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Sonntag, 21. Januar 2007

Chamisso: Peter Schlemihls wundersame Geschichte - Interpretation

Die Interpretation dieser Erzählung muss beim Schlusskapitel ansetzen. Der Erzähler sagt seinem Freund Chamisso (vgl. 13/9 ff.; 17/21 ff. usw.), er solle seine wundersame Geschichte aufbewahren, damit sie noch manchen Menschen „zur nützlichen Lehre gereichen könne“ (71/28 ff.). Seinen Freund (Chamisso) stellt er dann vor eine Wahl: Willst du „unter den Menschen leben“ oder willst du „nur Dir und Deinem besseren Selbst leben“ (71/32 ff.)? Für beide Fälle hat er etwas zu sagen:
Im Fall a) lerne verehren zuvörderst den Schatten, sodann das Geld! Diese Lehre ergibt sich aus dem, was er in Kap. I - VIII erzählt hat; denn ohne „Schatten“ nützt das schönste Geld nichts - Gangster wie Rascal schnappen einem selbst eine liebende Frau vor der Nase weg.
Für den Fall b) gilt: Du brauchst keinen Rat. Diesen Weg hat Schlemihl selber beschritten (Kap. IX ff.).
   Das bessere Selbst ist jenes Urbild des eigenen Lebens (64/10), was bei Platon „die Idee“ heißt und das einem erscheinen kann, wenn man wie Peter bereit ist, es  aufzunehmen; es ist das eigene Selbst, zu dem man aus seinem „Schlafen“ erwachen kann oder erweckt werden muss, wie später Mina und Bendel bekennen (69/25 ff. - siehe unten!). Die Heiterkeit der Seele bezeugt, dass man sein besseres Selbst gefunden hat.
   Woher weiß man aber, was zu tun ist, wenn man meinem besseren Selbst leben will? Das weiß einmal der Erzähler selber, das sagen dann auch Mina und Bendel im Schlemihlium in einem Gespräch, dem der Erzähler wunderbarerweise unerkannt zuhören darf. Der Erzähler erklärt selber, wie er dem teuflischen Angebot widerstehen konnte, seine Seele für den Schatten herzugeben, was ihm der graue Mann intellektuell brillant nahelegte (54/12 ff.: „das Wort aufzufinden, das aller Rätsel Lösung sei“). Der Erzähler vertraute gegen die intellektuellen Spiele seinem geraden Sinn und folgt wie auch sonst „der Stimme in mir, so viel es in meiner Macht gewesen, auf dem eigenen Wege“, womit er auch einen Rat Chamissos befolgte (54/22 ff.). Das führt dazu, dass er schließlich ohne Geld und Schatten dasitzt, aber heiter ist (59/31 ff.).
   Ferner sagt er selber es in einem großen Kommentar, in dem er die Bedeutung seiner Ohnmacht reflektiert (49/25 ff., der Anfang von Kap. VII); in dieser Ohnmacht trat „ein Ereignis an die Stelle einer Tat“ (54/18). Das erklärt er später so: „Es war nicht ein Entschluss, den ich fasste.“ (64/9) Vielmehr „stand plötzlich meine Zukunft vor meiner Seele. Durch frühe Schuld von der menschlichen Gesellschaft ausgeschlossen, ward ich zum Ersatz an die Natur, die ich stets geliebt, gewiesen, die Erde mir zu einem reichen garten gegeben, das Studium zur Richtung und Kraft meines Lebens, zu ihrem Ziel die Wissenschaft.“ Er hat das Urbild seines wahren Lebens gesehen (64/3 ff.). Diese Einsicht ist ihm aus dem zufälligen Kauf der Siebenmeilenstiefel aufgegangen.
   Die passivische Wendung („ward [bzw. wurde] gewiesen“) weist auf die frühere Äußerung Schlemihls im Kommentar zurück: Ein Ereignis bringt es mit sich, dass man sich ihm beugen muss („Notwendigkeit“); wenn man diese Notwendigkeit „als eine weise Fügung“ verehren lernt, dann kann man sich mit sich selber versöhnen (50/18 ff.). Dadurch erreicht man jene Heiterkeit, die Schlemihl findet (59/33), wie Mina sie längst gefunden hat (69/28).
   Damit kommen wir zur zweiten Stimme, welche dem Freund sagt, was zu tun ist: Durch eine erneute Ohnmacht (!) ist Schlemihl ins Schlemihlium gekommen und darf das Gespräch seiner Lebensgefährten Mina und Bendel anhören. Mina legt dar, dass sie einen Traum (was der Inhalt des Traums war, bleibt ungesagt - Goldbesitz? vielleicht auch die Traumexistenz der noch nicht Erwachten?) „ausgeträumt“ hat „und in mir selber erwacht bin“ (69/26). Sie bescheinigt Bendel die gleiche Heiterkeit, die daraus fließt, „dass Sie jetzt auf so gottselige Weise Ihrem Herrn und Freunde dienen“, nämlich durch seine Arbeit als Anstaltsleiter und Pfleger im Schlemihlium (69/29 ff.). Beide leben sie jetzt ihrem besseren Selbst; sie haben, wie Bendel sagt, „das erste Gaukelspiel“ ihres Lebens abgeschlossen - eine Analogie zur von Mina genannten Traumexistenz (69/31 ff.). Indem er darlegt, dass sie nun „den wirklichen Anfang erwarten“ (69/36), begibt Bendel sich auf die Bahn des christlichen Glaubens.

