Zwar tritt mit Dumas in IV auch noch ein Agent der Revolution auf, ansonsten sind es nur noch deren Handlanger: Fuhrleute, Schließer, Henker, dazu einige Vertreter des Volkes. Die Hauptfiguren sind im 4. Akt eindeutig die Gefangenen sowie Julie und Lucile; denn es geht um das Sterben. Was es mit dem Sterben auf sich hat oder haben kann, wenn es ernst wird, zeigt sich in vielen Kontrasten, über deren genaue Zahl zu streiten müßig ist.
1. Kontrast: Julie will Danton in den Tod folgen (IV 1), Dumas trennt sich ungerührt in revolutionärer Überzeugung von seiner Frau (IV 2).
2. Kontrast: Lacroix und Hérault streiten sich um Kleinigkeiten (IV 3), Danton tröstet Camille.
3. Kontrast: Camille leidet an der Trennung von Lucile und jammert (IV 3), die Fuhrleute machen Witze und reißen Zoten (IV 4) – Lucile wird wahnsinnig am Trennungsschmerz.
4. Kontrast: Die anderen Revolutionäre „schwadronieren“ über ihre Gegner, Camille hält sich für sich und denkt über Vernunft und Wahnsinn nach (IV 5), da Lucile wahnsinnig geworden ist.
5. Kontrast: Camille plädiert dafür, die Masken abzunehmen und mit dem Theaterspielen aufzuhören; Hérault unterstützt ihn – Danton und Philippeau widersprechen (IV 5). [Die Logik des Widerspruchs ist kompliziert: Danton verteidigt die kontrollierte Selbstdarstellung um des Lebensgefühls willen, Philippeau bringt den Gedanken eines Blicks aus „höherer“ Perspektive ins Spiel.]
6. Kontrast: Philippeau vertritt die Theorie vom großen Welttheater und dessen Sinn; die anderen decken den Sarkasmus dieses „Welttheaters“ in ihren Fragen auf, bespielsweise Camille: die Welt als ein Teich voller Goldkarpfen, „und die Götter erfreuen sich ewig am Farbenspiel des Todeskampfes?“ – Dagegen behauptet Danton (in der Konsequenz dieser Fragen): „Die Welt ist das Chaos [also kein Theater, N.T.]. Das Nichts ist der zu gebärende Weltgott.“ (IV 5 – damit knüpft er an seine Überlegungen in III 7 an).
Wenn man an die Bedeutung der Theatermetapher in I 1 denkt, könnte man diesen thematischen Bogen dahin interpretieren, dass das Stück „Dantons Tod“ der Frage nachgeht, ob und wie die Welt und unser Leben ein großes Theater sind.
7. Kontrast: Julies lyrische Eindrücke von der Welt, aus der sie scheidet (IV 6), stehen im Gegensatz zu den Witzen der Bürger, die die Hinrichtung begaffen wollen (IV 7), aber auch zu den Sprüchen der Männer, die geköpft werden (IV 7).
8. Kontrast: Luciles Leiden am Tod des Liebsten (IV 8 und 9) steht in Spannung nicht nur zum distanzierten Blick der zuschauenden Weiber (IV 8), sondern auch zur heiteren Feierabendstimmung der Henker (IV 9).
9. Kontrast: Während diese friedlich heimgehen, sucht Lucile in ihrem Leiden selbst den Tod (IV 9).
Bei mehreren dieser Kontraste sind nicht zwei, sondern drei verschiedene Positionen genannt worden, wie es auch bei den Antonymen oft nicht nur eine Entsprechung gibt, sondern mehrere (zu „anfangen“ zum Beispiel „nicht anfangen“, „fortfahren“ und „aufhören“).
Die mitleidenden und –sterbenden Frauen erscheinen im Rückblick wie die wahren „Helden“ des 4. Aktes; Camille und Lucile sind das Liebespaar, wo jeder am Tod des oder der Geliebten leidet. Ansonsten verdient, wie bereits gesagt, der Aspekt des Spiels bzw. des Welttheaters als rahmendes Motiv (I 1 – IV 5) Beachtung; eine Analyse der Szene IV 5, aber von IV 3 oder IV 6-9 käme in Frage.
norberto42
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