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Mittwoch, 21. Juni 2006

Brecht: An die Nachgeborenen (1939) - Analyse des Aufbaus

Der Text des Aufsatzes steht jetzt unter http://logos.kulando.de, dort unter: Gedichte 20. Jahrhundert

von: norberto42
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Geändert am 24. Juni 2009 um 15:17

Montag, 1. Mai 2006

B. Brecht: Die Ballade von dem Soldaten - Aufbau, Rhythmus, Reime


Das Gedicht ist in der „Hauspostille“ (1927) erschienen; entstanden ist es nach Edgar Marschs Kommentar zum lyrischen Werk Brechts (1974) um 1919, nach dem Kommentar in der sechsbändigen Jubiläumsausgabe (1997) um 1921/22. Quelle ist ein Lied Rudyard Kiplings am Ende der Kurzgeschichte „Love-O‘Women“; das Gedicht ging später unter dem Titel „Das Lied vom Weib und dem Soldaten“ als Song in „Mutter Courage und ihre Kinder“ ein.
   Ein allwissender Erzähler berichtet von Gesprächen zwischen dem Weib und Soldaten, vom Auszug der Soldaten und vom Tod des Soldaten; er endet mit einem Erzählerkommentar und einem Wort des Weibes. Auf eine Strophe von vier Versen folgt immer eine von sechs Versen; den Schluss bildet wieder eine mit vier Versen.
Ich untersuche den Aufbau des Gedichtes einmal von der Zeitstruktur und einmal vom Zusammenhang der Strophen her.
   Die Zeitstruktur ist recht einfach: Zu Beginn wird ein Dialog zwischen dem Weib und dem bzw. den Soldaten berichtet, der nicht datiert und nicht lokalisiert ist und so schon den lehrhaften Charakter des Gedichtes ahnen lässt (Str. 1 - 3); es folgt der Bericht vom Aufbruch und einem weiteren Dialog zwischen den Soldaten und dem Weib (Str. 4 f.); dann wird berichtet, dass der Soldat fällt und mit dem Wasser abtreibt, ohne dass dieses Ereignis anders als durch den weißen Mond, also vermutlich den nächsten Vollmond datiert würde - in der Logik der Erzählung liegt es auch, dass der Soldat bald nach seinem Einsatz stirbt. Diese 6. Strophe schließt der Erzähler mit einer Frage, worauf ich gleich zu sprechen komme. Die 7. Strophe beginnt mit einem Erzählerkommentar (V. 31 f. - er entspricht beinahe wörtlich einer Äußerung des Weibes, V. 21 f.) und endet mit dem Bericht vom Schlusswort des Weibes (V. 33), in dem dieses ein eigenes früheres Wort als Kommentar zum Tod des Soldaten leicht variiert (V. 11). Die Zeitstruktur wird jedoch von der formalen Zuordnung der Strophen überlagert.
   Formal muss man immer zwei Strophen zusammenstellen: Die Frau sagt etwas zum Soldaten (V. 4, 14); es antworten ihr die Soldaten (V. 10, 20), nicht jedoch der eine Soldat, den sie angesprochen hat. Der tut immer das Gegenteil des ihm Geratenen („doch“, V. 5 und 15); er „lacht ihr kalt ins Gesicht“ (V. 16) und zieht in den Krieg; die Soldaten kündigen zuversichtlich (und irrtümlich) ihre baldige Heimkehr an und raten der Frau vermutlich ironisch, ihre Sorgen ins Gebet aufzunehmen (V. 19). In Str. 5 wendet das Weib sich an die Soldaten, die anscheinend noch zu sprechen sind („ihr“, V. 21 f.), und stellt ihnen „uns“, also vermutlich die Gemeinschaft der Frauen gegenüber, denen die Soldaten-Männer fehlen, deren Taten eben Frauen nicht „wärmen“ (V. 22). Statt dass nun die Soldaten ihr antworten, wie es der bisherigen Logik des Erzählens entspräche, berichtet der Erzähler vom Tod des Soldaten - die Logik des Krieges setzt sich durch. Der Erzähler fragt zum Schluss: „Und was sagten dem Weib die Soldaten?“ (V. 30) Er macht damit deutlich, dass sie zum Tod des Soldaten nichts zu sagen wissen; und er leitet als der Lehrende, der er ist, zu seinem Kommentar in der letzten Strophe über, damit die Hörer wirklich seine  Botschaft begreifen.