Es ist richtig, mit der Literaturgeschichte von Wolfgang Beutin u. a. (Metzler, 3. Aufl. 1989) in der Schlemihl-Erzählung die Entfremdungsproblematik zu sehen (S. 195). Durch das Fehlen des Schattens ist man nur den anderen fremd; die wahre Selbstfindung (oder Selbstverwirklichung) müssen jedoch auch jene leisten, welche sowohl Geld wie Schatten haben - bzw. auch im Besitz des Schattens kann man selbst-entfremdet leben, wie Rascal zeigt und wie Mina und Bendel bezeugen.

Damit habe ich die großen Linien einer Interpretation gezeichnet. Man versteht also die Erzählung Chamissos (noch) nicht, wenn man literarturgeschichtlich die Zeugnisse von Doppelgängern und Schattenexistenzen erforscht, das Motiv des Teufelspaktes (den Schlemihl ja gerade nicht schließt!) identifiziert oder die Geldgier als anfänglich treibendes Motiv Peter Schlemihls im historischen Kontext des frühen Kapitalismus untersucht. Ein methodischer Fehler wäre es, wenn man „das bessere Selbst“ oder „das höhere Selbst“ (Nietzsche: Menschliches, Allzumenschliches I 629) nur aus seinem eigenen Verständnis oder gar aus dem heutigen Sprachgebrauch aberwitziger Esoteriker oder Reiki-Anhänger erklärte, die auf einem ganz anderen Weg als Peter Schlemihl und Mina zu ihrem höheren Selbst finden.
   Für die Metaphorik von „schlafen/erwachen“ verweise ich auf meinen Aufsatz unter http://norberto42-2.blog.de/2005/07/ bzw. http://also.kulando.de/post/2007/01/05/schlafen_-_erwachen_-_aufstehen_ein_metaphernfeld; dass man zuletzt auf sich selbst verwiesen bleibt (oder sein sollte), sagt Theodor Storm im Gedicht „Für meine Söhne“ (http://www.staff.uni-mainz.de/pommeren/Gedichte/Storm/soehne.htm) in der letzten Strophe:
„Wenn der Pöbel aller Sorte
Tanzet um die goldnen Kälber,
Halte fest: du hast vom Leben
Doch am Ende nur dich selber.“

   Zum ursprünglich religiösen Motiv „seine Seele verkaufen“ (vgl. Mt 6,19 ff.) siehe http://www.amertin.de/aufsatz/2002/simpsons.htm; Goethes „Zauberlehrling“ erhält vom holden Knaben eine ganz andere Lehre als Chamisso von Schlemihl (man könnte diese aber durchaus zur Deutung des Schattens heranziehen!). Eine moderne Anwendung (Auslegung) des Bildes vom grauen Mann findet sich in dem Aufsatz http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2002/0831/magazin/0001/index.html.

Schlemihls Bekenntnise
Chamissos Novelle wird durchweg in die beiden formalen Kategorien „Märchen“ und „Novelle“ oder eine Kombination beider eingeordnet. Mit dem Stichwort „Bekenntnisse“ möchte ich auf einen Aspekt des Inhalts hinweisen, den ich bisher nicht in der Literatur gefunden habe: dass Chamissos Novelle zu den Büchern gehört, in denen jemand eine Lebensbeichte ablegt. Der Bischof Augustinus hat um 400 als erster „Confessiones“ abgelegt, also in einem Gespräch mit Gott sein Leben erzählt und Gott für die Erlösung vom Irrweg gedankt; 1782 hat Rousseau seine „Bekenntnisse“ herausgegeben. Am 26. September 1813 hat Schlemihl sein Beichte bei Chamisso abgegeben - das ist natürlich Fiktion, wie ja der ganze Brief Chamissos an Hitzig die fiktive Freundschaft mit Peter Schlemihl darstellt.
   Chamisso selber charakterisiert die bei ihm abgegebenen „Blätter“ (5/19) als „Beichte, die ein ehrlicher Mann im Vertrauen auf meine Freundschaft und Redlichkeit an meiner Brust ablegt“ (5/6 f.). Schlemihl betont diesen Zug des Beichtens, als er seine Erzählung vom seinem Goldrausch unterbricht (17/21) und bekennt, diesen Goldrausch vor Chamisso „zu gestehen“ mache ihn beim Erzählen noch erröten (17/21 ff.). Den zweiten, noch bedeutenderen Hinweis auf den Aspekt des Beichtens gibt Schlemihl in seinem wichtigsten Kommentar (49/25 ff.), den er so beginnt: „Ich werde mich Deinem Urteil bloß stellen, lieber Chamisso, und es nicht zu bestechen suchen.“ Mit diesem Kommentar begleitet Schlemihl die Erzählung davon, wie er drauf und dran war, den Teufelspakt zu unterzeichnen (49/22 f. und 50/39 f.), und wie ihn eine Ohnmacht davor bewahrte. Davor hat er seinen Konflikt (vgl. auch 44/4 f.!) erklärt: Aus Liebe hat er Mina an sich gebunden und müsste sie nun vor ihrem Verderben (Heirat mit Rascal) retten - anderseits hat er gegen den Grauen und eine Gemeinschaft mit ihm einen unüberwindlichen Hass (50/3 ff.). Die Ohnmacht erspart ihm die Entscheidung in diesem Konflikt (50/16 ff.) - die eigene Entscheidung holt er später im Entsetzen über die Höllenfahrt Thomas Johns nach (59/24 ff.).
   In den Zusammenhang der Beichte passt auch die Redeweise vom geraden Weg (49/32 f.; vgl. 50/14) und vom eigenen Weg (54/25), den Schlemihl mit geradem Sinn (54/23) wählt, während er „diesen rätselhaften Schleicher auf krummen Wegen“ (50/13 f.) hasst.
   Erst recht passt das Bekenntnis, das er zur Erläuterung seiner Erleuchtung und der neuen Lebenssicht ablegt (64/2 f.) zur Beichte: „Durch frühe Schuld von der menschlichen Gemeinschaft ausgeschlossen, ward ich zum Ersatz ... an die Natur gewiesen“ (64/4 ff.). Wenn man die „Schuld“ Chamissos untersucht, relativiert sie sich dahin, dass er angesichts der Möglichkeit, Fortunati Glückssäckel zu bekommen, von Sinnen war und von einem „Schwindel“ befallen wurde (15/17 ff., 16/4-6), nur dass er dort (anders als beim Anblick der Seele Thomas Johns, 59/24) dem gespürten Entsetzen nicht nachgab; ähnlich erging es ihm im oben genannten Konflikt (44/4 f.), doch enthebt ihn die Ohnmacht in diesem Konflikt einer Entscheidung. Dass er in einem Konflikt gestanden hat, wird beim zweiten Mal deutlich gesagt (57/28 und 57/30).
   Auch in seinem Brief an die alten Freunde bekennt Schlemihl, dass er seine Behinderungen als „Buße der Versöhnung“ (70/12) versteht. Er hat sich selbst gerichtet (49/26 f.) und hat sich später mit seinem Schicksal versöhnt, als er die schicksalhaften Notwendigkeiten der Schattenlosigkeit als weise Fügung zu verstehen gelernt hat (50/18 ff.). So wird auch klar, wieso sein Bekenntnis anderen Menschen zu Belehrung gereichen könnte und wieso Chamisso keinen Rat braucht (71/28 ff.) (Alle Sperrungen in den Zitaten stammen von mir.) 

