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Dienstag, 26. Dezember 2006

Zuerst den Aufbau von Gedichten untersuchen

Der Gedichtanalyse 1. Schritt: Gedichte als Texte, d.h. als kommunikatives Geschehen verstehen

Warum fällt es Schülern oft schwer, Gedichte zu verstehen? Es gibt doch Einführungen in die Theorie der Lyrik, zum Beispiel die der Uni Essen
(http://www.uni-essen.de/literaturwissenschaft-aktiv/Vorlesungen/lyrik/main.htm); dazu gibt es Übersichten über die rhetorischen Figuren (Basiswissen Schule: Literatur, hrsg. von Detlef Langermann. 2002, S. 139 ff., worauf man auch im Netz unter www.schuelerlexikon.de, dort unter „Literatur“, dort unter 2.3.4 „Stilmittel der Lyrik“ zugreifen kann). Ferner gibt es Anleitungen, wie man verständig mit Gedichten umgehen kann, z.B. in diesem Blog unter „Methodisches (Studio D)“, dort „Gedichtanalyse - erste Hinweise“ und „Gedichte analysieren (Methode der Gedichtanalyse)“, wiederum mit vielen Links.
   Trotz solcher Hilfen fällt es Schülern schwer, Gedichte zu verstehen. Ein Hauptgrund dafür ist meines Erachtens, dass zwar regelmäßig gefordert wird, man müsse den Aufbau beachten, dass darunter aber nicht von allen Lehrern und Germanisten das Gleiche verstanden wird. (Man kann die Wendung „Aufbau eines Gedichts“ in die Suchmaske einer Suchmaschine eingeben oder meinen Links folgen und einmal dem Verständnis von „Aufbau eines Gedichts“ nachgehen:
http://www.schule-am-pc.de/Lyrik/Gedichtanalyse/gedichtanalyse.html
http://www.42.org/~sec/own/handout.html
www2.digitale-schule-bayern.de/dsdaten/8/511.pdf (Enzensberger)
http://norberto42.kulando.de/post/2006/06/02/gedichtanalyse_kl_5_-_aufbau_eines_gedichtes (Krüss)
http://www.literatur-wissen.de/Studium/Gedichtinterpretation/gedichtinterpretation.html
http://lrc-web.modlang.ohiou.edu/lrc/poetry/KATZ/Hilfen/Gedichtinterpretation/
http://www.gallowsbird.de/gedichte.php?gedid=gedicht
http://www.muenster.org/mauritz/projekte_in/Storm_Gedicht/Storm_Gedicht.html

