Wir haben H. Weinrich: Semantik der Metapher (TTS, S. 371 f.) gelesen, um einen theoretischen Hintergrund für das Verständnis von Metaphern (im Gedicht, in polit. Rede) zu gewinnen:
1. Der Bedeutungsumfang eines Wortes ist normalerweise weit. (Wörter bezeichnen Klassen von..., sie sind keine Namen.)
[Einwand: Es gibt Prototypen von...; so ist z.B. für viele Deutsche eine Meise oder eine Amsel das, was man sich bei "ein Vogel" vorstellt.]
2. Wörter determinieren einander (im Satz, im Text) und reduzieren dadurch ihren Bedeutungsumfang.
* determinatio est negatio.
3. Eine Metapher ist immer ein Stück Text; Beispiel dafür ist "Windrose": Wind -> Rose.
[Einwand: Das ist nur für neue Metaphern richtig; "Windrose" ist längst ein Wort geworden, steht im Wörterbuch!]
* Der ganze Satz (bzw. der Satz) ist Metapher, nicht ein Wort (Bsp.: "Eure Seele...")
4. Die Bedeutung eines Wortes ist eine (durch den Sprachgebrauch bekannte) Determinationserwartung; durch die Determination wird die Erwartung eingeschränkt (und so bestätigt).
* In einer (neuen) Metapher wird die Erwartung nicht erfüllt (Konterdetermination), d.h. man muss sie aus dem Kontext erschließen.
Auswertung für das Verstehen:
Bedeutung gibt es nur im Kontext (Prinzip, den Kontext zu beachten).
Bedeutung wird überprüft durch eine Ersatzprobe bzw. durch Suche des Antonyms.
Bei einem Gedicht sucht man nur die Bedeutung der Worte, aber keinen "tieferen Sinn"!
Nicht nur Schüler lieben den "tiefen" Sinn, auch die Autoren von Analysen sind nicht gegen das Spinnen gefeit. So habe ich im Zusammenhang mit Celans "Todesfuge" die Vermutung gefunden, "Fuge" spiele auch auf lat. fuga, die Flucht, an (P. H. Neumann, in: Geschichte im Gedicht, es 721, S. 233); und der wirklich belesene Dieter Hoffmann sieht in den Rüden des Aufsehers und in ihrem Herrn mythische Größen (Arbeitsbuch Deutschsprachige Lyrik seit 1945, 1998). Aber ein Fuge ist schlicht ein Musikstück und ein Rüde ein Hetzhund, wie man in einem guten Wörterbuch lesen kann (Bünting; Paul) - das genügt, um die Wörter zu verstehen; tiefsinnig zu fabulieren ist nicht erforderlich.
Jan Knopf hat in seinem alten Brecht-Handbuch (Lyrik, Prosa, Schriften, 1984) Jürgen Link nachgewiesen, dass er bei der Auslegung von Brechts Gedicht "Der Rauch" gesponnen hat (S. 193 ff.): "Während das Gedicht die Elemente in Zusammenhänge stellt und sie so bewußt macht, reißt die symbolische Deutung diese Zusammenhänge auseinander und kommt so zu beliebigen Ergebnissen." (S. 196) Recht hat er - und wenn Link das assoziative Verfahren (Was fällt mir dazu ein?) jetzt "Konnotation" nennt und sich auf Gesellschaftliches bezieht, wird sein Spinnen "modern", bleibt jedoch Spinnen.
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