Fontane: Irrungen, Wirrungen - begrenzte Analyse

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1. Links

Sagen wir es nur offen: Gute Analysen gibt es im Netz nur begrenzt. Fangen wir daher mit den Links an (zuerst Bilder von Hankes Ablage - Bilder von Berlin 1875 habe ich im Netz nicht gefunden, doch gibt es eine Karte zum Schauplatz in "Erläuterungen und Dokumente", RUB 8146, S. 4):
http://www.lokschuppen-zeuthen.de/lok/geschichte.html
http://www.uni-bielefeld.de/paedagogik/Tops/fontane/federzeis.htm
http://www.uni-bielefeld.de/paedagogik/Tops/fontane/seite21.htm
http://www.landshut.org/members/msagerer/f_irrungen_b02.htm
http://www.zeuthen-online.de/zmain250.htm
Neben der Musterklausur aus NRW (pdf-Datei auf learn-line) gibt es
http://www.lehrerfreund.de/in/schule/1s/irrungen-wirrungen/ (Stand 4/06 - hier findet man auch eine Karte von Berlin: http://www.hh.schule.de/ngb/fontane/pics/city01.GIF)
http://www.ub.fu-berlin.de/internetquellen/fachinformation/germanistik/autoren/multi_fgh/fontane.html
(Dort stößt man auf den Hamburger Bildungsserver, dort unter "Fontane" v.a. auf Artikel zu "Realismus, Naturalismus":
http://www.hamburger-bildungsserver.de/welcome.phtml?unten=/faecher/deutsch/autoren/fontane/index.htm)
http://de.wikipedia.org/wiki/Irrungen,_Wirrungen
http://www.gymnasium-blomberg.de/wiki/Fontane/StartSeite
Beim Kollegen Einecke sind die Links zur Epoche (Bürgerlicher Realismus) interessant:
http://www.lehrerfreund.de/in/schule/1s/realismus-epoche/
http://odl.vwv.at/deutsch/Realismus/index.cgi?p=ahs
http://www.wcurrlin.de/pages/6.htm
http://www.wolfgang.richardt.info/Hand%20.html#5.%20Epochen%20der%20deutschen%20Literaturgeschichte

Ganz brauchbar ist die Arbeit Reinhard Wilczeks in den "Oldenbourg Interpretationen" (mit Unterrichtsentwürfen, für den Lehrer), weil sie u.a. die Reclam-Seitenzählung berücksichtigt. Dagegen ist Michael Bengels Lektürehilfe (Klett) nur eingeschränkt brauchbar, weil sie dies nicht tut. - Wenn man beide Lektürehilfen streng liest, findet man viele Fehler und Ungenauigkeiten: Sie sind unter dem Druck, fürs Zentralbitur NRW "Lektürehilfen" anbieten zu wollen bzw. müssen, geschrieben worden - man merkt es ihnen an!

Wir lesen übrigens den Roman in drei Etappen: Kap. 1-10, 11-17, 18-26 (Ausgabe RUB 8971). Zu den Kap. 1-5 werden wir untersuchen, wie die Figuren Lene und Botho eingeführt werden, welche Beziehung zwischen Lene und Frau Dörr besteht, in welchen Welten Lene und Botho leben [hierzu sollte man auch Kap. 6-8 heranziehen!] und wie sich von Anfang an zeigt, dass die Liebe des Paares gefährdet ist. Gleichzeitig kann man einen Blick darauf werfen, wie der Erzähler agiert.
   Mir ist bei der Lektüre eine der vielen Finessen (Fontane) aufgefallen, die den Roman auszeichnen: Es geht in der Sicht Lenes darum, ob Botho wirklich ihr einziger Botho (37/24) ist, oder ob der später aus berufenem Mund bestätigte Satz gilt: "Zuletzt ist einer wie der andere." (58/34 - hier von Lene verneint).

