Einträge "Oktober 2006":

Mittwoch, 1. November 2006

Fontane: Irrungen, Wirrungen - Zeitstruktur (Analyse)

Eine vom Kollegen W. Nieswandt erstellte Tabelle, in der ich einige kleine Versehen korrigiert, in die ich Zeitsprünge (als ---) eingetragen und die ich um die Angabe der jeweiligen Kapitel erweitert habe, ist von ihm mit Aufgaben verbunden worden:

Zeitstruktur des Romans
Ordnen Sie den angegebenen Zeitpunkten das jeweilige Geschehen zu:

Ostermontag 1875 (Retrospektive) [3. Kap.]
Osterdienstag ( Retrospektive ) [3. Kap.]
-----------------------
Woche nach Pfingsten - 1. Kapitel
Anderer Vormittag - 2. und 3. Kap.
Nächster Abend - 4. und 5. Kap.
-----------------------
Nächste Woche:
ein Tag - 6. - 8. Kap.
Nächster Tag - 9. und 10. Kap.
-----------------------
Einige Wochen später:
Freitag/Samstag - 11. - 14. Kap.
Sonntag - 14. Kap.
Nächster Tag - 15. Kap.
-----------------------
Mitte September 1875 - 16. Kap.
Anfang Oktober - 16. Kap.
3. Oktoberwoche - 16. Kap.
--------------------------------------------------------------------
2,5 Jahre später (Frühjahr 1878) - 17. Kap.
Ostern 1876 [Retrospektive] - 17. Kap.
Sommer 1876 [Retrospektive] - 17. Kap., S. 117
ein Jahr später [Retrospektive] - 17. Kap., S. 123
23. Juni 1878 - 18. Kap.
24. Juni - 19. Kap.
25. Juni - 20. Kap.
-----------------------
4 Wochen lang:
Ende der 3. Woche - 20. - 23. Kap.
Anderer Morgen - 24. Kap.
Nach drei Tagen - 24. Kap.
Nächster Morgen - 25. - 26. Kap.
----------------------
3 Wochen später (Mitte/Ende August) - 26.Kap.
Nächster Morgen - 26. Kap.

Aufgaben dazu (von W. Nieswandt):
- Welche Beobachtungen machen Sie bezüglich der Zeitgestaltung?
- Welche Begründung könnten Sie für diese Zeitgestaltung angeben?
- Wie wirkt sie auf den Leser?
- Wenden Sie die Definitionen zur Zeitgestaltung (Erzählzeit - erzählte Zeit; zeitraffendes Erzählen - zeitdeckendes Erzählen - Zeitdehnung; kontinuierliiches Erzählen - diskontinuierliches Erzählen; Rückblende - Vorausdeutung) auf Fontanes Roman an.

Das ganze Repertoire der Erzähltextanalyse findet man beim Kollegen Thomas Gransow (www.thomasgransow.de/Grundbegriffe/Epik_Bauformen.htm); er bringt dort zusätzlich als Text 3: „Personencharakterisierung im Gespräch“, am Beispiel von „Irrungen, Wirrungen“ - für uns als Anregung ganz interessant! Vielen Dank, Kollege Gransow!
Die Figurenkonstellation ist im wikipedia-Artikel (siehe oden die Links!) dargestellt; ansonsten verweise ich auf die beiden von mir bereits vorgelegten Analysen und die Link-Sammlung (ab 13. 10. 06).

Entry modified
Geändert am 9. Dezember 2006 um 19:38

Sonntag, 29. Oktober 2006

Aufgaben zu Fontane: Irrungen, Wirrungen


Fontane: Sprüche

1
Nicht Glückes-bar sind deine Lenze,
   Du forderst nur des Glücks zu viel;
Gib deinem Wunsche Maß und Grenze,
   Und dir entgegen kommt das Ziel.

Wie dumpfes Unkraut laß vermodern,
   Was in dir noch des Glaubens ist:
Du hättest doppelt einzufordern
   Des Lebens Glück, weil du es bist.

Das Glück, kein Reiter wird‘s erjagen,
   Es ist nicht dort, es ist nicht hier;
Lern überwinden, lern entsagen,
   Und ungeahnt erblüht es dir.

4
Es kann die Ehre dieser Welt
   Dir keine Ehre geben,
Was dich in Wahrheit hebt und hält,
   Muß in dir selber leben.

Wenn‘s deinem Innersten gebricht
   An echten Stolzes Stütze,
Ob dann die Welt dir Beifall spricht,
   Ist all dir wenig nütze.
  
Das flücht‘ge Lob, des Tages Ruhm
   Magst du dem Eitlen gönnen;
Das aber sei dein Heiligtum:
   Vor dir bestehen können.

Theodor Fontane: Gedichte. Ausgewählt und mit einem Nachwort versehen von Rüdiger Görner. Insel Verlag 1998, S. 55 f. und S. 57

Diese bei Görner nicht datierten Gedichte stellen in ihrer lehrhaften Art die Auffassung nicht nur des Sprechers, sondern vermutlich auch des Autors Theodor Fontane dar; im Roman „Irrungen, Wirrungen“ äußern sich dagegen nur Figuren über Glück und Ehre. Es könnte eine interessante Aufgabe sein, Figuren (etwa Lene und Botho) von den hier vorliegenden Gedichten aus zu verstehen oder zu bewerten suchen.
 

