Hier wird die "begrenzte Analyse" der Kap. 1-5 (vom 13.10.06) fortgesetzt:
1. Zum Erzähler (Kap. 6 und 7)
Im 6. Kapitel beschreibt der Erzähler zunächst Bothos Wohnung, wobei er diese Beschreibung ins Geschehen einbindet bzw. andeutet, dass er etwas berichten wird: „Es war die Woche danach...“ (34/21 f.); mit dem Hinweis auf das Ende der Kastanienblüte wird das Geschehen auch in den Jahresablauf eingebettet: etwa Ende Mai.
In der Beschreibung distanziert der Erzähler sich von Rienäcker und seiner Lebensweise vorsichtig. Die erste Distanzierung finde ich in der Modifizierung „ziemlich“ (34/26 f.); denn „erheblich“ ist deutlich, und „ziemlich erheblich“ klingt für mich in sich widersprüchlich, etwas ironisch. Die zweite Distanzierung finde ich im Verb „paradierte“ (34/32): als ob Bilder einer militärischen Formation angehörten, statt einfach in einer schönen Anordnung zu hängen! Auch dass Botho sich an einem einzigen Bild „zum Kunstkenner“ herangebildet hat (35/2), ist ein ironischer Zweifel an seinem Kunstverstand; wie wertvoll (35/1) Bilder sind, die man bei einer Verlosung gewinnt (34/33), sei dahingestellt.
Am Ende des ersten Absatzes berichtet der Erzähler eine Bemerkung, die Botho darüber zu machen pflegt, dass das Losglück wie vielleicht jedes Glück einen teuer zu stehen komme (35/4 ff.). Was der Erzähler harmlos berichtet, ist auf der Ebene des Autors Fontane bzw. auf der Ebene des Lesens eine Andeutung oder Anspielung auf das Liebesglück des Paares. Hier fällt übrigens auf, dass der Erzähler in der wörtlichen Rede eine Form der indirekten Rede („sei“, 35/8) benutzt, wie er es öfter tut (z.B. 35/15).
In der Bemerkung über die Zeitungen des Barons setzt der Erzähler einen Maßstab (voraus), an dem gemessen (der Kauf und) die Anwesenheit von Klatschblättern „ziemlich verwunderlich“ (35/13 f.) ist; mit dem Zitat des Lieblingssatzes („Schnack gehe vor Politik“) wird auf der Ebene des Lesens eine Beziehung zum von Botho angeblich belächelten Geschwätz (S. 24 f.) wie auch zur Weltsicht des Onkels hergestellt, für den Politik ein dominierender Lebensbereich ist (S. 43 ff.). Dass Botho seinen Kanarienvogel „nur zu sehr“ verwöhnt (35/20 f.), mag als harmlose Bemerkung des Erzählers durchgehen; in seinem anschließend zitierten Satz („Alle Lieblinge sind gleich und fordern Gehorsam und Unterwerfung.“ 35/26 f.) kann man eine vorsichtige Distanzierung von Lene heraushören; der Erzähler behandelt diesen Satz so, als ob Botho ihn regelmäßig (wenn - dann, 35/23), aber auch in diesem Moment sagte; damit greift der Erzähler auf seine Datierung „heute“ (35/20) zurück und leitet zum Bericht des aktuellen Geschehens über (35/28).
Dieses wird dann etwa zeitdeckend erzählt: Die Briefe werden vom Diener überreicht und von Botho gelesen; in diesem Bericht fallen mir als Leser zwei Bemerkungen auf, eine vom Erzähler und eine Bemerkung Bothos. Der allwissende Erzähler berichtet, dass Botho „allerwiderstreitendste Gefühle“ gegenüber Lene durchs Herz gingen (37/33); Botho bedauert dann nach der Lektüre von Lenes Brief diese (38/12 ff.) und meint, es wäre besser gewesen, sie hätten sich nicht kennengelernt. Diese beiden Bemerkungen werden vom Leser als Folie registriert, vor der die Liebesgeschichte weitergeht, also wohl ihrem Ende entgegengeht. Bei der zweiten Lektüre bemerkt der Leser, dass die gleiche Bemerkung („Arme Lene“) wieder gemacht wird, als Botho den Brief seiner Mutter bekommt und dessen Inhalt ahnt - das besagt, dass der Brief der Mutter nur Auslöser, aber nicht Grund für das Ende der Beziehung ist. Bereits vorher hat Botho im Gespräch mit Lene „Arme Lene“ gesagt (32/22), bloß nebenher, aber eben doch im Zusammenhang mit seiner Mutter; der Erzähler berichtet Derartiges harmlos, aber Fontane hat so ein Netz von Verweisen geknüpft, das der aufmerksame Leser bei der zweiten oder dritten Lektüre deutlicher bemerkt.
