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Mittwoch, 16. Januar 2008

Fabelanfänge sinnvoll ergänzen

Fabeln gelten oft als Erzählungen für Kinder; die Praxis zeigt, dass selbst Schüler in Kl. 11 sich oft schwertun, einfache antike Fabeln exakt zu erfassen. - Die folgende Übung steht unter dem Sternzeichen der Ersatzprobe: Erst wenn man eine andere Lösung erwägt, kann man die vorgegebene Lösung in ihrer Eigenart würdigen. [Dahinter steht natürlich eine Theorie der Fabel: dass eine Frage zur Entscheidung vorgelegt wird!]

Aufgabenstellung:
Suche zu erkennen, welcher Fall vorliegt (was zur Entscheidung steht), und ergänze den gegebenen Anfang im Sinn (d)einer Lösung:

* Als ein Esel die Zikaden singen hörte, freute er sich über ihre schönen Stimmen, und, sie um ihr Talent beneidend, sagte er: “Wovon lebt ihr nur, dass ihr so schön singt?” “Vom Tau”, gaben sie zur Antwort.
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_________________________________________________(it 187, S. 113)

* Beim Begräbnis eines seiner Bekannten sagte ein Arzt zu denen, die jenem das letzte Geleit gaben: “Wahrhaftig! Wenn dieser Mensch keinen Wein getrunken und Spülungen gebraucht hätte, wäre er nicht gestorben.”
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(Schöne Fabeln des Altertums, 1955, S. 28)
von: norberto42

(Anfänge von) Kurzgeschichten fortsetzen

Idee: den Anfang einer Kurzgeschichte analysieren und dann sinn- und stilgemäß fortsetzen; in Klasse 10 und 11 von mir praktiziert. Je mehr Text man vorgibt, desto stärker lenkt man die Fortsetzung; ich gebe nie mehr als ein Drittel des alten Textes vor.

Wenn man eine angefangene Kurzgeschichte fortsetzen will, muss man beachten, was für eine Figur der Erzähler ist und was bisher geschehen ist:
1. Wer ist der Erzähler? In welcher Perspektive erzählt er? Auf welche Weise erzählt er? Wie nah oder distanziert steht er zum Geschehen? Wie viel weiß er von den Figuren? Welche Einstellung zu ihnen zeigt er?
Wie spricht er (Satzbau; Stil; Sprachebene)? Wie sprechen die Figuren?
2. Wodurch ist das erzählte Geschehen bestimmt?
Ist es ein in sich kompaktes Geschehen (Fahrt zu...)?
Wird es durch einen Termin/künftiges Geschehen bestimmt (Sportfest)?
Ist es wesentlich an einen Ort gebunden (kleiner Konferenzsaal)?
Ist es durch eine oder mehrere Figuren bestimmt [und durch
- deren derzeitige (familiäre, berufliche, politische) Situation?
- ihre Vergangenheit, ihre Pläne?
- ihr Verhältnis zueinander]?
3. Worauf sonst noch zu achten ist:
Wie lange dauert bereits das erzählte Geschehen?
Werden bestimmte Stichwörter, Gedanken, Symbole etc. wiederholt?
Tauchen auffällige Gegenstände, Vergleiche, Kontraste auf?
4. Fazit: Welches Thema oder welche Themen werden erzählerisch gestaltet?
(Mit dem „Thema“ erfasst du die Erzählung als Einheit in ihrem Kern!)
    Weitererzählen heißt: Unbestimmtes bestimmen, Leerstellen füllen. Dies kann man machen, indem man etwas Neues geschehen oder bisher Unbekanntes bekannt werden lässt. Man muss dabei den Erzähler und seine Sicht im Wesentlichen beibehalten. Die Hauptentscheidung ist: Führt man das Geschehen in der bisherigen Richtung weiter oder gibt man ihm eine andere Richtung (Wende)?
A) Wenn du bisher Geschehenes oder Bestehendes als bloßen Schein (Lüge) entlarven und die Wahrheit aufdecken willst, muss die Wende eintreten. Du musst
- einen Kontrast ins Geschehen einführen (er dachte <-> er spürte); oder
- eine neue Figur einführen, eine blasse in den Vordergrund rücken; oder
- ein wichtiges unbekanntes Ereignis aus der Vorgeschichte hervorholen; oder
- ein neues Symbol einführen, das zum Kontext passt (der Zahn); oder
- eine Figur etwas Befremdliches tun (oder dabei ertappt werden) lassen;
- das Geschehen nicht zu Ende (zum Ziel) führen (Tod etc. - evtl. Schnitt!?).
B) Wenn du das Thema (ein Thema) ausgestalten willst, musst du das Geschehen fortführen und auf das achten, was du zu 2.) und 3.) oben herausgefunden hast: Das vorgezeichnete Ziel wird, eventuell nach einer Krise, erreicht.
C) Achte noch auf drei Dinge:
a) Figuren können in sich oder in ihrem Verhältnis zueinander ambivalent sein (zum Beispiel gleichzeitig jemanden bewundern und verachten); du kannst eine Ambivalenz nach einer Seite auflösen, sie aber auch bestehen lassen.
b) Bei Kurzgeschichten ist ein offener Schluss gut; die sonst in Erzählungen ge-bräuchlichen abschließenden Wendungen stören. Auch soll eine „Moral“ oder Lehre nicht direkt durch den Erzähler ausgesprochen werden; oft gibt es keine. Es kann offen bleiben, wer der Versager ist. Gut: ein pointierter Schluss!