Eine Bemerkung von Lars aufgreifend möchte ich anmerken, dass auch mir eine gewisse Nähe der Erzählung zu „Faust I“ aufgefallen ist; das ist nicht nur durch die zeitliche Nähe (1806 - 1813), sondern auch durch das Motiv des Teufelspaktes bedingt. Dieser wird im „Faust“ schon nur als „Wette“ abgeschlossen, im „Schlemihl“ kommt sogar nur die Pakt-Vorform des Schattenverkaufs zum Tragen.
   Auch spricht der Graue wie Mephisto manchmal Wahrheiten aus, die vom jeweiligen Partner nicht ganz verstanden werden, z.B. dass Peter seinen Schatten „von sich“ wirft (14/19 - statt nur: einen Schatten werfen) oder dass dies ein unschätzbarer Schatten ist (14/33 f.), was Peter erst später zu ahnen beginnt (17/4 ff.).
   Faust unterscheidet sich aber wahrlich nicht nur in Liebesangelegenheiten von Peter; das Grauen Gretchens vor dem Teufel (V. 3471 ff.) hat nun Peter selber, da er wie Gretchen, aber anders als Faust letztlich eine reine Seele hat. Die Worte des Herrn im „Prolog im Himmel“ können deshalb sinngemäß in der Reflexion Peters auftauchen (Kommentar S. 49 f.). - Benno von Wiese betont, dass Peter dem Alltäglichen nahtrauere, vielleicht etwas zu stark;  aber vom Geniekult des 18. Jahrhunderts ist wahrlich nicht viel zu spüren - Peter ungewöhnliche Leistungsfähigkeit kommt nicht aus ihm selbst, sondern aus einem Zufallsfund!

Als reizvoll empfinde ich auch einen Vergleich mit Goethes Gedicht „Der Zauberlehrling“ (1798); da sucht der Erzähler einen Teufelspakt abzuschließen, aber er wird von einer Lichtgestalt belehrt. Zu prüfen wäre, was der „Mut des reinen Lebens“ ist - der Erzähler wird jedenfalls in die Normalität des harten Arbeitens und des seltenen, aber regelmäßigen Feierns gewiesen: Seine falsche Weltsicht wird korrigiert, das ist alles.

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Geändert am 22. März 2007 um 01:07

