere geben.] Demgemäß wird weithin die Bedeutung des Vertrags gewürdigt und erklärt; damit wird der Vertrag oder das Verhandlungsergebnis bewertet, aber nicht aufgewertet - im Hinblick auf die bald darauf tagende KSZE kann man den Vertrag kaum überbewerten!
   Die Auseinandersetzung mit der CDU oder den Vertriebenenverbänden rückt für mich jetzt stärker in den Hintergrund; ich sehe sie nur noch in Z. 21 ff. (Vorwurf, Brandt sei mit seinen politischen Hoffnungen ein Spinner) und in Z. 51 ff. (Einwände, der Vertrag gefährde die Westbindung und die europäische Einigung - dazu indirekt bereits Z. 44 ff.!). Auch die Einordnung in die politische Geschichte sehe ich jetzt unter dem Aspekt, dass Brandt die Bedeutung des Vertrags sowohl als Fortsetzung der Adenauerschen Politik (Z. 6 f.) wie als Neuanfang (Z. 30 ff.) würdigt.
   Auch den Aufbau sehe ich jetzt ein bisschen anders: Nach der Anrede der Zuhörer würdigt Brandt zunächst den Vertrag („ein wichtiger Augenblick“ der Nachkriegsgeschichte, Z. 3 f.; Aufgabe erfüllt, Z. 11 ff.; Erfolg, Z. 21-28, mit Begründung dieses Urteils in Z. 29 ff.; geschichtliche Wandlung, Z. 24 f.; neues Blatt in der Geschichte, Z. 52); danach erklärt er seine Bedeutung für die Ost-, Deutschland- und Europapolitik (Z. 30-50). Viele Schüler haben nicht verstanden, dass mit dem Rückblick auf die europäische Geschichte („Russland“ statt „Sowjetunion“!) die Zughörigkeit der SU zu Europa begründet und die mit ihr zu machende Deutschlandpolitik (Z. 35 ff.) in den Rahmen der Europapolitk gestellt wird.
   Viele Schüler sehen eine Art wir-Strategie Brandts; es fällt sicher auf, dass nie von den anderen (wohl allerdings von der SU und von den östlichen Völkern) gesprochen wird - das ist dem genus demonstrativum aus Anlass eines guten Vertrages geschuldet. Wenn man genau untersucht, wer mit „wir“ gemeint ist, kommt man auf die Bürger der BRD (Z. 4), eventuell alle Deutschen (Z. 13), die Regierung (Z. 19), die Leute oder die Deutschen oder die Europäer (Z. 23 f.), Bürger und Regierung (Z. 25 f.), wir in (West)Europa (Z. 47, 49) und ein ganz umfassendes „wir“ (Z. 66). Es erscheint also fraglich, ob man hier von einer eigenen Strategie sprechen kann.
   Noch eine Kritik an den Schülerlösungen: Der Rückgriff auf die Regierungserklärung ist sicher kein Autoritätsargument, da es ja seine eigenen Regierungsekrlärung ist (Z. 12 ff.); vielmehr klingt da eher ein Selbstlob an: Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht (vgl. Z. 11 f.)!
   Die Schüler haben auch noch einige rhetorische Figuren gefunden, etwa die geminatio (Z. 19), die Wiederholung (Z. 27/29, mit Emphase vorgetragen), die Anapher „nur wenn“ (Z. 47 f.), Lauras argumentum ad populum (? Z. 41 f.) - das alles sind schöne Beobachtungen, die man in die Betrachtung der Strategien einbauen kann.

Die Analyse der Rede Brandts war politisch-historisch durch eine Untersuchung der Regierungserklärung Adenauers zum Mauerbau 1961 und der Rede Walter Scheels zum Tag der deutschen Einheit 1978 (Pelster: Reden, Redesituationen, Redekritiken, 1980) vorbereitet worden.

Aufgabenstellung einer Klausur
im Grundkurs Deutsch 12:

Analyse einer politischen Rede - drei Schulstunden
Rede Willy Brandts vom 12. 8. 1970 (zum Moskauer Vertrag)
Aufgabenstellung:
Analysieren Sie die Rede Brandts, indem Sie ihren Aufbau und Brandts rhetorische Strategien beschreiben!