2. Analysen zu Kap. 1 - 5

(Seiten- und Zeilenzählung nach RUB 8971 von 1994, Zeilenangabe hinter /)

1. Wie werden die Figuren Lene und Botho vom Erzähler eingeführt?

Nachdem der Erzähler kurz den Wohnort Lenes beschrieben (S. 3) und das Geschehen datiert hat (3/31 ff.), erwähnt er, dass Lene die Pflegetochter der Frau Nimptsch ist (4/5 f. - also vermutlich ein uneheliches, von Frau Nimptsch angenommenes Kind), von der er dann zunächst berichtet, um anschließend ihr Gespräch mit Frau Dörr weithin wörtlich zu berichten (4/22 ff.).
   Im Gespräch dieser bekannten Nachbarinnen wird dann auf Nachfrage der Frau Dörr klar, dass der nur „er“ genannte Baron da war und mit Lene spazieren ist (5/3 ff.) und dass Lene sich nach Meinung ihrer Pflegemutter „so was“ denkt und sich vielleicht etwas einbildet (5/14-16), was das Verhältnis mit Botho betrifft; Frau Dörr kommentiert diese Äußerung (5/17 ff.). Sie vergleicht dann Lene, die zwar kein Engel sei (5/17 ff.), als „gutes Kind“ mit anderen Mädchen (5/20 ff.).
   Anschließend wird im Botenbericht der Frau Dörr die Heimkehr des Paares und Bothos Abschied berichtet (6/32 ff.).
   Von Lenes Auftreten berichtet der Erzähler selber im 3. Kapitel, wie sie sich während ihrer Arbeit am Fenster mit Frau Dörr unterhält (ab 13/2). Sie sprechen dabei ausführlich über Herrn Dörr (14/9 ff.), wobei Frau Dörr auf Botho anspielt („grade gewachsen wie ‘ne Tanne“ 15/1 f.); Lene will dazu nichts sagen (15/3 ff.), und so fragt Frau Dörr direkt, ob Botho „heute“ komme (15/14) und wie es denn zu diesem Verhältnis gekommen sei (15/16 ff.). Darauf erzählt Lene diese Geschichte. - Dann wird berichtet, dass ein Brief Bothos gebracht wird, in dem er den Besuch für diesen Tag absagt (19/7 ff.).
   Im 4. (und 5.) Kapitel wird der im Brief angekündigte abendliche Besuch Bothos im Haus Nimptsch berichtet (ab 20/17 ff.); dieser Besuch steht in einer Reihe ähnlicher Besuche, was man daran erkennt, dass Frau Nimptsch offensichtlich die Vorliebe Bothos für einen bestimmten Sitzplatz kennt (20/31 f.). In diesem Gespräch erweist sich Botho als höflich und charmant, wogegen er sich über die Sprechweise in feinen Kreisen lustig macht (24/3 ff.). Zu einem Konzert im Zoologischen Garten „drüben“ (26/13 ff.) wird dann im Haus getanzt.
   Im 5. Kapitel wird dann berichtet, wie Lene und Botho anschließend in den Garten gehen und wie sie glücklich sind; Lene drückt jedoch ihre Ahnungen oder ihr Wissen, dass ihr Verhältnis eines Tages enden wird, aus (ab 32/35 direkt). Von dem, was die beiden zum Schluss im Haus sagen oder tun, wird nichts gesagt. - Der Erzähler hat bisher das Geschehen von drei Tagen berichtet.

2. Verhältnis der Figuren Lene - Frau Dörr
Mit diesem Aspekt deute ich an, dass in Fontanes Roman viele Äußerungen, Handlungen und Beziehungen sich in anderen spiegeln, was man jedoch erst wirklich erkennt, wenn man den Roman zu Ende gelesen hat und ihn unter diesem Aspekt noch einmal liest. Jetzt sind demnach erst einige Anmerkungen möglich.
   Frau Dörr stellt eine Parallele von sich zu Lenes Verhältnis zu Botho her, als sie die Bemerkung der Frau Nimptsch kommentiert, Lene bilde sich wohl etwas ein (5/17 ff.): „...mit mir war es ja eigentlich ebenso, man bloß nichts von Einbildung. Und bloß darum war es auch wieder ganz anders.“ (5/22-24) Sie vergleicht dann ihre Figur mit der Lenes und ihren Grafen, einen ehemaligen Geliebten (6/7 ff.), mit „Lene ihren Baron“ (6/15 ff.). Das heißt, dass sich das eine Verhältnis in dem anderen spiegelt.
   Über ihre Anspielungen errötet Lene (hier 15/3), doch spricht sie offen mit Frau Dörr (15/22 ff. und 19/11 ff.). Frau Dörr wiederholt noch die Warnung vor dem „Einbilden“ einer Frau aus einfachen Verhältnissen, wenn eine solche ein Verhältnis mit einem Adeligen hat (18/15 f.), und greift damit auf eine Äußerung gegenüber Frau Nimptsch zurück (5/17 ff.); anderseits greift sie damit (für den Leser, nicht ihr selbst bewusst) auf eine ähnliche Äußerung Lenes vor, man müsse allem „ehrlich ins Gesicht sehn und sich nichts weismachen lassen und vor allem sich selber nichts weismachen“ (34/8-10).

