Diese Erzählform: etwas aus einer anderen Perspektive erzählen, schätze ich, weil sie zu einem relativierenden und damit klugen Sehen und Denken erziehen kann (könnte? soll?). Ich übe diese Erzählweise in Kl. 6 oder 7 des Gymnasiums ein, vor allem mit Schelmengeschichten und Erzählungen J. P. Hebels. Man kann die Form bis zum Abitur pflegen: Auch Aineias kann sich darüber Gedanken machen, warum Kassandra wohl nicht mit ihm gefahren ist.
Schelmengeschichten haben den Vorteil, dass die Perspektiven eines Gauners und eines Betrogenen oder die eines Betrügers und eines ehrlichen Menschen sich erheblich unterscheiden.
Ich werde im Folgenden ein Übungsdiktat zum Thema sowie eine Reihe von Überlegungen zur Thematik vorstellen, damit sich geneigte Kolleginnen und Kollegen zu der von mir geschätzten Erzählform bekehren lassen:
Aus einer anderen Perspektive erzählen - Übungsdiktat
1 Wir leben als Menschen nicht nur neben anderen, sondern auch mit ihnen; wir können uns in ihre Lage versetzen, um die Welt mit ihren Augen zu sehen, welche nicht immer das Gleiche wie wir erblicken.
2 Deshalb können wir auch Erzählungen umformen, indem wir die Perspektive verändern, in der die Ereignisse gesehen werden. Wir fragen also etwa, wie Marcel die Szene im Restaurant erlebt. Was für ein Mensch ist Marcel?
3 Wir wissen von Marcel so viel, wie uns der Erzähler von ihm mitgeteilt hat. Marcel weiß von sich selber eine Menge mehr als wir; wenn wir aus seiner Perspektive erzählen, müssen wir also manchmal vorsichtig etwas von Marcels Wissen erfinden.
4 Anderseits weiß Marcel natürlich nicht, was andere über ihn denken oder was in seiner Abwesenheit geschieht; er kann höchstens bemerken, dass jemand so aussieht, als ob er etwas Bestimmtes dächte; er kann vermuten, was geschehen sein könnte.
5 Der vorgegebene Text kann also stark gekürzt werden, wenn der Ich-Erzähler etwas nicht weiß oder bemerkt; wenn er aber etwas Wichtiges, Bedrohliches oder Rätselhaftes erlebt, kann der Text auch erweitert oder gedehnt werden.
6 Im Lesebuch (Unterwegs 7, S. 148 ff.) lernen wir den Erzähler kennen, der in der Ich-Perspektive spricht, und den auktorialen Erzähler; dieser kennt sogar die geheimsten Gedanken aller Figuren und weiß beim Erzählen, wie das Geschehen endet.
7 Wir finden auch ein Beispiel für personales Erzählen; davon spricht man, wenn während des Erzählens unmerklich die Perspektive in eine der beteiligten Personen verlegt wird. Außerdem gibt es den unbeteiligten neutralen Erzähler.
8 Was die erzählende Person selber sagt, fühlt, denkt und erlebt, wird in der 1. Person formuliert: „Ich“, „wir“, „mein“ und „unser“ sind die Pronomen der 1. Person; sie zeigen an, dass der Erzähler das Geschehen selber erlebt (hat).
9 Irgendwann, nicht unbedingt am Anfang, muss angedeutet werden, wann das Geschehen sich ereignet. Auch muss beachtet werden, wem und wozu die neue Fassung der Geschichte erzählt wird; zu seinen Freunden spräche Marcel anders als zu seiner Oma.
Aus einer anderen Perspektive erzählen
Wie man aus einer anderen Perspektive erzählen kann, wurde im Anschluss an die Erzählungen „Neben dem blauen Seepferdchen“ (Unterwegs 7) untersucht.
Der Junge (oder das blinde Mädchen) als der neue Erzähler (mit Ich-Perspektive)
1. weiß nicht alles, was bisher geschehen ist (d.h. die Vorgeschichte), und ist infolgedessen über manche Ereignisse überrascht [Ob das Mädchen wohl seine Schwester war?], vielleicht weiß er aber mehr als andere Figuren; manche Dinge versteht er aufgrund seiner Vorkenntnisse nicht (warum das blinde Mädchen an der Hand zum Nichtschwimmerbecken geführt wird);
2. nimmt wegen seiner Interessen nicht alles wahr, was gerade geschieht;
3. erlebt (empfindet) das, was er vom Geschehen wahrnimmt, auf seine Weise:
-- er freut sich über bestimmte Dinge, ist stolz auf seine Leistungen usw.;
-- er ärgert sich über einiges, ist davon betroffen, gekränkt...
