Bildergeschichten erzählen

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Diese Aufgabe wird vorzugsweise in Klasse 5 gestellt; man muss beachten, dass viele Schüler schon in der Grundschule solche Bildergeschichten erzählt haben (prüfen, welche bekannt sind!). Als Bibel der Bildergeschichten kann das Arbeitsbuch von Klaus Gerth (Schroedel) gelten.

Bildergeschichten verstehen und erzählen
Am Beispiel der Geschichte Nr. 4 wollen wir besprechen, wie man Bildergeschichten versteht und erzählt; das ist nicht immer einfach, weil man ja nur Bilder sieht und sich dazu etwas denken muss. Was geschieht, erkennt man erstens an dem, was im Bild dargestellt ist, und zweitens an dem, was sich gegenüber dem vorhergehenden oder den vorhergehenden Bildern verändert hat.
   Auf Bild (1) siehst du die Ausgangssituation: Vater Kaiser und sein Sohn stehen im Garten und geben den Blumen oder dem Rasen Wasser; der Dackel Willi sitzt in einiger Entfernung von ihnen und scheint nach einem Schmetterling zu schauen. Er hat im Augenblick nichts mit den Personen zu tun; denn er kehrt ihnen den Rücken zu. - Frage: Muss man erklären, warum die beiden den Garten wässern?
   (2) Es ist eine Veränderung eingetreten: Die beiden spritzen den ahnungslosen Dackel nass, der Schmetterling fliegt davon; dem Sohn scheint die Aktion Freude zu bereiten. - Fragen: Muss man erklären, warum sie den Dackel nass machen? Das ist dann etwas, was sie zwischen (1) und (2) beschlossen haben und was du dir, passend zu beiden Bildern, ausdenken musst. Woher weißt du, dass der Sohn sich freut?
   (3) gehört noch als Fortsetzung zu (2): Voller Schadenfreude lachen die beiden den Dackel aus, der das Wasser von sich abschüttelt. - Fragen: Woher weißt du, dass sie aus Schadenfreude lachen? Wie guckt der Dackel, kann man das beurteilen?
   (4) Die beiden haben sich wieder ihrer Arbeit zugewandt; Dackel Willi nähert sich ihnen. Gerade fällt der letzte Wassertropfen von seinem Schwanz. - Frage: Ist der Wassertropfen für das weitere Geschehen wichtig?
   (5) Kurz hinter Vater Kaiser nebst Sohn, die ahnungslos weiter den Garten wässern, beißt Dackel Willi in den Schlauch. - Fragen: Warum tut er das? Wann hat er das beschlossen oder sich überlegt?
   (6) Die beiden werden pitschnass und rennen entsetzt weg; Willi sitzt da und schaut ihrer Flucht voller (Schaden)Freude zu. - Fragen: Woran erkennt man die Stimmung der beiden Figurengruppen? Soll man als Erzähler das Geschehen mit einem Schlusssatz kommentieren: a) mit einem Gedanken des Dackels? b) als Erzähler mit einem eigenen Kommentar?

Wir haben hier das Schema vor uns, dass auf eine Aktion eine Gegenaktion folgt; man könnte auch von einer Flegelei sprechen, die bestraft wird (Schuld und Sühne). Jedenfalls stehen sich zwei Gruppen oder Parteien gegenüber, die miteinander zu tun bekommen und das dann austragen.
   Wenn du die Geschichte erzählst, braucht sie eine Überschrift; die überlegst du dir am besten erst zum Schluss. - Fragen: Warum tust du das am besten erst zum Schluss? Welche Überschriften kämen hier in Frage?
   Wenn du erzählst, gebrauchst du das Präteritum (sie standen, er saß...); wenn du etwas erzählst, was vorher geschehen ist, gebrauchst du das Plusquamperfekt (es hatte seit Wochen nicht geregnet). - Man spricht hier vom Verhältnis der Vorzeitigkeit (-> Schülerduden Grammatik [603] ff.).
   Wenn eine Figur etwas denkt oder spricht, wird sie normalerweise das Präsens gebrauchen („Was soll der Quatsch?“); die Vorzeitigkeit zum Präsens wird im Perfekt ausgedrückt. - Auch wenn der Erzähler etwas kommentiert, gebraucht er das Präsens; er sagt etwas, was immer gilt!

