Die Interpretation dieser Erzählung muss beim Schlusskapitel ansetzen. Der Erzähler sagt seinem Freund Chamisso (vgl. 13/9 ff.; 17/21 ff. usw.), er solle seine wundersame Geschichte aufbewahren, damit sie noch manchen Menschen „zur nützlichen Lehre gereichen könne“ (71/28 ff.). Seinen Freund (Chamisso) stellt er dann vor eine Wahl: Willst du „unter den Menschen leben“ oder willst du „nur Dir und Deinem besseren Selbst leben“ (71/32 ff.)? Für beide Fälle hat er etwas zu sagen:
Im Fall a) lerne verehren zuvörderst den Schatten, sodann das Geld! Diese Lehre ergibt sich aus dem, was er in Kap. I - VIII erzählt hat; denn ohne „Schatten“ nützt das schönste Geld nichts - Gangster wie Rascal schnappen einem selbst eine liebende Frau vor der Nase weg.
Für den Fall b) gilt: Du brauchst keinen Rat. Diesen Weg hat Schlemihl selber beschritten (Kap. IX ff.).
Das bessere Selbst ist jenes Urbild des eigenen Lebens (64/10), was bei Platon „die Idee“ heißt und das einem erscheinen kann, wenn man wie Peter bereit ist, es aufzunehmen; es ist das eigene Selbst, zu dem man aus seinem „Schlafen“ erwachen kann oder erweckt werden muss, wie später Mina und Bendel bekennen (69/25 ff. - siehe unten!). Die Heiterkeit der Seele bezeugt, dass man sein besseres Selbst gefunden hat.
Woher weiß man aber, was zu tun ist, wenn man meinem besseren Selbst leben will? Das weiß einmal der Erzähler selber, das sagen dann auch Mina und Bendel im Schlemihlium in einem Gespräch, dem der Erzähler wunderbarerweise unerkannt zuhören darf. Der Erzähler erklärt selber, wie er dem teuflischen Angebot widerstehen konnte, seine Seele für den Schatten herzugeben, was ihm der graue Mann intellektuell brillant nahelegte (54/12 ff.: „das Wort aufzufinden, das aller Rätsel Lösung sei“). Der Erzähler vertraute gegen die intellektuellen Spiele seinem geraden Sinn und folgt wie auch sonst „der Stimme in mir, so viel es in meiner Macht gewesen, auf dem eigenen Wege“, womit er auch einen Rat Chamissos befolgte (54/22 ff.). Das führt dazu, dass er schließlich ohne Geld und Schatten dasitzt, aber heiter ist (59/31 ff.).
Ferner sagt er selber es in einem großen Kommentar, in dem er die Bedeutung seiner Ohnmacht reflektiert (49/25 ff., der Anfang von Kap. VII); in dieser Ohnmacht trat „ein Ereignis an die Stelle einer Tat“ (54/18). Das erklärt er später so: „Es war nicht ein Entschluss, den ich fasste.“ (64/9) Vielmehr „stand plötzlich meine Zukunft vor meiner Seele. Durch frühe Schuld von der menschlichen Gesellschaft ausgeschlossen, ward ich zum Ersatz an die Natur, die ich stets geliebt, gewiesen, die Erde mir zu einem reichen garten gegeben, das Studium zur Richtung und Kraft meines Lebens, zu ihrem Ziel die Wissenschaft.“ Er hat das Urbild seines wahren Lebens gesehen (64/3 ff.). Diese Einsicht ist ihm aus dem zufälligen Kauf der Siebenmeilenstiefel aufgegangen.
Die passivische Wendung („ward [bzw. wurde] gewiesen“) weist auf die frühere Äußerung Schlemihls im Kommentar zurück: Ein Ereignis bringt es mit sich, dass man sich ihm beugen muss („Notwendigkeit“); wenn man diese Notwendigkeit „als eine weise Fügung“ verehren lernt, dann kann man sich mit sich selber versöhnen (50/18 ff.). Dadurch erreicht man jene Heiterkeit, die Schlemihl findet (59/33), wie Mina sie längst gefunden hat (69/28).
Damit kommen wir zur zweiten Stimme, welche dem Freund sagt, was zu tun ist: Durch eine erneute Ohnmacht (!) ist Schlemihl ins Schlemihlium gekommen und darf das Gespräch seiner Lebensgefährten Mina und Bendel anhören. Mina legt dar, dass sie einen Traum (was der Inhalt des Traums war, bleibt ungesagt - Goldbesitz? vielleicht auch die Traumexistenz der noch nicht Erwachten?) „ausgeträumt“ hat „und in mir selber erwacht bin“ (69/26). Sie bescheinigt Bendel die gleiche Heiterkeit, die daraus fließt, „dass Sie jetzt auf so gottselige Weise Ihrem Herrn und Freunde dienen“, nämlich durch seine Arbeit als Anstaltsleiter und Pfleger im Schlemihlium (69/29 ff.). Beide leben sie jetzt ihrem besseren Selbst; sie haben, wie Bendel sagt, „das erste Gaukelspiel“ ihres Lebens abgeschlossen - eine Analogie zur von Mina genannten Traumexistenz (69/31 ff.). Indem er darlegt, dass sie nun „den wirklichen Anfang erwarten“ (69/36), begibt Bendel sich auf die Bahn des christlichen Glaubens.