Ich möchte einen einfachen Weg zum elementaren Verständnis von Gedichten als Texten vorschlagen und den Begriff des Aufbaus von den formalen Elementen trennen; wenn man diesen Weg geht, wird man viele rhetorische, literaturgeschichtliche und formale Blüten am Wegesrand zunächst nicht beachten, sondern deren Betrachtung auf später verschieben - zuerst muss man auf dem Weg zum Verständnis des Gedichtes als Text bleiben. Dieser Weg geht vom Sprecher des Gedichtes aus und folgt seinem sprachlichen Handeln bis ans Ende der Äußerung. Man könnte auch sagen: Man muss das Gedicht als kommunikatives Geschehen begreifen. Vorbereitet habe ich das Verständnis dieses Weges in den Aufsätzen „Analysieren - Vorüberlegungen zu einer Theorie“ (24. März 2006) und „Grundbegriffe sprachlichen Handelns“ (22. September 2006 - beide im Blog http://www.bloghof.net/norberto42/) sowie in dem Aufsatz „Sprechakte, sprachliches Handeln“ in www.norberto42.kulando.de in der Kategorie „Lesen: der Satz“.
(Vgl. auch R. Bergmann – P. Pauly – St. Stricker: Einführung in die deutsche Sprachwissenschaft, 3. A. 2001, Kap. X und XI; A. Linke – M. Nussbauer – P. Portmann: Studienbuch Linguistik, 5. A. 2004, S. 193 ff.)
   Der entscheidende theoretische Begriff ist der des sprachlichen Handelns bzw. der Sprechakte [http://www-user.uni-bremen.de/~schoenke/tlgl/tlgldl2.html;
http://de.wikipedia.org/wiki/Sprechakte; http://tipsam.de/arb/arb_targ3.htm (sehr simpel)
http://userpage.fu-berlin.de/~hagen66/01/ling-pragma.htm].
Im Gedicht sagt also der Sprecher (nicht der Dichter!) nicht nur etwas, sondern er tut etwas, indem er zu seinem fiktiven Hörer oder seinen fiktiven Hörern (nicht zum Leser!) spricht; im fiktiven Zeitraum des Sprechens trägt der Sprecher seine Äußerung vor. Die durch dieses Modell ermöglichten Leitfragen lauten:
* Wer oder was ist der Sprecher?
* Zu oder mit wem spricht der Sprecher?
* In welcher Situation ist der Sprecher (und/oder der Hörer)?
* Worüber spricht er dabei?
* Was tut er, indem er so spricht?
[Eine weitere, gerade für das Gedicht als Gedicht wichtige Frage wäre: „Wie spricht er?“ Aber damit wollen wir uns heute nicht befassen, wir beschränken uns zunächst aufs Elementare.]
In das sprachliche Handeln können auch „rhetorische Figuren“ hineinspielen; so könnte ein Sprecher durch Wiederholung etwas eindringlich darstellen oder seinen Zorn zeigen, durch ironische Bemerkungen spotten, durch rhetorische Fragen oder Übertreibungen jemanden angreifen usw. - dann gehören diese Figuren nicht zum „Schmuck“ eines Gedichtes, sondern zum Sprechakt und sollten dort berücksichtigt werden. Das gilt ebenso für Reime, soweit sie zum „Sinn“ der Äußerung beitragen und nicht bloß einen Gleichklang bilden. Auch Tempo und Lautstärke des Sprechens sowie die Melodie der Stimme (Höhe, Pathos) sind durch den Sprechakt bedingt und können nur von ihm her erschlossen und gestaltet werden.

Mit dieser Sicht auf das Gedicht als Text fängt das Verstehen an; ich übe sie ab Klasse 5 in meinem Unterricht ein. - Ich habe im Folgenden einige Gedichte, die im Netz zugänglich sind, nach drei Graden der Komplexität geordnet. Ich nenne zuerst diese Gedichte und führe dann an zwei Gedichten des zweiten und dritten Schwierigkeitsgrades vor, wie die Leitfragen beantwortet werden können.

1. Einfache Gedichte
* E. Kästner: Sachliche Romanze, z.B.:
http://www.joerg-gessner.de/prv/zitate/erich_kaestner/kaestner02.html
Das ist eine Erzählung, mit Situierung in der 1. Str.
* E. Mörike: Septembermorgen, z.B.
http://kochsmeier.de/gedichte/moericke.htm
Ein Sprecher beschreibt das, was er (noch) sieht, und das, was der Hörer bald sehen wird.
* St. George: Komm in den totgesagten park, z.B.
http://www.deanita.de/herbst_george.htm
Das ist eine Serie von Aufforderungen, an einen Hörer gerichtet.
* W. Busch: Der volle Sack, z.B.
http://meister.igl.uni-freiburg.de/gedichte/bus_w02.html
Das ist eine (indirekt) lehrhafte Erzählung vom Dialog eines eingebildeten Sacks mit den Ähren, mit einleitender Situierung.