Samstag, 28. Oktober 2006

Brecht: Das Lied vom Wasserrad - Analyse


Dieses Gedicht Brechts ist das erste in der Gedichtsammlung „Hundert Gedichte“ (1951) und durch diese Position von Brecht ausgezeichnet. Es stammt aus dem Stück „Die Rundköpfe und die Spitzköpfe oder Reich und Reich gesellt sich gern. Ein Greuelmärchen“, das 1934 fertig und 1938 erstmals veröffentlicht wurde; dort heißt das Gedicht „Die Ballade vom Wasserrad“. Gesungen wird sie in Szene 8 vom Freudenmädchen Nanna, als ihr erster Geliebter, Herr de Guzman, abgeführt wird, was sie völlig kalt lässt: „Gestern verurteilte uns der Vizekönig, heute tut es Herr Iberin. Heute ist es die Oberin von SanBarabas, die uns die Gäule wegnimmt: warum soll es morgen nicht wieder Herr de Guzman sein?“ Danach singt sie „Die Ballade vom Wasserrad“; doch ist hier der Refrain der 3. Strophe noch gleich dem der beiden anderen Strophen - es wird eben nur Nannas Weltsicht vorgetragen. Daneben gibt es das Lied der aufständischen Pächter, das dreimal im Stück gesungen wird, darunter ganz zum Schluss, als die Pächter hingerichtet werden sollen und noch unter ihren Kappen das „Sichellied“ singen:
„Bauer, steht auf!
Nimm deinen Lauf!
Laß es dich nicht verdrießen
Du wirst doch sterben müssen.
Niemand kann Hilf dir geben
Mußt selber dich erheben.
Nimm deinen Lauf!
Bauer, steht auf!“
Dieses Lied bildet also im Stück ein Gegengewicht gegen alle Lieder von Figuren, die sich dem Schicksal der Unterdrückung fügen. 1951, als das Lied vom Wasserrad völlig isoliert in einer Gedichtsammlung steht, muss Brecht praktisch den Refrain der 3. Strophe ändern, um es von der Rollensicht Nannas zu lösen und seiner eigenen Sicht anzunähern bzw. die Sichtweisen der fügsamen Nanna und der aufständischen Pächter miteinander zu verbinden.
   In der 1. Strophe kommt eine wir-Gruppe zu Wort, die berichtet oder aus der berichtet wird, was „uns“ die Heldenlieder melden: dass „die Großen dieser Erde“ aufsteigen und niedergehen „wie Gestirne“ (zweimal dieser Vergleich, V. 3 f.). Gesprochen wird im Trochäus, zügig über die Versenden in V. 1 und 3 hinweg, weil der Reim erst „Heldenlieder“ und „nieder“ aneinander bindet und hinter V. 4 die erste große Pause fordert. Den Großen als Helden sind wir als Hörer ihrer Lieder gegenübergestellt, dem Aufstieg der Großen ihr Niedergang; betont werden „auf“ und „nieder“ in V. 3 f.; da sie sich „wie Gestirne“ bewegen, wie wiederholt (V. 3, dann V. 4) wird, erscheint der Wechsel in ihrem Geschick als ein ewiges Gesetz.
   Im zweiten Teil der 1. Strophe nimmt der Sprecher im Sinn der wir-Gruppe zu dieser Meldung der Heldenlieder Stellung. Dabei stellt er dem, wie die Meldung „klingt“ (V. 5: tröstlich - „klingt“ wird abweichend vom Metrum betont und so hervorgehoben), die Bedeutung dieser Meldung „für uns“ (V. 6) gegenüber: „ziemlich gleich“, was bedeutet: gleichgültig. Er erklärt sogleich, warum der Wechsel von Aufstieg und Fall der Großen den Kleinen gleichgültig ist, die Änderung also nichts bedeutet: Die Kleinen müssen die Großen „nähren“ (V. 6); mit dem Modaladverb „leider“ wird scheinbar Bedauern wegen der Irrelevanz der Meldung ausgedrückt, in Wahrheit eine ironische Distanz gegenüber den Heldenliedern eingenommen. Im Schlussvers wird in einer rhetorischen Frage diese Distanz noch einmal begründet:  „wer trägt die Spesen?“ (V. 8), wer bezahlt also die Kosten von Aufstieg und Fall? „wer“ wird wieder abweichend vom Metrum betont, die Antwort „wir“ wird so provoziert. Im Paarreim der zweiten Strophenhälfte sind vor allem die beiden letzten Verse sinnvoll aneinander gebunden: Da wir immer die Spesen zahlen, ist die Veränderung für uns immer gleichgültig, sie existiert für uns nicht. „gewesen“ deutet als Perfektform einen  Rückblick auf viele Erfahrungen mit dem, wovon die Heldenlieder berichten, an und bezeugt so eine Distanz gegenüber dem Inhalt der Heldenlieder, also dem Lobpreis der Großen. - Im zweiten Teil der ersten Strophe ändert sich die Zahl der Silben pro Vers: An die Stelle des vierhebigen Trochäus aus der ersten Hälfte treten zwei Fünf- und zwei Sechsheber, die nun durch Paarreim verbunden sind und deshalb (und wegen des zweimaligen Zusammenfalls von Vers- und Satzende, V. 5 und V. 7) etwas ruhiger gesprochen werden; muss man diesem Wechsel im Rhythmus noch einen tieferen Sinn zuerkennen?
   Im Refrain wird der Widerspruch zwischen dem Zweck der Heldenlieder und ihrer Bedeutung für die Kleinen im Bild des Rades, das aus der Überschrift als Wasserrad zu identifizieren ist, zusammengefasst und in den Modalformen „freilich - aber“ (V. 9 / 11) ausgelegt: Mit „freilich“ wird den Heldenliedern zugestanden, dass ihre Botschaft wahr ist, weil das Rad sich ja beständig dreht; mit „aber“ wird eingeleitet, was diese Wahrheit für die Kleinen bedeutet, die hier im Bild als Wasser dem Rad des Aufsteigens und Niedergangs der Großen als treibende Kraft zugeordnet sind. Im Kreuzreim sind die Verse einander sinnvoll zugeordnet: Wahrheit und Bedeutung der Heldenlieder (immer weiter / heißt das leider, V. 9 / 11); die Zustände des nicht oben Bleibens und des ewigen Antreibens entsprechen einander (V. 10 / 12), „oben - unten“ (V. 10 / 11) sind die Stellen, welche die beiden Orte in der Klassengesellschaft bezeichnen. Das im Zeilenschnitt hervorgehobene „nur“ (V. 12) zeigt, wie deprimierend diese Bedeutung, ewig antreiben zu müssen, für „das Wasser“ ist.
   In der Literatur findet man den Hinweis darauf, dass das Rad ursprünglich das Rad der Fortuna ist, welches hier von Brecht zum Wasserrad umgewandelt werde - den Zweck der Umwandlung habe ich oben erklärt: Verbindung des Geschicks der Großen und der Kleinen. Das Glücksrad (dazu http://www.musik-gymn.de/carmina/fortuna.html; mehrere Abbildungen im folgenden Link unter „6. Das Glücksrad“ http://www.fo-net.de/Schularten/Fachgymnasium/Aspekte/Texte/Epochen/Barock/hauptteil_barock.html#Glck) ist (seit dem 12. Jahrhundert) vor allem im Barock das Symbol des steigenden und fallenden Glücks. Eine schöne Abbildung und den zugehörigen Text der carmina burana findet man z.B. unter http://members.eunet.at/e_pernkopf/fortuna1.htm.
   In den beiden folgenden Strophen betrachte ich im Wesentlichen nur noch, wie das Thema aus der ersten Strophe differenziert wird; die formalen Beobachtungen sind i.W. die gleichen wie bei der 1. Strophe. Die 2. Strophe beginnt also mit der Klage des ich-Sprechers, der sich hier erstmals als solcher zu Wort meldet (V. 7): „Ach“ (V. 1, in V. 6 wiederholt). In dieser Strophe wird entfaltet, was die Großen der Erde für Leute sind - gegenüber den Kleinen: „Herren“ (V. 1), Mit diesem Stichwort klingt der Gegensatz von Herr und Knecht an, den Hegel formuliert, Marx weitergedacht und Brecht in vielen Dramen behandelt hat („Herr Puntila und sein Knecht Matti“, siehe dort!). Mit dem Zahlwort „viele“ (V. 1) wird indirekt das Bild von Aufstieg und Fall der Großen aus der 1. Str. wirder aufgenommen. Was es heißt, Herren zu dienen, wird jetzt im Bild der vier Tiere gezeigt: Herren sind Tiger, Hyänen, Adler und Schweine; nur der Adler darf als majestätitischer Raubvogel, aber eben doch Raubvogel gelten; die anderen sind eher einfache Räuber - oder einfach  Schweine. Räuber sind sie allesamt, weil „wir“ sie nährten (V. 4, greift V. 5 der 1. Str. auf). Vielleicht sind die Tiernamen in Erinnerung an die Wappentiere adeliger Häuser gewählt worden, nur dass der Adler dort oft „Aar“ heißt; Unterschiede zwischen Herren mag es gegeben haben, doch der Sprecher relativiert sie mit der Erinnerung an das Wesen von Herrschaft: „der Stiefel glich dem Stiefel immer“ (V. 6), und weil damit immer getreten wird (V. 7), sind Unterschiede (V. 5) eben doch belanglos; „Stiefel“ könnte metonymische Bezeichnung der militärischen Macht sein, welche notfalls gegen das eigene Volk eingesetzt wird. Nach der zweimaligen Klage tritt der Sprecher bescheiden mit einer „Meinung“ (V. 7 f.) vor, in der er die Konsequenz aus der Einsicht in das Wesen von Herrschaft zieht, ganz im Sinn von Karl Marx: „daß wir keine anderen Herren brauchen, sondern keine!“ Hier wird die Idee der Revolution und der klassenlosen Gesellschaft als Heilungsrezept gegen Herrschaft angedeutet. - Neben den beiden betonten Klagen („ach“) fällt auf, dass „uns“ außerhalb des Metrums betont und dadurch quasi auf einen ganzen Takt gedehnt wird; ebenfalls wird das letzte Wort emphatisch betont („keine“, V. 8). - Der Refrain bleibt gleich, auch wenn sich vom Sprecher die Möglichkeit einer Änderung erwogen worden ist. Erst der dritte Refrain wird dann so verändert, dass er der Hoffnung auf Befreiung folgt.
   In der dritten Strophe wird beschrieben, wie die Herren gegeneinander eingestellt sind: sich bekämpfend, beschimpfend (V. 1-6); im Zeilenschnitt wird „blutig“ hervorgehoben, was in Alliteration mit „Beute“ verbunden ist. In dieser Strophe wird also das Agieren der Herren beschrieben, was sie „unaufhörlich“ betreiben (deshalb im Präsens); in der 2. Strophe wird eher vom Geschick der Ausgebeuteten berichtet (Präteritum), in der 1. Strophe der Inhalt der Heldenlieder beschrieben und dessen Bedeutung für die Kleinen erklärt (Präsens). Am Ende der 3. Strophe wird konditional genannt, wann die Herren sich einig sind: „wenn wir sie nicht mehr ernähren wollen“ (V. 7). Diese Möglichkeit, die in der 2. Strophe als Meinung des ich-Sprechers vorgebracht wurde und nun in ihrer Konsequenz andeutungsweise gedacht wird [es wird ja keine Theorie oder Anleitung zur Revolution geboten!], wird im Refrain in ihrer Bedeutung erklärt („dann“, V. 9) und freudig begrüßt („endlich“, V. 11): „Das heitre Spiel“ (V. 10) des sich drehenden Rades, wie der Sprecher distanziert, weil scheinbar vom Leiden der Kleinen nicht berührt sagt, hört dann auf: Dem „immer weiter“-Spiel (1., 2. Str.) steht das „nicht mehr weiter“ (V. 9) entgegen; die letzten drei Verse des Refrains sind also verändert, weil die es alte Teilung oben-unten dann nicht mehr gibt, wenn das Wasser nicht mehr das Rad, sondern „seine eigne Sach‘ betreibt“ (V. 12). Im Adverbial „mit befreiter Stärke“ (V. 11 f.) ist die Revolution antizipiert.
   Der letzten Refrain ist sozusagen als Hauptsatz („wenn - dann“) erneut an den Entschluss, die Knechtschaft aufzukündigen (V. 7), angeschlossen; die Konjunktion  „wenn“ und damit der genannte Entschluss wird dann erneut vorgebracht (V. 11 f.). Das zweimalige „wenn“ zeigt, dass diese Möglichkeit in der Zukunft liegt, also erst gedacht und erhofft („endlich“, V. 11) wird. „Dann“ (V. 10), so wird abweichend vom Metrum betont, dann ist das nur für die Herren heitere Spiel des Rades mit der scheinbar ewigen Teilung von Ober- und Unterschicht zu Ende.
(Vgl. auch Carl Pietzckers Analyse in: Geschichte im Gedicht. Texte und Interpretationen. Hrsg. von Walter Hinck, 1979, S. 206 ff.)
Man findet im Netz eine gute Seite zum Gedicht, einen Aufsatz Christof Subiks, und zwar http://sammelpunkt.philo.at:8080/archive/00000079/01/brecht1.htm, die man etwa ab Anm. 50 direkt brauchen kann. Vgl. auch noch „Das Wasserbild des Taoteking bei Brecht“ (brecht.german.or.kr/jungbo.net/Hwizard/contents/jahrbuecher/1/12wasser.doc -)

