Büchner: Dantons Tod - zur Analyse von II 1 und II 5

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Die beiden Szenen sind, wenn man I 1 gelesen hat, interessant, weil hier erneut das Spiel-Motiv in der Theater-Metapher (II 1) und in einer Marionetten-Metapher (II 5) aufgegriffen wird, weil Dantons Todesahnungen oder -andeutungen zunehmen und weil zuletzt ein wichtiges Motiv Dantons offenbar wird, aus dem er die Ruhe und damit den Tod sucht: Er hat wegen der Septembermorde ein schlechtes Gewissen (II 5 nach II 4).
   In II 1 sind vier Freunde bei Danton, drei davon Deputierte; Camille drängt zur Eile, Danton wehrt mit einem Wortspiel ab: „Aber die Zeit verliert uns.“ Das ist die erste von vielen Ankündigungen des bevorstehenden Todes („Sterbende werden oft kindisch.“ „Ich bin eine Reliquie...“ und öfter), mit dem er sich offensichtlich abgefunden hat.
   Er erklärt dann, wieso er des Lebens überdrüssig ist: „Das ist sehr langweilig“, immer das Gleiche zu tun; eine Änderung sei nicht abzusehen - dies erinnert mich an die Stimmung des Mannes in Peter Bichsels „Ein Tisch ist ein Tisch“. Es sei „sehr traurig“, dass wir das Gleiche wie Millionen andere machen und dazu noch aus zwei Hälften bestehen. Camille nennt das einen „ganz kindlichen Ton“ - dabei leidet Danton anscheinend an der Normalität, dass eben das Menschenleben sich in bestimmten Formen vollzieht.
   Lacroix appelliert an ihn, sich aufzurappeln (Imperative!), und gibt ihm auch ein paar Tipps, wie er gegen Robbespierre vorgehen soll, damit sie wenigstens nicht „erniedrigt“ sterben. Dem widerspricht Danton, indem er Lacroix dessen eigenen Ausspruch entgegen hält: Er sei ein toter Heiliger, ein Reliquie (I 5); Lacroix deckt einen Widerspruch in Dantons Handeln auf und fragt: „Warum hast du es dazu kommen lassen?“ Damit erinnert er daran, dass Danton schon in ganzer Machtfülle agiert hat.
   Darauf verteidigt Danton sich ausführlich, und zwar vierfach:
- Das Leben, wie es abläuft, langweilt ihn, wie er bereits zu Beginn gesagt hat;
- er möchte Ruhe finden, wenn auch eine andere als die ihm drohende;
- er hat keine Machtbasis, allenfalls eine auf Verhaftungen und Beseitigung Robbespierres beruhende [wobei die rätselhafte Begründung steht, dass nicht wir die Revolution, sondern „diese uns“ gemacht hat - was vielleicht besagt, dass man sich nicht gegen die Revolution stellen darf];
- er will lieber guillotiniert werden als andere köpfen. An diesen vierten Grund schließt sich eine philosophische Überlegung an, dass das Kämpfen und Morden auf einer Fehlkonstruktion des Menschen beruhe und dass man es besser einstelle.
   Camille greift diese Äußerung Dantons auf und schmückt sie aus; doch Philippeau macht einen letzten Einwand gegen Dantons Lethargie und erinnert an das Frankreich drohende Schicksal. Mehr oder weniger zynisch-spielerisch verteidigt Danton, dass es nicht schlimm sei, wenn viele frühzeitig geköpft würden,
- mit der Steigerung des Lebensgefühls, wenn man geköpft wird;
- mit dem Beifall, den die Zuschauer beim Guillotinieren spenden, was er mit der Theater-Metapher erklärt;
- mit der Steigerung des Lebens, wenn man dessen geringe Essenz in kurzer Zeit genießt (Essenz aus einem Zuber, also einer Bütte, oder aus einem Likörglas tringen - die Gefäße sind Bilder für die Länge oder Kürze des Lebens; beim Trinken aus dem kleinen Glas genießt man die Essenz besser).
   Im Schlusswort wertet er noch einmal das Leben ab: nicht der Mühe wert, es zu erhalten. Ohne auf dieses Argument zu hören, fordert Paris: „So flieh Danton!“ - dabei bereitet Flucht auch Mühe und ist ein Versuch, das Leben zu erhalten. Danton weist den Vorschlag zurück, wobei er seine Hauptbegründung zweimal nennt: „sie werden‘s nicht wagen“. Das hat er schon zu Lacroix in I 5 gesagt, er sagt es sich auch in einem Monolog (II 4); diese Tatsache könnte dafür sprechen, dass er es wirklich glaubt - aber angesichts seiner vielen Todesahnungen und -andeutungen darf man fragen, ob er wirklich davon überzeugt ist, dass sie es nicht wagen werden, ihn zu töten, oder ob er in seiner ambivalenten Einstellung dies vielleicht nur zur Beschwichtigung der anderen und zur Dämpfung seiner eigenen Furcht sagt.
   Lacroix kommentiert jedenfalls den Spruch mit einem Zweifel an Dantons Aufrichtigkeit. Dass seine Erklärung „Nichts als Faulheit!“ Danton gerecht wird, bezweifle ich. Er stellt sich jedenfalls darauf ein, dass sie dem Tod entgegen gehen; „als Lucrecia auf einen anständigen Fall studieren“ verstehe ich so, dass sie mit Würde sterben [oder: sich töten?] sollen.
   Wenn man noch einmal die Theater-Metapher betrachtet, sieht es zunächst so aus, als ob „auf dem Theater stehen“ (und Beifall suchen) dem Ernstfall, erstochen zu werden, gegenübergestellt werde; da aber der Beifall auch erklingt, wenn man getötet wird, heißt „im Ernst erstochen werden“ vielleicht nur: tatsächlich erstochen werden, was dann die letzte Szene des eigenen Spiels wäre. Zur Theatermetapher gehörte normalerweise jedenfalls auch das Sterben, da das große Welttheater von Gott selbst veranstaltet wurde. Dafür würde auch Lacroix‘ Schlusswort sprechen, dass man den anständigen, also den gelungenen Fall (das Fallen) einstudiert, also einübt: für die Aufführung.