2. Zweiteilung im Gedichtaufbau
* R. M. Rilke: Herbsttag, z.B.
http://meister.igl.uni-freiburg.de/gedichte/ril_rm05.html
Der Sprecher betet zu Gott, anschließend reflektiert er die Situation der "jetzt" Einsamen (letzte Str.).
* J. Krüss: Das Feuer, z.B.
http://wwwspies.informatik.tu-muenchen.de/personen/Preusssonstiges/ADVENT95/05.html
Hier fragt jemand den Zuhörer, ob er auch alles vom Feuer wahrnimmt; am Ende berichtet er vom Verlöschen des Feuers.
* E. Kästner: Herr im Herbst, z.B.
http://www.joergalbrecht.de/es/deutschedichter.de/werk.asp?Titel=Herr+im+Herbst&ID=736
Hier beschreibt einer, was er beim Gang durch eine verregnete Stadt wahrnimmt; zwischendurch reflektiert und bewertet er es.
* G. Keller: Abendlied, z.B.
http://www.kreudenstein-online.de/Bestattungskultur/poesie/abendlied.htm
Es spricht jemand die eigenen Augen (und damit sich selbst) an, mit eingeschobenem Vorausblick auf den Tod.
* Th. Fontane: Die Brücke am Tay, z.B.
http://meister.igl.uni-freiburg.de/gedichte/fon_t13.html
Eine Erzählung vom Zugunglück an der Brücke, mit einem rahmenden Bericht zweier Gespräche der Hexen.
* Th. Storm: Im Herbste, z.B.
http://meister.igl.uni-freiburg.de/gedichte/sto_t05.html
Innerer Dialog eines alternden Mannes mit seiner Frau, mit einleitender Beschreibung der Situation (schon komplexer).
* F. Nietzsche: Vereinsamt, z.B.
http://meister.igl.uni-freiburg.de/gedichte/nie_f03.html
Hier wird ein „Vogel“ angesprochen, mit Beschreibung eines frühen Wintertages zu Beginn und am Ende (schwierig wegen der Bilder).

3. Komplexe Gedichte
* E. Kästner: Der Handstand auf der Loreley, z.B.
http://www.weiterbildungskolleg-duisburg.de/deutsch/seite11.htm
Ortsbeschreibung, einleitender Kommentar zu Heldensagen heute, Erzählung, Schlusskommentar
* K. Tucholsky: Augen in der Großstadt, z.B.
http://meister.igl.uni-freiburg.de/gedichte/tuc_k.html
Beschreibung einer alltäglichen Erfahrung, Reflexion, Belehrung des Du, mit eingeschobenem Refrain
* M. Claudius: Abendlied , z.B.
http://meister.igl.uni-freiburg.de/gedichte/cla_m02.html
Beschreibung einer abendlichen Landschaft, Belehrung der Hörer, Bekenntnis (das Ich einschließend), Gebet; zum Schluss fordert der Sprecher die (Glaubens)Brüder auf, getrost zu schlafen, und bittet Gott um dessen Huld.
(Lösungen gibt es in meinen Analysen "Gedichte" bei http://www.bloghof.net/norberto42.)