Der Erzähler berichtet hier Bothos Gedanken (vgl. 38/12 f.); nach den Gedanken über Lene fährt Botho fort: „Und nun der Onkel!“ (38/16) Damit wird dessen Erscheinen als für das Verhältnis bedrohlich qualifiziert - zu Recht, wie man nach Lektüre des Kapitels 8 weiß.
Nachdem die Anweisungen an den Diener berichtet worden sind (bis 38/37), wird die Zeit des erzählten Geschehens gerafft; wenn man will, kann man als Leser zwischen der Art, wie Botho die Portierstochter neckt (39/3 ff.) und wie er mit Lene umgeht (Kap. 5), eine Parallele ziehen. Als Botho dann in seine Welt eintaucht und die Menschen vor dem Tiergarten sieht, hat er sich von den Sorgen um Lene weithin distanziert; denn er merkt an, dass diese (seine) Welt „doch wohl eine der besten Welten“ ist, wenn auch nicht die beste aller möglichen Welten, wie Leibniz gefolgert hatte. Botho wird so als jemand charakterisiert, der auch Leibniz kennt bzw. ein wenig nachgedacht hat - und dass diese Bemerkung den letzten Satz des Kapitels bildet, ist ein i-Punkt, den eben der Erzähler setzt, ohne sie zu kommentieren.
Zu Beginn des Kapitels 7 wird zeitraffend Bothos Flanieren erzählt (39/17 ff.), wobei der Erzähler auch einen Blick in Bothos Gedanken tut (39/26 ff.) und dabei enthüllt, dass Botho selber am Wert seines großen Seesturm-Bildes zweifelt, diesen aber dadurch schützen will, dass er nicht alles ausspricht, was er denkt. Danach werden die Gespräche Bothos mit Wedell und beinahe wörtlich, also zeitgleich beider Gespräch mit Onkel Kurt Anton berichtet; mir fällt dabei auf, ein wie großer Weinkenner Botho ist (41/25 f.), und ich erinnere mich daran, dass man ihm bei Nimptsch Apfelwein vorgesetzt hat (21/36).
Fazit: Der auktoriale Erzähler berichtet nicht ohne Distanz von Bothos Leben; er verfügt über viele Techniken des Erzählens. Gleichzeitig wird ein Netz von Verweisen und Beziehungen erkennbar, wobei man aber nicht sagen kann, „der Erzähler“ habe es geknüpft - dieses Netz zeigt die Verbindung von Erzähler, Autor und Leser auf, die je auf ihre Weise an der Konstitution der Erzählung beteiligt sind.
2. Wie die Liebe zerbricht - Übersicht über Kap. 11 - 15
Bereits in den ersten Kapiteln hat sich gezeigt, dass das Liebesverhältnis Lenes mit Botho gefährdet ist; so sieht sie es selbst (S. 33), so sieht Botho es (38/12 ff.), so sehen seine Kameraden es (51/ 16 ff.); in der Rede des Onkels (S. 46 f.) wird der Brief der Mutter (S. 96-99) vorweggenommen. - Was sich in den ersten Kapiteln also bereits in Andeutungen gezeigt hat, ereignet sich beim Besuch von „Hankels Ablage“ und anlässlich des Briefs von Frau Rienäcker an ihren Sohn Botho (Kap. 11 - 15).
„Hankels Ablage“ wird von beiden als Idylle erlebt (65/27 ff.; 67/18-25), doch kündigen sich dort bereits Störungen an; die Idylle wird gestört, als die Kameraden in Begleitung dreier Damen die beiden umstellen (84/32). Sie wird zerstört, als Botho die geltende „Parole“ (85/7) der Kameraden übernimmt und Lene auf eine Stufe mit den drei Leihfrauen stellt.
In der Begegnung Lenes mit der Königin wird im Gespräch die Frage deutlich, ob „die Herrens“ (86/25 f.) alle gleich sind (91/9), sodass man am besten wie die Königin den Umgang mit ihnen professionell betreibt (91/11 ff.), oder ob Botho eben doch Lenes Einziger ist (107/18 u.ö.) und eine Frau ihr Herz verschenken darf (91/25 ff. u.ö.). - Vom Rest das Tages (Mittagessen, Nachmittag, Abend, Nacht) wird nichts mehr erzählt, der Erzähler verfolgt nur das Thema, dass die Liebe endet; es genügt dem Erzähler, das Verhältnis der Damen zu den Offizieren als Folie des Verhältnisses Lenes zu Botho zu benutzen (vgl. Johanna als Gegenbild Lenes, 90/10 ff.)
