Das Drama „Dantons Tod“ ist eher ein Drama der Menschen als das eines dramatischen Geschehens. Angeregt durch den Befund in I 1, dass das Leben der Menschen als Spiel erscheint, möchte ich diesen Aspekt für das Thema „Liebe“ in I 5 untersuchen.
Danton ist mit Marion zusammen, offenbar einer Dirne, die ihren Lebensweg und ihr Erleben vor Danton ausbreitet. Sie lebt für die Liebe: „Ich bin immer nur Eins. Ein ununterbrochenes Sehnen und Fassen, eine Glut, ein Strom.“ Und „wer am Meisten genießt, betet am Meisten.“ Hier haben wir die religiöse Interpretation und Überhöhung der Liebe, wie wir sie von Ferdinand aus Schillers „Kabale und Liebe“ (III 4) kennen. Danton möchte die schöne Frau genießen („deine Lippen besser gebrauchen“, zu Beginn): „Ich möchte ein Teil des Äther sein, um mich in deiner Flut zu baden...“
Dann tritt Lacroix mit zwei „Damen“ ein und entlarvt die Liebesidylle: „Ich muß lachen...“ Er sieht hier im Zimmer das Gleiche wie auf der Gasse, wo die Hunde es miteinander treiben (Dogge: Danton; „Schoßhündchen“ ist pejorativ, Dogge - Schoßhündchen ein triebbedingtes Missverhältnis) und die Mücken ebenfalls. Das Erhabene von Dantons und Marions Liebeserleben wird auf die Stufe der Tiere herabgeholt; nicht anders schätzt Danton selber ein, was andere treiben („wie die Hunde auf der Gasse“, II 2).
Lacroix geht dann noch einen Schritt weiter, indem er für das Treiben der Dirnen ironisch religiöse Metaphern verwendet: Die Nönnlein von der Offenbarung durch das Fleisch wollten den Segen. Durch die scheinbare Erhöhung des sexuellen Treibens in die Sphäre des Göttlichen wird Marions Äußerung indirekt parodiert; vielleicht ist solche Ironisierung nur deshalb möglich, weil die Religion 1794 den Anschein des göttlichen Heilsgeschehens für die Revolutionäre verloren hat.
Im Kontrast von antikem und modernem Adonis wird in der ironisierten mythischen Metapher der Sexbetrieb als zerstörerisch entlarvt.
Am Ende von Dantons politischem Gespräch mit Lacroix wird das sexuelle Treiben der Gruppe um Danton von Lacroix noch einmal entlarvt: Das Volk genießt nicht, was Danton dem Volk anrechnet („wie ein Eunuch“), während Lacroix halb spöttisch bekennt, dass „wir“, die Clique um Danton, reiche Spitzbuben sind; zugleich verspottet er Robbespierre und das Volk als „tugendhaft“. Er hebt hier die Unterscheidung von Tugend und Laster auf [was in I 1 politische Implikationen aufweist], genau wie Danton im folgenden Gespräch mit Robbespierre (I 6), der sich als tugendhaft darstellt, Terror im Namen der Tugend verübt und als „der Unbestechliche“ gilt.
In Dantons letzter Äußerung zu Marion wird nicht ganz klar, worauf sie sich bezieht: „So viel Zeit zu verlieren! Das war der Mühe wert!“ Vielleicht verteidigt er sich gegen ihren Vorwurf, dass seine Lippen kalt geworden sind; auch wird seine Rechtfertigung („der Mühe wert“) nicht begründet. Vermutlich jedoch verteidigt er sich gegen die Vorwürfe seiner Freunde, seine Zeit mit Marion zu vertun; dann wäre „verlieren“ ironisch gemeint, die ganze Äußerung ein Kompliment gegenüber der schönen Marion. - Ich denke, dass hier ein Zusammenhang zwischen dem politischen Kampf und dem sexuellen Treiben deutlich wird. Ausdrücklich stellt Lacroix in seiner letzten Äußerung diesen Zusammenhang her, als er sagt, dass die Schenkel der Demoiselle Marion Danton guillotinieren werden: eine schöne Analogie der quasi einklemmenden Bewegung von Schenkeln und Fallbeil/Boden, die den vorhergesehenen (vorhersehbaren?) Untergang Dantons auf seine amourösen Bestrebungen zurückführt, welche ihn politisch untätig sein lassen. Ob er damit Dantons Untätigkeit ganz erfasst, darf der Leser bezweifeln.
Auch wenn es nicht hierhin gehört, sollte man noch wahrnehmen, dass Robbespierre am Ende von I 6 bekennt: „- ich bin allein.“ Damit sagt er für sich als Politiker das Gleiche wie Danton für sich als Ehemann: „- wir sind sehr einsam.“ (I 1, zweite Äußerung).
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