1. Man versteht „Dantons Tod“ nur richtig, wenn man es als ein Drama vom Typus der offenen Form versteht; diese wird von der geschlossenen Form unterschieden:
Offene Form des Dramas:
idealtypische dramatische Bauform (versus geschlossene Form): dramatische Präsentation eines unabgeschlossenen Geschehens in nicht wesentlich miteinander verknüpften Einzelsequenzen, die keinen Gesamtzusammenhang bilden [„idealtypisch“ heißt, dass diese Definition auf einer Abstraktion beruht, dass die Form also selten rein vorkommt, dass vielmehr ein Typus erfasst wird, eine Idee N.T.] (http://www.fernuni-hagen.de/EUROL/termini/welcome.html?page=/EUROL/termini/8330.htm; dort weitere Erläuterungen).
Geschlossene Form des Dramas:
dramatische Präsentation eines in sich geschlossenen, also ganzen Handlungszusammenhangs aus strikt aufeinander bezogenen Elementen als exemplarisches Geschehen [„Don Carlos“: geschlossene Form, N.T.]
(http://www.fernuni-hagen.de/EUROL/termini/welcome.html?page=/EUROL/termini/8320.htm)
Vgl. ferner zur Form des Dramas:
http://www.uni-essen.de/literaturwissenschaft-aktiv/Vorlesungen/dramatik/dramaoffge.htm
http://www.thomasgransow.de/Fachmethoden/Deutsch/Strukturelemente_2.html (ziemlich breite Übersicht, gut!)
http://www.teachsam.de/deutsch/d_literatur/d_gat/d_drama/drama_2.htm („geschlossene Form“ wird dort viel besser als „offene Form“ erklärt!)
Bei den Lektürehilfen findet man Erläuterungen zur offenen Form bei H. Popp (Klett 2007, S. 80 ff.) und bei J. Barke (Stark, 2001, S. 60 ff.). Die offene Form des Dramas impliziert, dass man nicht immer wie sonst streng ermitteln kann, welche Absicht die handelnden Figuren einer Szene verfolgen (vgl. mein Konzept des Analysierens: „Figurenrede im Drama“, in diesem Blog in der Rubrik „Methoden lit. Analyse“ bzw. in der Kategorie „Methodisches“, in http://norberto42.kulando.de). - Wenn man einen durchgängigen Textkommentar lesen will, empfehle ich wiederum H. Popp; die Büchlein von R. Bernhardt (Bange: Königs Erläuterungen) und J. Barke sind in dieser Hinsicht unter Niveau. W. Frizen (Oldenbourg, 1990) redet insgesamt zu schlau für Schüler, vermutet manches auch nur auf schlaue Weise. Man wird auch die Erläuterungen von Reclam brauchen, wenn man nicht auf den Kommentar in der Werkausgabe (1988) zurückgreifen kann. – Ansonsten wie üblich: den Text zweimal lesen, beim Lesen Notizen machen!
2. Man versteht „Dantons Tod“ nur, wenn man grob die Situation des Geschehens kennt:
Die in I 1 genannten „zwanzig Opfer“ sind die Hébertisten, die am 24. März 1794 („heute“) geköpft wurden; Danton wurde am 5. April 1794 hingerichtet. Diese 13 Tage sind die Zeit des Geschehens; es ist die Zeit einer Radikalisierung der Revolution, die die sozialen Probleme nicht lösen kann.
Danton (1759-1794) war Anwalt, begeisterte das Volk zum Sturm auf die Bastille und klagte 1790 die Minister vor der Nationalversammlung an. Er gründete mit Desmoulins, Fabre d‘Eglantine und Marat innerhalb der Jakobiner den radikalen Club der Cordeliers („Strickträger“, nach dem Franziskanerkloster als ihrem Versammlungsort); 1793 heiratete er Louise („Julie“) Gély in kirchlicher Trauung. Die Revolution:
20. Juni 1789: Die Abgeordneten des Dritten Standes erklären sich zur Nationalversammlung (Ballhausschwur); diese erklärt sich am
9. Juli 89 zur Verfassunggebenden Versammlung.
14. Juli 89: Die Bastille wird gestürmt.
6. Oktober 89: Der König wird (wegen Hungersnot und Arbeitslosigkeit der Leute) gezwungen, von Versailles nach Paris zu ziehen. Die Kirchengüter fallen an den Staat, Nutznießer der Revolution sind die reichen Großbürger (Zensuswahlrecht: nach Steueraufkommen).
21. Juli 91: Der König flieht, wird aber wieder gefangen.
14. September 91: „Konstitutionelle Monarchie“ eingeführt; die Girondisten sind in der Mehrzahl gegenüber den Jakobinern (diese tragen rote Mützen und lange Hosen; sie sind für politische Gleichberechtigung aller sowie für eine Republik mit straffer Zentralisierung).
20. April 92: Krieg gegen Österreich und Preußen (aus innenpolitischen Gründen: Stabilisierung der Revolution) beschlossen.
10. August 92: Die Tuilerien werden gestürmt, der König wegen Drohungen des Auslandes (falls dem König etwas geschehe...) verhaftet.
2. - 5. September 92: Über 1100 politische Gefangene werden ermordet, damit man im Krieg den Rücken in der Heimat frei hat („Septembermorde“, mit Billigung Dantons).