3. Lenes Welt und Bothos Welt
Lenes Welt ist ein kleines Wohnhaus (3/12), in dem sie in Heimarbeit Wäsche plättet (bügelt, 13/26 ff.); das angrenzende jämmerliche (7/17) von Familie Dörr bewohnte Gebäude wird von Frau Nimptsch „Schloß“ genannt (4/24), was der Erzähler distanziert wiederholt (7/12); damit ist ein Gegenpol zu Bothos Welt gesetzt. Lenes Umgang sind neben der Mutter die drei Dörrs, vor allem Frau Dörr. Wegen einer Fête (22/15) hat Botho einen Besuch abgesagt, auch wenn er (aus Höflichkeit?) äußert, dass ihm weder dort noch in seinem Klub etwas so gut wie Lenes Kirschwasser geschmeckt habe (28/2 ff.).
   Bothos Welt ist eigentlich der angrenzende Zoologische Garten, der „drüben“ ist (26/13); das dort aufgeführte Konzert wird von Herrn Dörr auf einem Kaffeebrett mit dem Löffel begleitet (26/24 ff.), was die Distanz der Welten zeigt, auch wenn Botho mit seinem Tanzmeister-Französisch (26/30) etwas von seiner Welt in die kleine Welt Lenes hineinbringt.
   Wie unterschiedlich die Welten sind, wird im 4. Kapitel an dem zentralen Thema, wie und was man spricht, deutlich. Als man auf den Baron wartet, wird wenig gesprochen (20/1); Lene deutet dann an, dass „Anfangen mit der Unterhaltung (...) immer das Schwerste“ (23/27 f.) für sie ist. Botho stellt dagegen dar, dass dies für ihn bzw. in seinen Kreisen in Wahrheit „ganz leicht“ (23/35) ist, und spielt den Anwesenden dann Tischgespräche vor (S. 24 f.). Er distanziert sich davon und bewertet diese Unterhaltungen so, dass es eigentlich gleichgültig ist, was man sagt und nicht sagt, und dass ein Ja so viel wie ein Nein bedeutet (25/25 ff.). Lene bringt das auf den Begriff „redensartlich“ (25/34) und wundert sich, dass Botho dabei überhaupt mitmacht; der rechtfertigt sich und führt dann dagegen an, dass in seinem Klub die Redensarten aufhören „und die Wirklichkeiten“ anfangen (26/4 ff.).
   Wirklichkeit, die besteht für ihn darin, dass er jemandem ein Pferd (beim Spiel?) abgenommen hat; es ist eine andere Wirklichkeit als die bei Nimptsch; und wenn es nach seinen Worten „wirklich reizend“ (26/4 f.) im Klub ist, dann zeigt das wieder sein redensartliches Sprechen - ein innerer Widerspruch.
   Der gleiche Widerspruch zeigt sich in Bothos Äußerungen über die alte Wasch- und Plättfrau Nimptsch, wofür er sich auf einen Dichter beruft (21/16); sie lebe „wie Gott in Frankreich“ (21/29 f.). Das wird nicht nur durch die Bedeutung des Geldes in seinem Leben (ab Kap. 6 deutlich), sondern auch durch seinen Spruch relativiert: „Jeder Stand hat seine Ehre.“ (21/14 f.); damit sagt er sehr wohl, dass da verschiedene „Ehren“ bestehen; von dem, was Frau Nimptsch hat, möchte er wohl allenfalls die Lene haben.
   Dass der Garten von Rienäcker „genauso daliegt wie dieser Dörrsche“ (31/33), ist eine Bemerkung Bothos, mit der er Gemeinsamkeit stiften will; im 5. Kapitel wird dagegen deutlich, dass „hier“ und „drüben“ (Zoologischer Garten) verschiedene Welten sind und dass Botho zwar zu Lene in den Dörrschen Garten kommen, aber Lene nicht mit ihm in den Garten drüben gehen kann.
   Erst recht zeigt sich an Bothos Wohnung, die zu Beginn des 6. Kapitels beschrieben wird, dass er in einer anderen Welt als Frau Nimptsch (4/7 ff.; 13/26 ff.) oder Familie Dörr (7/12 ff.), dass er in einer anderen Welt als Lene lebt; Bothos Welt wird in den Kapiteln 6-8 vorgestellt. - In Bothos Wohnung hängen Gemälde, er hat einen Diener und ein Reitpferd. Bilder Albert Hertels sind im Netz kaum präsent, aber die Seestürme und Landschaften der Brüder Achenbach sind reich dokumentiert:
http://de.altavista.com/image/results?itag=ody&q=Andreas+Achenbach&mik=photo&mik=graphic&mip=all&mis=all&miwxh=all (Andreas Achenbach)
http://de.altavista.com/image/results?itag=ody&q=Oswald+Achenbach&mik=photo&mik=graphic&mip=all&mis=all&miwxh=all (Oswald Achenbach)
Botho trinkt mit seinem Onkel feinsten Sekt (47/31), während es bei Nimptsch billigen Apfelwein (21/36) gibt und noch eine Flasche Kirschwasser von Weihnachten (27/26 ff.).
   Botho hat eine richtige Familie, in der man auf standesgemäße Heirat achtet und wo der einzelne unter dem Diktat gesellschaftlicher Verpflichtung lebt (Lenes Sicht, S. 32 f.; des Onkels Rede, S. 45-47; Bemerkung eines Kameraden 53/1 f.), aber damit auch dazugehört, während Lene eben bloß angenommenes Kind ist, ihren eigenen Weg sucht und mit dem glücklich ist, was ihr der Augenblick bietet (33/3).