Sonntag, 21. Januar 2007

Chamisso: Peter Schlemihls wundersame Geschichte - Aufbau

In Kap. I wird die Ausgangssituation des späteren Geschehens erzählt:
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Peter fragt sich deshalb: „was konnte, was sollte auf Erden aus mir werden?“ (17/10)
Der erste Teil des Geschehens besteht daraus, dass Peter bzw. der graue Mann versuchen, den Verlust des Schattens rückgängig zu machen: Peter versucht, ________________________________________________________________________________
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Als Peter seinem Diener Bendel bekennt, dass er keinen Schatten hat (23/34), tritt eine erste Besserung seines Zustandes ein.
Der graue Mann unternimmt drei Versuche, Peter den Schatten wieder zu verkaufen:
1. _____________________________________________________________________________
2. _____________________________________________________________________________
3. _____________________________________________________________________________
Einmal rettet eine Ohnmacht Peter vor der Versuchung, auf das Angebot des grauen Mannes einzugehen (50/35 f.). - Diese Ohnmacht wird erzählerisch von einem großen Kommentar begleitet (49/25 ff.). Wie lautet der Kernsatz des Kommentars? ________________________________________________________________________________
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Am Ende des ersten Teils ist Peter verzweifelt; „denn ich hatte weiter auf Erden kein Ziel, keinen Wunsch, keine Hoffnung“ (53/36 f.); der erste Teil endet mit Kap. VIII.
Mit Kap. IX erlebt und setzt der Erzähler einen Neuanfang (2. Teil) seines Lebens:
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Dieser zweite Teil ist dadurch bestimmt, dass dem Erzähler seine Zukunft klar „vor meiner Seele“ (64/3 f.) steht: ___________________________________________________________________________
Siehst du, wie sich hier der Kernsatz des Kommentars (S. 49 f.) bewahrheitet?
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Kap. XI bildet den versöhnlichen Abschluss des Geschehens, der wiederum durch eine Ohnmacht eingeleitet wird (68/10): ____________________________________________________________
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Der letzte Absatz gibt einige Aufschlüsse über den Erzähler und seine Erzählung (71/28 ff.). Wir müssen jetzt noch klären, was mit „Schatten“ gemeint ist!

(Seiten- und Zeilenzählung nach der neuen Ausgabe bei Reclam, 2003, vermutlich gleich 1993)
http://www.zum.de/Faecher/D/BW/gym/Novellen/chamisso.htm (Inhalt, Literatur)
http://www2.digitale-schule-bayern.de/dsdaten/17/102.html (Komm. Weiß, bis Kap. 8)
http://www.lesekost.de/Klassik/HHLKL6.htm (Bemerkungen Huber)
http://www.re.shuttle.de/re/mcg/deutsch/schlemih.htm (naiver Kommentar)
http://clan.ch/wyss/chamisso.htm (beinahe völlig gleich!)
http://www.ph-heidelberg.de/wp/rank/fantastik/THEORIEN/patzelt/pat_04.htm (Phantastik in der Literatur)

Die in den Suchmaschinen unter dem Stichwort www.enzy. genannte, aber nicht greifbare lehrpraktische Analyse (H. D. Schmidt, Reclam 2003) habe ich im Cache des Metasuchers http://www.ajondo.de gefunden; über ihn hat man auch zu längst gelöschten Dateien Zugang: Chamisso_Schlemihl.pdf. Fabelhaft!

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Geändert am 6. Februar 2007 um 07:49

Sonntag, 7. Januar 2007

Die Klangform des Gedichts


Das ist der Titel eines „Arbeitsgangs“ im Lehrbuch „Deutscher Sprachspiegel. Sprachgestaltung und Sprachbetrachtung. Ausgabe für Gymnasien“, Bd. 2, erarbeitet vom August Arnold, Erika Essen und Hans Glinz, Düsseldorf 1971 (13. Auflage), S. 109 ff. Wer dieses Lehrbuch und den Folgeband (Bd. 3, Erika Essen ist durch Werner Zimmermann ersetzt worden) mit dem Arbeitsgang „Vers und Reim“ (S. 90 ff.) besitzt, kann sich glücklich schätzen - solche gründlichen Anleitungen zum Hören von Gedichten gibt es heute nicht mehr; die Schüler sollen heute lernen, an Gedichten herumzubasteln und Standbilder zu bauen.
   Ein Gedicht ist ein Gebilde, das man eher hören als lesen soll - das ist die Idee, welche hinter dem Wort „Klangform“ steht; lesen soll man es natürlich auch, aber das Lesen hat im Dienst des Hörens zu stehen. Zur Klangform gehören zwei Größen, der Gestus und der Rhythmus des Gedichts. Über den Gestus (im Sinn Brechts) ist das Nötige in dem Aufsatz „Zuerst den Aufbau von Gedichten untersuchen“ [in der Kategorie „Lesen: Text(e)“ im Blog http://norberto42.kulando.de] gesagt. Deshalb bleibt hier nur 

der Rhythmus des Gedichts

als Thema der Untersuchung übrig. Wir befassen uns jetzt also mit der Frage: „Wie spricht der Sprecher?“ - Es bleibt festzuhalten, dass Tempo und Lautstärke des Sprechens sowie die Melodie der Stimme (Höhe, Pathos) vom Sprechakt bestimmt sind und deshalb dort untersucht werden müssen. [Die klassische Unterscheidung von „Inhalt und „Form“ ist also hinfällig, wenn man sprachliches Handeln versteht.]
   Für den Rhythmus bleiben zwei Größen zu untersuchen, die Betonung von Silben (Wörtern) und die Pausen beim Sprechen. Die Größe, die diese Fragen aufwirft, ist die Tatsache, dass die Grundeinheit eines Gedichtes der Vers ist.