Es ist richtig, mit der Literaturgeschichte von Wolfgang Beutin u. a. (Metzler, 3. Aufl. 1989) in der Schlemihl-Erzählung die Entfremdungsproblematik zu sehen (S. 195). Durch das Fehlen des Schattens ist man nur den anderen fremd; die wahre Selbstfindung (oder Selbstverwirklichung) müssen jedoch auch jene leisten, welche sowohl Geld wie Schatten haben - bzw. auch im Besitz des Schattens kann man selbst-entfremdet leben, wie Rascal zeigt und wie Mina und Bendel bezeugen.
Damit habe ich die großen Linien einer Interpretation gezeichnet. Man versteht also die Erzählung Chamissos (noch) nicht, wenn man literarturgeschichtlich die Zeugnisse von Doppelgängern und Schattenexistenzen erforscht, das Motiv des Teufelspaktes (den Schlemihl ja gerade nicht schließt!) identifiziert oder die Geldgier als anfänglich treibendes Motiv Peter Schlemihls im historischen Kontext des frühen Kapitalismus untersucht. Ein methodischer Fehler wäre es, wenn man „das bessere Selbst“ oder „das höhere Selbst“ (Nietzsche: Menschliches, Allzumenschliches I 629) nur aus seinem eigenen Verständnis oder gar aus dem heutigen Sprachgebrauch aberwitziger Esoteriker oder Reiki-Anhänger erklärte, die auf einem ganz anderen Weg als Peter Schlemihl und Mina zu ihrem höheren Selbst finden.
Für die Metaphorik von „schlafen/erwachen“ verweise ich auf meinen Aufsatz unter http://norberto42-2.blog.de/2005/07/ bzw. http://also.kulando.de/post/2007/01/05/schlafen_-_erwachen_-_aufstehen_ein_metaphernfeld; dass man zuletzt auf sich selbst verwiesen bleibt (oder sein sollte), sagt Theodor Storm im Gedicht „Für meine Söhne“ (http://www.staff.uni-mainz.de/pommeren/Gedichte/Storm/soehne.htm) in der letzten Strophe:
„Wenn der Pöbel aller Sorte
Tanzet um die goldnen Kälber,
Halte fest: du hast vom Leben
Doch am Ende nur dich selber.“
Zum ursprünglich religiösen Motiv „seine Seele verkaufen“ (vgl. Mt 6,19 ff.) siehe http://www.amertin.de/aufsatz/2002/simpsons.htm; Goethes „Zauberlehrling“ erhält vom holden Knaben eine ganz andere Lehre als Chamisso von Schlemihl (man könnte diese aber durchaus zur Deutung des Schattens heranziehen!). Eine moderne Anwendung (Auslegung) des Bildes vom grauen Mann findet sich in dem Aufsatz http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2002/0831/magazin/0001/index.html.
Schlemihls Bekenntnise
Chamissos Novelle wird durchweg in die beiden formalen Kategorien „Märchen“ und „Novelle“ oder eine Kombination beider eingeordnet. Mit dem Stichwort „Bekenntnisse“ möchte ich auf einen Aspekt des Inhalts hinweisen, den ich bisher nicht in der Literatur gefunden habe: dass Chamissos Novelle zu den Büchern gehört, in denen jemand eine Lebensbeichte ablegt. Der Bischof Augustinus hat um 400 als erster „Confessiones“ abgelegt, also in einem Gespräch mit Gott sein Leben erzählt und Gott für die Erlösung vom Irrweg gedankt; 1782 hat Rousseau seine „Bekenntnisse“ herausgegeben. Am 26. September 1813 hat Schlemihl sein Beichte bei Chamisso abgegeben - das ist natürlich Fiktion, wie ja der ganze Brief Chamissos an Hitzig die fiktive Freundschaft mit Peter Schlemihl darstellt.
Chamisso selber charakterisiert die bei ihm abgegebenen „Blätter“ (5/19) als „Beichte, die ein ehrlicher Mann im Vertrauen auf meine Freundschaft und Redlichkeit an meiner Brust ablegt“ (5/6 f.). Schlemihl betont diesen Zug des Beichtens, als er seine Erzählung vom seinem Goldrausch unterbricht (17/21) und bekennt, diesen Goldrausch vor Chamisso „zu gestehen“ mache ihn beim Erzählen noch erröten (17/21 ff.). Den zweiten, noch bedeutenderen Hinweis auf den Aspekt des Beichtens gibt Schlemihl in seinem wichtigsten Kommentar (49/25 ff.), den er so beginnt: „Ich werde mich Deinem Urteil bloß stellen, lieber Chamisso, und es nicht zu bestechen suchen.“ Mit diesem Kommentar begleitet Schlemihl die Erzählung davon, wie er drauf und dran war, den Teufelspakt zu unterzeichnen (49/22 f. und 50/39 f.), und wie ihn eine Ohnmacht davor bewahrte. Davor hat er seinen Konflikt (vgl. auch 44/4 f.!) erklärt: Aus Liebe hat er Mina an sich gebunden und müsste sie nun vor ihrem Verderben (Heirat mit Rascal) retten - anderseits hat er gegen den Grauen und eine Gemeinschaft mit ihm einen unüberwindlichen Hass (50/3 ff.). Die Ohnmacht erspart ihm die Entscheidung in diesem Konflikt (50/16 ff.) - die eigene Entscheidung holt er später im Entsetzen über die Höllenfahrt Thomas Johns nach (59/24 ff.).