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Die Schüler stellen sich oft etwas ungeschickt an, wenn sie einen solchen Anfang fortsetzen sollen. Das läuft bei ihnen oft nach dem Muster von Groschenromanen: Willi wird Weltmeister und kriegt am Schluss die Superfrau. In richtigen Kurzgeschichten läuft es so, dass er „Ein Versager“ ist und sie sich nicht weiter um ihn kümmert - er muss halt damit klarkommen, dass er keine Nerven hat. „Am Ziel“ glaubt er zu sein, doch er bricht zusammen; im Kopf hat er konsequent sein Ziel verfolgt, doch auf einmal er spürt die Leerheit seines Lebens... Der kluge Ich-Erzähler lernt Sabine kennen, aber der flotte Felix spannt sie ihm aus...
   Man muss einfach einmal schauen, wie andere Leute solche Kurzgeschichten schreiben. Man geht also in eine Bibliothek und leiht sich eine Sammlung von Kurzgeschichten aus, oder man schaut sich im Netz unter dem Stichwort „Kurzgeschichten“ oder „Kurzgeschichten Sammlung“ um. Für eine solche Suche nimmt man eine Metasuchmaschine; dann findet man zum Beispiel Folgendes:
http://www.schreibart.de/forum-list,kurzgeschichten.html
http://www.lesezeiten.de/Ausbildung/Texte/Kurztexte/Kurzgeschichten/kurzgeschichten.html#Texte (mit Theorie!)
http://www.kurzgeschichten-welt.de/
http://kurzgeschichten-planet.de/
http://www.storyparadies.de/
http://www.e-stories.de/kurzgeschichten.phtm
Reinschauen, zwei, drei Stunden lang, und sich darüber Gedanken machen, das muss dann jeder selber tun.
Beispiel einer Analyse: G. Wohmann: „Denk immer an heut Nachmittag“
Kategorien der Analyse: der Erzähler, seine Sprache; das Geschehen; dessen Ort, Zeit, Dauer; die Figuren [real anwesende - erwähnte], ihr Verhältnis, ihre Sprache; das Thema
   Mir liegt der Text im Lesebuch „Deutsch in ... 9“ von Schöningh (1996, S. 49 ff.) vor; dort umfasst er 84 Zeilen. Ich habe die ersten 40 Zeilen zur Analyse (bis: „...fast zärtlich.“) mit anschließender Fortsetzung durch die Schüler vorgegeben. - Im Augenblick kenne ich selber die Fortsetzung Wohmanns nicht mehr, analysiere und operiere also „blind“.
   Erzählt wird, wie ein Vater mit seinem Kind mit einer Bahn fährt und was die beiden dabei sehen und besprechen; das Geschehen spielt an einem Spätnachmittag im Frühjahr (Z. 11: Handschuhe; Bäume noch kahl, Z. 18 f.) und dauert etwa 10 Minuten. Die Fahrt geht von Gratte aus nach Laurich, wo das Kind in einem Schulheim untergebracht werden soll. Eine Rolle spielt ein dicker Junge, der mit seinen Fahrrad hinter der Bahn fährt und vom Vater seinem Kind als Vorbild hingestellt wird (Z. 39); ein Mädchen gehört zur Umgebung, die man wahrnimmt (Z. 19). Erwähnt wird die Mutter des Kindes, die tot ist (Z. 35). - Der Erzähler kennt die Gefühle der Figuren, steht vielleicht ein bisschen dem Kind näher (Z. 30-32: Wahrnehmung); er spricht Hochdeutsch, die Figuren eher Umgangssprache. Ihr Gespräch macht einen Teil der Erzählung aus.
   Von Bedeutung ist das Verhältnis des Vaters zu seinem Kind. Der Vater scheint dem Kind den Übergang ins Heim erleichtern zu wollen; er dominiert im Gespräch, das Kind ist eher wortkarg. Der Vater verweist das Kind darauf, dass es gerade „wieder was Schönes zum Drandenken“ erlebe (Z. 1 f.); doch wird das Städtchen Gratte als eng und schmuddelig beschrieben; das wird fortgesetzt im Hinweis auf „lustige Dinge“, womit die Mannequins gemeint sind (Z. 12 ff.) - doch da der Vater von hübschen Mannequins spricht, wird er selber sich eher für sie interessiert und deshalb eine Bahn ausgelassen haben - vermutlich waren es aber nur ein paar Schaufensterpuppen.
   Das Gespräch über den dicken Jungen, der erkennbar hässlich ist, und seinen Ehrgeiz, der ihn verunstaltet (Z. 25 f.!), dient dem Vater dazu, einmal sein desinteressiertes Kind als „Langweiler“ zu beschimpfen und selber gekränkt zu sein (Z. 29 f.), dann diesen Knaben in seinem aussichtslosen Kampf (Z. 38) seinem Kind als Vorbild hinzustellen (Z. 39 f.), wobei seine Stimme (anders als gegenüber dem eigenen Kind) „stolz und fast zärtlich“ ist.
   Die Situation wird erst verständlich, als der Vater von der verstorbenen Mutter spricht (Z. 34 ff.) und deren Liebe benutzt, um sein Kind unter Druck zu setzen: „Tu nur, was sie erfreut hätte.“ (Z. 35 f.) Der Interpret dieser Freude wird aber der Vater sein; außerdem nehmen alle Eltern es hin, dass ihre Kinder nicht nur tun, was die Eltern erfreut; die Worte des Vaters klingen floskelhaft, recht „pädagogisch“-erpresserisch.
Der anfangs besorgt erscheinende Vater, der sein Kind aufmuntern will, erweist sich als unaufrichtig („was Schönes“), lieblos („du Langweiler“) und unterdrückend („Tu nur...“).