Nachbemerkung zum „Rad“
In der Analyse meines Schülers Hurley lese ich, mit dem Rad könne auch „das Rad der Zeit“ gemeint sein. Dem möchte ich vorsichtig widersprechen:
1. Es gibt im Deutschen die Redewendung „das Rad der Geschichte zurückdrehen“, auch die Redewendung „die Zeit zurückdrehen“.
2. Es gibt eine Romanserie „Das Rad der Zeit“ von Robert Jordan - bisher 28 Bände (Fantasy), sagt man im www.
3. Es gibt einen Film „Das Rad der Zeit“ von Werner Herzog (2004, mit dem Dalai Lama).
Wenn sich unter dem Einfluss von Romanserie und Film die Redewendung vom Rad der Zeit einbürgern sollte, darf man sie doch nicht unkontrolliert als mögliche Bedeutung für das Rad in Brechts Gedicht unterstellen; das wäre anachronistisch. Spätere Generationen, die nicht mehr so genau zwischen 1951 (bzw. 1934) und 2004 unterscheiden können, werden vielleicht einfach über meine Bedenken hinweggehen - ihr solltet sie zumindest zur Kenntnis nehmen.

P.S. Nachdem ich meinen Senf aufs Rad geschmiert hatte (nur mit Rückgriff auf Duden: Redewendungen, und die Suchmaschinen im www.), habe ich mich noch einmal kundig zu machen versucht. Dabei ist Folgendes herausgekommen:
1. Im Grimm'schen Wörterbuch steht unter 3. das Rad des Fuhrwerks, bildlich und sprichwörtlich:
  a) Rad des Glücks (viele Belege),
  b) davon: Rad der Schickung, des Verhängnisses,
  c) Sonnenwagen auf Rädern,
  d) Rad der Zeit (so wörtlich bei Schiller), der Stunden,
  e) Redensarten...
  f) Redensart: an das Rad kommen.
2. Im DWDS steht als Bedeutung
  d) /ohne Pl.; nur mit abhängigem Gen./ geh.
/dient als Sinnbild des Veränderlichen, Beweglichen/ Bedenkt, wie schnell des Glückes Rad sich dreht Schiller Wallenst. Tod IV 7; das R. des Schicksals, Lebens, der Zeit; das R. der Geschichte läßt sich nicht zurückdrehen; Manchmal möchte man glauben: Nicht die Klügsten, sondern die Dümmsten drehen am Rad der Geschichte Bredel Heerstraßen 387
3. Im Wortschatz der Uni Leipzig steht unter den Redewendungen zu „Rad“: das Rad der Geschichte nicht anhalten (und: nicht zurückdrehen)
4. Fazit: Es gab im Deutschen auch schon vor den Fantasy-Romanen R. Jordans und dem Film W. Herzogs das Bild vom Rad der Zeit; ich kannte es indirekt aus einem Gedicht (Tucholsky, Augen in der Großstadt: „Kein Mensch dreht die Zeit zurück“), wo aber eben das Wort „Rad“ fehlt.
P.P.S. Alle drei Wörterbücher sind im Netz zugänglich!
von: norberto42 in: Gedichte
Entry modified
Geändert am 4. November 2006 um 16:57

Sonntag, 22. Oktober 2006

Fontane: Irrungen, Wirrungen - weitere Analysen

Hier wird die "begrenzte Analyse" der Kap. 1-5 (vom 13.10.06) fortgesetzt:

