1. Vorgeschichte
Am Ende des Gesprächs zwischen Robespierre und St. Just ist die Entscheidung gefallen, Danton „morgen“ zu verhaften (I 6). Trotz des Drängens seiner Freunde (II 1) unternimmt Danton zunächst nichts; als er erfährt, dass seine Verhaftung beschlossen worden ist (II 3), bricht er zur Flucht auf, kehrt jedoch um (II 4). Er wird dann von Simon und den Bürgersoldaten, die allesamt einen wenig „tugendhaften“ Eindruck erwecken, verhaftet (II 6); durch ihre obszönen Sprüche entlarven sie das welthistorische Pathos der folgenden Rede St. Justs als hohles Gerede: Praxis vs. Theorie der Verhaftung und Hinrichtung.
2. Aufbau der Szene
Legendre unternimmt einen Vorstoß im Konvent, um Danton die Möglichkeit zu geben, sich dort zu verteidigen; darüber kommt es zum Streit.
In einer Rede gelingt es Robbespierre, die Delegierten dazu zu bewegen, Legendres Vorschlag abzulehnen.
St. Just hält anschließend eine Grundsatzrede, in der er verteidigt, dass bei einer Revolution Blut fließen muss, wodurch er die Delegierten zur Begeisterung hinreißt.
Von diesen drei Teilen werde ich nur St. Justs Rede genauer untersuchen; die beiden ersten Teile werde ich nur streifen.
3. Analyse der Szene II 7
Legendre, der in I 3 scharf gegen die Dantonisten gesprochen hatte, will nicht, dass „das Schlachten der Deputierten“ weitergeht; er will deshalb ein geltendes Dekret aufheben lassen und so Danton die Möglichkeit geben, sich vor dem Konvent zu verteidigen.
Als die Sitzung eröffnet wird, hält er eine kurze Rede, in der er auf Dantons Unschuld und Verdienste hinweist; ein so verdienter Mann müsse „sich erklären dürfen, wenn man ihn des Hochverrats anklagt“; er löst „heftige Bewegung“ aus. Verschiedene Delegierte äußern sich kontrovers zu seinem Antrag. [Ich möchte auf ein schönes Bild hinweisen, das ein Delegierter gebraucht: „Das Beil des Gesetzes schwebt über allen Häuptern.“ Hier wird das Gesetz wie ein bedrohliches Damokles-Schwert gesehen, nicht wie eine Institution zum Schutz der Bürger: ein Indiz für den Zustand der Rechte in diesem Stadium der Revolution!]
Gegen Legendres Vorschlag spricht nun Robbespierre, der sich zunächst auf den Streit unter den Abgeordneten bezieht und auch darauf, dass Legendre nicht die Namen aller Verhafteter kennt. Kurz formuliert trägt er vor,
dass es für Danton keine Sonderrechte geben darf,
dass man nicht einzelne Taten, sondern dessen ganzes politisches Leben betrachten müsse,
dass schuldig ist, wer jetzt vor dem Urteil zittert,
dass nichts ihn selbst in seinem ehrlichen Kampf aufhalten kann (vgl. I 6),
dass nur wenige Köpfe rollen müssen, um das ganze Vaterland zu retten;
deshalb fordert er, Legendres Vorschlag zurückzuweisen.
Die Delegierten haben ihm bereits dreimal Beifall gespendet; am Ende erheben sich alle „zum Zeichen allgemeiner Beistimmung“, offenbar also auch diejenigen, die anfangs noch für Danton eingetreten sind.
Dann hält St. Just eine Grundsatzrede, deren 9 Absätze ich nummeriere. Er geht zunächst auf den Anlass seiner Rede ein: dass Abneigung gegen weiteres Blutvergießen besteht – indem er vom „Wort Blut“ statt vom Blutvergießen spricht, macht er dessen Gegner lächerlich; als Ziel gibt er an, er wolle zeigen, dass „wir“ im politischen Handeln nicht grausamer als die Natur und die Zeit sind (1). Was das heißt, wird im Folgenden entfaltet.