1. Über den Zusammenhang von Vers und Satz
Die Einheit einer „normalen“ Äußerung ist der Satz; die Einheit eines Gedichtes ist der Vers. Wodurch unterscheidet sich der Vers vom Satz?
   Ein Gedicht besteht als Gedicht in der Regel aus mehreren einander zugeordneten Versen; ein Gedicht als Text besteht dagegen aus Sätzen. Die Verse können aus Sätzen bestehen, müssen es aber nicht. Was ein Vers ist, sieht man, wenn das Gedicht gedruckt vorliegt; man müsste es hören, wenn es gesprochen wird. [Da wir in der Schule durchweg das Lesen und nicht das Hören trainieren, fällt es Schülern schwer, Verse im Hören zu erkennen.] Auch wenn es verschiedene Arten von Versen gibt, gilt als Merkmal des Verses, dass er rhythmisch gegliedert ist, also aus mehreren Takten besteht, zumindest aus einer bestimmten Anzahl betonter Silben. Die geordnete Zusammenstellung von Versen gleicher oder unterschiedlicher Bauart macht eine Strophe und macht letztlich das Gedicht aus.
   Dem Takt im deutschen Gedicht liegt die Tatsache zugrunde, dass Wörter oder Wortgruppen in bestimmter Weise betont werden. Informiere dich über die Taktformen (Metren, d.i. Plural von Metrum - das lateinische Wort Metrum = „Maß“ erinnert daran, dass im Lateinischen und Griechischen die geregelte Abfolge von langen und kurzen Silben das Merkmal des Versfußes war) des Jambus usw.

2. Über die Betonung von Silben
In Wahrheit werden natürlich Wörter betont, nicht Silben; aber da bei einer schematischen Darstellung Silben und nicht Wörter um des Versmaßes willen durch Zeichen repräsentiert werden, weil im Takt Silbenabfolgen beachtet werden, sagt man normalerweise, dass „Silben“ betont würden.
   Führen wir also das Zeichen e für eine Silbe [normalerweise nimmt man x, aber mit meiner Maschine kann ich auf das x keinen Akzent setzen] ein und die Akzente é für eine stark betonte, è für eine schwach betonte Silbe. An der ersten Strophe des Gedichtes „Abseits“ von Theodor Storm können wir jetzt die Darstellung der Betonung vorführen:

„Es ist so still; die Heide liegt
Im warmen Mittagssonnenstrahle,
Ein rosenroter Schimmer fliegt
Um ihre alten Gräbermale;
Die Kräuter blühn; der Heideduft
Steigt in die blaue Sommerluft.“

Rein für die Anzahl der Silben sieht die Strophe als Schema folgendermaßen aus:
e e e e e e e e
e e e e e e e e e
e e e e e e e e
e e e e e e e e e
e e e e e e e e
e e e e e e e e
Jede zweite Silbe vom Versanfang an wird hier schematisch betont: Das Metrum ist ein Jambus. Das sieht dann so aus, wenn man das Zeichen / für das Ende eines Taktes einführt (nur die beiden ersten Verse):
e é /e é /e é /e é /
e é /e é /e é /e é /e
Läse man das Gedicht so, würde man nur leiern; dem Gestus des Sprechens: dem Ausdruck der Freude oder Begeisterung des Sprechers bei der Beschreibung seiner Eindrücke, entspricht eine andere Betonung:
e è e é e é e è
e è e é e é e è e
e é e è e é e é
e è e é e é e è e
e é e é e é e è
è e e é e é e è
Das ist ein Vorschlag, wie man die Wörter betonen soll: Stark betont würden „still, Heide, Mittag, Sonne, Rosen, Schimmer, fliegt, alten, Gräber, Kräuter, blühn, Heide, blau, Sommer“. Außerhalb der Reihe ist „steigt“ (mehr oder weniger stark) betont und damit deutlich hervorgehoben; diese Taktstörung (Akzentverschiebung) wird im Sprachbuch „Wort und Sinn“ Bd 9/10 (1977) Synkope genannt; aber dieser Begriff ist bereits anders besetzt (Auslassung eines unbetonten Vokals). Oft kann man darüber streiten, ob ein Wort stark oder schwach betont wird; außerhalb der Hörprobe gibt es keine Möglichkeit, über das Maß der Betonung zu entscheiden.