1. Beispiel
Nietzsche: Vereinsamt
Wer oder Was ist der Sprecher? Es ist ein nicht greifbares Ich, das sich an ein Du wendet (und deshalb „ich“ sein muss). Das Du wird in der 2. bis 5. Strophe direkt angesprochen, ist aber in der 1. und 6. Strophe jeweils mit gemeint.
   Was tut der Sprecher? Zunächst beschreibt das Ich eine vorwinterliche Situation außerhalb der Stadt (V. 1 f.) und äußert die Erwartung, dass es bald schneien wird (V. 3); darauf folgt eine allgemeine Seligpreisung derer, die „jetzt noch“, also in dieser kalten Zeit Heimat haben. Danach wendet das Ich sich an das unbekannte Du und beschreibt mitfühlend dessen Situation (V. 5 f.), worauf es, anknüpfend an dessen Schauen, vorwurfsvoll fragt, warum das Du denn überhaupt [aus der Stadt?] in „die Welt“ entflohen sei. Es greift dieses Stichwort auf und erklärt, was „Welt“ bedeutet (V. 9 f.); dann folgt eine Erklärung, warum das Du nirgends Halt machen kann oder darf (V. 11 f., entgegen dem, was es zu tun versucht, V. 5 f.). Mit dem folgenden „Nun“ (V. 13) knüpft das Ich in einer zweiten Beschreibung der Situation des Du an V. 5 sowie an die 1. und 3. Strophe an (V. 13 f.) und erklärt (begründet) die innere Logik des Weiterwandernmüssens mit dem Rauch-Vergleich (V. 15 f.). Gemäß dieser Logik fordert der Ich-Sprecher das als „Vogel“ (und damit Anti-Krähe) bezeichnete Du auf, zu fliegen (statt weiter zu zögern) und seinen Schmerz zu verbergen (5. Strophe). In der 6. Strophe wiederholt das Ich seine Landschaftsbeschreibung, nur mit dem Unterschied, dass jetzt sein Weherufe alle (und damit auch das Du) trifft, die keine Heimat haben.
   Der Sprecher spricht also über die Situation der Welt vor Wintereinbruch und stellt dem Krähenflug zur Stadt die Notwendigkeit entgegen, dass das Du seinen Aufbruch in die Welt konsequent zu Ende führt; er fordert das Du dazu auf, wobei unklar bleibt, ob er Mitleid mit dem Du hat (V. 3 f.; 23 f.) oder dort nur allgemein erklärt, was es bedeutet, (keine) Heimat zu haben.

2. Beispiel
M. Claudius: Abendlied
Das Ergebnis kann man in meinem Aufsatz „Matthias Claudius: Abendlied - Aufbau, Rhythmus“ (www.bloghof.net/norberto42, dort unter „Gedichte“) nachlesen.

Einschränkungen zum Schluss
1. Kann auch die pure Gedichtform (Ivo Braak: Poetik in Stichworten. 7. Aufl. 1990, S. 152 ff.) von Bedeutung sein? Das gilt meistens für Sonette
[http://de.wikipedia.org/wiki/Sonett
http://www.sonett-archiv.com/index2.html];
das gilt für alle Gedichte, die wesentlich durch ihre Form bestimmt sind, zum Beispiel
* Abc-Gedichte (James Krüss erzählt z.B. seinen Lebenslauf, orientiert sich dabei mit dem ersten Buchstaben eines jeden Verses aber auch am Alphabet:
http://www.krimi-forum.net/Datenbank/Autor/fa000762.html).
* I. Bachmann: Reklame, z.B.
http://words.piranho.com/bachmann-ingeborg_reklame.html
Hier liegt eine Montage zweier Texte vor.
* Auch die konkrete Poesie muss hier genannt werden, etwa Gomringer (http://www.brown.edu/Research/dichtung-digital/SS02/schweigen.htm).
* Andere Beispiele wären etwa Peter Handke: Die drei Lesungen eines Gesetzes (hier), oder das Bildgedicht „Die Trichter“ von Christian Morgenstern.
* Beim Akrostichon muss die Abfolge der ersten Buchstaben der Verse einen Namen oder Spruch ergeben; ich verweise auf ein Beispiel eines früheren Kollegen, Friedhelm Schmitz (http://www.keinverlag.de/texte.php?text=139747).
* Eine gute Übersicht über viele Möglichkeiten, den Aufbau eines Gedichtes primär über die Form zu gestalten, bietet das Buch „Das Wasserzeichen der Poesie oder Die Kunst und das Vergnügen, Gedichte zu lesen. In 164 Spielarten vorgestellt von Andreas Thalmayr“ (von Hans Magnus Enzensberger, Nördlingen 1985).
2. Eine weitere Einschränkung muss gemacht werden: Manche Texte erschließen erschließen sich erst ganz oder teilweise über ihren Bezug zu anderen Texten; das gilt nicht nur für Parodien, sondern auch für Gedichte, die oft unter dem Titel „Replik“ oder „Widerlegung und Weiterführung“ zusammengestellt werden, zum Beispiel
* Bertolt Brecht: Fragen eines lesenden Arbeiters
(http://www.sozialistische-klassiker.org/Brecht/Brecht16.html), und
* Volker Braun: Fragen eines regierenden Arbeiters.
Dieser Aspekt wird heute unter dem Begriff der Intertextualität besprochen
(http://www.uni-essen.de/literaturwissenschaft-aktiv/Vorlesungen/epik/intertextg.htm oder http://www.jolifanto.de/intertext/intertextualitaet.htm u. a.). Hierhin gehört auch das Phänomen der Parodie.
3. Aus Romanen kenne ich auch eine seltsame Konstellation: Der Autor führt einen beschränkter Erzähler ein (Don Quijote, Huckleberry Finn), wobei der Leser bald merkt, dass es eher um die verrückte Perspektive des Erzählers (Don Q.) und die darin erschlossene Welt (H. Finn) als um eine Kommunkation des Erzählers mit irgendwelchen Hörern geht. Der Leser wird direkt vom Autor eingeladen, zu diesem Quark Stellung zu beziehen oder herzhaft zu lachen; bei Gedichten denke ich etwa an Morgensterns unsterbliches Gedicht "Die unmögliche Tatsache" (http://www.wspiegel.de/kurs/morgenstern.htm).