Die Heimfahrt der beiden erfolgt ohne Heiterkeit (93/31 ff.); Lene deutet beim Abschied die Situation so, dass das Verhältnis zu Ende geht und der Traum vom Glück vorbei ist (95/1 ff.). Es fällt auf, dass beide vom Glück als einem Traum sprechen (Lene 95/5; 105/33; Botho 101/6), womit sie Lenes frühe Ahnung aufgreifen (31/26 f. - dort eine Deutung des Erzählers).
Danach wird gezeigt, wie Botho sich entscheidet: Der Brief der Mutter setzt ihn unter Druck (S. 97 f.) und löst Reflexionen aus, was er kann und wer er ist (99/14 ff.). Bei dem anschließenden Ritt reflektiert er seine Liebe zu Lene (100/2 ff.) und seine Unfähigkeit, „die Welt herauszufordern und ihr und ihren Vorurteilen öffentlich den Krieg zu erklären“ (100/37 f.). Dass er auf das Kreuz Hinckeldeys trifft, ist ihm ein „Zeichen“ (101/24 - Lene hatte im Anblick der arbeitenden Magd ein Zeichen gesehen, 83/35); dieses sagt ihm, „daß das Herkommen unser Tun bestimmt“ (102/8 f.). Zusätzlich sagt ihm das Bild der arbeitenden Leute, dass Leben Ordnung haben muss (also eher Ehe als Liebe, 102/28 ff.), worin ihm Lene in seiner Phantasie zustimmt (102/34 ff.).
Er schreibt dann einen Brief an Lene (S. 103), wozu sie Stellung nimmt (105/1 ff.); sie begnügt sich, ihren Traum in der Erinnerung zu behalten. Beim Abschied hat vor allem Lene wieder das Wort; sie wünscht ihm das Glück, das er ihr geschenkt habe, und bleibt bis zum Schluss dabei, ihn „mein Einziger“ zu nennen (107/18 f.).
Das ganze Geschehen dauert vier Tage: zwei Tage für Hankels Ablage, ein Tag für Bothos Entscheidung nach dem Brief der Mutter, ein Tag für den Abschied. - Man kann die Analysen noch erheblich verfeinern; mir geht es hier darum, einen Überblick über das Geschehen zu geben.
3. Andeutungen, dass das Liebesverhältnis zerbrechen wird (Kap. 5-12)
In den Analysen zu Kap. 1-5 hat es die Teiluntersuchungen gegeben, dass Lene und Botho in verschiedenen Welten leben und dass das Liebesverhältnis von Anfang an gefährdet ist. Zum zweiten Aspekt habe ich dort geschrieben:
„In der glücklichen Situation des Neckens (30/20 ff.) und der Geborgenheit angesichts der Mondsichel (31/19-24) kommentiert der Erzähler, wie Lene sich dann aufrichtet (‚als sie sich wie von einem Traume, der sich doch nicht festhalten ließ, aufrichtete‘, 31/26 f.); das ist ein Paukenschlag, mit dem einige Äußerungen Lenes eingeleitet und beglaubigt werden:
- dass sie sich vor Bothos Mutter fürchtet, die schon darauf achten werde, dass ihre Kinder reiche Partien machten (32/5 ff.);
- dass Botho eines Tages wegfliegen werde, weil er es müsse (33/4 f. und 33/11 ff.) und schwach sei (33/19);
- dass sie eben mit Botho nicht ‚drüben‘ in der Lästerallee so gehen kann wie ‚hier‘ im eigenen Garten (33/35 ff.); damit ist die Garten-Idylle zerstört und Botho kann gegen Lenes Unterscheidung: ‚ich‘ (und mein Leben) - ‚ihr‘ und ‚euer Leben‘ (34/2 ff.), sachlich nichts einwenden (34/7).“
Diese Störung der idyllischen Gartensituation greift auf die Störung der großen Idylle in Hankels Ablage vor, wo dann das Liebesverhältnis endgültig zerstört wird, wie Lene sieht (vgl. oben: Wie die Liebe zerbricht - Übersicht über Kap. 11-15).