   Die Logik des Krieges, der mit Schießgewehr und Spießmesser ausgetragen wird (V. 1), ist in den Bildern vom Wasser und vom Rauch angdeutet: Das Wasser frisst auf, sagt die Frau (V. 2), und der Rauch vergeht, sogar schnell (V. 21 und 23). Sie betet zwar zu Gott, der möge den Soldaten behüten; aber das hilft nicht gegen das Gesetz des Krieges. Der Soldat hat sich ins Wasser begeben, lachend, ist über die Furt gegangen (V. 16) und hat sich gefragt, wie hier personal erzählt wird: „Was konnte das Wasser ihm schaden?“ (V. 17) - Es hat die gefressen, die drin waten, sagt der Erzähler (V. 27) und bestätigt damit die Ankündigung des Weibes; die von der Frau analysierte Logik des Krieges (V. 1) hat sich bestätigt (V. 25 f.), sagt der Erzähler.
   Kälte und Wärme umschreiben die Bereiche des Todes und des Lebens (der Liebe). Der Soldat lacht kalt (V. 16), der weiße Mond (V. 18) steht kühl über dem Toten (V. 28); die Wärme geht, wie angekündigt (V. 31 und 21), niemand wärmt die allein gelassenen Frauen (V. 32 und 22). Eis, das ist die Todesstarre, dagegen kommen Soldaten nicht an, weiß die Frau (V. 3).
   In der letzten Strophe kommentiert der Erzähler das Geschehen (V. 31) in den Worten des Weibes (V. 21 f); das Schlusswort des Weibes an den Soldaten (V. 33) erreicht diesen nicht mehr, sodass der Erzähler es nur zum Nutzen seiner Zuhörer berichten kann: dass bitter bereut, wer des Weibes Rat scheut (V. 33), und das ist in der Variation eines früheren Wortes (V. 11) der Rat des Weisen. Die Frau, deren Ankündigungen von den Ereignissen und vom Erzähler bestätigt werden, ist mit ihrer Weisheit nicht zum Soldaten durchgedrungen; an seiner Stelle haben immer „die Soldaten“ geantwortet - sie haben die Logik des gefahrlosen Kämpfens (V. 7-9) und der glücklichen Heimkehr (V. 18 f.) propagiert; doch die überhebliche Selbstgewissheit (V. 17) des Soldaten ist von der längst erkannten („weise“, V. 3 und V. 11, Alter, V. 12) Logik des Krieges (V. 1 ff.) widerlegt worden.
   Die Lehre, die der Erzähler und seine Hauptfigur als Weisheit des Weisen und der Alten vortragen, konnte Brecht aus dem 1. Weltkrieg mit seinen Millionen Toten leicht gewinnen, - was Kipling als Vorlage beisteuert, wäre in einem gelehrten Verfahren zu untersuchen: Wer des Weisen Rat nicht annimmt, vergeht wie der Rauch (V. 31, 21).
   Die Sprechweise sowohl des Erzählers wie der Figuren ist leicht und flott; dazu tragen viele Enjambements (V. 1, V. 5, V. 8 usw.) und der von kleinen Störungen unterbrochene Daktylos bei, dessen Takte unregelmäßig mit einem oder zwei Auftakten eingeleitet werden. Betont sind die sinntragenden Wörter, z.B. „schieß(t)“ und spieß(t)“ zweimal in V. 1; „Wasser“, „waten“ (Alliteration) und „(frisst) auf“ in V. 2; in V. 3 „Eis / weis“, in V. 4 „Weib / Soldaten“. In der Mitte jeder Strophe ist ein deutliche Pause zu machen; auch nach dem 3. Vers der Strophen 1, 3, 5, 7 wird eine Pause gemacht, weil der formelhafte Hauptsatz „Sagte das Weib...“ folgt. In den Strophen 1, 3 und 5 haben der jeweils 1. und 3. Vers einen Binnenreim, wodurch das Sprechen des Weibes etwas langsamer ist; semantisch sind diese Reime jeweils einfach, wie es der einfachen Lehre des Gedichtes entspricht; der 2. und 4. Vers bilden ein Art Paarreim. In den Strohen 2, 4 und 6 folgt einem Paarreim ein umarmendes Reimpaar; die Form ist streng durchgehalten. Die Verse mit „Soldaten“ und einem passenden Reimwort, also die Schlussverse der Strophen mit einer geraden Ordnungszahl, haben einen klingenden Schluss; die anderen Verse enden mit einer männlichen Kadenz.
   Insgesamt fallen viele Wiederholungen auf, von „schieß(t)“ und „spieß(t) bis „Rauch“ und „auch“ (V. 221 und 31) oder „bereut“ und „scheut“ (V.11 und 33): Es ist der Versuch des lehrenden Erzählers, durch Wiederholung seinen Schülern die Wahrheit einzubläuen.
  