Diese Spannung zwischen Vater und Kind muss in der Fortsetzung aufgelöst werden,
- indem die Lügen des Vaters im Verlauf des Geschehens aufgedeckt werden (durch ihn, bei einer neuen Frau);
- oder indem das Kind von anderen erfährt, wie Eltern sein können, und Vergleiche anstellt;
- indem das Kind (im Gespräch? nach einer Lektüre?) das Geschehen reflektiert;
- indem es im Heim einen Brief seiner Mutter liest, der ihm die Augen öffnet...

Klassenarbeit Deutsch - 10
Aufgabe: den Anfang einer Kurzgeschichte analysieren und fortsetzen.
Zeit: zwei Schulstunden.
Texte zur Wahl:
Gina Ruck-Pauquèt: Arbeitslos (1977);
Günter de Bruyn: Eines Tages ist er wirklich da (1960).
Aufgabenstellung:
Analysiere kurz einen der beiden vorliegenden Textanfänge und setze die Erzählung dann fort!

Erläuterungen:
Das Hauptgewicht liegt auf der Fortsetzung der Erzählung.
Die Analyse dient eher dazu, sich des erzählten Geschehens ausdrücklich bewusst zu werden; sie sollte rund in einer halben Zeitstunde abgeschlossen sein. Zur Erinnerung drucke ich hier den Katalog unserer Analysefragen noch einmal ab. Jeder der vier Untersuchungsaspekte soll mindestens mit einem
Satz berücksichtigt werden (ansonsten steht es Dir frei, wieviel Du hierzu schreiben willst):
1. Wer ist der Erzähler?
In welcher Perspektive erzählt er? Auf welche Weise erzählt er?
Wie nah oder distanziert steht er zum Geschehen? Wieviel weiß er von den Figuren?
Welche Einstellung zu ihnen zeigt er?
Wie spricht er (Satzbau; Wortwahl; Sprachebene)?
2. Wodurch ist das erzählte Geschehen bestimmt?
Ist es ein in sich kompaktes Geschehen?
Wird es durch einen Termin/künftiges Geschehen bestimmt?
Ist es wesentlich an einen Ort gebunden?
Ist es durch eine oder mehrere Figuren bestimmt?
- ihre derzeitige (familiäre, berufliche, politische) Situation?
- ihre Vergangenheit, ihre Pläne?
- ihr Verhältnis zueinander?
3. Worauf sonst noch zu achten ist:
Wie lange dauert bereits das erzählte Geschehen?
Werden bestimmte Stichwörter, Gedanken etc. wiederholt?
Tauchen auffällige Gegenstände, Vergleiche, Kontraste auf?
4. Fazit: Welches Thema oder welche Themen werden erzählerisch gestaltet?