-- manche Dinge sind ihm gleichgültig, die für andere wichtig sind (tauchen);
4. er hofft und befürchtet von dem, was auf ihn zukommt, vielleicht etwas anderes als andere Figuren; der Junge verspricht sich von seinem Tauchvorhaben, dass er damit auf das Mädchen Eindruck macht.
5. Von großer Bedeutung ist sodann die Situation, in der jemand etwas erzählt. „Der geheilte Patient“ (Hebel) wird seine Enkelkinder lustig belehren, wie viel er gefressen hat, ehe er durch vernünftige Lebensweise gesund geworden ist; an seinem 80. Geburtstag kann er mit dieser Geschichte seinen Freunden erklären, wie er durch den klugen Arzt und dessen medizinischen „Trick“ zur Vernunft gebracht worden ist; jetzt hat er Distanz von seiner früheren Dummheit. - Er selber wird eine andere Sprache als der Arzt in dessen Antwortbrief sprechen.
Die Erzählsituation wird in einer Rahmenerzählung entfaltet; diese kann, aber muss nicht in der Ich-Perspektive des neuen Erzählers dargestellt werden.
6. Grundsätzlich spricht jemand ausführlich von dem, was für ihn wichtig ist, aber wenig davon, was ihn nicht interessiert (Begriff der Zeitstruktur!).
7. Wörtliche Rede, die man aus der Vorlage übernimmt, muss wörtlich übernommen werden; durch jede Änderung signalisiert man, dass die neue Figur etwas anderes gehört hat als der alte Erzähler. - Man kann sinngemäß auch neue wörtliche Rede einfügen.
Kontrollfragen (Idee von Jan Feiter):
1. Ist der alte Text sachlich richtig erfasst und beachtet?
2. Der neue Ich-Erzähler und seine Perspektive:
a) technisch: Ist das, was er erlebt, zusammenhängend erzählt?
- Ist die Ich-Perspektive durchgehalten?
- Passen wörtliche und indirekte Rede zu ihm?
b) Entspricht das von ihm „Erlebte“ dem neuen Ich-Erzähler? Ist also „echt“ und glaubthaft erzählt? Sind die richtigen Stellen gestrichen bzw. erweitert?
3. Der kommunikative Aspekt: Es wird etwas einem Zuhörer erzählt.
a) Sind die Situation, in der erzählt wird, und das Verhältnis zum
Zuhörer (auch sprachlich) erfasst?
b) Passt die Selbstdarstellung des Erzählers?
c) Wird auch sprachlich intensiv (zum Miterleben!) erzählt?
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Aus dem Unterricht meiner 6. Klasse (2006/07) möchte ich hier Folgendes festhalten:
1. "Man könnte das auch anders sehen."
Das ist die Grundidee unserer neuen U-Reihe: Der eine sieht es so, aber von einem anderen Standpunkt aus könnte man es auch anders sehen. Das fängt schon mit der Frage an, wo links ist; "links" ist nämlich von sich aus nirgendwo - nur wenn klar ist, in welche Richtung ich schaue oder gehe, kann man sagen, wo von mir aus gesehen links ist. Von einem anderen Standpunkt aus (oder in eine andere Richtung geschaut) ist links anderswo.
Auch die Geschichten von Nasreddin Hodscha zeigen das jeweils auf ihre Weise: Der Bettler meint, Nasreddin könnte seine Arbeit unterbrechen und vom Dach steigen... - Nasreddin hält das für eine blöde Zumutung und meint, wenn der Bettler etwas wolle, könnte der ja hochklettern... Pascal hat nicht Unrecht, wenn er in einigen dieser Geschichten das Sprichwort erblickt: "Wie du mir, so ich dir." Erst wenn man das Zweite mitkriegt, versteht man oft, was man dem anderen angetan hat [und wie das in dessen Sicht ausgesehen hat]. Das schönste Beispiel hierfür ist das Grimm'sche Märchen vom alten Großvater und seinem Enkel. Wer kennt es?
Der Unterricht wird darauf hinauslaufen, dass wir Geschichten aus einer anderen Perspektive neu erzählen.
2. Aus anderer Perspektive etwas neu erzählen
Das ist das Vorhaben, in dem wir gerade arbeiten. Unser erster Versuch, die Erlebnisse der beiden Freunde aus Jenös Sicht zu sehen und zu erzählen, hat uns bereits die wesentlichen Einsichten gebracht, wie man aus anderer Perspektive etwas erzählen kann.