Aber das Ende der Liebe wird auch in vielen Andeutungen vorbereitet, die ich jetzt ab Kap. 6 kurz darstellen möchte (zu Kap. 5 s.o.!); es geht darum, an einem Thema die vielen Verweisungen innerhalb des Romans aufzuzeigen, die letztlich insgesamt auf das Konto des Autors gehen - der Erzähler müsste sagen, dass es eben so geschehen ist. - Ich fasse mich kurz:
* Angesichts des langen Ausbleibens Bothos bemerkt Lene im Brief, dass sie fühlt, dass das Ende ihrer Beziehung kommen muss und jeden Tag kommen kann (36/35 ff.);
* mit ihrer Frage nach der schönen Blondine wird darauf vorbereitet, dass die blonde Käthe in Bothos Leben auftauchen wird (vgl. S. 46/15; 52/1);
* der Erzähler merkt an, dass „allerwiderstreitendste Gefühle“ durch Bothos Herz gehen, als der Lenes Brief liest, und dass er denkt, er hätte Lene besser nicht kennengelernt (38/13 f.); auch wird sein Ausspruch „Arme Lene“ (38/12) wiederholt, als der Brief seiner Mutter eintrifft (96/15);
* beim Treffen fordert Bothos Onkel ihn auf, die ihm versprochene Käthe von Sellenthin zu heiraten (S. 46 f.), und greift damit auf den Brief der Mutter vor, die Botho ihrerseits drängt, zum Wohl der ganzen Familie Käthe zu heiraten (S. 96 ff.),
* Bothos Kameraden analysieren Bothos Situation, der nun auf Drängen des Onkels Käthe heiraten soll (51/16 ff.): Bothos wirtschaftliche Lage werde ihm kein Wahl lassen, „die Verhältnisse werden ihn zwingen“ (53/1), auch wenn Botho einen Hang fürs Natürliche (und damit zu Lene) habe (52/23 ff.);
* möglicherweise deutet auch die Tatsache, dass Botho und Lene ernst werden, als sie das Lied „Ich denke dran...“ singen und hören (59/10 ff.), auf das Ende der Beziehung hin; was das Lied ihnen bedeutet und wie der ganze Text lautet, wird erst später klar (105/18 f.; 154/21-36);
* vielleicht ist auch die Tatsache, dass die Vielliebchen nicht wie abgemacht gegessen werden (86/2 ff.), ein kleiner Fingerzeig aufs Ende hin.
* „Hankels Ablage“ ist der idyllische Ort ihrer Liebe (s.o.); dass er auch „Etablissement“ heißt (66/34 f.), mag zunächst noch harmlos klingen, greift aber doch bereits auf das Erscheinen der drei Leihfrauen vor;
* versteckte Hinweise liefern Bothos Weigerung, in ein Boot zu steigen und so die Situation des Kennenlerns zu wiederholen (68/16 ff.), und Lenes spitze Bemerkung: „Was sollen wir mit der Hoffnung?“; ähnlich mag man Bothos Unterscheidung der falschen und echten Vergißmeinnicht (70/26 ff.) lesen;
* deutlich ist jedoch die Bemerkung des auktorialen Erzählers, dass beide im Glück der Frage nachhängen, „wie lange das Glück noch dauern werde“ (72/24 f.);
* der Wirt kündigt an, dass die Einsamkeit in „Hankels Ablage“ keinen Bestand hat (75/37 ff.);
* Lene empfindet angesichts der englischen Titel der Bilder die Kluft zum gebildeten Botho (79/31 ff.) - den Bildinhalten kann ich aber keine besondere Bedeutung zuerkennen;
* das Bild „Si jeunesse savait“ stößt Lene ab (80/4) - es bereitet direkt auf das Erscheinen von Bothos Kameraden vor, welche sich hier ja amüsieren wollen;
* am Morgen des nächsten Tages wird personal erzählt, dass Lene in der Situation des Glücks denkt: „War das nicht genug? Und wenn diese Stunde die letzte war, nun so war es die letzte.“ (81/30 f.) - deutlicher kann man das kommende Ende nicht ankündigen;
* auch mit dem Wortspiel „schlafen wie im Paradies“ und „Vertreibung aus dem Paradies“ (82/17 ff.) deutet Botho die Möglichkeit der Störung an;
* vielleicht verweist auch Lenes Empfinden, dass das Bild der arbeitenden Magd „ein Zeichen ist und eine Fügung“ (83/35), auf ihr künftiges Schicksal als arbeitende Frau fernab von Botho voraus.
Als die Kameraden das Paar umstellen (84/32) und Botho ihre Parole übernimmt (85/7), ist die Idylle von „Hankels Ablage“ und auch die unbeschwerte Liebe des Paares zerstört. Ein Netz von Verweisen hat den Leser auf dieses Ende vorbereitet - ein Netz, dessen Maschen man freilich erst bei der zweiten und dritten Lektüre richtig erkennt.
4. Figurenkonstellation
Man bezeichnet die Beziehungen der Figuren in einem literarischen Werk bzw. die Beziehungen der einzelnen Figurengruppen zueinanander als Figurenkonstellation.
