In der ersten Szene treten zwei Frauen und vier Männer in einem Zimmer auf; zunächst sind zwei Paare da, Danton zu Füßen seiner Frau Julie, Herrault und „eine Dame“ am Spieltisch. Das Kartenspiel der Frau ist für Danton der Anlass, deren Agieren gegenüber den Männern in einer Kartenspiel-Metapher zu beschreiben wie auch abzuwerten (coeur / carreau) und dieses Verhalten dann auf die Frauen insgesamt auszuweiten.
Julie stellt die persönliche Gegenfrage: „Glaubst du an mich?“ Danton antwortet zurückhaltend, indem er von den Fähigkeiten der Menschen spricht, einander im Tiefsten zu erreichen: „Wir sind Dickhäuter“, empfinden also den anderen nicht; „wir haben grobe Sinne“, kennen also den anderen nicht. Abschließend bekennt er, dass er Julie „wie das Grab“ liebt - mit diesem Vergleich bezeugt er durchaus, dass er bei Julie das findet, was er sucht: Ruhe.
Zugleich greift er mit dem Grab-Vergleich, unbewusst vorausdeutend, auf das Ende des Geschehens vor, was sich auch aus dem parallel geführten Gespräch des anderen Paares ergibt; die Dame sagt sofort darauf, wenn auch zunächst auf den Verlauf ihres eigenen Spiels bezogen: „Verloren!“
Dieses Parallelgeschehen ist primär ein Kartenspiel, was aber von Herrault als Liebesspiel interpretiert wird und ihn dazu bringt, von einer eigenen Liebesgeschichte in der Kartenmetaphorik zu sprechen: „Ich zettelte eine Liebschaft mit einer Kartenkönigin an...“
Als Desmoulins und Philippeau hinzukommen, ändert sich die Gesprächssituation: Die beiden anderen Männer wenden sich ihnen zu; vier Männer sprechen über den Stand der Revolution, wobei Danton sich auffallend zurückhält. Es wird eine Konfrontation mit einer Gruppe um St. Just und Robbespierre deutlich, welche die Revolution mit weiterem Morden vorantreiben will. Dagegen wenden sich die drei Männer neben Danton. Sie fordern,
- dass an die Stelle der Revolution die Republik treten solle, das heißt
- an die Stelle der „Pflicht“ das Recht der Bürger,
- an die Stelle der „Tugend“ ihr Wohlbefinden,
- an die Stelle der Strafe die Notwehr - ein Programm, das sich gegen den „tugendhaften“ Robbespierre wendet; an die Stelle der allgemeinen Vernunft soll das Recht der Natur jedes einzelnen treten: „Wir Alle sind Narren“, niemand verfügt über die allgemeine Vernunft - sich darauf zu berufen ist also Anmaßung. Im Bild von der Staatsform als durchsichtigem Gewand und mit einigen römischen Allegorien wird ein Bezug zur Liebesthematik der Gespräche der Paare hergestellt.
Nachdem dermaßen das politische Programm umschrieben ist, wird Danton aufgefordert, den Angriff im Konvent zu machen. Doch der hält sich bemerkenswert zurück, indem er die Aufforderung „du wirst“ als eine bloß grammatische Formel ausweist und die Zukunft als leer entlarvt (eine Stunde gleich sechzig Minuten). Er stellt die entscheidende Gegenfrage: „Wer soll denn all die schönen Dinge ins Werk setzen?“ Auch die Antwort („Wir und die ehrlichen Leute“) erkennt er nicht an, indem er das „und“ wie auch „die ehrlichen Leute“ als Handelnde problematisiert.
Darauf kommt dann die grundsätzliche kritische Gegenfrage: „Wenn du das weißt, warum hast den Kampf begonnen?“ Er kann darauf kein politisches, sondern nur ein persönliches Motiv nennen: „Die Leute waren mir zuwider.“ In einer Metapher von der Statue der Freiheit deutet er an, dass sie sich „noch die Finger dabei verbrennen“ können, wenn sie den Kampf mit ihren Gegnern aufnehmen - wiederum eine Vorausdeutung auf das Ende des Geschehens. Er geht weg und begründet dies gegenüber Julie, dass sie ihn mit der Politik noch aufreiben; das zeigt seine innere Distanz vom politischen Kampf, der bevorsteht.
Herrault meint zwar, Danton werde trotzdem mitmachen, „aber bloß zum Zeitvertreib, wie man Schach spielt“. Damit ist auch Dantons politisches Handeln mit der Spielmetapher erfasst; er wird nicht kämpfen, sondern spielen, also nicht mit letztem Ernst kämpfen, nur distanziert.