20. September 92: Kanonade von Valmy: Die Revolutionstruppen halten den europäischen Armeen Stand.
21. September 92: „Nationalkonvent“ (749 Abgeordnete) tritt an die Stelle der Nationalversammlung: Die Monachie wird abgeschafft; Dantons 140 Anhänger trennen sich, nach ihren Sitzplätzen „der Berg“ genannt, vom „Tal“ oder „Sumpf“ der Gemäßigten, die in der Mehrzahl sind.
21. Januar 93: Der König wird hingerichtet.
1. Februar 93: Der Konvent erklärt Holland und England den Krieg; im Lauf des Jahres verliert das Revolutionsheer seine Überlegenheit, viele Freiwillige wollen nach Hause. In vielen Provinzen gibt es Aufstände gegen die Revolution.
6. April 93: Der Wohlfahrtsausschuss (9 Männer) unter Vorsitz Dantons übernimmt die Regierungsgewalt. Das am 10. März 93 eingerichtete Revolutionstribunal kennt nur „unschuldig / Kopf ab“.; täglich werden 70 Leute geköpft, insgesamt etwa 35.000. - Es gibt Aufstände wegen Hunger, Preisstopp und Zwangsanleihen.
2. Juni 93: Es werden 32 Führer der Girondisten hingerichtet.
24. Juni 93: Es wird eine demokratische Verfassung beschlossen, die aber erst nach dem Friedensschluss in Kraft treten soll.
10. Juli 93: Danton wird aus dem Wohlfahrtsausschuss abberufen; dafür wird Robbespierre am 27. Juli berufen.
4. September 93: Aufstand in Paris wegen wirtschaftlicher Not; es werden Radikale (Collot d‘ Herbois, Billaud-Varenne) in den Ausschuss berufen; der Terror wird zum Regierungsmittel erklärt.
16. Oktober 93: Marie Antoinette wird geköpft; Anhänger Dantons wegen Korruption verhaftet, er selbst verdächtigt.
November 93: Danton fordert Ende der Schreckensherrschaft, um einen Kompromissfrieden mit dem Ausland schließen zu können; dagegen spricht Robbespierre.
24. März 94: Hébert (radikaler Revolutionär, wollte das Christentum abschaffen und alle Gewalt auf die Pariser Kommune übertragen; trat für soziale Gleichheit ein) wird hingerichtet.
30. März 94: Danton wird mit einigen Anhängern verhaftet (letztes Treffen mit Robbespiere war am 19. März ohne Ergebnis geblieben).
2. April 94: Prozess gegen Danton wegen Bestechlichkeit und Verbindung mit dem Ausland; Hinrichtung am 5. April. - Robbespierre verstärkt den Terror.
27. Juli 94: Robbespierre wird mit St. Just verhaftet und am folgenden Tag ohne Verhandlung hingerichtet.
1795 wird vom Konvent ein Direktorium von fünf Männern eingerichtet, die zu den Gemäßigten gehören; die Revolutionäre sind des Terrors und der „Volksdiktatur“ überdrüssig, die Girondisten setzen sich durch.
Die Revolutionskämpfe nach innen sind (auch) Ausdruck des Problems, ob und wie man die sozialen Probleme politisch lösen kann. Robbespierre hat eine Linie verfolgt, die radikaler als die Dantons, aber gemäßigter als die Héberts war - auf die Dauer politisch aber immer noch zu radikal und dabei sozial erfolglos. - Einen guten Überblick über die Französische Revolution gibt Sabine Büttner (dort vor allem: V. Radikalisierung) in http://www.revolution.historicum-archiv.net/etexte/einfuehrung/verlauf/intro.html. Für den Hausgebrauch langt die Darstellung des Hintergrundes in http://de.wikipedia.org/wiki/Dantons_Tod, während die Ausführungen zum Geschehen des Dramas dort dürftig sind.
Für Lehrer: Didaktik des Dramas
http://www.didaktikdeutsch.de/lehre/ss05/Hauptseminar%20Schiller/Aufsatz%20L%F6sener.pdf (Lösener: Konzepte der Damendidaktik)
http://www.homilia.de/download/Methoden.pdf (Dittmann: Durch kreatives Schreiben Texte verstehen)
http://www.ph-ludwigsburg.de/fileadmin/subsites/2b-dtsc-t-01/user_files/gans/drama/dramatik01.htm (Lernarregement Drama: PH Ludwigsburg - für Schüler interessant!)
http://www.matthiasberghoff.de/pub/examarb/ (Berghoff: Möglichkeiten und Probleme eines handlungs-, produktions- und identitätsorientierten Deutschunterrichts)
Literaturdidaktik (allgemein)
http://www.fachdidaktik-einecke.de/4_Literaturdidaktik/sem_hauptseite_literaturdidaktik.htm
www.erzwiss.uni-hamburg.de/ Internetseminar/Vorles_Literatur.doc (Übersicht)
http://books.google.com/books?hl=de&id=EvJ1hrfoTcUC&dq=literaturdidaktik (Buch: Rezeptionsästhetische Lit-didkatik)
http://www.phil-fak.uni-duesseldorf.de/germ5/service/skripte/sose1997-probleme.html (Probleme der Literaturdidaktik)
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