Zusammenfassend kann man also sagen, dass viele Gedichte seit dem Sturm und Drang als kommunikatives Geschehen zwischen Sprecher und Hörer verstanden werden müssen, dass es aber auch andere Prinzipien gibt, die den Aufbau von Gedichten bestimmen können – dass es jedoch durchweg nicht ausreicht, die Anzahl der Strophen und Verse zu zählen sowie die Reimform zu bestimmen, wenn man ein Gedicht verstehen will.

* Es gibt eine Variation dieses Aufsatzes als Beitrag bei lehrer-online; ich danke Gabi Netz für Ihre Arbeit!
Vgl. http://www.lehrer-online.de/url/gedichte-verstehen

Entry modified
Geändert am 8. Januar 2008 um 12:44

Sonntag, 17. Dezember 2006

Theodor Storm: Abseits (1848) - Analyse, Interpretation


Bereits mit der Überschrift „Abseits“ gibt der Dichter einen Hinweis, dass dieses Abseits neben etwas anderem stehen oder liegen muss. Im „Leipziger Wortschatz“ werden als Synonyme angegeben: „abgelegen, absondern, außerhalb, beiseite, draußen, einsam, entfernt, fern, fernliegend, isolieren, seitab, zurückziehen“. Was also ist abseits und was ist das andere, das durch „Abseits“ mit in den Blick gerückt wird?
   Abseits ist dort, wo es „still“ ist, sagt der Sprecher gleich zu Beginn: „Es ist so still; die Heide liegt / Im warmen Mittagssonnenstrahle.“ (V. 1 f.) Abseits ist die Heide. In den beiden letzten Versen sagt der Sprecher auch direkt, was das andere des Abseits ist: Es ist die aufgeregte Zeit (V. 23), also die große Welt und ihre Betriebsamkeit. Abseits ist „diese Einsamkeit“ (V. 24). Dieses Abseits wird vom Sprecher gepriesen, wie ich gleich zeigen werde; es ist ein Gegenbild gegen die Unruhe der Welt. Das Prädikativ „still“ und die zum Schluss genannte „Einsamkeit“ entsprechen einander und bilden den Rahmen um alles, was zum Lob der Heide als Lebensraum zu sagen ist. Zwar kann man das Schwirren der Vögel, „Lerchenlaut“ (V. 12) und einen Schlag der Dorfuhr hören (V. 20), aber eben doch „kaum“, da sie weit entfernt ist; vor allem jedoch sind Lerchengesang und Uhrenschlag nicht Lärm der aufgeregten Zeit, sondern in die Einsamkeit passende Laute oder Geräusche. Auch das Haus liegt „einsam“, also abseits des Dorfes (vgl. V. 20), was seinerseits abseits der Stadt liegt. Da das Haus so abseits liegt, sind auch nur zwei Menschen zu sehen, Vater und Sohn (V. 15 ff.), während einem in der Großstadt „Millionen Gesichter“ (Tucholsky: Augen in der Großstadt) begegnen. Vielleicht ist auch die Tatsache, dass das Alte Bestand hat („ihre alten Gräbermale“, V. 4), Zeichen dafür, dass die städtische Jagd nach Neuem und Neuigkeiten hier noch nicht begonnen hat.
   Der Sprecher tritt als Figur nicht hervor, aber doch in der Art, wie er das, was er in der Heide wahrnimmt, beschreibt: Er sieht, wie ein Schimmer um die Hünengräber fliegt und wie die Kräuter blühen; er riecht den Heideduft, der aufsteigt; er nimmt also wahr, wie die Natur lebt und sich entfaltet. Es ist Mittagszeit (V. 2), Zeit der Heideblüte (V. 5), Zeit der Mittagsruhe (V. 19). Deshalb braucht der Bauer (Kätner: Beweohner der Kate) nicht zu arbeiten (V. 15 f.), kann behaglich blinzeln, statt aufmerksam zu schauen; sein Junge schnitzt Pfeifen (V. 17 f.), vertreibt sich also die Zeit mit dem, was ihm Freude macht. Da kein Lärm zu hören ist, schläft der Bauer ein, um von seinen fleißigen Bienen zu träumen (V. 21 f.), die für ihn die Arbeit erledigen.
