Märchen analysieren - fortsetzen - schreiben

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Damit man weiß, wie man Märchen schreibt oder fortsetzt, sollte man zunächst kurz die Elemente von Märchen herausarbeiten (analysieren). (Manche Erzählungen, die bei "Märchen" aufgeführt sind, sollte man besser zu den Schwänken zählen; es sind lustige Geschichten von der Dummheit anderer, etwa "Die kluge Else" oder "Der Frieder und das Catherlieschen".)

Märchenanalyse (Beispiel)
Wenn wir jetzt Märchen untersuchen, legen wir ein einfaches Schema zugrunde:
Wir achten darauf, welche Aufgaben den Figuren gestellt werden und wie sie diese lösen. Wenn jemand seine Aufgabe gut löst, also sich bewährt, wird er im Märchen grundsätzlich belohnt; wenn er seinen Auftrag nicht ausführt, also versagt, gibt es zwei Möglichkeiten:
a) Er versagt ohne eigenes Verschulden, also unwissend oder unabsichtlich; dann bekommt er eine neue Aufgabe;
b) er hat aus eigener Schuld versagt; dann wird er bestraft.

Aufgabenstellung:
Suche im Märchen „Frau Holle“ die Aufgaben der schönen Tochter:
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Du siehst leicht, dass sie ihre Aufgaben löst. Eine ihrer Aufgaben kann sie aber nicht aus eigener Kraft lösen. Welche ist es und wie löst sie diese?
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Schreibe auf, womit sie belohnt wird:
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Du siehst leicht, dass die andere Tochter ihre Aufträge nicht oder unvollständig ausführt. Suche im Text den Grund oder Gründe, warum sie versagt:
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Fragen an deine Fantasie:
Wie könnte die schöne Tochter außerdem noch belohnt werden?
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Das erzählte Geschehen könnte auch anders ausgehen: „Weil es so mit Gold bedeckt war, öffnete zu Hause niemand die Tür; denn die Mutter und seine Schwester beneideten die Schöne und schämten sich ihrer eigenen Armut.“
Erzähle, wie das Mädchen diese neue Aufgabe lösen kann!

Elemente von Märchen - Übungsdiktat
1 In der Überschrift wird angedeutet, dass viele Märchen aus den gleichen Elementen bestehen; wie bei einem Baukasten kann man aus wenigen gleichartigen Elementen ganz verschiedene Figuren bauen, eben die Märchen.
2 Das wichtigste Element ist der Held oder die Hauptfigur. Oft hat er einen Gegenspieler (Gegner); auch ein Mädchen oder eine Frau kann die Heldin sein. Daneben gibt es weitere Figuren mit verschiedenen Funktionen.
3 Meistens kommt der Held nicht ohne einen oder mehrere Helfer aus; das ist der Fall, wenn er vor einer unlösbaren Aufgabe steht -, und Aufgaben zu lösen ist sozusagen der Hauptberuf des Helden.
4 Er kann sich an seinen Aufgaben bewähren, weil er ein guter, fleißiger oder hilfsbereiter Mensch ist; manchmal ist er klug. Wenn das alles nicht reicht, weil die Aufgabe zu schwer ist, muss er von jemand besondere Hilfsmittel bekommen.
5 Wer sich im Märchen an einer Aufgabe bewährt, wird grundsätzlich belohnt. Er kann auch mehrere Aufgaben und mehrere Belohnungen bekommen; solche Wiederholungen sind für volkstümliche Erzählungen typisch.
6 Es dürfte klar sein, dass ein Held alle seine Hilfsmittel benutzen muss - andernfalls würden sie ja nicht erwähnt werden; er wird also so viele Taten oder Handlungen vollbringen, bis sein Vorrat an Hilfsmitteln erschöpft ist.
7 Wenn jemand vor einer Aufgabe versagt, kann das verschiedene Gründe haben: Er versagt schuldlos oder unabsichtlich; dann bekommt er eine neue Aufgabe, an der er sich bewähren kann.
8 Wer dagegen aus Bosheit, Faulheit oder Habgier versagt, gilt im Märchen als schlechter Mensch; er gehört bestraft. Er bekommt in der Regel auch nicht die Gelegenheit, sich an einer anderen Aufgabe zu bewähren.
9 Ein wesentliches Element der Märchen ist es, dass manche Figuren über eine zauberhafte Macht verfügen; diese wird von Feen und ihren Kolleginnen zum Guten, von Hexen und ihren Genossen zum Bösen verwendet.
10 In den Märchen ist die Welt ganz einfach und klar aufgebaut:
Wer gut ist, bewährt sich; wer sich bewährt, wird belohnt. Die Bösen versagen und werden bestraft. Beides ist im wirklichen Leben oft anders.
11 Vielleicht sind die Märchen trotzdem nicht sinnlos; in ihnen drückt sich auch die Freude aus, dass einfache Menschen es zu etwas bringen können, und die Hoffnung, dass es eine ausgleichende Gerechtigkeit gibt.
12 Es wäre auch zu überlegen, ob man manchmal nicht wie verwandelt ist, wie verhext, als ob man unter einem bösen Zauber stände; man kann später nicht begreifen, wie man etwas so Dummes oder Schlimmes hat tun können.
13 Es gibt noch viele Arten von Märchen oder verwandten Erzählungen; damit brauchen wir uns jetzt nicht zu befassen. Wir wollen vielmehr überlegen, wie wir mit den oben genannten Elementen selber Geschichten erzählen können.

Die Aufgabe, Märchen zu schreiben bzw. fortzusetzen, stelle ich Ende der Kl. 5 oder in Kl. 6 im Gymnasium; sie ist nicht besonders schwer, weil sich ja Elemente identifizieren lassen, deren Abfolge plausibel ist.
   Ich halte es dann so, dass ich wenig bekannt Grimmschsche Märchen nehme und sie dort abschneide, wo eine (erste) große Aufgabe für den Protagonisten gestellt ist; das ist in der Regel nach 25-40 Zeilen der Fall.
Einige besonders gelungene Arbeiten kann man in einem kleinen Märchenbuch der Klasse veröffentlichen.
Besonders gelungene Arbeiten kann man in einem Märchenbuch der Klasse veröffentlichen.
   Anspruchsvoller ist die Aufgabe, Märchen umzuformen, sei es spielerisch, sei es mit einem zeitkritischen Akzent; solches war vor 30, 40 Jahren eine Mode, die inzwischen leider fast in Vergessenheit geraten ist. Für einen Literaturkurs könnte dies eine reizvolle Aufgabe sein. Beispiele waren etwa
Janosch erzählt: Grimm's Märchen (1972)
Kaiser, Erich: Erzähl mir doch (k)ein Märchen, Frankfurt 1981
Grimms Märchen - modern. Prosa, Gedichte, Kartikaturen. Hrsg. von Wolfgang Mieder. RUB 9554
Fetscher, Iring: Wer hat Dornröschen wachgeküßt? Das Märchen-Verwirrbuch, 1972 (exzellent!)
sowie alles das, was damals und später zum Stichwort "umerzählen" zum produktiven Schreiben gesagt worden ist.

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