[Randbemerkung zu Michael Bengels Behauptung (Lektürehilfen Klett, 2006, S. 92), der Begriff „Konstellation“ sei eine Metapher und bezeichne ursprünglich die willkürliche Anordnung der Sterne zu Gestirnen:
Im Kluge (Etymologisches Wörterbuch, 24. A.) wird die Entstehung des Begriffs ins 16. Jh. datiert; die ursprüngliche Bedeutung sei „die auf die Schicksale der Menschen einwirkende Stellung der Gestirne“. Diese sei dann verallgemeinert worden: „Stellung und Anordnung bestimmter Faktoren“.
Im Pfeifer‘schen Wörterbuch wird als ursprüngliche Bedeutung genannt: „die Stellung der Gestirne zueinander und zugleich die vermeintlich sich daraus ergebenden Einflüsse auf das Schicksal des Menschen“.
Die von Bengel unterstellte Bedeutung, mit der er seine These von der Willkürlichkeit jeder Figurenkonstellation begründet, hat es also nicht gegeben.]
Für eine Analyse schlägt der Schülerduden Literatur (2005) folgende Fragen vor:
1) Welche Figuren sind partnerschaftlich verbunden? Welche Gemeinsamkeiten haben sie?
2) Lassen sich die Figuren innerhalb einer Gruppe hierarchisch ordnen?
3) Welche Figuren(gruppen) stehen sich als Gegner gegenüber? Aufgrund welcher Interessen?
4) Ist die Konstellation stabil oder ändern sich die Verhältnisse?
Auf Fontane: Irrungen, Wirrungen, angewandt, ergibt sich folgende Skizze:
1) Partnerschaftlich verbunden sind die Figuren innerhalb der Familien (Dörr, Nimptsch, Rienäcker), aber auch die Nachbarn (Dörr - Nimptsch) und Kameraden (Botho - die anderen Offiziere). Außer der familiären Bindung ist ihnen ihr Stand gemeinsam.
Partnerschaftlich verbunden sind auch die Liebespaare Lene-Botho, ehemals Frau Dörr und ihr Graf, Rexin und seine Henriette; diese Verhältnisse spiegeln sich ineinander, auf eine andere Art dann auch die „Verhältnisse“ der Offiziere mit den drei Damen, mit denen sie in Hankels Ablage erscheinen. - Auch die Ehen Dörr, Rienäcker und Franke spiegeln sich ineinander, wobei das jeweilige Verhältnis der Eheleute im Blick steht.
2) Für Lene ist Frau Dörr so etwas wie eine Ratgeberin. Als Charakter ragt Lene in ihrer Gruppe hervor. - In der Familie Rienäcker dominiert der Onkel Kurt Anton Osten, dann auch die Mutter; bei Sellenthin dominiert ebenfalls die Mutter.
3) Es stehen sich insgesamt die Angehörigen des Kleinbürgertums und die Adeligen gegenüber, wobei eben Botho, der Graf und Rexin im Liebesverhältnis die Grenze vorübergehend überschreiten. Botho rät Rexin, der sich in eine langfristige Bindung begeben will, dazu, solches nicht zu tun.
4) Das Romangeschehen besteht darin, dass die zwei Monate alte Liebe zwischen Lene und Botho an der Standesschranke und an Rienäckers Geldsorgen zerbricht und durch die standesgemäßen Ehen Rienäcker und Franke abgelöst wird. Die Protagonisten des Romans bleiben Lene und Botho, auch wenn neue Figuren in ihren Lebenskreis treten.
5. Die Zeitstruktur des erzählten Geschehens
wird eigens in einem kleinen Aufsatz vom 31.10. 06 untersucht.
6. Erörterungen von Texten der Sekundärliteratur
a) Lektürehilfe von Michael Bengel (Klett 2006), S. 92 f.: Figurenkonstellation
Bengels Erklärung des Begriffs "Figurenkonstellation" ist nicht haltbar. Zur Sache vgl. hier die Bemerkungen unter 4.
b) Kommentar von Reinhard Wilczek (Oldenbourg 2006), S. 34 ff.: Sprechende Orte
Der Begriff ist vermutlich analog dem bekannten Begriff "sprechende Namen" eingeführt worden; die Fragestellung ist fruchtbar, doch bleibt Wilczek nicht immer beim Thema (etwa Lenes Gefühle in Hankels Ablage) und überzieht den Text Fontanes interpretatorisch (Bellevuestraße, Bedeutung der beiden Bilder von Leutze und West). Was Lene zur "Hoffnung" sagt, ist auch nicht an den Ort Hankels Ablage gebunden!
c) Theodor Fontane. Dargestellt von Rose Aggeler, 1983, S. 106 f.: Der einzelne in der Gesellschaft
Der Kommentar Aggelers ist insofern interessant, als er sich auf alle Romane Fontanes bezieht; die Ausführungen sind daher für "Irrungen, Wirrungen" am Einzelfall nachprüfbar. Wir haben nur vier begrenzte Passagen erörtert:
Zu erörtern waren entweder die in Z. 78-84 und Z. 97-109 entwickelten Gedanken (von den Mädchen) oder die in Z. 29-43 und Z. 110-118 entwickelten Gedanken (von den Jungen); dabei ist natürlich jeweils der Kontext zu beachten.