3. Über die Pausen im Gedicht

Es gibt mehrere Größen, die eine Pause beim Sprechen erzwingen oder nahelegen: das Satzende, der Reim, die Kadenz. Gehen wir sie der Reihe nach durch:
a) Ein Satzende liegt vor in V. 1, nach V. 2, 4, in V. 5, nach V. 6. Mit diesen klaren Pausen (Zeichen: //) sähe das Schema der 1. Strophe so aus:
e è e é //e é e è
e è e é e é e è e //
e é e è e é e é
e è e é e é e è e //
e é e é //e é e è
é e e é e é e è //
Wir haben also nach jedem zweiten Vers sowie mitten im ersten und fünften Vers eine klare Pause. Dass in V. 1, 3, 5 der Satz über das Versende hinausgeführt  und deshalb flüssig weitergesprochen wird, nennt man Enjambement.
b) Wenn ein Reimwort auftaucht, also der Klang an einen vorhergehenden Klang erinnert, erzeugt das eine minimale Pause. Weil hier zunächst ein Kreuzreim und dann ein Paarreim vorliegt, wird diese minimale Reimpause in den Versen 2, 4, und 6 spürbar, wo bereits die großen Satzende-Pausen vorliegen. Die Reimpausen fallen dort also nicht ins Gewicht; nur in dem auf V. 1 reimenden Vers 3 ist diese minimale Pause zu hören, sodass das Schema folgendermaßen aussähe (Zeichen: ‘):
e è e é //e é e è
e è e é e é e è e //
e é e è e é e é ‘
e è e é e é e è e //
e é e é //e é e è
é e e é e é e è //
c) In Vers 2 und 4 wird jeweils eine Silbe an die vier Takte angehängt; man nennt das eine weibliche Kadenz (unbetonte Silbe, nachklingend) und kann die als Anfang eines neuen, jedoch nicht vollendeten Taktes ansehen. Das heißt dann, dass hinter Vers 2 und 4 eine merkliche Pause entsteht, weil vom Taktgefühl her noch eine Silbe erwartet wird, die aber ausgespart ist. Weil in dieser 1. Strophe aber bereits die Satzende-Pausen hinter V. 2 und 4 liegen, fällt auch die Kadenz-Pause kaum ins Gewicht. (Als Pausenzeichen hätte ich / eingeführt.) - Damit wäre das Schema in 3. b) das Schema des Rhythmus dieser Strophe; der Gestus erfordert eine ruhige, besinnliche Melodie. Welche der betonten Wörter heller zu sprechen sind, gehört in die Untersuchung des Aufbaus. Der so verstandene Rhythmus ist jedenfalls so etwas wie der Fingerabdruck eines Gedichts.
   Ein Gedicht ist also ein Gebilde, das man eher hören als lesen und an dem man auch nicht unnötig herumbasteln soll; aber das ist eine andere Frage. Mit den Ausführungen zu Aufbau, Klangform, Rhythmus eines Gedichts hoffe ich, auf stets postulierte „sinngemäße Betonung“ und den hilflosen Rekurs auf die zentrale Aussageabsicht [Wie findet man die?!] verzichten zu können.

4. Zum Rhythmus trägt auch die Abfolge der Satzglieder bei, wenn diese zugleich auch für den Sinn eines Satzes maßgeblich ist. In der Regel wird hier nur „Inversion“ als rhetorisches Mittel genannt; doch wäre auch alles zu beachten, was unter dem Stichwort „Satzklammer“ (und damit Spitzenstellung und Endstellung im Satz) vermerkt wird: http://norberto42.kulando.de/post/2008/04/10/die_innere_gliederung_des_deutschen_satzes__die_reihenfolge_der_satzglieder
Das ist, was die Spitzenstellung betrifft, in folgendem Beitrag zu Hebels „Sommerbild“ beachtet: http://norberto42.kulando.de/post/2008/03/24/kleiner_lehrgang_im_lesen__zweitleseunterricht

Unter dem Stichwort „Klangform“ (und „Rhythmus“) habe ich im Netz gefunden:
http://www.rcs-krueger.de/Wekzeug.htm (technisch schwer zu lesen)
http://www.german.sbc.edu/Verslehre.html (Verslehre)
http://privat.oliverkuna.de/deutsch.php?doc=21 (Beispiel: Heine)
http://home.arcor.de/sonnenblume69/trakl.htm#2.1.1 ( Formuntersuchung dreier Gedichte Trakls)
http://www.suchpad.de/wissen/artikel/dichtung/ (in Grenzen)
http://lrc-web.modlang.ohiou.edu/lrc/poetry/KATZ/Hilfen/Gedichtinterpretation/body_gedichtinterpretation.html#Rhythmus (?)
sowie die Besprechung von Günter Waldmann: Produktiver Umgang mit Lyrik (rund 45 Seiten über die Klangform); unter „norberto42 + Rhythmus“ findet man auch viele Links.
   Hervorragende Hinweise zum Verständnis von Klang und Rhythmus eines Gedichtes findet man in der Vorlesung "Praktische Stilistik" von Prof. Buenting: http://www.uni-essen.de/buenting/02StilLaut_Normalschrift.html, dort v.a. unter 4. "Gebundene Rede: Vers, Klang/Reim, Strophe". Man muss nur ein bisschen aufpassen - es handelt sich um ein Manuskript, und da ist dem Autor ein kleines Versehen unterlaufen: Auf 4.2 folgt "5. Strophen" und "6. Gedichtformen"; diese beiden Abschnitte müssten eigentlich 4.3 und 4.4 gezählt werden, weil darauf nämlich das richtige "5." folgt. Vgl. auch diesen Aufsatz zu Intonation von Sätzen!

In meinen beiden Arbeitsblättern zur Gedichtanalyse (Kategorie „Methodisches“ im Blog http://norberto42.kulando.de) sind Gedichte genannt, bei denen ich den Rhythmus eigens beachtet habe. Dort sind in der Kategorie „Lesen: Text(e)“ noch zwei Gedichte nach ihrem Rhythmus untersucht, und zwar Goethe: Gefunden, und Kästner: Die Entwicklung der Menschheit, unter der Überschrift „Rhythmus“ (1. und 2.). Rein technisch sind, von dem genannten Synkopen-Fehler abgesehen, auch die Ausführungen im Sprachbuch von „Wort und Sinn“ (9/10, 1977, bearbeitet von Billen, Hassel, Heller, König, Muthmann, Zabel, S. 114 ff.: Das Gedicht in Versform), nicht schlecht; und dass der Sprachspiegel über die Köpfe der Schüler ab Kl. 7 auch damals hinweggegangen ist, soll nicht bestritten sein - es geht hier nur darum, wo man etwas für die Hand des Lehrers findet; da muss man heute lange suchen...