In den Zusammenhang der Beichte passt auch die Redeweise vom geraden Weg (49/32 f.; vgl. 50/14) und vom eigenen Weg (54/25), den Schlemihl mit geradem Sinn (54/23) wählt, während er „diesen rätselhaften Schleicher auf krummen Wegen“ (50/13 f.) hasst.
Erst recht passt das Bekenntnis, das er zur Erläuterung seiner Erleuchtung und der neuen Lebenssicht ablegt (64/2 f.) zur Beichte: „Durch frühe Schuld von der menschlichen Gemeinschaft ausgeschlossen, ward ich zum Ersatz ... an die Natur gewiesen“ (64/4 ff.). Wenn man die „Schuld“ Chamissos untersucht, relativiert sie sich dahin, dass er angesichts der Möglichkeit, Fortunati Glückssäckel zu bekommen, von Sinnen war und von einem „Schwindel“ befallen wurde (15/17 ff., 16/4-6), nur dass er dort (anders als beim Anblick der Seele Thomas Johns, 59/24) dem gespürten Entsetzen nicht nachgab; ähnlich erging es ihm im oben genannten Konflikt (44/4 f.), doch enthebt ihn die Ohnmacht in diesem Konflikt einer Entscheidung. Dass er in einem Konflikt gestanden hat, wird beim zweiten Mal deutlich gesagt (57/28 und 57/30).
Auch in seinem Brief an die alten Freunde bekennt Schlemihl, dass er seine Behinderungen als „Buße der Versöhnung“ (70/12) versteht. Er hat sich selbst gerichtet (49/26 f.) und hat sich später mit seinem Schicksal versöhnt, als er die schicksalhaften Notwendigkeiten der Schattenlosigkeit als weise Fügung zu verstehen gelernt hat (50/18 ff.). So wird auch klar, wieso sein Bekenntnis anderen Menschen zu Belehrung gereichen könnte und wieso Chamisso keinen Rat braucht (71/28 ff.) (Alle Sperrungen in den Zitaten stammen von mir.)
Eine Bemerkung von Lars aufgreifend möchte ich anmerken, dass auch mir eine gewisse Nähe der Erzählung zu „Faust I“ aufgefallen ist; das ist nicht nur durch die zeitliche Nähe (1806 - 1813), sondern auch durch das Motiv des Teufelspaktes bedingt. Dieser wird im „Faust“ schon nur als „Wette“ abgeschlossen, im „Schlemihl“ kommt sogar nur die Pakt-Vorform des Schattenverkaufs zum Tragen.
Auch spricht der Graue wie Mephisto manchmal Wahrheiten aus, die vom jeweiligen Partner nicht ganz verstanden werden, z.B. dass Peter seinen Schatten „von sich“ wirft (14/19 - statt nur: einen Schatten werfen) oder dass dies ein unschätzbarer Schatten ist (14/33 f.), was Peter erst später zu ahnen beginnt (17/4 ff.).
Faust unterscheidet sich aber wahrlich nicht nur in Liebesangelegenheiten von Peter; das Grauen Gretchens vor dem Teufel (V. 3471 ff.) hat nun Peter selber, da er wie Gretchen, aber anders als Faust letztlich eine reine Seele hat. Die Worte des Herrn im „Prolog im Himmel“ können deshalb sinngemäß in der Reflexion Peters auftauchen (Kommentar S. 49 f.). - Benno von Wiese betont, dass Peter dem Alltäglichen nahtrauere, vielleicht etwas zu stark; aber vom Geniekult des 18. Jahrhunderts ist wahrlich nicht viel zu spüren - Peter ungewöhnliche Leistungsfähigkeit kommt nicht aus ihm selbst, sondern aus einem Zufallsfund!
Als reizvoll empfinde ich auch einen Vergleich mit Goethes Gedicht „Der Zauberlehrling“ (1798); da sucht der Erzähler einen Teufelspakt abzuschließen, aber er wird von einer Lichtgestalt belehrt. Zu prüfen wäre, was der „Mut des reinen Lebens“ ist - der Erzähler wird jedenfalls in die Normalität des harten Arbeitens und des seltenen, aber regelmäßigen Feierns gewiesen: Seine falsche Weltsicht wird korrigiert, das ist alles.
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