Im Monolog II 4 offenbart Danton bei seiner Flucht, dass er von seinem Gedächtnis befreit werden will und deshalb den Tod sucht; deshalb kehrt er um, durchaus im Bewusstsein, dass er mit dem Tod kokettiert. Im Gespräch mit seiner Frau Julie (II 5) wird dann klar, was ihn bzw. sein Gedächtnis belastet („die garstigen Sünden“), was ihn im Schlaf verfolgt und (gegen seine Äußerung in I 1, wo der Grab-Vergleich bereits die Ruhe bei Julie transzendiert) keine Ruhe finden lässt: Es ist die Tatsache, dass er das wilde Ross der Revolution nicht bändigen kann; es sind die Septembermorde, die Danton veranlasst hat.
   Er findet erst Ruhe, als er diese Morde rechtfertigen kann: „das war kein Mord, das war Krieg nach innen“; es war Notwehr zur Rettung des Vaterlandes, bestätigt Julie ihm.
   Dann folgt der entscheidende Satz, der ihn der Verantwortung fürs Morden enthebt: „wir mußten [töten, N.T.]“. An dieses Modalverb schließt sich eine Reflexion an. Zuerst wird das Jesuswort zitiert (auch in I 6 wurde Jesus bemüht, auch wenn Danton sich einen Atheisten nennt), dass Ärgernis kommen muss - „doch wehe dem, durch welchen Ärgernis kommt“ (Mt 18,7). Den zweiten Teil des Satzes blendet Danton bezeichnenderweise aus, um sich auf das „Muß“ zu stürzen: „dies Muß“. Er entfaltet dann zuerst logisch, was dies Muß bedeutet: Wer unter dem Muß handelt, ist nur Hand (also ein Organ), aber nicht verantwortlicher Täter; er fragt dann nach dem Ursprung des Muß und greift dabei auf eine Erfahrung zurück, dass wir nicht immer selber das wirklich wollen, was wir tun: „Was ist das, was in uns hurt, lügt, stiehlt und mordet?“ Davon hatte Büchner in einem Brief an die Braut bereits im März 1834 gesprochen - es ist ein Gedanke, der Büchner bewegt hat (und den Freud später in der Konzeption des Es formuliert, den Paulus bereits kannte und den Schlink noch einmal aufkocht: Der Vorleser, 1997, S. 21 f. - zugleich eine Absage an die pathetische Formel der Aufklärung: „Kein Mensch muss müssen“, aus dem „Nathan“, V. 385 ff.).   
   Danton fasst seine Einsicht dann in der Puppen- oder Marionetten-Metapher zusammen: Wir sind nur Puppen, „von unbekannten Gewalten am Draht gezogen“; oder Schwerter, also Werkzeuge, mit denen Geister kämpfen (und töten) - die Metapher entlastet Danton als Täter. Und er kann beruhigt sagt: „Jetzt bin ich ruhig.“ Diese Ruhe (Stichwort: Grab) hat er bei Julie (I 1) gesucht, diese Ruhe sucht er im Tod (II 4) - die Ruhe des ruhigen Gewissens, welches er bei Robbespierre in Zweifel gezogen hat (I 6), und zwar zu Recht, wie dieser im Selbstgespräch bekennt, auch wenn er vor Danton sich brüstet: „Mein Gewissen ist rein.“ Doch Danton weiß es besser: „Das Gewissen ist ein Spiegel vor dem ein Affe sich quält“.

(Vgl. die vorhergehenden Analysen von I 1 und I 5!) 

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