Jasmin hat als Kriterium für das, was Jenö seiner Oma wohl erzählen wird, genannt: "Ich habe mich gefragt, was ich meiner Oma erzählen würde." Das ist ein guter Gedanke, weil dabei von einer vergleichbaren Situation ausgegangen wird; aber der Gedanke ist noch nicht sehr gut, weil "ich" nicht gleich dem Zigeunerjungen Jenö und "meine Oma" nicht gleich Jenös Oma ist. Wir haben dann herausgefunden, dass man klären muss,
1. was Jenö überhaupt weiß (also was er selber wahrgenommen hat),
2. was für ihn selber dabei [vermutlich] wichtig war (weil es ihn erfreut oder geärgert hat),
3. was für ihn [vermutlich] auffällig (neu, unbekannt) war;
* eventuell könnte man zusätzlich überlegen, was nach Jenös Meinung seine Großmutter interessieren wird - aber mit einer solchen Überlegung ist ein achtjähriger Junge sicher überfordert, das braucht man also nicht zu beachten; außerdem darf man annehmen, dass eine Oma sich für alles interessiert, was ihr Enkel ihr zu erzählen hat.
Dieser erste große Arbeitsschritt heißt "schauen" oder "suchen"!
Wir haben auch schon wichtige Überlegungen angestellt, wie man dann vorgehen soll:
1. alle Themen Jenös mit einem Stichworte festhalten (sammeln);
2. die Reihenfolge fürs Schreiben festlegen, indem man die Stichwörter einfach nummeriert (sortieren);
3. dann erst schreiben.
Diese Reihenfolge könnt ihr euch für die nächsten Jahre als Arbeitsschritte merken, es sind die vier S: schauen - sammeln - sortieren - schreiben; oder zu Deutsch: nicht einfach darauflos schreiben, ehe man geplant hat, was man schreiben will.
Ich habe euch gebeten, auch noch kurz die Situation zu berücksichtigen, in der Jenö seiner Oma die Geschichte erzählt; diese Situation gebe ich euch demnächst immer vor, weil man ja nie einfach so etwas etwas erzählt. Nehmen wir also als Situation:
Die Oma fragt Jenö beim Abendessen, was für ein Junge denn sein neuer Freund Peter ist.
3. Mit anderen Augen sehen
Wenn ich erzähle, wie jemand mit anderen Augen die Ereignisse sieht, dann muss ich mich zuerst fragen: Was weiß er überhaupt und was nicht? Der Bauer weiß also nicht, dass der Student zuerst gesagt hat, er komme aus Paris; er weiß also insgesamt nicht, wieso seine Frau auf die Idee gekommen ist, da sei jemand aus dem Paradies gekommen. Vom Gespräch der beiden weiß er nur, was seine Frau ihm erzählt hat.
Die zweite Frage lautet: Wie hat er das, was er mitgemacht hat, erlebt? Wann hat er sich gefreut, worüber hat er sich geärgert, worüber hat er sich gewundert? Geärgert hat sich der Bauer, dass seine Frau Kleidung und Geld an einen Betrüger verschenkt hat - wo er sich doch den ganzen Tag müde macht, um Geld zu verdienen. Geärgert hat er sich, dass sie so blöde sein kann anzunehmen, es könnte jemand aus dem Paradies kommen. Noch mehr (?) geärgert hat er sich, dass er selber in seiner Wut auf den gleichen Betrüger hereingefallen ist.
Wenn ich nun überlegt habe, was ich erzählen will, lautet die dritte Frage: Wie kann ich es am besten schreiben? Dazu muss ich einmal beachten, wem der Bauer sein Missgeschick erzählt: in der Männerrunde (und wie das Thema heißt: „wie dumm man sich anstellen kann“). Er kann also hier seine eigene Dummheit zugeben, weil so etwas ja offensichtlich jedem passieren kann; und seine Erzählung muss auch so (lustig, komisch, witzig) sein, dass die anderen Männer gut unterhalten werden.