In der wunderbaren "Grammatik der deutschen Sprache" von Walter Jung (1990, gut sind die Auflagen ab 1978), die nur noch antiquarisch zu erwerben ist, gibt es Ausführungen über "Satzakzentuierung und Intonation" (Nr. 330 ff.) und über "Die Wortbetonung" (Nr. 1136 ff.).

von: norberto42 in: Lyrik
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Geändert am 16. April 2008 um 10:48

Montag, 1. Januar 2007

Brechts episches Theater - Kleines Organon für das Theater


Eine kurze Einführung - zugleich eine Kritik an „Texte, Themen und Strukturen“ (TTS). Deutschbuch für die Oberstufe. Hrsg. von Heinrich Biermann und Bernd Schurf, Cornelsen 1999

In einer Tabelle wird im TTS (auf S. 167) ein Schema Brechts vorgestellt: „Die dramatische und die epische Form des Theaters“, datiert auf 1938, zugeordnet dem Aufsatz „Anmerkungen zur Oper ‚Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny‘“ (S. 166). Dazu ist Folgendes zu sagen:
1. Der Aufsatz ist 1930 erschienen - ich beziehe mich auf die Anmerkungen von Stefan Hauck in Bertolt Brecht: Ausgewählte Werke in sechs Bänden (Jubiläumsausgabe 1997), Bd. 6.
2. Das in TTS S. 167 abgebildete Schema gibt es so nicht; es stellt eine freie Kombination zweier Schemata Brechts dar, des bereits erwähnten und eines anderen aus dem Aufsatz „Vergnügungstheater oder Lehrtheater?“ (1935)

Es gibt eine Reihe von Aufsätzen oder Vorträgen Brechts, in denen er seine zuerst im Umfeld von Piscator, später in New York und Berlin erarbeitete Theaterpraxis und seine eigene Theorie formuliert und überarbeitet hat. Als Beispiele seien genannt:
„Die dialektische Dramatik“ (1930/31)
„Vergnügungstheater oder Lehrtheater?“ (1935)
„Über die Versuche zu einem epischen Theater“ (um 1935)
„Die Straßenszene. Grundmodell einer Szene des epischen Theaters“ (e 1938 nach Margarete Steffin; 1940 v)  [Titel im TTS, S. 171, ist falsch!]
„Über experimentelles Theater“ (1939)
„Kleines Organon für das Theater“ (e 1949); das ist die bedeutendste theoretische Schrift, sie hat einen eigenen Artikel im KLL. Dazu hat Brecht später noch einige Nachträge geschrieben; weil er mit dem Begriff „episches Theater“ unzufrieden war, hat er am Ende den Begriff „dialektisches Theater“ vorgezogen, aber nicht mehr in einem größeren Aufsatz entwickelt.

Im „Kleinen Organon“ wird das Theater zuerst als eine Stätte der Unterhaltung erwähnt, „und untersuchen wir, welche Art der Unterhaltung uns zusagt!“ (Einleitung). Es dient also der Unterhaltung (1 - 10), aber eben der Unterhaltung im wissenschaftlichen Zeitalter (11 - 20, verbunden mit marxist. Gesellschaftsanalyse): Wissenschaft sichert den Unterhalt der Menschen, Theater dient ihrer Unterhaltung. Es komme also darauf an, im Theater vergnüglich eine kritische Haltung einzunehmen (21 f.). Damit Theater dies leisten kann, muss es sich den reißendsten Strömungen in der Gesellschaft ausliefern (23 ff.).
   Das traditionelle Theater ist dieser Aufgabe nicht gewachsen (26 ff.); wir brauchen deshalb ein neues Theater (35 ff., bereits in 32 ein Aufruf zum Aufbruch):
a) Durch episch-historische Verfremdung, welche eine Einfühlung in die Figuren verhindert, „mögen ihm [dem Zuschauer, N.T.] die Umstände, unter denen er handelt, ebenfalls besonders vorkommen, und dies ist der Beginn der Kritik“ (37). „Die neuen Verfremdungen sollten nur den gesellschaftlich beeinflußbaren Vorgängen den Stempel des Vertrauten wegnehmen, der sie heute vor dem Eingriff bewahrt.“ (43) Bei dieser Verfremdung kann man die materialistische Dialektik verwerten (44 ff.).
b) Der Schauspieler muss entsprechend agieren (47 - 53), was am Beispiel von Laughton als Galilei erläutert wird (49). Der Schauspieler muss kommunistisch-parteilich sein (55 f.); er muss in die Figur das „Nicht-Sondern“ hineinbringen, damit man die Vorgänge als beeinflussbar ansehen kann.
c) „Den Bereich der Haltungen, welche die Figuren zueinander einnehmen, nennen wir den gestischen Bereich. Körperhaltung, Tonfall und Gesichtsausdruck sind von einem gesellschaftlichen ‚Gestus‘ bestimmt: die Figuren beschimpfen, komplimentieren, belehren einander usw.“ (61) Was er über den gestischen Bereich (60 - 64) zu sagen hat, demonstriert Brecht am Beispiel der ersten Szenen des „Galilei“ (63).
d) Auf die Fabel kommt alles an (65 - 70), d.h. auf ihre Auslegung durch Verfremdung.
e) Es folgen Bemerkungen über die Musik usw. und darüber, wie das Stück dem Publikum abzuliefern ist (71 - 76).
   Zum guten Schluss wird noch einmal Vergnügen am Theater mit dem höheren Vergnügen an der gesellschaftlichen Veränderung verbunden: „In seinem Theater mag er [der Zuschauer, N.T.] seine schrecklichen und nie endenden Arbeiten, die ihm den Unterhalt geben sollen, genießen als Unterhaltung, samt den Schrecken seiner unaufhörlichen Verwandlung. Hier produziere er sich in der leichtesten Weise; denn die leichteste Weise der Existenz ist in der Kunst.“
(In http://www.teachsam.de/deutsch/d_literatur/d_gat/d_drama/drama_rede_3.htm wird versucht, Brechts Ideen vom Gestus für die Analyse der Kommunikation im Drama zu nutzen.)