1. zu Z. 78-84
Aggeler trägt als Hauptgedanken vor,
a) dass die Schuldfrage [für die Figuren in Fontanes Romanen] (wegen der Hell-dunkel-Differenzierung, Z. 68 ff.) „nicht einfach“ beantwortet werden kann, und
b) dass die Tragödie sich „als Verhängnis, das sich letztlich aus den gesellschaftlichen Prägungen aller Beteiligten“ (Z. 82 f.) ergibt, vollzieht. [Ist das die Folgerung aus (a) oder eine Begründung für (a)? Aggeler stellt die Aussagen unverbunden nebeneinander.]
Diese beiden Aussagen kann man logisch und bezüglich ihrer Geltung für „Irrungen, Wirrungen“ überprüfen.
* Vorab ist kurz zu klären, was man unter „Verhängnis“ versteht: ein (von einer höheren Macht) verhängtes Unheil, dem man nicht entgehen kann (Duden-Wb).
* Logisch ergibt sich eine kleine Spannung zwischen den beiden Aussagen (a) und (b); denn aus der Tatsache des Verhängnisses folgt im strengen Sinn, dass es überhaupt keine Schuld eines Beteiligten geben kann und dass man die Schuldfrage nicht sinnvoll stellen kann. So sieht das auch Lene („und doch war niemand schuld“, 94/27 f. - zum Misslingen des Ausflugs nach Hankels Ablage). - Man braucht diesen Widerspruch aber nicht als bedeutsam zu bewerten; das Abschwächen der Negation („nicht einfach“) kann auch als Stilmittel des vorsichtigen wissenschaftlichen Sprechens betrachtet werden.
* Die Figuren in Fontanes Roman stimmen der Aussagen (b) zu:
- Im ersten vom Erzähler berichteten kritischen Gespräch zwischen Botho und Lene sagt diese, dass Botho schwach ist (33/18 f.) und dass er von ihr wird wegfliegen „müssen“ (33/11; vgl. 105/31!);
- Onkel Kurt Anton von Osten weist auf die wirtschaftliche Notlage der Familie hin und darauf, dass bereits die Eltern die Heirat Bothos und Käthes verabredet haben (46 f.);
- Pitt weist auf die Situation hin, dass Botho 12.000 jährlich ausgibt, aber nur 9.000 einnimmt (51/19f.) und dass demgemäß die Verhältnisses ihn zu besagter Heirat „zwingen“ werden (53/1 f.).
Zu fragen bliebe, ob die Figuren mit ihrer Sicht Recht haben [auf diese Untersuchung verzichte ich jetzt] und ob sich in Bothos Handeln und Denken nicht doch zumindest Spuren einer Schuld finden.
Die für Bothos Handeln relevante Stelle ist m.E. die kurze Bemerkung des Erzählers: „Botho sah, welche Parole heute galt, und sich rasch hineinfindend...“ stellt er Lene ebenfalls mit einem Leihfrauen-Kunstnamen vor (85/7 ff.). Zu fragen ist, ob sich hier nur die selbstverständliche Macht der Verhältnisse („welche Parole heute galt“ - wieso gilt sie denn?) oder (auch) eine schuldhafte Schwäche Bothos zeigt - Rexin etwa scheint dagegen bereit zu sein, zugunsten seiner schwarzen Jette ins Ausland zu gehen (S. 165 f.). Rexin demonstriert so eine Möglichkeit, als Adeliger anders als Botho zu handeln (oder ist Rexin mit Botho nicht zu vergleichen, wissen wir zu wenig von ihm?).
Die zweite Stelle, das Denken Bothos offenbarend, sind seine Reflexionen, die er anstellt, als er den Brief seiner Mutter gelesen hat, welche ihn erheblich unter moralischen Druck setzt („Du hast unser aller Zukunft in der Hand...“, 97/35). Da räsonniert Botho, wer er ist und was er kann (S. 99) und was ihn daran hindere, Käthe zu heiraten (was alle Welt erwarte, 100/3). Als er dann von seiner Liebe zu Lene spricht (100/10 ff.), qualifiziert er seine Erwartung, die Gesellschaft werde die Verbindung mit Lene auf die Dauer gutheißen, als „Traum“ (101/6), und sich selbst als zu schwach, „die Welt herauszufordern und ihr und ihren Vorurteilen öffentlich den Krieg zu erklären“ (100/37 f. bzw. 100/36 ff.).