Viel Erfolg! Tn

von: norberto42
Entry modified
Geändert am 16. Januar 2008 um 19:53

Satiren schreiben

Eine Satire ist keine Textsorte, sondern eine Technik verzerrender Darstellung der Realität; es ergibt sich eine Differenz zwischen der Perspektive des Lesers und der des Sprechers oder einer fiktiven Figur, welche den Reiz der Satrie ausmacht. - In einer Satire wird auf amüsante Weise eine menschliche Schwäche oder ein konkreter Missstand (oft aus der Politik) angegriffen.
   Ich lasse seit Jahren Satiren in Kl. 9 schreiben, gelegentlich auch in Klasse 10, wenn wir in Kl. 9 nicht dazu gekommen sind. Zuerst analysieren wir vier oder fünf Satiren, an denen wir die Merkmale des satirischen Sprechens bzw. Schreibens herausarbeiten; dann geht die Produktion los! Ich könnte die fünf Standardsatiren nennen, auf die ich zurückgreife; aber vermutlich sind sie für Kollegen nicht leicht greifbar. Daher hier nur meine Sammlung der Merkmale (mein Arbeitsblatt für die Schüler):
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* Zu den Mitteln satirischer Darstellung gehören
- Umkehrung der normalen Verhältnisse (z.B. zu einem vorhandenen Klebstoff passendes Material erfinden);
- die Übertreibung (7000 Meilen über dem Meer);
- die Untertreibung (Nihilit hat wenig nützliche Eigenschaften);
- die Ironie (Gesagt wird das Gegenteil von dem, was gemeint ist: Smog als Attraktion von L.A.; Rotnagel war kein Narr.);
- Zusammenstellung von Elementen, die nicht zueinander passen (ein Klebstoff, der vertrauenswürdig aussieht; Demonstrationszeitalter);
- es werden unsinnige Konsequenzen gezogen, um etwas zu regeln (Dienstkleidung für schwer erkennbare Abwiegler einführen);
- innerer Widerspruch (Klebstoff, der nicht klebt; Friedensstifter, der Ohren abbeißt);
- sachlich Unmögliches (Stoff, der nicht aus Atomen besteht);
- Darstellung makabrer Ereignisse (Ohr abgebissen);
- die offene Bewertung (abgasverseuchte Luft);
* außerdem spielerische Elemente:
- Wortspiele (Man trat mich nieder, statt sich an meinen Idealen aufzurichten.);
- sprechende Namen von Figuren „sagen alles“;
- wörtliches Verständnis von Wendungen, die im übertragenen Sinn gemeint sind (Was haben Sie da im Auge?).
   Wenn ihr eine Satire verfasst, werdet ihr normalerweise Erzählungen schreiben; man kann aber auch ein Interview, ein Gesetz o.ä. abfassen. Achtung:
1. Ist klar, w a s  du (in einem dass-Satz!) kritisieren willst? (Also nicht: „die Schule kritisieren“, sondern kritisieren, dass der Unterricht oft langweilig ist!)