Erläuterungen:
Ende 1969 bildete die SPD mit der FDP erstmals eine sozialliberale Koalition (unter Führung von W. Brandt und W. Scheel); Bundeskanzler Brandt verzichtete auf die Hallstein-Doktrin und erkannte die Existenz zweier deutscher Staaten an, die aber füreinander „nicht Ausland seien“; er traf sich mit dem Ministerpräsidenten der DDR, Willi Stoph, in Erfurt und Kassel.
   1970 schloss die Regierung den Moskauer Vertrag (12. 8.) und den Warschauer Vertrag über Gewaltverzicht und territoriale Unverletzlichkeit aller Staaten in Europa auf der Basis der bestehenden Grenzen [d.h. praktisch Verzicht auf die ehemaligen deutschen Ostgebiete Pommern, Schlesien, Preußen usw.] ab; in einem begleitenden Brief bekräftigte die Bundesregierung ihr Ziel, friedlich auf die Einheit Deutschlands hinzuarbeiten; auch waren die Verträge, die 1972 gegen heftigen Widerstand der CDU in Kraft traten, an eine für die Bundesrepublik „befriedigende“ Berlinregelung gebunden.

Hilfsmittel: alle Arten deutscher Wörterbücher

von: norberto42
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Geändert am 19. November 2007 um 08:27

Otto Wels: Rede vom 23. März 1933


Erste Analyse des Aufbaus (TTS, S. 409 ff.)
In seiner Rede vom 23. März 1933 vor dem Reichstag in Berlin begründet Otto Wels, warum die SPD das von der Regierung vorgelegte Ermächtigungsgesetz („Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Reich“) ablehnt.
   Zu Beginn redet er die Abgeordneten an (Z. 1) und stimmt dann zunächst den außenpolitischen Forderungen nach deutscher Gleichberechtigung, wie sie der Reichskanzler erhoben hat, zu (Z. 2-29); Wels erinnert an eine Äußerung der SPD vom 23. Juli 1919, welche Hitlers Forderung ergänze (Z. 30-49).
   In einem zweiten Teil schwenkt Wels zur Innenpolitik, wo die gleiche Maxime wie in der Außenpolitik gelte („Aus einem Gewaltfrieden kommt kein Segen“, Z. 50), und begründet dadurch, dass er das Ermächtigungsgesetz ablehnt:
1. In Deutschland gilt nicht mehr gleiches Recht für alle, weil Sozialdemokraten verfolgt werden (Z. 53-67).
2. Kritik an der Regierung in Parlament und Presse wird ausgeschaltet (Z. 69-83).
Wels fordert die Nazis auf, die beiden von ihm kritisierten Missstände abzustellen (Z. 84-100).
   Im nächsten Abschnitt bestreitet er den Nazis das Recht, von einer nationalen Revolution zu sprechen (Z. 101/04, Z. 120 ff.) und sich nationalsozialistisch zu nennen (Z. 104-119). Wels grenzt die Sozialdemokraten von den Nazis ab (Z. 104 ff., Z. 127 ff.), beruft sich auf Leistungen der SPD in der Vergangenheit (Z. 127 ff.) und erklärt, was seine Partei „heute“ tut, statt dem vorgelegten Gesetz zuzustimmen (Z.143 ff.): an das Rechtsbewusstsein des deutschen Volkes (gegen das Unrecht der Nazis) appellieren (Z. 148-151).
   In einem vierten Teil seiner Rede beschwört Wels die Grundsätze des Rechtsstaates (der Weimarer Verfassung) und der politischen Kultur (Z. 152-160), bestreitet das Recht der Nazis auf (durch ein Ermächtigungsgesetz legitimierte) entgegengesetzte Politik (Z. 160 ff.) und spricht die Hoffnung auf die Zukunft der SPD trotz Verfolgung aus (Z. 164 ff.).
   Den Abschluss bildet ein Gruß an alle Sozialdemokraten in Deutschland und der Ausblick auf eine hellere Zukunft (Z. 168-172).

*** Dies ist die erste Fassung, die nach ihrer Aufzeichnung an wenigen Stellen sprachlich korrigiert worden ist.
Nachdem ich dies geschrieben habe, frage ich mich: Warum hört Wels nicht nach dem zweiten Teil seiner Rede (ja - aber) auf? Ich denke, dass er mit dem dritten Abschnitt zu einer grundsätzlichen Kritik an den Nazis ansetzt, nachdem er zuvor nur begründet hat, warum die SPD ein bestimmtes wichtiges Gesetz ablehnt; die Zustimmung zu einem außenpolitischen Grundsatz Hitlers kann als Versuch verstanden werden, mit Hilfe eines von den Nazis selbst vertretenen Grundsatzes das Ermächtigungsgesetz abzulehnen. - In dieser Sicht besteht die Rede aus zwei Teilen: einer konkreten Stellungnahme zu einem Gesetz und einer grundsätzlichen Kritik.   