1. Zum Erzähler (Kap. 6 und 7)
Im 6. Kapitel beschreibt der Erzähler zunächst Bothos Wohnung, wobei er diese Beschreibung ins Geschehen einbindet bzw. andeutet, dass er etwas berichten wird: „Es war die Woche danach...“ (34/21 f.); mit dem Hinweis auf das Ende der Kastanienblüte wird das Geschehen auch in den Jahresablauf eingebettet: etwa Ende Mai.
In der Beschreibung distanziert der Erzähler sich von Rienäcker und seiner Lebensweise vorsichtig. Die erste Distanzierung finde ich in der Modifizierung „ziemlich“ (34/26 f.); denn „erheblich“ ist deutlich, und „ziemlich erheblich“ klingt für mich in sich widersprüchlich, etwas ironisch. Die zweite Distanzierung finde ich im Verb „paradierte“ (34/32): als ob Bilder einer militärischen Formation angehörten, statt einfach in einer schönen Anordnung zu hängen! Auch dass Botho sich an einem einzigen Bild „zum Kunstkenner“ herangebildet hat (35/2), ist ein ironischer Zweifel an seinem Kunstverstand; wie wertvoll (35/1) Bilder sind, die man bei einer Verlosung gewinnt (34/33), sei dahingestellt.
Am Ende des ersten Absatzes berichtet der Erzähler eine Bemerkung, die Botho darüber zu machen pflegt, dass das Losglück wie vielleicht jedes Glück einen teuer zu stehen komme (35/4 ff.). Was der Erzähler harmlos berichtet, ist auf der Ebene des Autors Fontane bzw. auf der Ebene des Lesens eine Andeutung oder Anspielung auf das Liebesglück des Paares. Hier fällt übrigens auf, dass der Erzähler in der wörtlichen Rede eine Form der indirekten Rede („sei“, 35/8) benutzt, wie er es öfter tut (z.B. 35/15).
In der Bemerkung über die Zeitungen des Barons setzt der Erzähler einen Maßstab (voraus), an dem gemessen (der Kauf und) die Anwesenheit von Klatschblättern „ziemlich verwunderlich“ (35/13 f.) ist; mit dem Zitat des Lieblingssatzes („Schnack gehe vor Politik“) wird auf der Ebene des Lesens eine Beziehung zum von Botho angeblich belächelten Geschwätz (S. 24 f.) wie auch zur Weltsicht des Onkels hergestellt, für den Politik ein dominierender Lebensbereich ist (S. 43 ff.). Dass Botho seinen Kanarienvogel „nur zu sehr“ verwöhnt (35/20 f.), mag als harmlose Bemerkung des Erzählers durchgehen; in seinem anschließend zitierten Satz („Alle Lieblinge sind gleich und fordern Gehorsam und Unterwerfung.“ 35/26 f.) kann man eine vorsichtige Distanzierung von Lene heraushören; der Erzähler behandelt diesen Satz so, als ob Botho ihn regelmäßig (wenn - dann, 35/23), aber auch in diesem Moment sagte; damit greift der Erzähler auf seine Datierung „heute“ (35/20) zurück und leitet zum Bericht des aktuellen Geschehens über (35/28).
Dieses wird dann etwa zeitdeckend erzählt: Die Briefe werden vom Diener überreicht und von Botho gelesen; in diesem Bericht fallen mir als Leser zwei Bemerkungen auf, eine vom Erzähler und eine Bemerkung Bothos. Der allwissende Erzähler berichtet, dass Botho „allerwiderstreitendste Gefühle“ gegenüber Lene durchs Herz gingen (37/33); Botho bedauert dann nach der Lektüre von Lenes Brief diese (38/12 ff.) und meint, es wäre besser gewesen, sie hätten sich nicht kennengelernt. Diese beiden Bemerkungen werden vom Leser als Folie registriert, vor der die Liebesgeschichte weitergeht, also wohl ihrem Ende entgegengeht. Bei der zweiten Lektüre bemerkt der Leser, dass die gleiche Bemerkung („Arme Lene“) wieder gemacht wird, als Botho den Brief seiner Mutter bekommt und dessen Inhalt ahnt - das besagt, dass der Brief der Mutter nur Auslöser, aber nicht Grund für das Ende der Beziehung ist. Bereits vorher hat Botho im Gespräch mit Lene „Arme Lene“ gesagt (32/22), bloß nebenher, aber eben doch im Zusammenhang mit seiner Mutter; der Erzähler berichtet Derartiges harmlos, aber Fontane hat so ein Netz von Verweisen geknüpft, das der aufmerksame Leser bei der zweiten oder dritten Lektüre deutlicher bemerkt.
Der Erzähler berichtet hier Bothos Gedanken (vgl. 38/12 f.); nach den Gedanken über Lene fährt Botho fort: „Und nun der Onkel!“ (38/16) Damit wird dessen Erscheinen als für das Verhältnis bedrohlich qualifiziert - zu Recht, wie man nach Lektüre des Kapitels 8 weiß.
Nachdem die Anweisungen an den Diener berichtet worden sind (bis 38/37), wird die Zeit des erzählten Geschehens gerafft; wenn man will, kann man als Leser zwischen der Art, wie Botho die Portierstochter neckt (39/3 ff.) und wie er mit Lene umgeht (Kap. 5), eine Parallele ziehen. Als Botho dann in seine Welt eintaucht und die Menschen vor dem Tiergarten sieht, hat er sich von den Sorgen um Lene weithin distanziert; denn er merkt an, dass diese (seine) Welt „doch wohl eine der besten Welten“ ist, wenn auch nicht die beste aller möglichen Welten, wie Leibniz gefolgert hatte. Botho wird so als jemand charakterisiert, der auch Leibniz kennt bzw. ein wenig nachgedacht hat - und dass diese Bemerkung den letzten Satz des Kapitels bildet, ist ein i-Punkt, den eben der Erzähler setzt, ohne sie zu kommentieren.
Zu Beginn des Kapitels 7 wird zeitraffend Bothos Flanieren erzählt (39/17 ff.), wobei der Erzähler auch einen Blick in Bothos Gedanken tut (39/26 ff.) und dabei enthüllt, dass Botho selber am Wert seines großen Seesturm-Bildes zweifelt, diesen aber dadurch schützen will, dass er nicht alles ausspricht, was er denkt. Danach werden die Gespräche Bothos mit Wedell und beinahe wörtlich, also zeitgleich beider Gespräch mit Onkel Kurt Anton berichtet; mir fällt dabei auf, ein wie großer Weinkenner Botho ist (41/25 f.), und ich erinnere mich daran, dass man ihm bei Nimptsch Apfelwein vorgesetzt hat (21/36).
Fazit: Der auktoriale Erzähler berichtet nicht ohne Distanz von Bothos Leben; er verfügt über viele Techniken des Erzählens. Gleichzeitig wird ein Netz von Verweisen und Beziehungen erkennbar, wobei man aber nicht sagen kann, „der Erzähler“ habe es geknüpft - dieses Netz zeigt die Verbindung von Erzähler, Autor und Leser auf, die je auf ihre Weise an der Konstitution der Erzählung beteiligt sind.

2. Wie die Liebe zerbricht - Übersicht über Kap. 11 - 15
Bereits in den ersten Kapiteln hat sich gezeigt, dass das Liebesverhältnis Lenes mit Botho gefährdet ist; so sieht sie es selbst (S. 33), so sieht Botho es (38/12 ff.), so sehen seine Kameraden es (51/ 16 ff.); in der Rede des Onkels (S. 46 f.) wird der Brief der Mutter (S. 96-99) vorweggenommen. - Was sich in den ersten Kapiteln also bereits in Andeutungen gezeigt hat, ereignet sich beim Besuch von „Hankels Ablage“ und anlässlich des Briefs von Frau Rienäcker an ihren Sohn Botho (Kap. 11 - 15).
„Hankels Ablage“ wird von beiden als Idylle erlebt (65/27 ff.; 67/18-25), doch kündigen sich dort bereits Störungen an; die Idylle wird gestört, als die Kameraden in Begleitung dreier Damen die beiden umstellen (84/32). Sie wird zerstört, als Botho die geltende „Parole“ (85/7) der Kameraden übernimmt und Lene auf eine Stufe mit den drei Leihfrauen stellt.
In der Begegnung Lenes mit der Königin wird im Gespräch die Frage deutlich, ob „die Herrens“ (86/25 f.) alle gleich sind (91/9), sodass man am besten wie die Königin den Umgang mit ihnen professionell betreibt (91/11 ff.), oder ob Botho eben doch Lenes Einziger ist (107/18 u.ö.) und eine Frau ihr Herz verschenken darf (91/25 ff. u.ö.). - Vom Rest das Tages (Mittagessen, Nachmittag, Abend, Nacht) wird nichts mehr erzählt, der Erzähler verfolgt nur das Thema, dass die Liebe endet; es genügt dem Erzähler, das Verhältnis der Damen zu den Offizieren als Folie des Verhältnisses Lenes zu Botho zu benutzen (vgl. Johanna als Gegenbild Lenes, 90/10 ff.)
Die Heimfahrt der beiden erfolgt ohne Heiterkeit (93/31 ff.); Lene deutet beim Abschied die Situation so, dass das Verhältnis zu Ende geht und der Traum vom Glück vorbei ist (95/1 ff.). Es fällt auf, dass beide vom Glück als einem Traum sprechen (Lene 95/5; 105/33; Botho 101/6), womit sie Lenes frühe Ahnung aufgreifen (31/26 f. - dort eine Deutung des Erzählers).
Danach wird gezeigt, wie Botho sich entscheidet: Der Brief der Mutter setzt ihn unter Druck (S. 97 f.) und löst Reflexionen aus, was er kann und wer er ist (99/14 ff.). Bei dem anschließenden Ritt reflektiert er seine Liebe zu Lene (100/2 ff.) und seine Unfähigkeit, „die Welt herauszufordern und ihr und ihren Vorurteilen öffentlich den Krieg zu erklären“ (100/37 f.). Dass er auf das Kreuz Hinckeldeys trifft, ist ihm ein „Zeichen“ (101/24 - Lene hatte im Anblick der arbeitenden Magd ein Zeichen gesehen, 83/35); dieses sagt ihm, „daß das Herkommen unser Tun bestimmt“ (102/8 f.). Zusätzlich sagt ihm das Bild der arbeitenden Leute, dass Leben Ordnung haben muss (also eher Ehe als Liebe, 102/28 ff.), worin ihm Lene in seiner Phantasie zustimmt (102/34 ff.).
Er schreibt dann einen Brief an Lene (S. 103), wozu sie Stellung nimmt (105/1 ff.); sie begnügt sich, ihren Traum in der Erinnerung zu behalten. Beim Abschied hat vor allem Lene wieder das Wort; sie wünscht ihm das Glück, das er ihr geschenkt habe, und bleibt bis zum Schluss dabei, ihn „mein Einziger“ zu nennen (107/18 f.).
Das ganze Geschehen dauert vier Tage: zwei Tage für Hankels Ablage, ein Tag für Bothos Entscheidung nach dem Brief der Mutter, ein Tag für den Abschied. - Man kann die Analysen noch erheblich verfeinern; mir geht es hier darum, einen Überblick über das Geschehen zu geben.