Zu beiden Aspekten, also zum Handeln bei der Begegnung mit den Kameraden und zu seinem Denken (und Handeln insgesamt), ist zu fragen: Kann Botho anders handeln oder kann er es nicht? Dazu gibt der Erzähler keine Hinweise; wenn man meint, er könne nicht anders handeln, spricht man ihn von Schuld frei (nach dem Grundsatz: supra posse nemo tenetur). Rexin deutet jedenfalls an, dass es andere Möglichkeiten auch für einen Adeligen gibt. [Kann einer also Schuld auf sich laden, wenn er schwach ist?]
Die Begegnung mit dem Hinckeldey-Denkmal wird Botho zum Zeichen (S. 101 f.), welches ihm predigt, „daß das Herkommen unser Tun bestimmt“ (102/8 f.). Diese Bestimmung ist bei ihm letztlich stärker als sein „Gleichgiltigkeit gegen den Salon“ (101/9) und seine Liebe zur einfach-wahren Lene (S. 100). Ich meine, dass er in seiner Bindung an die Herkunftsfamilie und das Leben eines reichen Nichtsnutzes unfähig ist, sich (etwa als kleiner Arbeiter) auf ein geregeltes Zusammenleben mit Lene einzulassen. Er hätte sich deshalb vielleicht kein Verhältnis mit ihr beginnen dürfen; aber vom Anfang des Verhältnisses wissen wir zu wenig, als dass wir darüber urteilen könnten - der Erzähler stellt uns i.W. das bestehende Verhältnis und dessen Ende vor.
[Frage: Müssen wir in unserem Urteil dem Urteil der Figuren zustimmen, d.h. erkennen die Figuren immer die Wirklichkeit? Oder müssten wir - das steht jetzt aber nicht zur Debatte - dem Urteil des Erzählers inmer zustimmen?]
* Wenn man den Kontext der Gedanken von Z. 78-84 berücksichtigt, wäre zu prüfen, ob in den gesellschaftlichen Konventionen „unmenschliche Vorurteile“ liegen (Z. 63 ff.) und ob „Beibehaltung der herrschenden Verhältnisse“ Ziel der Gesellschaft [oder nur des Adels als der profitierenden Schicht, so Markus!] ist (Z. 18 f.), wogegen Aggeler später ihr differenzierteres Bild (Z. 76) stellt. - Wir stoßen hier auf grundsätzliche Fragen, deren Beantwortung zu weit führte, die vielleicht überhaupt nicht „vernünftig“ beantwortet werden können.
Als Frage am Rand möchte ich nur festhalten, ob sich die gesellschaftlichen Vorurteile eher bei Lene oder eher bei Botho zeigen.
2. zu Z. 29-43
Aggeler trägt vier Gedanken vor, von denen sie nur den ersten kurz begründet:
a) In Fontanes Romanen wird nicht die Entwicklung von Persönlichkeiten gezeigt,
b) sondern nur der Konflikt zwischen einzelnen mit der Gemeinschaft;
c) die Schicksale haben „nicht in sich exemplarische Bedeutung“ (Z. 38 f.),
d) sondern an ihnen wird die Gesellschaft (mit ihrem Konfliktpozenzial?) dargestellt.
Es fällt auf, dass (a/b) und (c/d) sich wechselseitig ausschließen, sodass man jeweils nur eine der beiden Thesen prüfen muss, um auch über die andere urteilen zu können.
* Zu (c/d) ist zu sagen, dass diese Thesen so unklar sind, dass sie nicht angemessen dikutiert werden können. Die Wendung „in sich exemplarische Bedeutung haben“ ist logisch unsinnig, da etwas immer nur im Hinblick auf eine Regel oder eine Menge von Fällen exemplarisch (beispielhaft) sein kann; in sich kann nichts exemplarisch sein. Die entsprechende These (d) ist genauso unklar - ich habe oben bereits in Klammern ein Adverbial ergänzt, um einen Sinn in die Aussage zu bekommen; dass „die Gesellschaft“ dargestellt werde, ist eine sinnlose Aussage, da die Gesellschaft das Gesamte aller Verhältnisse ist und deshalb als solche nicht dargestellt werden kann.
* Dass in „Irrungen, Wirrungen“ Bothos (nicht Lenes!) Konflikt dargestellt wird, geht aus der Erörterung von Z. 78-84 hervor. Zu fragen wäre also, ob Botho eine Entwicklung durchmacht - für Lene erkenne ich eine solche nicht, aber sie steht auch nicht in einem Konflikt, sie fügt sich von Anfang an in ihr Schicksal (z.B. 33/3 f.).