4. Die Liebe ist von Anfang an gefährdet.
Das zeigt sich gleich zu Beginn an zwei Bemerkungen Frau Nimptschs: Das Liebespaar muss Wege wählen, wo keiner kommt (5/8), und Botho „bleibt ja nich“ (5/11).
   In der bereits genannten Einschätzung von Lenes „Einbildung“ (5/15 ff.) wie auch in der Bemerkung der Nimptsch, so ein vorübergehendes Verhältnis schade ja nichts (18/1), zeigt sich die Skepsis der beiden alten Frauen; dass Botho jedoch die besagte Fête dem Abend mit Lene vorzieht, dann angeheitert erscheint (20/17 f.) und ihr als Trostpflaster nur Knallbonbons mitbringt (22/15 ff.), bezeugt Bothos wahre Einschätzung des Verhältnisses.
   Dies sind jedoch alles nur dezente Hinweise, die erst im Licht dessen klar werden, was den beiden im Garten (5. Kapitel) widerfährt. In der glücklichen Situation des Neckens (30/20 ff.) und der Geborgenheit angesichts der Mondsichel (31/19-24) kommentiert der Erzähler, wie Lene sich dann aufrichtet („als sie sich wie von einem Traume, der sich doch nicht festhalten ließ, aufrichtete“, 31/26 f.); das ist ein Paukenschlag, mit dem einige Äußerungen Lenes eingeleitet und beglaubigt werden:
- dass sie sich vor Bothos Mutter fürchtet, die schon darauf achten werde, dass ihre Kinder reiche Partien machten (32/5 ff.);
- dass Botho eines Tages wegfliegen werde, weil er es müsse (33/4 f. und 33/11 ff.) und schwach sei (33/19;
- dass sie eben mit Botho nicht „drüben“ in der Lästerallee so gehen kann wie „hier“ im eigenen Garten (33/35 ff.); damit ist die Garten-Idylle zerstört und Botho kann gegen Lenes Unterscheidung: „ich“ (und mein Leben) - „ihr“ und „euer Leben“ (34/2 ff.), sachlich nichts einwenden (34/7).
   Mit der Gartenszene beendet der Erzähler seinen Bericht von dem, was in drei Tagen geschehen ist; die Vorgeschichte hat er Lene erzählen und im Bewusstsein der Figuren bestehen lassen. In seinem Vergleich hat er selber Lenes Glück in die Nähe eines Traumes, also eines Gespinstes gerückt (31/26 f.), jedoch auch angedeutet, dass mit dem Erwachen ein Sich-Aufrichten Lenes verbunden ist.
 
"Weitere Analysen" zum Roman folgen in einem Beitrag vom 22. Oktober.

philipp am 6. November 2006 um 04:35
hallo norberto42!
sehr gute arbeit die sie hier abliefern. ich kann diese analysen sehr gut für meinen deutsch LK unterricht nutzen. als schüler liest man sowas gern, ist ja ne prima hilfe. weiter so.
und vielen dank für ihre mühen.

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