3. Andeutungen, dass das Liebesverhältnis zerbrechen wird (Kap. 5-12)
In den Analysen zu Kap. 1-5 hat es die Teiluntersuchungen gegeben, dass Lene und Botho in verschiedenen Welten leben und dass das Liebesverhältnis von Anfang an gefährdet ist. Zum zweiten Aspekt habe ich dort geschrieben:
„In der glücklichen Situation des Neckens (30/20 ff.) und der Geborgenheit angesichts der Mondsichel (31/19-24) kommentiert der Erzähler, wie Lene sich dann aufrichtet (‚als sie sich wie von einem Traume, der sich doch nicht festhalten ließ, aufrichtete‘, 31/26 f.); das ist ein Paukenschlag, mit dem einige Äußerungen Lenes eingeleitet und beglaubigt werden:
- dass sie sich vor Bothos Mutter fürchtet, die schon darauf achten werde, dass ihre Kinder reiche Partien machten (32/5 ff.);
- dass Botho eines Tages wegfliegen werde, weil er es müsse (33/4 f. und 33/11 ff.) und schwach sei (33/19);
- dass sie eben mit Botho nicht ‚drüben‘ in der Lästerallee so gehen kann wie ‚hier‘ im eigenen Garten (33/35 ff.); damit ist die Garten-Idylle zerstört und Botho kann gegen Lenes Unterscheidung: ‚ich‘ (und mein Leben) - ‚ihr‘ und ‚euer Leben‘ (34/2 ff.), sachlich nichts einwenden (34/7).“

Diese Störung der idyllischen Gartensituation greift auf die Störung der großen Idylle in Hankels Ablage vor, wo dann das Liebesverhältnis endgültig zerstört wird, wie Lene sieht (vgl. oben: Wie die Liebe zerbricht - Übersicht über Kap. 11-15).
Aber das Ende der Liebe wird auch in vielen Andeutungen vorbereitet, die ich jetzt ab Kap. 6 kurz darstellen möchte (zu Kap. 5 s.o.!); es geht darum, an einem Thema die vielen Verweisungen innerhalb des Romans aufzuzeigen, die letztlich insgesamt auf das Konto des Autors gehen - der Erzähler müsste sagen, dass es eben so geschehen ist. - Ich fasse mich kurz:
* Angesichts des langen Ausbleibens Bothos bemerkt Lene im Brief, dass sie fühlt, dass das Ende ihrer Beziehung kommen muss und jeden Tag kommen kann (36/35 ff.);
* mit ihrer Frage nach der schönen Blondine wird darauf vorbereitet, dass die blonde Käthe in Bothos Leben auftauchen wird (vgl. S. 46/15; 52/1);
* der Erzähler merkt an, dass „allerwiderstreitendste Gefühle“ durch Bothos Herz gehen, als der Lenes Brief liest, und dass er denkt, er hätte Lene besser nicht kennengelernt (38/13 f.); auch wird sein Ausspruch „Arme Lene“ (38/12) wiederholt, als der Brief seiner Mutter eintrifft (96/15);
* beim Treffen fordert Bothos Onkel ihn auf, die ihm versprochene Käthe von Sellenthin zu heiraten (S. 46 f.), und greift damit auf den Brief der Mutter vor, die Botho ihrerseits drängt, zum Wohl der ganzen Familie Käthe zu heiraten (S. 96 ff.),
* Bothos Kameraden analysieren Bothos Situation, der nun auf Drängen des Onkels Käthe heiraten soll (51/16 ff.): Bothos wirtschaftliche Lage werde ihm kein Wahl lassen, „die Verhältnisse werden ihn zwingen“ (53/1), auch wenn Botho einen Hang fürs Natürliche (und damit zu Lene) habe (52/23 ff.);
* möglicherweise deutet auch die Tatsache, dass Botho und Lene ernst werden, als sie das Lied „Ich denke dran...“ singen und hören (59/10 ff.), auf das Ende der Beziehung hin; was das Lied ihnen bedeutet und wie der ganze Text lautet, wird erst später klar (105/18 f.; 154/21-36);
* vielleicht ist auch die Tatsache, dass die Vielliebchen nicht wie abgemacht gegessen werden (86/2 ff.), ein kleiner Fingerzeig aufs Ende hin.
* „Hankels Ablage“ ist der idyllische Ort ihrer Liebe (s.o.); dass er auch „Etablissement“ heißt (66/34 f.), mag zunächst noch harmlos klingen, greift aber doch bereits auf das Erscheinen der drei Leihfrauen vor;
* versteckte Hinweise liefern Bothos Weigerung, in ein Boot zu steigen und so die Situation des Kennenlerns zu wiederholen (68/16 ff.), und Lenes spitze Bemerkung: „Was sollen wir mit der Hoffnung?“; ähnlich mag man Bothos Unterscheidung der falschen und echten Vergißmeinnicht (70/26 ff.) lesen;
* deutlich ist jedoch die Bemerkung des auktorialen Erzählers, dass beide im Glück der Frage nachhängen, „wie lange das Glück noch dauern werde“ (72/24 f.);
* der Wirt kündigt an, dass die Einsamkeit in „Hankels Ablage“ keinen Bestand hat (75/37 ff.);
* Lene empfindet angesichts der englischen Titel der Bilder die Kluft zum gebildeten Botho (79/31 ff.) - den Bildinhalten kann ich aber keine besondere Bedeutung zuerkennen;
* das Bild „Si jeunesse savait“ stößt Lene ab (80/4) - es bereitet direkt auf das Erscheinen von Bothos Kameraden vor, welche sich hier ja amüsieren wollen;
* am Morgen des nächsten Tages wird personal erzählt, dass Lene in der Situation des Glücks denkt: „War das nicht genug? Und wenn diese Stunde die letzte war, nun so war es die letzte.“ (81/30 f.) - deutlicher kann man das kommende Ende nicht ankündigen;
* auch mit dem Wortspiel „schlafen wie im Paradies“ und „Vertreibung aus dem Paradies“ (82/17 ff.) deutet Botho die Möglichkeit der Störung an;
* vielleicht verweist auch Lenes Empfinden, dass das Bild der arbeitenden Magd „ein Zeichen ist und eine Fügung“ (83/35), auf ihr künftiges Schicksal als arbeitende Frau fernab von Botho voraus.
Als die Kameraden das Paar umstellen (84/32) und Botho ihre Parole übernimmt (85/7), ist die Idylle von „Hankels Ablage“ und auch die unbeschwerte Liebe des Paares zerstört. Ein Netz von Verweisen hat den Leser auf dieses Ende vorbereitet - ein Netz, dessen Maschen man freilich erst bei der zweiten und dritten Lektüre richtig erkennt.

4. Figurenkonstellation
Man bezeichnet die Beziehungen der Figuren in einem literarischen Werk bzw. die Beziehungen der einzelnen Figurengruppen zueinanander als Figurenkonstellation.
[Randbemerkung zu Michael Bengels Behauptung (Lektürehilfen Klett, 2006, S. 92), der Begriff „Konstellation“ sei eine Metapher und bezeichne ursprünglich die willkürliche Anordnung der Sterne zu Gestirnen:
Im Kluge (Etymologisches Wörterbuch, 24. A.) wird die Entstehung des Begriffs ins 16. Jh. datiert; die ursprüngliche Bedeutung sei „die auf die Schicksale der Menschen einwirkende Stellung der Gestirne“. Diese sei dann verallgemeinert worden: „Stellung und Anordnung bestimmter Faktoren“.
Im Pfeifer‘schen Wörterbuch wird als ursprüngliche Bedeutung genannt: „die Stellung der Gestirne zueinander und zugleich die vermeintlich sich daraus ergebenden Einflüsse auf das Schicksal des Menschen“.
Die von Bengel unterstellte Bedeutung, mit der er seine These von der Willkürlichkeit jeder Figurenkonstellation begründet, hat es also nicht gegeben.]
Für eine Analyse schlägt der Schülerduden Literatur (2005) folgende Fragen vor:
1) Welche Figuren sind partnerschaftlich verbunden? Welche Gemeinsamkeiten haben sie?
2) Lassen sich die Figuren innerhalb einer Gruppe hierarchisch ordnen?
3) Welche Figuren(gruppen) stehen sich als Gegner gegenüber? Aufgrund welcher Interessen?
4) Ist die Konstellation stabil oder ändern sich die Verhältnisse?

Auf Fontane: Irrungen, Wirrungen, angewandt, ergibt sich folgende Skizze:
1) Partnerschaftlich verbunden sind die Figuren innerhalb der Familien (Dörr, Nimptsch, Rienäcker), aber auch die Nachbarn (Dörr - Nimptsch) und Kameraden (Botho - die anderen Offiziere). Außer der familiären Bindung ist ihnen ihr Stand gemeinsam.
Partnerschaftlich verbunden sind auch die Liebespaare Lene-Botho, ehemals Frau Dörr und ihr Graf, Rexin und seine Henriette; diese Verhältnisse spiegeln sich ineinander, auf eine andere Art dann auch die „Verhältnisse“ der Offiziere mit den drei Damen, mit denen sie in Hankels Ablage erscheinen. - Auch die Ehen Dörr, Rienäcker und Franke spiegeln sich ineinander, wobei das jeweilige Verhältnis der Eheleute im Blick steht.
2) Für Lene ist Frau Dörr so etwas wie eine Ratgeberin. Als Charakter ragt Lene in ihrer Gruppe hervor. - In der Familie Rienäcker dominiert der Onkel Kurt Anton Osten, dann auch die Mutter; bei Sellenthin dominiert ebenfalls die Mutter.
3) Es stehen sich insgesamt die Angehörigen des Kleinbürgertums und die Adeligen gegenüber, wobei eben Botho, der Graf und Rexin im Liebesverhältnis die Grenze vorübergehend überschreiten. Botho rät Rexin, der sich in eine langfristige Bindung begeben will, dazu, solches nicht zu tun.
4) Das Romangeschehen besteht darin, dass die zwei Monate alte Liebe zwischen Lene und Botho an der Standesschranke und an Rienäckers Geldsorgen zerbricht und durch die standesgemäßen Ehen Rienäcker und Franke abgelöst wird. Die Protagonisten des Romans bleiben Lene und Botho, auch wenn neue Figuren in ihren Lebenskreis treten.

