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Donnerstag, 28. Juni 2007

Chinua Achebe: Okonkwo oder Das Alte stürzt (es 1138)

Vor einigen Tagen oder Wochen hat besagt Herr Achebe einen englischen Literaturpreis bekommen; aus diesem Grund wurde er im WDR vorgestellt, aus diesem Anlass "kenne" ich ihn erst, ihn und seinen 1958  erschienenen großen Roman vom Leben der Afrikaner in Nigeria vor und nach der Ankunft weißer Missionare: Das Alte stürzt.

Erzählt wird also das Leben des Herrn Okonkwo - eines starken, nicht immer sympathischen Mannes, der unter dem Eindruck, Sohn eines verkommenen freundlichen Faulenzers zu sein, hart gegen sich und andere geworden ist; ein kämpferischer Mann, der Erfolg hat, Ansehen in seinem Dorf gewinnt; der schließlich für sieben Jahre ins Exil muss, weil er durch die Explosion seines Gewehrs einen Dorfgenossen getötet hat; der erlebt, wie in dieser Zeit das Dorf unter dem Einfluss zweier englischer Missionare sich verändert hat: seinen Geist aufgegeben hat; der schließlich einen der Gerichtsdiener, die ihn gedemütigt hatten, tötet und sich anschließend erhängt.

Makabre Pointe ist zum Schluss, dass der Distriktsverwalter diesem verzweifelten Selbstmord ein Kapitel oder zumindest einen größeren Abschnitt in einem gepanten Buch widmen will, dessen Titel schon feststeht: "Beiträge zur Befriedung der Eingeborenenstämme im Gebiet des Unteren Niger". - Eine Kritik des von den Weißen gebrachten (christlichen) "Fortschritts" aus afrikanischer Sicht. Unbedingt lesenswert!

Pascal Mercier: Nachzug nach Lissabon

Ein ziemlich spannendes Buch - ich habe die knapp 500 Seiten in zwei Tagen gelesen; aber eben ein Bestseller: reißerisch, nicht ohne triviale Plattitüden, vom kirschroten Mund der süßen Schülerin bis hin zu den Unwahrscheinlichkeiten, dass der Held Raimund Gregorius immer jemanden findet, der ihn aufnimmt, und dass er innerhalb kürzester Zeit Portugiesisch lernt, nun ja. Auch die Charaktere sind holzschnittartig gezeichnet: überdeutlich.

Erzählt wird also der Aufbruch des Raimund Gregorius, eines altsprachlichen Privatgelehrten par excellence, sein Ausbruch aus dem engen Gehäuse seiner Bücher- und dem weiteren Gehäuse seiner Schulwelt: im Nachtzug nach Lissabon. Er begegnet den Schriften des zweiten Helden, des lange verstorbenen Herrn Amaden de Prado. Dieser gottlose "Priester" des Atheismus mit seinen menschlichen Defekten, dieser unerbittliche Denker und Essayist hat als gebildeter Arzt offensichtlich einiges von Nietzsche gelesen und verarbeitet; er kennt die europäische Literatur und hat, etwa Kafka folgend, auch einen Brief an den Vater geschrieben...

Im Buch wird also erzählt, wie Gregorius den Schriften Prados begegnet, wie er sich in Portugal einlebt und wie er verschiedenen Leuten, die Prado persönlich gekannt haben, aber jetzt steinalt sind (jedoch wunderbarerweise alle noch leben) begegnet und aus ihrer Perspektive Prado kennenlernt. Das ist das Buch - zum Schluss hat es einige Längen; ein paar Bekannte Prados weniger würden auch reichen; die Schwindelanfälle des lieben Kollegen Gregorius verstehe ich nicht ganz - hat er eine Krankheit zum Tode? Aber trotzdem: insgesamt schwungvoll; an vielen Stellen zum Nachdenken anregend, vielleicht vor allem ältere Zeitgenossen anregend? Nach der Lektüre weiß man jedoch nicht mehr viel, wenn man sich keine Notizen gemacht hat; aber liest man Romane, um etwas zu wissen?

Konstruktionsidee: Ein Mann lernt einen anderen aus dessen Schriften und aus der Sicht seiner Lebensgefährten aus der Zeit der Salazar-Diktatur (wodurch die Konfliktsituationen verschärft werden) kennen und muss dazu selbst ein anderer werden.

Es gibt eine beachtenswerte Diskussion der Gedanken Prados, auf deren Wiedergabe der Roman teilweise beruht, durch Ernst Michael Lange (als pdf-Datei, 2006); man findet sie über www.emlange.de/arbeit.html.

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Geändert am 6. Januar 2008 um 18:31