Erste rhetorische Analyse der Rede von Otto Wels
Diese Analyse gilt zwei Fragen: 1. Wie werden die Parteien in der geschichtlichen Situation von Wels gruppiert? 2. Welche Strategie verfolgt Wels? (In der 2. Frage ist die nach den dominierenden rhetorischen Mitteln eingeschlossen).
   Wels sieht zwei Gruppen im Wesentlichen gegeneinander gestellt: Die Regierung der Nationalsozialisten und die SPD. Die erste Gruppe wird durch den Reichskanzler vertreten (Z. 3 f., Z. 19), sie bildet die Regierung (Z. 54), besteht aus den Regierungsparteien (Z. 68 f.); letztlich sind die Nazis mit einer gewissen Bitterkeit als „meine Herren“ angesprochen (Z. 99, Z. 101). Dem steht seine eigene Partei, „wir Sozialdemokraten“ (Z. 4 f. u.ö.), gegenüber; einmal hebt Wels einen eigenen Beitrag zur Politik besonders hervor (ich als erster Deutscher, Z. 9 f.). Mir fällt auf, dass Wels die Deutschnationalen, die mit ihren 8% der NSdAP zur absoluten Mehrheit verhalfen, und das Zentrum, das mit seinen Stimmen die Zweidrittelmehrheit für das Ermächtigungsgesetz sichert, nicht anspricht; offensichtlich erwartet Wels nicht, durch seine Rede jemanden umzustimmen. Er will, so muss man es deuten, Zeugnis vor der Geschichte ablegen und dem deutschen Volk noch einmal die letzten Maßstäbe politischer Vernunft zeigen.
   Wie ist das Verhältnis dieser beiden Gruppen, von denen allein Wels spricht? Es ist ein schwieriges Verhältnis: Einmal sind die Sozialdemokraten eine Fraktion im Reichtstag und damit den Nazis parlamentarisch sowohl verbunden als auch konfrontiert (Z. 1 ff.); zum anderen werden Sozialdemokraten von den Nazis verfolgt (Z. 63 ff.). Wels argumentiert demgemäß auf mehreren Ebenen: Er diskutiert die erbetene Zustimmung zum Ermächtigungsgesetz nach bestimmten Grundsätzen; er kritisiert aber auch die Verfolgung der SPD und die in Deutschland beginnende Gewaltherrschaft. Diese Doppelstrategie wird mit verschiedenen Mitteln verfolgt:
* Wels zitiert von den Nazis vertretene Prinzipien (Z. 2 f., Z. 21 f.);
* er beruft sich auf die Verfassung der Republik (Z. 70 ff.);
* er beruft sich auf weitere anerkannte Prinzipien humanen Lebens (Z. 33 ff., Z. 157 ff.); diese drei Strategien sichern einen Rahmen, innerhalb dessen man mit Nazis (vielleicht noch) diskutieren kann.
* er prüft, ob die Nazis national, also dem Volk verpflichtet sind (Z. 51 ff., Z. 122 ff.);
* er prüft, ob sie sich mit Recht „sozialistisch“ nennen (Z. 104 ff.).
Den Zerstörungen, welche die Nazis anrichten (Z. 104 ff.), stellt er Leistungen der SPD für den Wiederaufbau Deutschlands nach dem 1. Weltkrieg entgegen (Z. 127 ff.). Über beiden Parteien sieht er das Volk als die tragende Größe, die Verfassung als die geltende Rechtsordnung und ethische Prinzipien als Garanten der Menschlichkeit. [Das alles könnte noch detaillierter ausgeführt werden; es könnte auch bedacht werden, was die über den Anlass hinausgehende Kritik an willkürlicher Verfolgung in einer Rede vor dem Reichtstag bedeutet.]
   Die erste Strategie Wels‘, mit der er begründet, dass die SPD das Ermächtigungsgesetz ablehnt, besteht in dem Aufweis, dass die von Nazis außenpolitisch vertretenen Grundsätze der Idee des Ermächtigungsgesetzes (also ihrer Innenpolitik) widersprechen: Stichwort ist „Gewaltfrieden“ (Z. 50). Die Grundsätze werden in zwei Beispielen vorgebracht (Gleichberechtigung, Theorie von den ewigen Siegern und Besiegten, Z. 19 ff.); mit dem Ermächtigungsgesetz widersprechen die Nazis also ihren eigenen Grundsätzen, wie Wels zeigt.
   Die zweite Strategie besteht im Nachweis der Illegalität der Verfolgung (Z. 54 ff.) und der Zensur (Z. 92 ff.), als deren Zementierung er das Ermächtigungsgesetz bewertet; „vogelfrei“ (Z. 61) markiert den mittelalterlichen Zustand der Rechtlosigkeit. Gleichzeitig weist Wels offensichtlich erhobene Vorwürfe gegen die SPD zurück (Z. 88 ff.). Gegen alle Vorwürfe reklamiert er - das ist vielleicht die dritte Strategie: immerhin wiederholt er das entscheidende Stichwort (Ehre, Z. 34, Z. 62) - den Fortbestand der Ehre für die SPD.