5. Die Zeitstruktur des erzählten Geschehens
wird eigens in einem kleinen Aufsatz vom 31.10. 06 untersucht.

6. Erörterungen von Texten der Sekundärliteratur

a) Lektürehilfe von Michael Bengel (Klett 2006), S. 92 f.: Figurenkonstellation
Bengels Erklärung des Begriffs "Figurenkonstellation" ist nicht haltbar. Zur Sache vgl. hier die Bemerkungen unter 4.

b) Kommentar von Reinhard Wilczek (Oldenbourg 2006), S. 34 ff.: Sprechende Orte
Der Begriff ist vermutlich analog dem bekannten Begriff "sprechende Namen" eingeführt worden; die Fragestellung ist fruchtbar, doch bleibt Wilczek nicht immer beim Thema (etwa Lenes Gefühle in Hankels Ablage) und überzieht den Text Fontanes interpretatorisch (Bellevuestraße, Bedeutung der beiden Bilder von Leutze und West). Was Lene zur "Hoffnung" sagt, ist auch nicht an den Ort Hankels Ablage gebunden!

c) Theodor Fontane. Dargestellt von Rose Aggeler, 1983, S. 106 f.: Der einzelne in der Gesellschaft
Der Kommentar Aggelers ist insofern interessant, als er sich auf alle Romane Fontanes bezieht; die Ausführungen sind daher für "Irrungen, Wirrungen" am Einzelfall nachprüfbar. Wir haben nur vier begrenzte Passagen erörtert:
Zu erörtern waren entweder die in Z. 78-84 und Z. 97-109 entwickelten Gedanken (von den Mädchen) oder die in Z. 29-43 und Z. 110-118 entwickelten Gedanken (von den Jungen); dabei ist natürlich jeweils der Kontext zu beachten.

1. zu Z. 78-84
Aggeler trägt als Hauptgedanken vor,
a) dass die Schuldfrage [für die Figuren in Fontanes Romanen] (wegen der Hell-dunkel-Differenzierung, Z. 68 ff.) „nicht einfach“ beantwortet werden kann, und
b) dass die Tragödie sich „als Verhängnis, das sich letztlich aus den gesellschaftlichen Prägungen aller Beteiligten“ (Z. 82 f.) ergibt, vollzieht. [Ist das die Folgerung aus (a) oder eine Begründung für (a)? Aggeler stellt die Aussagen unverbunden nebeneinander.]
Diese beiden Aussagen kann man logisch und bezüglich ihrer Geltung für „Irrungen, Wirrungen“ überprüfen.
* Vorab ist kurz zu klären, was man unter „Verhängnis“ versteht: ein (von einer höheren Macht) verhängtes Unheil, dem man nicht entgehen kann (Duden-Wb).
* Logisch ergibt sich eine kleine Spannung zwischen den beiden Aussagen (a) und (b); denn aus der Tatsache des Verhängnisses folgt im strengen Sinn, dass es überhaupt keine Schuld eines Beteiligten geben kann und dass man die Schuldfrage nicht sinnvoll stellen kann. So sieht das auch Lene („und doch war niemand schuld“, 94/27 f. - zum Misslingen des Ausflugs nach Hankels Ablage). - Man braucht diesen Widerspruch aber nicht als bedeutsam zu bewerten; das Abschwächen der Negation („nicht einfach“) kann auch als Stilmittel des vorsichtigen wissenschaftlichen Sprechens betrachtet werden.
* Die Figuren in Fontanes Roman stimmen der Aussagen (b) zu:
- Im ersten vom Erzähler berichteten kritischen Gespräch zwischen Botho und Lene sagt diese, dass Botho schwach ist (33/18 f.) und dass er von ihr wird wegfliegen „müssen“ (33/11; vgl. 105/31!);
- Onkel Kurt Anton von Osten weist auf die wirtschaftliche Notlage der Familie hin und darauf, dass bereits die Eltern die Heirat Bothos und Käthes verabredet haben (46 f.);
- Pitt weist auf die Situation hin, dass Botho 12.000 jährlich ausgibt, aber nur 9.000 einnimmt (51/19f.) und dass demgemäß die Verhältnisses ihn zu besagter Heirat „zwingen“ werden (53/1 f.).
Zu fragen bliebe, ob die Figuren mit ihrer Sicht Recht haben [auf diese Untersuchung verzichte ich jetzt] und ob sich in Bothos Handeln und Denken nicht doch zumindest Spuren einer Schuld finden.
Die für Bothos Handeln relevante Stelle ist m.E. die kurze Bemerkung des Erzählers: „Botho sah, welche Parole heute galt, und sich rasch hineinfindend...“ stellt er Lene ebenfalls mit einem Leihfrauen-Kunstnamen vor (85/7 ff.). Zu fragen ist, ob sich hier nur die selbstverständliche Macht der Verhältnisse („welche Parole heute galt“ - wieso gilt sie denn?) oder (auch) eine schuldhafte Schwäche Bothos zeigt - Rexin etwa scheint dagegen bereit zu sein, zugunsten seiner schwarzen Jette ins Ausland zu gehen (S. 165 f.). Rexin demonstriert so eine Möglichkeit, als Adeliger anders als Botho zu handeln (oder ist Rexin mit Botho nicht zu vergleichen, wissen wir zu wenig von ihm?).
Die zweite Stelle, das Denken Bothos offenbarend, sind seine Reflexionen, die er anstellt, als er den Brief seiner Mutter gelesen hat, welche ihn erheblich unter moralischen Druck setzt („Du hast unser aller Zukunft in der Hand...“, 97/35). Da räsonniert Botho, wer er ist und was er kann (S. 99) und was ihn daran hindere, Käthe zu heiraten (was alle Welt erwarte, 100/3). Als er dann von seiner Liebe zu Lene spricht (100/10 ff.), qualifiziert er seine Erwartung, die Gesellschaft werde die Verbindung mit Lene auf die Dauer gutheißen, als „Traum“ (101/6), und sich selbst als zu schwach, „die Welt herauszufordern und ihr und ihren Vorurteilen öffentlich den Krieg zu erklären“ (100/37 f. bzw. 100/36 ff.).
Zu beiden Aspekten, also zum Handeln bei der Begegnung mit den Kameraden und zu seinem Denken (und Handeln insgesamt), ist zu fragen: Kann Botho anders handeln oder kann er es nicht? Dazu gibt der Erzähler keine Hinweise; wenn man meint, er könne nicht anders handeln, spricht man ihn von Schuld frei (nach dem Grundsatz: supra posse nemo tenetur). Rexin deutet jedenfalls an, dass es andere Möglichkeiten auch für einen Adeligen gibt. [Kann einer also Schuld auf sich laden, wenn er schwach ist?]
Die Begegnung mit dem Hinckeldey-Denkmal wird Botho zum Zeichen (S. 101 f.), welches ihm predigt, „daß das Herkommen unser Tun bestimmt“ (102/8 f.). Diese Bestimmung ist bei ihm letztlich stärker als sein „Gleichgiltigkeit gegen den Salon“ (101/9) und seine Liebe zur einfach-wahren Lene (S. 100). Ich meine, dass er in seiner Bindung an die Herkunftsfamilie und das Leben eines reichen Nichtsnutzes unfähig ist, sich (etwa als kleiner Arbeiter) auf ein geregeltes Zusammenleben mit Lene einzulassen. Er hätte sich deshalb vielleicht kein Verhältnis mit ihr beginnen dürfen; aber vom Anfang des Verhältnisses wissen wir zu wenig, als dass wir darüber urteilen könnten - der Erzähler stellt uns i.W. das bestehende Verhältnis und dessen Ende vor.
[Frage: Müssen wir in unserem Urteil dem Urteil der Figuren zustimmen, d.h. erkennen die Figuren immer die Wirklichkeit? Oder müssten wir - das steht jetzt aber nicht zur Debatte - dem Urteil des Erzählers inmer zustimmen?]
* Wenn man den Kontext der Gedanken von Z. 78-84 berücksichtigt, wäre zu prüfen, ob in den gesellschaftlichen Konventionen „unmenschliche Vorurteile“ liegen (Z. 63 ff.) und ob „Beibehaltung der herrschenden Verhältnisse“ Ziel der Gesellschaft [oder nur des Adels als der profitierenden Schicht, so Markus!] ist (Z. 18 f.), wogegen Aggeler später ihr differenzierteres Bild (Z. 76) stellt. - Wir stoßen hier auf grundsätzliche Fragen, deren Beantwortung zu weit führte, die vielleicht überhaupt nicht „vernünftig“ beantwortet werden können.
Als Frage am Rand möchte ich nur festhalten, ob sich die gesellschaftlichen Vorurteile eher bei Lene oder eher bei Botho zeigen.