Als These trägt er vor, dass die Natur „ruhig und unwiderstehlich“ ihren Gesetzen folgt, Veränderungen hervorbringt und dabei Menschen vernichtet, wo sie mit diesen Gesetzen „in Konflikt“ kommen. Indem er die Möglichkeit eines Konflikts mit den Gesetzen nennt, spricht er beinahe metaphorisch von den Naturgesetzen: wie von Gesetzen der Menschen (1). Die Metapher des Weges am Ende von (1) deutet auf ein planmäßiges „Vorgehen“ des Subjekts Natur, das auch Menschen vernichtet.
Der physischen Natur stellt er dann die moralische Natur entgegen; durch die gemeinsame Benennung „Natur“ wird menschliche Kultur bereits unter das „Gesetz“ der Natur gestellt, sodass die drei Fragen St. Justs wirklich nur rhetorisch gestellt sind: ob die menschliche „Natur“, etwa die Revolution, nicht genauso rücksichtslos wie die physische Natur vorgehen dürfe, also auch „durch Blut gehen“ dürfe (2). Die Antwort ist klar; das Ja wird durch einen Schluss a minore ad maius untermauert: Die Natur bringt „kaum merkbare Veränderungen“ hervor und nimmt dabei Leichen in Kauf (1); umso mehr muss dies auch ein Ereignis bei der ganzen (!) Gestaltung der Menschheit (moralische Natur) tun dürfen (2).
Er führt dann als handelndes Subjekt den „Weltgeist“ ein, der in den beiden Sphären wirke (2), der sich also der Vulkane so gut wie „unserer Arme“ (vgl. die Entschuldigungs-Strategien Robespierres und Dantons in I 6 und II 5!) bediene. Deshalb kann er rhetorisch mit einer Frage abschließen: „Was liegt daran ob sie nun an einer Seuche oder an der Revolution sterben?“ (2) – Nichts liegt daran, muss man antworten, es wirkt ja jedesmal die gesetzmäßig vorangehende Natur. (Den gleichen Zynismus hat auch Danton aufgebracht, als Philippeau ihn mit dem Hinweis auf Frankreichs Geschick zum Handeln bewegen wollte, II 1.)
Die in (2) bereits genannte Menschheit tritt in St. Justs Rede nun als Subjekt auf, das einen Gang macht (3); dabei bedeutet der Fort-Schritt des Ganzen, also der Menschheit, den Tod der Einzelnen bzw. der Generationen „auf dem Wege“. Zusätzlich zu dieser Gegenüberstellung von Gesamtsubjekt und einzelnen (Teil)Subjekten führt St. Just die unterschiedlichen Geschwindigkeiten des Gangs der Geschichte an: früher langsam, jetzt schnell, was bedeutet, dass dabei „auch mehr Menschen außer Atem kommen“ (3) – ein Euphemismus für Hinrichtungen.
In (4) zieht er eine Schlussfolgerung, die mit dem revolutionären Begriff der Gleichheit spielt und die Mörder wie die Ermordeten in den Gang der Geschichte oder der Menschheit einordnet: Alle sind gleich, von natürlichen Unterschieden abgesehen (4). Daraus folgert er: Jeder darf Vorzüge, keine darf Vorrechte haben (5). Dieser Satz gilt nun als Folgerung bewiesen: „Jedes Glied dieses (...) Satzes hat seine Menschen getötet.“ (5) Mit der Metapher von den Interpunktionszeichen des Satzes rechtfertigt St. Just verschiedene Massaker (5).
