Einträge "Februar 2009":

Freitag, 27. Februar 2009

Uwe Tellkamp: Der Turm (2008)

Jens Bisky hat Tellkamps Roman am 13. September 2008 in der SZ vorgestellt, ich habe ihn mir deshalb zu Weihnachten gekauft und dieser Tage gelesen, 967 Seiten - ein insgesamt fesselnder Roman, wenn man die Anfangsschwierigkeiten überwunden hat: Die Leute werden primär nach den Häusern sortiert, in denen sie wohnen, statt dass sie direkt nach Verwandschaftsverhältnissen geordnet würden. Was für ein Roman ist es?

Es ist ein Roman vom Ende der DDR (1982 - 1989), von der bleiernen Zeit des Untergangs; und es ist ein Roman von der Familie Hoffmann, wobei das Auge vor allem auf Christian fällt, auf seine Reifung zum Mann - durch die Schikanen der Ideologie und der Armee (eindrucksvoll erzählt), wo er sich für drei Jahre verpflichten musste, um studieren zu dürfen; im Knast geht es unmenschlich zu, und in den Fabriken werden die Menschen verheizt. Neben Christian spielen sein Vater Richard, Chirurg, und sein Onkel Meno, Lektor in einem feinen Verlag, wichtige Rollen; damit sind dann auch Krankenhaus und Verlagswesen/Zensur dominierende Bereiche des Geschehens. Die Polit-Offiziellen tragen ihre Machtkämpfe aus und genießen ihre kultivierten Lebensmöglichkeiten, die meisten anderen ducken sich, organisieren ihren beschissenen Alltag und suchen zu überleben. Die Bewohner des „Turms“ haben ihr Verhältnis zur Musik, zur Naturbeobachtung, zum Umgang mit Instrumenten, zur Vergangenheit gepflegt - und so wird der Beschreibung dieser Bereiche viel Platz gewidmet.
    Bis Seite 700, 800 habe ich mit Spannung gelesen, danach (oder schon ab 500?) stießen mir doch Elemente unangenehm auf, die ich als „Kolportage“ bezeichnen würde: Sohn Robert muss den Vater bei einem Tag voller Verwicklungen in der Klinik besuchen, bricht sich dort den Arm und wird dann vom eigenen Vater operiert; dieser wäre natürlich bei der Bombardierung Dresdens fast totgeblieben, war an der Hand verwundet und ist dann doch zum Chirurgen geworden; Vater Richard ist sexuell sehr aktiv und treibt‘s dann ausgerechnet auch noch mit Reina, der Beinahe-Freundin Christians; er wird vom Halbbruder seiner unehelichen Tochter kurzerhand erpresst; ausgerechnet Christians Panzer säuft bei einer Übung ab, ein Soldat kommt ums Leben; ausgerechnet Christian fährt seinen Panzer mal über die Rampe; seine Mutter muss mit dem Star-Anwalt mal schlafen, damit Christian trotz seiner Verfehlungen noch studieren darf... Und bei seinem Einsatz gegen Demonstranten, wen sieht er da niedergeknüppelt? Klar, seine Mutter! Das alles ist so schön „dramatisch“, daraus wird bestimmt bald ein Film gemacht.
    Zum Schluss will ich die Dinge aufzählen, die mich außerdem gestört haben:
1. Die Frauen treten merkwürdig zurück (außer der Schriftstellerin Schedula, deren Wandlungen aber nicht immer zu verstehen sind), der Erzähler ist viel näher bei den Männern.
2. Christian hat anfangs ein paar Pickel zu viel - seine Reifung gerade im Erotischen wird nicht erzählt, sie ist nicht da: Reifung nur im Niedergang, geschliffen werden in den Mühlen der Demütigung und Vernichtung (nicht DDR-typisch, aber auch dort praktiziert).
3. Die Friedensbewegung, das Neue Forum, der „Widerstand“ bleibt unanschaulich; die Frauen rennen hin, aber man versteht nicht warum. Auch die Eheprobleme der Hoffmanns und ihre „Lösung“ bleiben im Ungefähren.
4. Manches erzähltechnisch „Moderne“ ist völlig überflüssig: Schnitte und Überlagerung zweier Handlungsstränge sind oft bloß artifiziell, gekünstelt, nicht gekonnt.
    Trotzdem ein interessantes Buch, das sich zum Schluss jedoch arg in die Länge zieht, das manches vom Innenleben einer Diktatur (jawohl, ihr Ostalgiker: Diktatur!) und von der Doppelmoral ihrer Nomenklatura anschaulich macht. Und von der (deutschen) „Kultur“, in die man sich so schön zurückziehen kann - vermutlich eher: konnte.

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Geändert am 28. Februar 2009 um 12:04

Dienstag, 10. Februar 2009

Koelbl: Im Schreiben zu Haus

Herlinde Koelbls Buch (Fotos, Gespräche) im Verlag Knesebeck darüber, wie Schriftsteller zu Werke gehen (Untertitel), beeindruckt mich sehr. Es war ein Fehler, die Autorin nicht eher zu entdecken: unbedingt lesenswert!
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Geändert am 10. Februar 2009 um 12:30