2. zu Z. 29-43
Aggeler trägt vier Gedanken vor, von denen sie nur den ersten kurz begründet:
a) In Fontanes Romanen wird nicht die Entwicklung von Persönlichkeiten gezeigt,
b) sondern nur der Konflikt zwischen einzelnen mit der Gemeinschaft;
c) die Schicksale haben „nicht in sich exemplarische Bedeutung“ (Z. 38 f.),
d) sondern an ihnen wird die Gesellschaft (mit ihrem Konfliktpozenzial?) dargestellt.
Es fällt auf, dass (a/b) und (c/d) sich wechselseitig ausschließen, sodass man jeweils nur eine der beiden Thesen prüfen muss, um auch über die andere urteilen zu können.
* Zu (c/d) ist zu sagen, dass diese Thesen so unklar sind, dass sie nicht angemessen dikutiert werden können. Die Wendung „in sich exemplarische Bedeutung haben“ ist logisch unsinnig, da etwas immer nur im Hinblick auf eine Regel oder eine Menge von Fällen exemplarisch (beispielhaft) sein kann; in sich kann nichts exemplarisch sein. Die entsprechende These (d) ist genauso unklar - ich habe oben bereits in Klammern ein Adverbial ergänzt, um einen Sinn in die Aussage zu bekommen; dass „die Gesellschaft“ dargestellt werde, ist eine sinnlose Aussage, da die Gesellschaft das Gesamte aller Verhältnisse ist und deshalb als solche nicht dargestellt werden kann.
* Dass in „Irrungen, Wirrungen“ Bothos (nicht Lenes!) Konflikt dargestellt wird, geht aus der Erörterung von Z. 78-84 hervor. Zu fragen wäre also, ob Botho eine Entwicklung durchmacht - für Lene erkenne ich eine solche nicht, aber sie steht auch nicht in einem Konflikt, sie fügt sich von Anfang an in ihr Schicksal (z.B. 33/3 f.).
Es gibt zwei Stellen, an denen Botho so etwas wie eine Reifung und auch ein Hineinwachsen in die Gesellschaft (vgl. Z. 31-33) zeigt; das sind einmal die oben bereits untersuchten Gedanken während des Ritts zum Hinckeldey-Denkmal, dann auch seine Einsicht, als er Lene Briefe verbrennt. Das sagt er einmal: „Irrungen, Wirrungen. Das alte Lied“ (158/28 f.) Und zum Schluss sagt er: „Alles Asche. Und doch gebunden.“ (159/32) Zumindest die zweite Äußerung zeigt mir, dass er sein Verhältnis mit Lene differenziert beurteilt, was man in der Spannung zwischen Asche (vergangen) und „gebunden“ (bestehend, bleibend) erkennt; er versteht also, dass seine Ehe nicht die Lösung aller Probleme ist und dass auch bestehen kann, was man aufgeben musste - für ein vertieftes Verständnis dieser durchaus nicht an die Adelsgesellschaft gebundenen Problematik verweise ich auf Goethes Gedicht „Warum gabst du uns die tiefen Blicke“.
Mit der ersten (knappen!) Äußerung stellt Botho sein Schicksal resp. sein Liebesverhältnis mit Lene in einen Horizont menschlicher Reifung, nicht aber in den gesellschaftlicher Vorurteile: Wechsel von Freude und Leid, Durchgang durch Wirrungen und Irrungen, das ist menschlich, wie man im „Faust“ lesen kann; dafür braucht es nicht eine ausgehende Adelsgesellschaft.

In dem Sinn ist Aggelers These, Fontanes Romane seien an die Gesellschaft des späten 19. Jahrhunderts gebunden (Z. 1-29), problematisch, vielleicht nur modifiziert haltbar. Fontanes Roman „Irrungen, Wirrungen“ führt die condition humaine in seiner Zeit vor, wie sich an Bothos Äußerungen zeigt (S. 158 f.). Aggeler erliegt den in den 80er Jahren grassierenden Modethesen vom absoluten Primat „der Gesellschaft“, deren Vorurteile entlarvt und deren Normen zerstört werden müssten. Dass dem so ist, sieht man auch an den logischen Verrenkungen, die sie in Z. 61-109 machen muss: Sie kann ihre These (Z. 61-65) angesichts der Romane nicht halten und muss sie so abschwächen (über Z. 68 ff.), dass vom Kontrast zwischen den unmenschlichen Voruteilen und der menschlichen Wirklichkeit nicht mehr viel übrig bleibt (Z. 78 ff.). Das hindert sie dann aber nicht, die Rolle rückwärts zu machen (Z. 97 ff.).

Z. 97 ff. ist damit auch erledigt; einen (veräußerlichten) Ehrbegriff (zu Z. 110 ff.) finde ich bei Botho nicht - für ihn zählen Familie, Geld, Herkommen und Ordnung, auch die Liebe der natürlichen Lene. Miriam hat zu dieser Frage auf Bothos Begegnung mit dem Hinckeldey-Denkmal verwiesen (S. 101 f.); Hinckeldey stirbt zwar im Duell der Ehre wegen, doch Botho lernt daraus, „daß das Herkommen unser Tun bestimmt“ (102/8 f.) - ist das nun für Botho der Ehrbegriff oder nicht? Erst die Begegnung mit den märkischen Leuten (102/16 ff.) bringt ihn auf die Gleichung Ehe = Ordnung... - oder?

-------------------------------------------------------------------

Falls der Kurs die gerade erörterte Passage aus Aggelers Fontane-Buch kennt, könnte man folgende Klausur schreiben lassen:

Aufgabentyp: argumentative Entfaltung eines fachspezifischen Sachverhalts bzw. Problems oder eines Problems, dessen fachlicher Hintergrund aus dem Unterricht bekannt ist, im Anschluss an eine Textvorlage
Zeit: drei Schulstunden

Aufgabenstellung:
1. Analysieren Sie den vorliegenden Textauszug aus
Theodor Fontane. Dargestellt von Rose Aggeler, 1983, S. 108 (beginnend mit "Die Anpassung...", 53 Zeilen).
2. Erörtern Sie die Äußerungen Aggelers (nur Z. 1-35!) anhand des Romans „Irrungen, Wirrungen“.

Hilfsmittel: Fontanes Roman; Duden: Die Rechtschreibung; deutsches Wörterbuch
Erläuterung: Der Textauszug stammt aus dem Kapitel „Der einzelne in der Gesellschaft“ (S. 106 ff.), dessen Anfang wir gelesen und besprochen haben.

Entry modified
Geändert am 9. Dezember 2006 um 19:39

Sonntag, 22. Oktober 2006

Fontane: Irrungen, Wirrungen - im Kontext seiner Romane


Der Roman "Irrungen, Wirrungen" ist im Sommer 1887 als Fortsetzungsroman in der "Vossischen Zeitung" (Fontane musste schließlich Geld verdienen), 1888 dann als Buch erschienen. Wenn man den Roman im engeren Kontext anderer Romane Fontanes verstehen will, sollte man (auf dem Niveau von Kindler Literatur Lexikon) sich informieren über

* Cécile (1886) und Stine (1890),

* L'Adultera (1880) und Effi Briest (1894/95).