Es gibt zwei Stellen, an denen Botho so etwas wie eine Reifung und auch ein Hineinwachsen in die Gesellschaft (vgl. Z. 31-33) zeigt; das sind einmal die oben bereits untersuchten Gedanken während des Ritts zum Hinckeldey-Denkmal, dann auch seine Einsicht, als er Lene Briefe verbrennt. Das sagt er einmal: „Irrungen, Wirrungen. Das alte Lied“ (158/28 f.) Und zum Schluss sagt er: „Alles Asche. Und doch gebunden.“ (159/32) Zumindest die zweite Äußerung zeigt mir, dass er sein Verhältnis mit Lene differenziert beurteilt, was man in der Spannung zwischen Asche (vergangen) und „gebunden“ (bestehend, bleibend) erkennt; er versteht also, dass seine Ehe nicht die Lösung aller Probleme ist und dass auch bestehen kann, was man aufgeben musste - für ein vertieftes Verständnis dieser durchaus nicht an die Adelsgesellschaft gebundenen Problematik verweise ich auf Goethes Gedicht „Warum gabst du uns die tiefen Blicke“.
Mit der ersten (knappen!) Äußerung stellt Botho sein Schicksal resp. sein Liebesverhältnis mit Lene in einen Horizont menschlicher Reifung, nicht aber in den gesellschaftlicher Vorurteile: Wechsel von Freude und Leid, Durchgang durch Wirrungen und Irrungen, das ist menschlich, wie man im „Faust“ lesen kann; dafür braucht es nicht eine ausgehende Adelsgesellschaft.
In dem Sinn ist Aggelers These, Fontanes Romane seien an die Gesellschaft des späten 19. Jahrhunderts gebunden (Z. 1-29), problematisch, vielleicht nur modifiziert haltbar. Fontanes Roman „Irrungen, Wirrungen“ führt die condition humaine in seiner Zeit vor, wie sich an Bothos Äußerungen zeigt (S. 158 f.). Aggeler erliegt den in den 80er Jahren grassierenden Modethesen vom absoluten Primat „der Gesellschaft“, deren Vorurteile entlarvt und deren Normen zerstört werden müssten. Dass dem so ist, sieht man auch an den logischen Verrenkungen, die sie in Z. 61-109 machen muss: Sie kann ihre These (Z. 61-65) angesichts der Romane nicht halten und muss sie so abschwächen (über Z. 68 ff.), dass vom Kontrast zwischen den unmenschlichen Voruteilen und der menschlichen Wirklichkeit nicht mehr viel übrig bleibt (Z. 78 ff.). Das hindert sie dann aber nicht, die Rolle rückwärts zu machen (Z. 97 ff.).
Z. 97 ff. ist damit auch erledigt; einen (veräußerlichten) Ehrbegriff (zu Z. 110 ff.) finde ich bei Botho nicht - für ihn zählen Familie, Geld, Herkommen und Ordnung, auch die Liebe der natürlichen Lene. Miriam hat zu dieser Frage auf Bothos Begegnung mit dem Hinckeldey-Denkmal verwiesen (S. 101 f.); Hinckeldey stirbt zwar im Duell der Ehre wegen, doch Botho lernt daraus, „daß das Herkommen unser Tun bestimmt“ (102/8 f.) - ist das nun für Botho der Ehrbegriff oder nicht? Erst die Begegnung mit den märkischen Leuten (102/16 ff.) bringt ihn auf die Gleichung Ehe = Ordnung... - oder?
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Falls der Kurs die gerade erörterte Passage aus Aggelers Fontane-Buch kennt, könnte man folgende Klausur schreiben lassen:
Aufgabentyp: argumentative Entfaltung eines fachspezifischen Sachverhalts bzw. Problems oder eines Problems, dessen fachlicher Hintergrund aus dem Unterricht bekannt ist, im Anschluss an eine Textvorlage
Zeit: drei Schulstunden
Aufgabenstellung:
1. Analysieren Sie den vorliegenden Textauszug aus
Theodor Fontane. Dargestellt von Rose Aggeler, 1983, S. 108 (beginnend mit "Die Anpassung...", 53 Zeilen).
2. Erörtern Sie die Äußerungen Aggelers (nur Z. 1-35!) anhand des Romans „Irrungen, Wirrungen“.
Hilfsmittel: Fontanes Roman; Duden: Die Rechtschreibung; deutsches Wörterbuch
Erläuterung: Der Textauszug stammt aus dem Kapitel „Der einzelne in der Gesellschaft“ (S. 106 ff.), dessen Anfang wir gelesen und besprochen haben.