Das heißt dann: Der Bauer kann nicht sagen: „Ich erschrak...“, auch wenn der Erzähler in der Vorlage sagt: „Der Bauer erschrak.“ Überlege: Wie erlebt das jemand, wenn er erschrickt? „Mir stockte der Atem!“ Was denkt er, was empfindet er in solchen Momenten? Wenn jemand sich ärgert? „Ich hätte platzen können, ich hätte sie würgen können...“
Die letzte, rein technische Frage heißt dann: Wie kommt der Bauer dazu, von seinem Missgeschick zu erzählen? Wie binde ich die Erzählung in die Situation der Männerrunde ein? Vielleicht haben die anderen ihn gefragt, warum er zu Fuß (oder mit seinem alten lahmen Pferd) gekommen ist... Diese Idee könnte man aber auch für den Abschluss gebrauchen: „Und deshalb muss ich heute auf meinem alten Pferd nach Hause reiten, welches ich eigentlich schon vor einem Monat zum Metzger bringen wollte.“
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Zu Böll: Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral / Beispiel für eine Alternative:
Brief des Touristen an ...
Lieber Heiner,
seit einer Woche bin ich in Portugal; herrliches Wetter, gute Unterkunft, die Leute sind freundlich - was will ich mehr? Und seit gestern Abend kann ich meinen philosophischen Neigungen frönen: Ich bin ins Nachdenken gekommen. Lach‘ nicht, das ist wirklich der Fall; ich will dir erzählen, wie es dazu kam.
Gestern Nachmittag ging ich hier am Hafen spazieren, als ich einen einheimischen Fischer in seinem Boot dösen sah - ein wunderbares Motiv: Ruhe nach der Arbeit, und das alles vor dem Hintergrund der schaukelnden Bootsmasten, fantastisch! Ich habe ein paar Fotos geschossen und kam dann mit dem Fischer ins Gespräch, warum er bereits am frühen Nachmittag zu arbeiten aufhört. Ich versuchte ihm klar zu machen, wie er seine Arbeit betriebswirtschaftlich verbessern, also ausweiten und absichern könnte, aber irgendwie kam ich diesem südlichen Phlegma nicht bei; er sei zufrieden, sagte er, er sei glücklich, genieße den Tag und die Sonne. Zum Schluss wurde er persönlich: Nur ich und meine Knipserei hätten ihn in seiner Ruhe gestört. Ich wusste nichts mehr zu sagen und fing, wie gesagt, betroffen an nachzudenken; ich beneidete den Mann regelrecht, weil er einerseits zufrieden und anderseits schlagfertig war und mich regelrecht hatte abblitzen lassen. Er erinnerte mich ein bisschen an die Bibel, an Jesus, an die Worte vom Sorgen, du kennst sie ja: Vertrauen „auf den himmlischen Vater“ und so weiter, ob da doch etwas dran ist? Einfach heute leben - der nächste Tag kommt von selber!? Das hat auch etwas für sich, bestimmt!
Am Abend habe ich mir dann eine Flasche Rotwein aufgemacht und mich in den Garten gesetzt: Sind wir alle bescheuert, weil wir mehr arbeiten, als wir unbedingt tun müssen, um „das tägliche Brot“ kaufen zu können? Je länger ich nachdachte, desto mehr kamen mir Zweifel an der „schönen“ südlichen Lebensweise: das tägliche Brot, schön und gut, aber manchmal darf‘s auch Kuchen sein oder ein Essen im argentinischen Steakhaus, oder? Und was tut der gute Fischer, wenn er morgen krank wird und weder Versicherung noch ein finanzielles Polster hat? Von seinem Alter gar nicht zu reden - wer unterstützt ihn dann? Muss er nicht seinen Sohn zwingen, das gleiche Handwerk auszuüben und den alten Vater im alten Haus zu versorgen? Die Schwiegertochter wird nicht gefragt, sie heiratet eben ein! Und dieses ganze Leben in seiner stillen Zufriedenheit, ist es nicht auch ein Leben in Stumpfsinn und Schicksalsergebenheit, ohne die Hoffnung auf Verbesserung und die Teilnahme an der Kultur?
Weißt du, auch der großkopfete Autor Heinrich Böll, unser Nobelpreisträger, hat ja nicht aufgehört zu schreiben, als er genug Geld hatte, um leben zu können, - da hat er Anekdoten zur Senkung der Arbeitsmoral geschrieben, auf jeden Fall aber weiter geschrieben! Was lehrt uns das? Man darf seine Anekdote nicht allzu wörtlich nehmen, sonst erliegt man einer Lebenssicht, welche nur für Touristen inszenierte Idyllen als Ideal kennt. Ich habe, indem ich nachgedacht habe, vom Fischer gelernt - nun müsste der Fischer noch unser Leben, seine Sicherheit, seine vorsorgliche Planung kennen und auch nachdenken. In dem Sinn grüße ich dich, mit dem Blick auf malerische Fischer und dem Ziel eines gesicherten Lebens, aus Portugal!
Dein Hanno
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