   Der Sprecher wendet sich in liebevoller Betrachtung dem Kleinen zu: Laufkäfer sieht er (V. 7) mit ihren Panzerröckchen (V. 8) - das Diminutiv zeigt sie als liebenswürdige Wesen; im Reim sind die „Glöckchen“ der Edelheide (nicht bloß: der Heide), an denen die Bienen hängen, ebenfalls diminutiv genannt; klein ist auch das Haus, gleich mehrfach: niedrig (V. 13), eine Kate (V. 15). Kleines ist das Abseits der in die Höhe strebenden Stadt, wo es eng ist und alles dicht beieinander steht.
   Die Strophen sind gleichmäßig aufgebaut: Jeweils vier Takte Jambus, die ersten vier Verse im Kreuzreim aneinander gebunden, die beiden letzten im Paarreim; am Ende des jeweils zweiten und vierten Verses findet man eine weibliche Kadenz, welche als unvollendeter Beginn eines neuen Taktes für eine kleine Pause sorgt. Dadurch wird auch das bei Paarreimen mögliche Tempo merklich gebremst. Mehrfach hält der Sprecher sogar mitten im Vers inne (V. 1, V. 5, indirekt auch V. 20 durch die Inversion), er passt sich im ruhigen Sprechen der Stille der Heide an. Die sinntragenden Wörter werden betont: still, Heide, Mittag, Schimmer, alten, Gräber, Kräuter, Heide, blaue, Sommer (als Wörter der 1. Strophe): Es ist das, was sich dem ruhigen Betrachten darbietet. Außerhalb des Taktes werden „steigt“ (V. 6), „Lauf“ (V. 7), „kaum“ (V. 19), „kein“ (V. 23) und „drang“ (V. 24) betont; die beiden ersten Betonungen beruhigen das Sprechen, weil „steigt“ auf das betonte Wort „Duft“ folgt und so im Jambus eine kleine Pause erzwingt, was auch in V. 7 der Fall ist. Das Gleiche gilt für die Abfolge „Drang noch“ (V. 24). Mit „kaum“ und „kein“ sind Wörter betont, die eine Negation des Anderen, der fremden Stadt bezeichnen. Zusammenfassend kann man sagen, dass der Sprecher ausgesprochen ruhig spricht, wie es einem Bewunderer der Heide und ihrer Einsamkeit angemessen ist.
   Es gibt eine Vielzahl von Reimen, welche Verse sinnvoll aneinander binden: Da Mittagsruh ist, kann dem Alten die Wimper zufallen (V. 19/21); die aufgeregte Zeit (V. 23) steht im Gegensatz zu dieser Einsamkeit (V. 24). Sonst werden nur Verbindungen des Gleichen oder Gleichartigen hergestellt (Heideduft - Sommerluft, V. 5 f.) usw.), da die Heidelandschaft in sich einheitlich still und einsam ist.
   Dass diese einsame Heide primär Gegenbild gegen die städtische Unruhe ist und nicht realistisches Bild vom Leben und Arbeiten eines Heidebauern, hängt damit zusammen, dass nicht die Heidebauern Gedichte schreiben, sondern die Städter. Sie sind es, die sich ein Bild vom schönen Leben auf dem Land machen - ganz in der Tradition der Kultur- oder Zivilisationskritik Rousseaus (1712 - 1772), die schon früh nach Deutschland strahlte und sich auch in der Dichtung der Empfindsamkeit und des Sturm und Drang Gehör verschaffte. Wie es wirklich auf dem Land zugeht, hat die spöttische Gestalt Mephisto seinem von natürlichen Mitteln der Verjüngung schwärmenden Herrn,  Faust, gesagt:
„Begib dich gleich hinaus aufs Feld,
Fang an zu hacken und zu graben,
Erhalte dich und deinen Sinn
In einem ganz beschränkten Kreise,
Ernähre dich mit ungemischter Speise,
Leb mit dem Vieh als Vieh, und acht es nicht für Raub,
Den Acker, den du erntest, selbst zu düngen;
Das ist das beste Mittel, glaub,
Auf achtzig Jahr dich zu verjüngen!“ (Goethe: Faust I, V. 2353 ff.)
Oder zu Deutsch: Das Leben auf dem Land ist beschissen, du arbeitest dich kaputt; Mephisto durfte die Wahrheit gegenüber seinem Schwärmer Faust aussprechen. Nur unter dem Eindruck des Zaubertranks fiel Faust auf Gretchen, die eben diesem engen Lebenskreis angehörte, herein; doch schon bald hielt er es bei ihr nicht mehr aus, - aber das gehört in ein anderes Kapitel.