Erzähltechnik: Bildergeschichten
Am Beispiel der Bildergeschichte Nr. 6 wollen wir einige Fragen der Erzähltechnik klären:
1. „Eines schönen Abends, als Familie Kaiser schon schlief und der Dackel Willi in seinem Körbchen lag, wurde es dem Dackel Willi zu ungemütlich.“
   Hier kann „dem Dackel Willi“ durch „dem Hund“ oder „ihm“ ersetzt werden, um die Wiederholung zu vermeiden. Du musst also eine andere Bezeichnung (Nomen) suchen oder für das Nomen ein Pronomen (= Nomenersatz).
   Die Personalpronomen (-pronomina) sind: ich; du; er, sie, es (1. bis 3. Person, singular); wir; ihr; sie (Plural)
2. „Er ging zu Vater Kaiser und legte sich auf die Bettdecke von Vater Kaiser. Er wachte auf und schrie: ‚Raus hier!‘“
   In dieser Formulierung ist es Willi, der aufwacht. Es müsste mit einem besonderen Pronomen auf Vater Kaiser hingewiesen werden: „Der wachte auf...“ oder „Dieser wachte auf...“
   Das betonte „der“, „dieser“ und „jener“ heißen Demonstrativpronomen (hinweisende Pronomen).
3. Ein besonderes Problem dieser Geschichte Nr. 6 ergibt sich daraus, dass Willi viermal vom Bett verscheucht wird. Soll man seinen Gang / das Erwachen / den Zorn / den Befehl in den gleichen Worten erzählen oder die Ausdrücke wechseln? Was spricht für die eine, was für die andere Lösung? Probiere beide aus!
4. Ein Problem: Darf der Erzähler für Willi Verständnis oder Mitgefühl äußern: „Da ging das arme Tier...“? [Ist das schon Mitgefühl? Oder eine Art Beschreibung?]
5. „Als Willi traurig in sein Körbchen schleichen wollte, sah er den Puppenwagen von Susi. Er sprang hinein; doch die Puppe darin störte, die konnte er nicht gebrauchen. Dackel Willi warf sie hinaus, rollte sich auf dem Kissen zusammen und schlief ein.“
   Die Geschichte Nr. 6 ist nach folgendem Muster aufgebaut: Problem - scheiternde Lösungsversuche - rettende Idee - Problem gelöst.
   Versuche zu erklären, wieso die Formulierung „Puppenwagen“ und der vorliegende Abschluss diesem Muster nicht genügen!
6. „Neben dem Spielzimmer steht Dackel Willis Körbchen. Er schlief meistens nicht gut, weil es ungemütlich im Körbchen war. Da stand Willi auf...“
   Erkläre, was an diesem Anfang nicht gut ist! Verbessere es!
7. Ich nenne verschiedene Überschriften:
a) Gesucht - Gefunden
b) Wie du mir, so ich der Puppe
c) Dackel Willi
d) Der tierische Störenfried
e) Der warme Puppenwagen
f) Menschen sind unbarmherzig
g) Eine unruhige Nacht
Urteile selber, welche passt!