   Einen weiteren Widerspruch im Handeln weist er den Nazis in ihrem Anspruch nach, eine nationale Revolution voranzutreiben (Z. 101 ff. - „nennen“ betont schon, dass dieser Anspruch falsch ist), und zwar indem er der Zerstörung die positiven Leistungen der SPD (Wiederaufbau, Befreiung, Recht, politischer Aufstieg kleiner Leute) und den Nazis das Volk gegenüberstellt (Z. 120 ff.), wiederum im Zusammenhang mit dem Ermächtigungsgesetz. Wichtig und rhetorisch geschickt ist diese Strategie, weil die Nazis sich gerade auf das Volk (v.a. in der Begriffsprägung  „Volksgemeinschaft“, vgl. http://xn--schlaf-rzte-r8a.de/index.php?title=Volksgemeinschaft&r=&q=&a=&noad=2; zu „Gemeinschaft“ vgl.
http://xn--schlaf-rzte-r8a.de/index.php?title=Gemeinschaft&r=&q=&a=&noad=2) zur ontischen oder mythischen Rechtfertigung ihrer Politik beriefen.  
   Die letzte Strategie besteht in einer Entfaltung der Idee und der Praxis des Sozialismus (ab Z. 104): Gegen den Anspruch der Nazis, nationalsozialistisch zu sein, stellt Wels die Tatsache, dass die Sozialisten verfolgt werden, ebenso wie das Verlangen nach dem Ermächtigungsgesetz (Z. 110 ff.); gegen die Zerstörungen der Nazis hebt er die sozialistischen Leistungen hervor, von denen auch die Nazis profitieren (in der Karriere Adolf Hitlers, Z. 127 ff.). Gegen das staatliche Unrecht und die bloßen machtpolitischen Tatsachen stellt er die großen Ideen, zu denen auch der Sozialismus gehört (ab Z. 143 ff.).
   Der Widerspruch ist also die beherrschende Strategie von Otto Wels: die den Nazis nachgewiesenen Widersprüche zwischen Anspruch und Handeln, zwischen Verfassung und Handeln, zwischen humanen Ideen und Handeln. Von rhetorischen Mätzchen ist Wels‘ Rede frei; die Situation war zu ernst, um nicht ausschließlich auf den fundamentalen Widerspruch zwischen Recht und Handeln (Wirklichkeit) hinzuweisen.
   Auf die Bedeutung einzelner Wörter ist schon hingewiesen worden; hier sollen noch einmal wichtige Begriffe genannt werden: Gewaltfrieden, Gewalttaten; Recht - vogelfrei; Allmacht - Kontrolle, Bewegungsfreiheit der Presse; entfesselte Bewegung; positive Leistungen - Wirtschaftselend - Mitverantwortung; das Rad der Geschichte zurückdrehen; Ideen, die ewig und unzerstörbar sind; hellere Zukunft. Alle diese Begriffe lassen sich leicht dem Gegensatz Nazis - SPD, Recht - Unrecht zuordnen.
[Manche Feinheiten der Rede sind nicht zu verstehen, ohne dass man sich in der Zeitgeschichte genauestens auskennt: Wie groß waren die Verfolgungen? Welche Zeitungen waren im März 1933 schon verboten? Welche Vorwürfe wurden gegen die SPd erhoben, vgl. Z. 88 ff.?]
   Obwohl die Rede vor dem Parlament gehalten worden ist, gehört sie nicht dem Typ der Beratungsrede (genus deliberativum) an: Alle Parteien hält Wels offenbar in der Sachfrage für entschieden; eher entspricht sie dem Typus der Gerichtsrede, weil Wels die Regierung bzw. die Nazis anklagt und die SPD verteidigt (vor dem Volk und der Geschichte als richtenden Instanzen, vgl. Z. 123 ff. und 164 ff.), in gewisser Weise auch die Stärken der Verfassung und die von der SPD vertretenen Werte rühmt (genus demonstrativum): eine große und angesichts unmittelbar drohender Verfolgung auch mutige Rede eines Mannes, der aufrecht der Verfolgung entgegensieht!
*** Die einzige Analyse, die ich im www zur Rede Wels‘ gefunden habe, kann man irgendwo in einem HA-pool kaufen; ob sie etwas taugt, weiß ich nicht.
Viele Hinweise (Links, Artikel) auf den unmittelbaren historischen Kontext findet man
bei http://de.geocities.com/boriskoerkelweb/bookmark_file.html#g_natsoz; bei der Linkliste
http://www.uni-saarland.de/fak3/fr39/gu9.htm klappte der Zugriff auf die Reihe 7 (NS) nicht!
von: norberto42
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Geändert am 22. Februar 2007 um 01:56