"Leben auf dem Land (mit einer Familie)" als Idylle, das gibt es auch in einem Schlager Reinhard Meys (1980), wo im Refrain der Kontrast zur idiotischen Stadtwelt (drei Strophen) aufgebaut wird:

Reinhard Mey: Bei Ilse und Willi auf'm Land

Ein Hand voll Kinder in der kleinen Küche
lachen und krakeel'n, und Schwager Roberts Sprüche.
Oma in der Fensterbank, im Korb schnarcht der Hund,
Ulla deckt den Küchentisch, es geht wieder rund.
Kaffee auf'm Herd und Braten in der Röhre,
kein Platz auf der Welt, wo ich jetzt lieber wär', ich schwöre!
Die Füße unter'm Tisch, die Gabel in der Hand
bei Ilse und Willi auf'm Land.


Vor mir auf dem Schreibtisch türmen sich Papiere,
höchste Zeit, daß ich die wenigstens sortiere,
fang' ich von hinten an oder von vorn?
Völlig wurscht, den Überblick hab' ich doch längst verlor'n.
Ich räum' sie von einer auf die andre Seite,
fabelhaft wie unermütlich ich arbeite
bis mir der Ramsch vor den Augen verschwimmt
und ein Bild erscheint, das mich fröhlich stimmt:

Autobahnkreuz Frankfurt Süd, Wagen an Wagen,
seit zwei Stunden spür' ich, wie wir Wurzeln schlagen.
Schön, aus dem Radio jetzt zu erfahr'n:
"Wir empfehlen den Stau weiträumig zu umfahr'n"
Gummibärchen, Chips und Kekse aufgegessen,
Thermos leer, und mein Gesäß ist durchgesessen,
die Zeitung kenn' ich auswendig, mir knurrt der Bauch,
und jetzt singt Peter Alexander, und müssen muß ich auch.