Man muss die Begriffe der Dialektik und der Verfremdung verstehen, wenn man Brechts episches Theater verstehen will. In der Beurteilung des Widerrufs im „Leben des Galilei“ (Bild 13 und 14, siehe dort!) wird deutlich, was Dialektik ist und wie sie der Verfremdung zu dem Zweck dient, den Zuschauer zu seiner Aktivität zu wecken:
Galilei verteigt seinen Widerruf in (13), während Andrea ihn veruteilt; in (14) rechtfertigt Andrea nach Vollendung der „Discorsi“ den Widerruf, während Galilei ihn verurteilt. Der Zuschauer wird jedoch (in 15) dazu aufgerufen, selber „der Wissenschaften Licht“ zu hüten.

Unter dem Stichwort „Brecht: Kleines Organon“ findet man einige Links:
http://www.teachsam.de/deutsch/d_literatur/d_aut/bre/bre_sonst/bre_theatheo/bre_theatheo_txt_1.htm (11 Zitate)
http://www.teachsam.de/deutsch/d_literatur/d_aut/bre/bre_sonst/bre_theatheo/bre_theatheo_txt_2.htm (4 Zitate: Gestus)
www.aschern.de/downloads/epischestheater.pdf (ep. Theater und Verfremdung: 2 Seiten)
http://home.arcor.de/richardt/3-16.htm (Übersicht über Brechts [episches] Lehrtheater)
www.romanistik.uni-frankfurt.de/mitarbeiter/spiller/Semina..._R__Spiller_-_Teil_IV.pdf (die ersten Seiten genügen - interessante Seiten zur Prüfungsvorbereitung!)
www.alext.de/documents/ndl_14062005.pdf (Seminararbeit)
historisch:
http://www.orbis-linguarum.net/2001/17_01/kreuzgot.html (Brecht in der DDR)
http://www.berliner-schauspielschule.de/berliner_ensemble.htm
Bedeutung Brechts über Brecht hinaus:
http://www.jungewelt.de/2006/10-14/015.php
http://www.jungewelt.de/2006/10-16/013.php (kommunist. Prof. über Lernen und Lehren bei Brecht)
http://www.manfredwekwerth.de/brechttheater2004.html (große Diskussion des Brecht -Theaters)
http://www.welt.de/data/2006/08/12/993340.html?prx=1 (Falk Richter: Maßstab für heute?)

Über die Anfänge: Brecht und Piscator
http://www.dhm.de/lemo/html/biografien/PiscatorErwin/
http://www.erwin-piscator.de/02%20Biografie/Set-05.htm
http://www.hdg.de/lemo/html/weimar/kunst/theater/index.html
http://theater-info.de/politisches_theater.html
http://www.svtb-astt.ch/piscator.htm
http://www.uni-essen.de/einladung/Vorlesungen/ausblick/bre_radio.htm
http://www.uni-essen.de/einladung/Vorlesungen/dramatik/brechtep.htm
http://www.br-online.de/wissen-bildung/telekolleg/faecher/deutsch/literatur/folge_6/fakten.shtml
http://www.bpb.de/publikationen/ANC4LZ,1,0,Brecht_und_die_politischen_Systeme.html
http://sammelpunkt.philo.at:8080/archive/00000079/01/brecht2.htm
(http://sammelpunkt.philo.at:8080/archive/00000079/01/brechti.htm#i01)
Wir lassen Judith Malina und andere, die Brechts und Piscators Arbeit auf ihre Weise fortgesetzt haben, jetzt einmal außer Acht - es geht mir darum, dass man sieht, dass Brecht nicht vom Himmel gefallen ist, sondern in einem Umfeld gearbeitet hat.
   Auch Verfremdung ist ein von den ästhetischen Avantgarden des frühen 20. Jahrhunderts sowohl praktiziertes wie theoretisch reflektiertes Verfahren (wenn auch anders als bei Brecht genutzt): Collage und Montage, Deformation. Dekontextualisierung, Entstellung und Verschiebung sind zum Beispiel angewendet worden. In der Philosophie ist Verfremdung des Blicks auf das alltäglich Gewohnte von Martin Husserl zur Methode der Phänomenologie erhoben worden. - Man sieht hier, wie auch später als singulär Erscheinendes in seiner Zeit verwurzelt ist.
   
Kleines P.S.
Was Brecht den gesellschaftlichen Gestus nennt (s.o.), heißt heute allgemein sprachliches Handeln und wird in der Theorie der Sprechakte erfasst. [Manches hört sich schlauer an, als es ist: Bereits Mephisto hat das gesehen und gesagt, Faust I, V. 1995 ff.]

von: norberto42 in: Dramen
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Geändert am 9. Oktober 2007 um 12:09