1. Die Vorgeschichte:
In I 1 haben Dantons Freunde ihr politisches Programm vorgetragen und diesen beschworen zu handeln; Danton ist zögernd aufgebrochen. Über Robespierres Brandrede (I 3) ist Danton durch Lacroix informiert worden (I 5); er hat angekündigt, dass er „morgen“ zu Robespierre gehen will. Die dort angekündigte Unterredung findet nun statt (I 6).
2. Analyse von I 6 im Überblick
Es gibt in dieser Szene zwei Situationen: Zuerst ist Danton mit Paris bei Robespierre; danach kommt St. Just und stimmt jenen um zu handeln; es folgt dem Gespräch jeweils ein Monolog Robespierres.
a) Danton gegen Robespierre
Das Gespräch ist schon im Gang; der Zuschauer kommt hinzu, als Robespierre sich gegen Forderungen Dantons verteidigt, und zwar mit zwei Argumenten: Er nehme mit seinen Maßnahmen bloß das Recht auf Notwehr wahr, außerdem sei die Revolution noch nicht vollendet (was Danton im Bild von der Statue der Freiheit in I 1 ähnlich gesagt hat, in I 5 beinahe wörtlich), wobei er mit seiner Unterscheidung von Tugend und Laster arbeitet; Danton bezweifelt, ob R. sich an den Grenzen der Notwehr hält.
Danton bezweifelt dann die persönliche „Tugend“ Robespierres (und das gute Gewissen allgemein) und erniedrigt diesen so auf das Normalmaß der Sterblichen (die Absätze von den Schuhen treten). Danton greift also die Person Robespierre und ihr angeblich gutes Gewissen an, während dieser auf die philosophische („die Tugend“) und politische Ebene („Hochverrat“) ausweicht. Am Ende dieses Gesprächsabschnitts konzediert Danton ironisch, dass es „Laster“ gebe, bezweifelt jedoch den Sinn, es zu verfolgen, weil Robespierre es ja als Kontrast brauche, vor dem er sich so gut abhebe.
Zum Schluss misst Danton geplante „Streiche“ politisch daran, ob sie auch der Republik nützlich sind; er bezweifelt gegen R., dass man bisher keine Unschuldigen hingerichtet habe, und geht mit Paris eilig ab: Er will keinen Augenblick verlieren (weil die Situation sich offensichtlich zuspitzt bzw. weil mit R. zu reden keinen Zweck habe), „wir müssen uns [dem Volk, N.T.] zeigen!“
In einem ersten Monolog – man könnte ihn auch als eigene Situation sehen, aber er schließt sich stark an das Gespräch mit Danton an – wird deutlich, wie unsicher Robespierre ist: Er verachtet die epikureische Lebensweise Dantons, befürchtet aber den Vorwurf, nur aus Neid jenen zu verfolgen. Dann bedenkt er die Dynamik der revolutionären Massen und die persönliche wie intellektuelle Demütigung durch Danton („Keine Tugend!“); anderseits kann er sich von Gewissensbissen wegen des Mordens nicht frei machen (wie Danton II 5).
Am Fenster entwickelt er dann eine Theorie des menschlichen Unterbewussten: Gedanken und Wünsche bewegen sich autonom, sodass wir Menschen „Nachtwandler“ (und damit frei von Verantwortung und Schuld, vgl II 5!) sind; die Sünde stecke in diesen Gedanken – was man tut oder ob man die Gedanken verwirklicht, sei letztlich unerheblich; das heißt dann, dass die von ihm betriebenen Morde unter diese bedeutungslosen Taten fallen, dass er also ohne besondere Schuld ist.
b) Nach einiger Zeit tritt St. Just ein und berichtet, wie gefährlich inzwischen Danton vor dem Volk agiert, weswegen „wir“ schnell handeln müssten - das ist der Zweck seines Kommens.
Auf Robespierres Frage, was „ihr“ zu tun gedenkt (R. schließt sich also noch nicht ein!), berichtet er von der Planung. Dabei werden die Namen derer genannt, die mit Danton sterben sollen – Robespierre kommentiert sie zustimmend, zaudert jedoch bei seinem alten Freund Camille. Als St. Just jedoch einen Text Camilles vorzeigt, in dem Robespierre als „Blutmessias“ (vgl. die Äußerung des Weibes in I 2!) diffamiert und seine politischen Freunde in der religiösen Allegorie der Kreuzigung mit angegriffen werden, stimmt Robespierre zu.
St. Just beruft sich auf Robespierres offenbar gelungene Rede (I 3) und erklärt noch die Taktik, wie man die Dantonisten in einen Topf mit Fälschern und Fremden werfen wolle. Der Tugendhafte stimmt zu: „Dann rasch, morgen.“
Im Monolog greift Robespierre den Vorwurf „Blutmessias“ zustimmend auf und bemitleidet sich ob seiner Opferhaltung zunächst selbst. Doch dann kommen ihm Zweifel, ob er überhaupt eine Sonderstellung einnehme: dass wir „Alle“ in blutigem Schweiß ringen, aber keiner den anderen erlöst; er trauert, dass er Camille verliert, dass er „allein“ ist (vgl. Danton in I 1: wir sind sehr einsam).
Auch wenn in I 6 Danton und Robespierre ihre persönliche Feindschaft zeigen und sich politisch nicht einigen und wenn dann die Entscheidung fällt, die Dantonisten zu beseitigen, zeigen sich manche Parallelen zwischen den beiden Gegnern: Sie zögern und sind voller Zweifel, auch voller Schuldgefühle, die sie mühsam zu beseitigen suchen; sie sehen die Revolution als unfertig; sie beklagen ihre Einsamkeit. Dabei treten sie unterschiedlich auf: Robespierre als der Tugendhafte, der sich nichts gönnt; Danton als einer, der das Leben genießt und die eine große Venus „stückweise bei allen Grisetten des palais royal“ (Lacroix in I 4) zusammensucht.
norberto42
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