Dann kommt er wie in (3) noch einmal auf die ihre Gegenwart im weiteren Sinn zu sprechen: Die Revolution ist eine außergewöhnliche Zeit und schafft in vier jahren so viel Fortschritt wie sonst Jahrhunderte (Thema: Zeit), muss also entsprechend mehr Leichen produzieren (6). Er schließt mit der Natur-Metapher vom Strom der Revolution und dessen Krümmungen, um in der rhetorischen Frage die eingangs erwähnten Abneigungen gegen das Blutvergießen endgültig zu zerstreuen.
Er greift nun den in (5) genannten Satz in der Metapher „Schlüsse“ auf (die durch den Hinweis auf die Anwendung des Satzes in der Wirklichkeit vorbereitet ist) und rechtfertigt damit weiteres Morden (6) – der Logik des Schließens kann man nicht widersprechen, ohne blöde zu sein.
Es folgen drei mythische Beispiele dafür, dass aus dem Blutvergießen Neues entsteht, und zwar nur durch Blutvergießen: Moses hat die alte Generation in der Wüste aufgerieben (ohne allerdings einen Staat zu gründen, er durfte das Gelobte Land nur aus der Ferne sehen, Dt 34); „den Krieg und die Guillotine“ rechtfertigt St. Just durch diesen Vergleich, in dem auch der Unterschied zwischen sterben lassen und töten überspielt wird (7).
Auch der zweite Vergleich klappt nicht: Die Töchter des Pelias haben ihren Vater zerstückelt, um ihn zu verjüngen; Medea hat ihnen dabei aber nicht geholfen und so blieb der gute Pelias Hackfleisch (8). Auch der Vergleich mit der Sündflut (oder Sintflut) hinkt (8); „die Menschheit“ war dort schließlich umgekommen, und die neue Schöpfung war auch nicht besser als die alte, sodass es Gott reute (Gen 8,21), das gescheiterte Experiment mit der Flut gemacht zu haben. – Dass diese Vergleiche logisch nicht klappen, zeigt die Schwäche der Argumentation St. Justs, denke ich; das hindert die Mitglieder des Zuhörer aber nicht, in enthusiastischen Beifall auszubrechen (Regie).
St. Just ist von seinen Worten selbst hingerissen und wendet sich an alle geheimen (und zum Mord bereiten) Tyrannenfeinde in der ganzen Welt (9); er lädt sie ein, „diesen erhabenen Augenblick mit uns zu teilen“ (9), ohne zu sagen, wie sie das tun könnten. Die allgemeine begeisterte Zustimmung zu weiteren Morden, das ist der erhabene Augenblick. – Dantons Schicksal ist besiegelt.
Die Argumentationsstrategien St. Justs bestehen darin, durch den Rückgriff auf die Natur die Notwendigkeit des Mordens zu rechtfertigen; durch Einführung des Subjektes Weltgeist die Täter zu entlasten; durch Einführung des Subjektes Menschheit die Bedeutung des einzelnen herabzuspielen; durch die Logik des Schließens und den Hinweis auf das besondere Tempo der Zeit das Morden zu rechtfertigen; durch mythische Vergleiche das eigene Handeln zu heroisieren und zu legitimieren. - Vielleicht könnte man von einem „geschichtsphilosophischen“ Argumentationsansatz sprechen.
Wenn man die Differenz zwischen dem Auftreten der Verhaftungstruppe und der Rede St. Justs interpretiert, kann man darin ein Anzeichen dafür sehen, dass der natur- und weltgeschichtliche Rahmen nur die Ideologie eines Machtkampfs von realen Menschen ist; man könnte die inhaltliche „Bedeutungslosigkeit“ (in Anführungszeichen!) der Rede auch so verstehen, dass sie die Rhetorik zu einem weiteren revolutionären Geschehen bildet: Die Strudel im Strom der Revolution (St. Justs Bild) ziehen bald den einen, bald den anderen hinab – der Strom ist ein unkontrollierbarer Prozess, die Reden sind ein Kräuseln auf der Oberfläche des Wassers, wodurch nur angezeigt wird, dass sich dort ein Strudel bildet.
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