2. Du musst dich vor bloßen Übertreibungen oder der Steigerung des Makabren hüten; wenn das Auto sich achtzehnmal überschlägt, ist das nicht witziger, als wenn dies zweimal geschieht. Bitte viele  M i t t e l  verwenden!
3. Du musst einen R a h m e n finden, den du erzählerisch gestaltest (Besuch in Flagstaff anläßlich eines Vortrags; Gespräch mit einem Vertreter des Elternschutzbundes). Ein Rahmen liegt vor, wenn etwas getan wird oder geschieht (Ordnung in Zeit und Raum); reine Gespräche oder Reflexionen sind schwer zu schreiben. - Du solltest darauf achten, dass du die erzählerische Perspektive („Ich”-Perspektive oder auktoriales Erzählen) durchhältst und Zeitsprünge vermeidest.
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Die Gegenstände, über die man eine Satire schreibt, sollten den Schülern bekannt sein: Verwandtenbesuch; ein Leben für die Glotze; meine beste Freundin; echt cool sein...
   Für die Bewertung: Es muss klar sein, was kritisiert wird; der Rahmen darf keine großen Sprünge aufweisen; es müssen mindestens zwei Techniken der satirischen Darstellung verwendet sein - dann kann man das Ganze als ausreichend beurteilen.
   Wenn ich einen hervorragenden Autor von Satiren nennen müsste, würde mir als erster der Amerikaner Art Buchwald einfallen (besser als Kishon!).
von: norberto42

Reflexionen einer Figur schreiben

Zu den Segnungen der modernen Didaktik des Faches Deutsch gehört die Möglichkeit, auch in der Sek. II produktionsorientierte Aufgaben zu stellen. Was lässt man also schreiben - mit der Möglichkeit, dieses Produkt auch noch beurteilen zu können? Einer meiner Versuche, hier etwas Sinnvolles anzubieten, ist die Aufgabenstellung: die Reflexion einer literarischen Figur produzieren.
   Wenn man dieser ungewohnten Aufgabenstellung begegnet, sollte man zuerst überlegen, wie man die Aufgabe angehen und bearbeiten kann.
Ehe man überlegt, was diese Figur denkt, sollte man deshalb klären,
1. wie Denken vonstatten geht, wie man also denkt, und
2. was für eine Figur das ist, deren Reflexion produziert werden soll.

Überlegungen zur Frage, wie man denkt:
- assoziativ, also Stichworte aufgreifend;
- manchmal systematisch: in einer Folge von Schritten (wenn - dann);
- situations- und handlungsbezogen;
- Alternativen erwägend, prüfend;
- stark wertend;
- subjektiv ehrlich (also auch eigene Lebenslügen glaubend);
- offen, d.h. ohne die Schranken sozialer Normen und Kontrolle;
- nicht unbedingt in ganzen Sätzen.