Die Spielmetapher steht in I 1 über dem Leben der Menschen, sie wird von ihnen dahin gestellt: Liebe ist ein Spiel, sagt Herrault; der politische Kampf ist für Danton ein Spiel, sagt ebenfalls Herrault. Man kann jetzt einmal untersuchen, was die Metapher vom Leben als Spiel besagt - und man kann das Geschehen verfolgen, in dem diese Metapher mit Leben, mit dem Leben der Akteure (und mit ihren weiteren Erklärungen) gefüllt wird. - Die Metapher taucht auch in II 1 und II 5 sowie bedeutsam in IV 5 wieder auf und hält so als Motiv das Stück zusammen: das Leben ein Spiel? Oder ist das Nichts unser Ort? Nicht umsonst ist Simon Souffleur [ein Hinweis des Schülers Simon!], der die Ereignisse teilweise mit den Worten anderer garniert. Für einen Teil der Revolutionäre (und der Zuschauer) endet das Schauspielern selbst bei der Hinrichtung nicht: „ein klassisches Gastmahl“ (Camille, IV 7 - vgl. noch IV 4 und IV 5). Allerdings sieht Lucile: „Es ist doch so was wie Ernst darin.“ (IV 8)
Der Theater-Wirklichkeit entspricht die Tatsache, dass die französischen Revolutionäre sich als (neue) römische Republikaner vorkommen und sich mit entsprechenden Namen schmücken bzw. denken, vgl. (allein in I 1) Socrates, Alcibiades, Decemvirn, Bacchantinnen, Gladiatorspiele, Epicur, Venus, Katonen – allerdings sind hier auch einige griechische dabei.
Strukturell entspricht dem Theater-Spielen die Tatsache, dass die Worte nicht die Wirklichkeit treffen. Einfachstes Beispiel ist Simons Äußerung zu seiner Frau, die so etwas wie eine bessere Puffmutter ist und von der „Arbeit“ ihrer Tochter lebt: „komm mein tugendreich Gemahl“ (I 2). Auch Robespierres Tugend-Tiraden sind nur schöne Dekoration der Guillotine; Danton hat ihm die Maske vom Gesicht gerissen (I 6): „Das [reine] Gewissen ist ein Spiegel, vor dem ein Affe sich quält;“ der Affe macht verzweifelt einen ehrlichen Menschen nach, er spielt einen Ehrlichen (Redensart: „Affen machen alles nach.“ Vgl. „nachäffen“). Dass Robespeirre und St. Just hohle Phrasen dreschen, weise ich später nach.
Zur Spiel-Metapher:
http://also.kulando.de/post/2007/08/30/spielen_spiel
http://www.bisdro.uni-bremen.de/FSQUENSEL/althoff_martina.pdf (Gewaltspiele)
http://www.theomag.de/24/tk1.htm (Spielbegriff in der Theologie)
http://www.stauffenburg.de/asp/books.asp?id=884#Wolfgang%20Kramer (Spiele und Spielen)
Spiel der Geschlechter:
http://www.tschau.ch/d/beziehungen/themenbereiche?sub_th=verliebtsein (flirten)
http://www.bbpp.de/altaufgelesen/goldstein061299.htm (psychoanalytisch)
http://journal-ethnologie.de/portal/WebObjects/PortalJE.woa/1/wa/select?id=155001645&entity=Artikel&wosid=new (ethnologisch: Bericht)
http://www.filmportal.de/df/0f/Artikel,,,,,,,,EE1E73A35C17D6AEE03053D50B37602E,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,.html (Filme der Weimarer Zeit)
http://www.neon.de/kat/fuehlen/liebe/single_leben/23675.html (Bericht)
Man könnte auch auf die Theater-Metapher zurückgreifen, um „Spiel“ su erfassen:
http://www.theomag.de/43/am197.htm (Religion - Theater)
http://is.uni-sb.de/diskussion/reader/gesell/gesell1#3.1 (Theater-Metapher)
http://www.asa.de/magazine/iss7/Sichten.htm (Die Kunst der Handlung, dort 17.!)
http://www.forummedienpolitik.de/buch/auszug_machnig.pdf (Inszenierung polit. Kommunikation)
Leben als Spiel:
http://www.philtalk.de/msg/1124440966.htm (thread bei philtalk)
http://www.predigtenundprivates.de/jahr2000.htm (Predigt)
http://spiele.zeit.de/kabinett/ (Spiel in der ZEIT)
http://www.theater-irrreal.de/LebensSpiel.html (Theater, mit Bildern)
(Vgl. auch die folgenden Analysen von I 5, II 1und II 5!)
Gegen die These vom Leben als Spiel steht das, was Camille über die Unterschiede von Theater oder Kunst und Schöpfung oder Natur sagt (II 3): Theater und Kunst sind bloß schlecht gemachte Konstrukte; dass das Leben tatsächlich mehr als nur Spiel ist, zeigt sich in der zarten und am Ende verzweifelten Verbundenheit Luciles mit ihm (II 3; IV 4, IV 9).
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