Schon seit heute morgen, ohne Unterbrechung,
langweil' ich mich tödlich in dieser Besprechung,
und beim Versuch "Wie int'ressant" zu lall'n,
bin ich schon zweimal vornüber auf den Tisch gefall'n.
Ich kann nicht mehr blinzeln, ich kann nicht mehr denken,
nicht mehr mit dem Tischnachbarn Schiffe versenken.
Jetzt meld' ich mich zu Wort: "Ich will hier raus,
wer von den Herren nimmt mich 'Huckepack' und trägt mich nach Haus?"

von: norberto42 in: Gedichte
Entry modified
Geändert am 2. Februar 2007 um 21:08

Donnerstag, 14. Dezember 2006

Goethe: Ein zärtlich jugendlicher Kummer

Grundlage einer Analyse 
Zunächst spricht das lyrische Ich bei einem einsamen Gang ins Freie reflektierend zu sich selbst; seine Stimmung scheint der noch winterlichen Natur, durch die es geht (Melodie zu meinem Lied, V. 6), zu entsprechen. Doch finden sich in der Naturbeschreibung Spannungen, die das Andringen eines Neuen anzeigen (ödes Feld - stiller Morgenschlummer; starr - wiegt; schauernd - rauschend). Fazit: Die Mutter Erde (Bild der Mutter: wiegt, singt) hat Hoffnung in sich (Schlussvers).
   Danach spricht das Ich die Sonne an und kommt so aus seiner Selbstbezogenheit heraus; es blickt auf das künftige Naturgeschehen voraus (Sonne im Mai; Jüngling, Mädchen; Veilchen) und begründet so sein Verständnis der Natur und ihres hoffnungsvollen Zustandes (V. 8/9: Denn... bald); im Bedeutungsfeld des Neuen (offenes Auge, neue Wiesen, junges Gras, reizender Busen) zeigt sich, dass die Hoffnung der still-trauernden Natur berechtigt war. Die Figuren treten als Paare auf (statt Ich allein im öden Feld). Das Tempo in der zweiten Strophe ist schneller als das in der ersten; die Reime „kränzen/Tänzen“ und die frohe Hoffnung des Mädchens spiegeln die veränderte Stimmung des Ich wieder.
   In der dritten Strophe beginnt das Ich mit Freudenrufen (Rufzeichen) angesichts eines gegenwärtigen Ereignisses (plus Rückblick auf den endgültig vergangenen Winter: Tempuswechsel; „Schnee, hager, Nebel, kalt, Grau“ nehmen noch einmal einige Aspekte der Natur aus der 1. Str. auf): Ein Mann arbeitet bereits; er hat Ernteträume, weshalb er jetzt „sät und hofft“. Das ruhige, zum Teil entschlossene Sprechtempo spiegelt den Gang des Sämanns wider.
   Insgesamt sollten neben der jeweils veränderten Sprechsituation das Tempo und seine Variation (Jambus, mit Taktstörungen in V. 6, 21, 24 und 29; unterschiedliche Verslängen), (die Bedeutung wichtiger Reime sowie) das Fazit in den Schlußversen der drei Strophen beachtet werden, damit herausgearbeitet wird, wie das Ich im Gang durch die Natur, im Ausblick auf ihr künftiges Erblühen und beim Anblick des hoffnungsfrohen Arbeiters selber neue Hoffnung schöpft.
   Überraschend für den jungen Goethe ist übrigens, dass  Arbeit als gleichberechtigte Form der hoffnungsfrohen Zuwendung zur Natur neben dem Maienfest steht.

von: norberto42 in: Gedichte