Wenn man zum peinlichen Schweigen, das bei der neu angesetzen Verlobung Evas mit Matti eintritt (Brecht: Herr Puntila..., Bild 9 - es 105, S. 98), den Probst reflektieren lässt, muss man außerdem den Probst als Figur erfassen; man also wissen, wie er sonst auftritt [indirekt Bild 7, S. 81; direkt Bild 9, S. 89, 96, 99-101; dann S. 105 und 109 f.; Bild 11, S. 114-116].

Das alles gilt so nur für die einsame Reflexion einer Figur. Bei der Aufgabenstellung: „Eine Figur spricht mit einer anderen“ darstellen gelten natürlich einige andere Bedingungen; man muss hier geklärt haben, wie Menschen miteinander sprechen:
- von Intentionen (Absichten) und Erwartungen geleitet,
- in einer bestimmten Rolle bzw. einem Verhältnis zum anderen,
- sich dieser Rolle im Grad der Offenheit (Ehrlichkeit) und im Sprachstil anpassend,
- insgesamt also: mit einem Bild vom anderen und vom Verhältnis zu ihm,
- das Gepräch eröffnend und beschließend,
- um Verständnis werbend,
- einander zuhörend, aber auch einander unterbrechend,
- den anderen verstehend oder missverstehend,
- mit der Möglichkeit der Rückfrage, der Entschuldigung usw.

Die Kenntnis der Figuren erwirbt man wie vorher durch sorgsame Lektüre und natürlich auch durch eigene Einschätzung; es ist also ein Spielraum des Verstehens vorhanden.
   Ich habe übrigens auch schon einmal den Autor reflektieren lassen, ob er im Sinn einer Erzählung dieser nicht einen anderen Schluss geben soll: Das ist eine Aufgabenstellung, die aus den Schülern herauskitzeln soll, was ein Autor sich (etwa) zu einer Erzählung gedacht haben mag.
von: norberto42

Abc... - ein Wörterbuch verfassen

Ein Wörterbuch zu schreiben ist eine anregende Aufgabe; denn durch den Zwang, passende Stichwörter zu finden, sucht man intensiver und breiter als ohne diese Nötigung. Auf der homepage unserer Schule (http://www.fmg-mg.de) findet man unter -> Fächer / Deutsch / Tholen zum Beispiel ein satirisches Wörterbuch der Schule; das SZ-Magazin stellte im Jahresrückblick 2004 die entscheidenden Ereignisse in Stichwörtern, alphabetisch geordnet, vor... Es handelt sich um die gleiche Idee wie beim Spiel Stadt-Land-Fluss. Als Anregung gebe ich eine Liste wieder:

Abc der Etikette [für den Umgang mit Adligen]


Anrede: Je unbedeutender der Titel, desto protziger die Anrede.
Butler: ...
Cocktailparty: ...
Degeneration
Exil-Könige
Froschkönige
Gotha
Handkuss
Intellektuelle
Jagd
Kleidung
Liebesdienst
Mandatsträger
Name-Dropping
Oxford
Per Du?
Q wie "Kwien"
Rache
Sport
Tischmanieren
Unworte
Verwandtschaft
Wallfahrten
Xenophobie
York
Zu spät
(SZ Magazin No. 15 - 9.4. 1998)

Auch Jahresrückblicke werden in Form von Wörterbüchern gemacht. So ist das SZ-Magazin vom 30.12. 2005 wieder ein Jahresrückblick in Form eines Lexikons:
A 380
Alice
Andamanen undNikobaren
Audienz
Auflaufkinder
Baby 81
Benedikt XVI.
usw. - es gibt beinahe kein Thema, das sich nicht als Wörterbuch behandeln ließe: eine anregende Aufgabe.
von: norberto42