Eine Bildergeschichte erzählen - Übungsdiktat
1 Ein Erzähler weiß etwas Wichtiges oder Interessantes, was einmal geschehen ist; er will dies anschaulich und lebendig darstellen. Die Zeitform des Erzählens ist das Präteritum (er lebte, er wohnte, er ging...).
2 Der Höhepunkt soll breit erzählt werden; dabei kann man die wörtliche Rede verwenden, um Äußerungen und Gedanken wiederzugeben. Die anderen Erzählschritte sollen normalerweise zügig dargestellt werden.
3 Was in einer Bildergeschichte erzählt wird, ist eher witzig als wichtig. Diesen Witz der Geschichte muss man erfassen; er soll in der Überschrift angedeutet werden, ohne dass er bereits verraten werden dürfte.
4 In der Geschichte Nr. 46 besteht der Witz darin, dass Papa Moll mit dem Revolver den Räuber nicht besiegen kann, während der Sohn es mit einer Heftzwecke schafft. Der Höhepunkt liegt in Bild 6, wo der Bösewicht entwaffnet wird.
5 Ein Erzählerkommentar könnte lauten: „So hatte der Sohn mit der Heftzwecke einen großen Sieg errungen.“ Eine Regel als Kommentar stände im Präsens: „Auch mit kleinen Waffen kann man siegen.“ Die Überschrift soll auf den Kommentar abgestimmt sein.
6 Meistens ist die Ausgangssituation in sich klar: Man sieht, wer wo ist und was er tut. Man muss aber eine Vorgeschichte erzählen, wenn das erste Bild eine solche erfordert; das Tempus ist dann das Plusquamperfekt.
7 Genauestens muss man die Veränderungen von einem Bild gegenüber dem vorhergehenden beachten! Wichtig ist das Mienenspiel der Figuren; in ihrem Gesichtsausdruck und ihrer Körperhaltung drücken sie ihre Empfindungen aus.
8 Probleme wirft die Frage auf, wie viel man erfinden darf. Wenn bekannte Figuren auftreten (Vater Kaiser, Dackel Willi), muss man ihre Namen benutzen. Für unbekannte Figuren soll man einen einfachen Namen erfinden.
9 Woher hat der Sohn in der Geschichte Nr. 46 die Heftzwecke? Am einfachsten ist die Annahme, dass er sie unter dem Bett (Bild 2) gefunden hat. Woher Papa Moll den Revolver hat, ist in dieser Geschichte völlig unwichtig.
10 Zwischen zwei Bildern passiert nichts, was man nicht im nächsten sieht; so ist es überflüssig, zwischen Bild 3 und 4 der Geschichte Nr. 46 eine Jagd an mehreren Zimmern vorbei anzunehmen.
11 Die Regel lautet: Man soll möglichst wenig erfinden. Eine andere Regel besagt: Erzähle den Schluss kurz und bündig! Die wichtigste Regel aber heißt: Beachte den Zusammenhang des Geschehens!

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Das Erzählen ist der Ort, an dem man angemessen über das Tempussystem sprechen kann:

Tempusformen und Tempussystem im Deutschen

1. Vorbemerkungen
a) Die lateinischen Bezeichnungen führen in die Irre, wenn man meint, sie drückten die Leistungen der deutschen Tempusformen aus.
b) Wir unterscheiden zwischen Zeit oder Zeitstufen (Vergangenheit - Gegenwart - Zukunft) und den sechs (oder mehr oder weniger - das ist umstritten) Tempusformen der deutschen Sprache.
c) Die Tempusformen haben nicht nur eine zeitliche Bedeutung.
d) Soweit sie eine zeitliche Bedeutung haben, gilt diese aus der Sicht des jeweiligen Sprechers (deixis); dies gilt (indirekt) auch für das zeitliche Verhältnis zweier in Sätzen benannter Ereignisse.
e) Zeitliche Verhältnisse können auch anders als durch Tempusformen ausgerückt werden: durch Adverbien (morgen), durch Nomina (am Mittag), durch Adjektive oder Partizipien (im kommenden Jahr) und durch weitere Möglichkeiten.