P.S. Schwer zu entscheiden ist, ob V. 1 f. und V. 11 f. als Rede des Weibes berichtet werden oder ob der Erzähler hier seine Einschätzung vorträgt; ich neige zur ersten Auffassung, und zwar wegen der Wiederholung von „Ach“ (V. 11 und 13); auch ist unklar, ob V. 7 als Wort des einzelnen Soldaten oder der Soldaten berichtet wird; für die erste Auffassung spräche, dass V. 7 nicht durch Satzzeichen von V. 6 getrennt ist. - Alle Lesarten sind jedoch in sich sinnvoll und fügen sich problemlos in das konstante Gesamtverständnis des Gedichtes.
von: norberto42

Donnerstag, 27. April 2006

Matthias Claudius: Abendlied - Aufbau, Rhythmus


Der Text des Aufsatzes steht jetzt unter http://logos.kulando.de, dort unter "Gedichte 18. Jahrhundert"

von: norberto42
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Geändert am 26. Juni 2009 um 15:33

Mittwoch, 26. April 2006

A. von Droste-Hülshoff: Der Knabe im Moor (erste kurze Analyse)


Es wird erzählt, wie ein kleiner Junge durchs Moor geht und dabei Schreckliches erlebt. Das Geschehen wird von einem auktorialen Erzähler berichtet; das ist eine (von der Autorin konstruierte) Erzählerfigur, die alles weiß (z.B.: was das Kind denkt und fühlt, dass ein Schutzengel in seiner Nähe ist usw.) und das Geschehen auch kommentiert. So ist die 1. Strophe ein Kommentar des Erzählers, ebenso V. 6-8 in Str. 5.
   Die Erzählung weist einen Spannungsbogen auf: Durch den Kommentar des Erzählers vorbereitet, folgt der Leser sogleich (ab Str. 2) dem ängstlichen Kind; die Spannung erreicht zu Beginn von Str. 5 ihren Höhepunkt, als der Erzähler das Bild des offenen Höllenschlundes zeichnet (klaffende Höhle, die verdammte Margret spricht selbst). Durch den genannten Kommentar, in dem er auf die Nähe des Schutzengels hinweist, leitet der Erzähler die Wende zum Guten, zur Rettung ein. Dem Kommentar folgt in der 6. Strophe der Bericht davon, wie der Junge zu Hause ankommt (Boden ist fest, Lampe flimmert heimatlich, Grenze des Moores ist erreicht, Knabe atmet auf).
   Die Spannung (bzw. das Erleben des Schrecklichen) wird durch verschiedene Mittel  vom Erzähler hergestellt: mehrere Vergleiche (V. 3, 10, 15 usw.);  Personifizierungen des Moores und der Pflanzen (V. 6; 17 f. usw.); Gedanken und Empfindungen des Kindes, welches im Moor gebannte Seelen zu hören glaubt. Diese Gedanken und Empfindungen werden insgesamt personal erzählt, etwa V. 12-15 („Hu, hu“); V. 21-24 usw. - das Kind identifiziert verschiedene Geräusche als Äußerungen der Gespenster, ohne dass ausdrücklich gesagt würde: „Das Kind denkt: ...“ oder : „Das Kind fühlt: ...“. Auch in dem wiederholt geäußerten Wunsch „voran“ (V. 25 f.) drückt sich die Anspannung des Kindes aus. Einmal wird der Ruf der armen Seele wörtlich berichtet (V.  36). Das Kind wird von dem, was es hört (statt: was es sieht), beherrscht.
   Zum Schluss wird, durch den Doppelpunkt angdeutet, ein Gedanke des Kindes wörtlich berichtet (V. 47 f.); weil diese beiden Verse den letzten der 1. Strophe entsprechen, könnte nachträglich auch die 1. Strophe als personal erzählte Vorstellung des Kindes verstanden werden, wäre dann also kein Erzählerkommentar.
   Die Qualität der Zischlaute („zischt und singt“, V. 6), heller („gespenstige Melodei“) oder dunkler („hohl...“) Laute wäre gesondert zu untersuchen.
   Insgesamt ist das Metrum als Jambus anzusehen, etwa V. 33 f.:
e é / e é / e é / e é /       [Ich nehme hier e statt x, weil ich auf x keinen Akzent setzen kann!]
e é / e e é / e e é / e       (Störungen des Metrums!); Synkopen: „ hohl“, „weh“, „wär“, „tief“...
   Das Reimschema in jeder Strophe ist zunächst ein Kreuzreim, dann zwei Paarreime;
gleiche Reimwörter werden mit dem gleichen Buchstaben bezeichnet, sodass das Schema so aussähe: a / b / a / b / c / c / d / d usw. Verse mit Kreuzreim werden insgesamt etwas schneller gesprochen. Bedeutsame Reime sind etwa die Verse 1 / 3, 2 / 4 usw.                         
von: norberto42

Samstag, 15. April 2006

Goethe: Es schlug mein Herz (Willkommen und Abschied) - Vorfragen zur Analyse


Text jetzt in http://logos.kulando.de, dort unter Gedichte 18. Jahrhundert
von: norberto42
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Geändert am 23. Juni 2009 um 23:10