2. Hauptsätze
a) Das Präsens bezieht sich auf ein Geschehen, das schon oder noch abläuft, und in diesem Sinn auf „Gegenwärtiges“ bzw. Nicht-Vergangenes.
* In der Duden-Grammatik (6. Aufl.) wird bei den Zeitstufen „der Unterschied zwischen Vergangenheit - Nichtvergangenheit“ als für das deutsche Tempussystem wesentlich herausgestellt, weil er für den Funktionsunterschied der beiden Haupttempora Präsens und Präteritum verantwortlich ist; denn auch Zukünftiges wird meistens durch Präsens mit Zeitangabe bezeichnet.
b) Das Präteritum wird (zum Erzählen und Berichten) gewählt, wenn ein Geschehen oder eine Handlung vergangen (und abgeschlossen) ist. Auch das Plusquamperfekt bezieht sich immer auf Vergangenes.
c) Das Perfekt bezeichnet gemäß seiner Bildung (Hilfsverb + Partizip II) den Vollzug oder Abschluss einer Handlung; das wird meistens von Vergangenem gesagt, aber auch in allgemein gültigen Aussagen oder für die Zukunft.
[Im mündlichen Erzählen wird gerade im Norddeutschen oft das Perfekt statt des Präteritums verwendet.]
d) Das Futur I kann sich wie das Präsens auf Gegenwärtiges wie Zukünftiges beziehen; gerade dem Futur I kommt die modale Komponente „Vermutung“ zu, nach Heinz Vater ist diese sogar die eigentliche Bedeutung des Futur I.
e) Für die Feinheiten im Tempusgebrauch sollte man mehrere Grammatiken zu Rate ziehen.
f) Die möglichen Bedeutungen des Präsens nach W. Jung: Grammatik der deutschen Sprache (10. Aufl.):
* Es bezeichnet ausgesprochen gegenwärtiges Geschehen;
* es bezeichnet Vorgänge von Dauer;
* es bezeichnet die Allgemeingültigkeit;
* es bezeichnet in Verbindung mit Temporalangaben Zukünftiges;
* es bezeichnet in Verbindung mit Modalwörtern eine Vermutung;
* es drückt einen energischen Befehl aus (meistens 2. Person);
* es steht als historisches Präsens in Aussagen über Vergangenes.
g) Für den relativen Gebrauch (zeitlicher Bezug zweier Sätze) gelten die Grundregeln:
* Zum Ausdruck der Gleichzeitigkeit der beiden Geschehnisse steht in Teilsätzen das gleiche Tempus.
* Zum Ausdruck der Vorzeitigkeit steht das Perfekt neben Präsens und Futur I, das Plusquamperfekt neben Präteritum.
* Zum Ausdruck der Nachzeitigkeit können in den Teilsätze gleiche oder unterschiedliche Tempusformen gewählt werden.
* Temporale Adverbien, Konjunktionen oder andere Zeitangaben verdeutlichen das Zeitverhältnis; deshalb gelten die genannten Regeln auch nicht ganz streng.

3. Merksatz
Ein Tempuswechsel in einem Text signalisiert etwas; beim Lesen sollte man auf Tempuswechsel achten und sie nicht nur notieren, sondern auch im Kontext zu verstehen suchen.

4. Zusatz
Neben dem Zeitbezug können Tempusformen auch einen Aspekt des Geschehnisses oder eine Aktionsart ausdrücken.
   Die Aktionsart ist leichter zu verstehen: Spielart eines Geschehens im Blick auf die Art seiner inhaltlichen Modifizierung (iterativ, intensiv, kausativ, faktisch und inchoativ).
   Der Aspekt bezeichnet die Verlaufsweise eines Geschehens im Hinblick auf sein Verhältnis zum Zeitablauf:
a) duarativ/imperfektiv (länger andauernd: schlafen, essen);
b) perfektiv/punktuell (zeitliche Begrenzung: Beginn oder Abschluss eines Geschehens: einschlafen - ausessen).

5. Schlussbemerkung
Na, sagen wir es ruhig: Das Ganze ist ziemlich kompliziert; aber kann man eine geschichtliche Entwicklung von mehr als tausend Jahren in ein einfaches System pressen? Vater (Einführung in die Zeit-Linguistik, 1994, Anm. 17) berichtet übrigens, wie das heutige Futur I von Mönchen im Mittelalter erfunden wurde, um das lateinische Futur übersetzen zu können: Neben der heutigen Form ("werden" + Infinitiv) gab es damals noch andere Übersetzungsversuche, aber der uns bekannte Versuch hat sich schließlich durchgesetzt.

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