Entry modified
Geändert am 22. Oktober 2006 um 22:59

Samstag, 21. Oktober 2006

Brecht: Lied über die guten Leute - kritische Analyse


Das Gedicht ist um 1939 entstanden (Kommentar von Edgar Marsch, 1974) und erst 1958 in „Hundert Gedichte“ (5. Auflage) veröffentlicht worden; von der Entstehungszeit her gehört es in den Kampf, den Brecht im Exil literarisch gegen die Hitlerei führte. Zu Lebzeiten Brechts ist es nicht in die „Hundert Gedichte“ (1951) aufgenommen worden, wenn ich Marschs Kommentar zum lyrischen Werk Brechts (a.a.O., S. 301) richtig verstehe; dazu werde ich später noch etwas sagen. Es besteht aus sieben Strophen von 5 bis 8 Versen, die weder Reim noch Metrum aufweisen; nur durch den Zeilenschnitt sowie durch Wortspiele, Querverweise und Wiederholungen ist es als Gedicht kenntlich.
   Die erste und die letzte Strophe beginnen mit der Phrase „Die guten Leute“; sie rahmen so thematisch die Äußerungen des Sprechers ein; dieser ist nicht genannt. Er wendet sich lehrhaft an eine wir-Gruppe, der potenziell alle angehören; er erklärt, woran man die guten Leute erkennt, wer sie sind und was sie tun - und dabei in Einem, was „wir“ mit ihnen zu tun haben. Dieser Gruppe „wir“ stehen eben die guten Leute gegenüber. Aber sie stehen uns nicht nur gegenüber: Das ist ein Kerngedanke des Sprechers.
   Das möchte ich erklären, indem ich von Strophe 1 ausgehe:
„Die guten Leute erkennt man daran
Daß sie besser werden
Wenn man sie erkennt.“
Wir haben hier nicht nur das Wortspiel mit dem Verb „erkennen“ vor uns, sondern auch die scheinbar paradoxe Aussage, dass die guten Leute besser werden, wenn man sie erkennt - daran soll man sie erkennen. Die Paradoxie besteht darin, dass zuerst scheinbar ein Merkmal genannt wird (etwa: Den Kolibri erkennt man daran...), was sich aber als Nicht-Merkmal erweist: „Wenn man sie erkennt“ (V. 3) - also in einem Prozess, nicht in einem Augenblick; denn die guten Leute „werden besser“, wenn man sie erkennt - was ja nur besagt, dass wir sie vorher eben nicht erkannt haben und im Akt des Erkennens auch uns ändern. Vereinfacht gesagt, meint der Sprecher: Wenn man einen „richtig“ kennenlernt und merkt, dass er besser ist, als zunächst angenommen, dann ist er ein guter Mann (oder eine gute Frau, aber nicht: ein guter Mensch). Er weist also Qualitäten auf, die nicht ins Auge springen; er spielt sich nicht in den Vordergrund. In Str. 3 sagt der Sprecher deutlich, dass die guten Leute „höchstens kenntlicher geworden“ sind, wenn man sie nach einiger Zeit wieder trifft; sie verändern sich also, aber auch wir verändern uns im Erkennen; unsere Erkenntnis wächst. Die guten Leute sind also solche, die sich ändern und Veränderung bei uns bewirken.
   Gleich in Str. 1 sagt der Sprecher noch, wie die guten Leute Veränderung bewirken:
„... Die guten Leute
Laden ein, sie zu verbessern, denn
Wovon wird einer klüger? Indem er zuhört
Und indem man ihm etwas sagt.“ (V. 3-6)
Das ist eine erstaunliche Aussage; erwarten würde man, was in Str. 2 gesagt wird, dass die guten Leute nämlich (uns) andere verbessern; sie laden jedoch ein, „sie zu verbessern“ (V. 4). Das scheint der vorhergehenden Aussage zu widersprechen, dass sie besser werden, wenn man sie erkennt (V. 1-3). Es könnte jedoch auch sein, dass sie gerade dadurch selber besser werder, dass sie uns einladen, sie zu verbessern. Die oben genannte Veränderung ist damit erhellt: Es geht um eine Verbesserung der Menschen, und zwar nicht der schlechten, sondern der guten Leute. Paradox!
   In Strophe 2 kommt die gegenläufige Aussage, dass sie gleichzeitig aber den verbessern, „der sie ansieht“ (V. 2); das steht noch in der Logik dessen, was der Sprecher bisher gesagt hat. Er fährt fort: „...und den / Sie ansehen“ (V. 2 f.); das passt nicht in die bisherige Logik der Veränderung - und auch das, was dann folgt, passt nicht: Sie nützen uns dadurch, „daß wir wissen, diese leben und verändern die Welt“ (V. 5 f.). Warum passt das nicht? Weil es die Logik der Beziehungen zwischen den guten Leuten und uns zerstört; diese Logik werde ich noch erklären. Es schiebt nämlich die guten Leute in eine Position der Heroen, die undialektisch über der dumpfen Masse stehen; die heroische Position wird auch in Str. 7, V. 4 f. beschrieben und ist dort genauso kitschig wie der zweite Teil von Str. 2. Ich meine, wir hätten hier die Erklärung dafür, dass Brecht das Gedicht nicht selber veröffentlicht hat - es ist noch unfertig, es ist noch nicht hinreichend reflektiert und gestrafft.
   Die dialektische Sicht auf die guten Leute lässt erkennen, dass sie uns verbessern,
- indem wir ihnen etwas sagen sollen oder dürfen (Str. 1),
- indem wir am Haus, das sie sind, mitbauen (Str. 4),
- indem wir ihre Fehler erkennen und verbessern (Str. 6 - ein nicht verarbeiteter Widerspruch zu Str. 2!),
- indem ihre Lösungen noch Aufgaben enthalten (Str. 7).
Das Verhältnis von uns zu den guten Leuten ist also nicht so, dass sie „über“ uns ständen - das wäre noch das alte feudale oder imperiale Verhältnis, was Brecht entschieden bekämpft (und in Str. 2 und 7 noch nicht beseitigt hat). In Wahrheit ist das Verhältnis von Gegenseitigkeit bestimmt: Wir sehen sie (Str. 1), sie sehen uns (an, Str. 7); wir geben ihnen etwas (Str. 4), sie schenken uns etwas (Str. 5); sie verbessern uns, indem wir sie verbessern (Str. 1 und Str. 6 f.).
   Die guten Leute „sind an etwas interessiert, was außer ihnen liegt“ (Str. 6, V. 7 f.); gerade deshalb und nur deshalb verdienen sie unser Interesse (Str. 6, V. 5), aber nicht deshalb, weil oder wie sie sich ihr Brot verdienen: Das erste müssen wir auch, vom zweiten sagt der Sprecher nichts. Auch hier sieht man wieder ein Wortspiel mit dem Verb „verdienen“, was aber gedanklich noch nicht geklärt ist (Str. 6).
   Den wahren Zusammenhang zwischen den guten Leuten und uns ahnt man in Str. 7, in den beiden letzten Versen des Gedichtes:
„Wiewohl wir ihnen nicht recht sind, wie wir sind
Sind sie doch einverstanden mit uns.“ (V. 6 f.)
Hier stehen sie beinahe in der Position Gottes, der richtend über den Geschöpfen steht und sie dennoch bejaht oder liebt; das wäre Edelkitsch oder stalinistischer (oder religiöser) Personenkult, wenn man es im Sinn der vorhergehenden Verse 4 f. liest; es lässt sich jedoch auch so lesen, dass „die guten Leute“ der bessere „Teil“ in oder von uns selbst ist. Das hieße dann, dass wir mit uns und dem, was wir sind und erreicht haben, nicht einfach zufrieden sein können - und dass wir uns doch bejahen dürfen. Die guten Leute sind wir dann selbst als die, die wir sein oder noch werden könnten.
   Das steht natürlich so nicht in den 7 Strophen; es ist jedoch eine Möglichkeit, dieses unfertige Gedicht in einem humanen Sinn zu Ende zu bringen, indem man den Edelkitsch eliminiert. Die guten Leute verändern sich (Str. 3) und verändern die Welt (Str. 2), indem sie uns verbessern (Str. 2), weil wir uns verändern: also nicht stehen bleiben. Das wusste übrigens bereits der Mystiker Angelus Silesius in der Zeit des Barocks:
„Freund, so du etwas bist, so bleib doch ja nicht stehn!
Man muss aus einem Licht fort in das andere gehn.“
Was der Mystiker dann in einer dialektischen Beziehung von Seelenfunke und Licht, von Seele und Gott gedacht hat, lässt uns der Dialektiker Brecht als Beziehung von uns und den guten Leuten begreifen. Deshalb ist auch das Bild in Str. 6 falsch bzw. missverständlich: dass die guten Leute „einen Stein an die falsche Stelle legen“ (V. 2); das hört sich an, als ob sie es absichtlich täten, um uns Deppen vorsichtig zu belehren, was sie nur in der Position absoluter Überlegenheit tun könnten. Richtig ist die Formel in Str. 7, dass „alle ihre Lösungen“ noch Aufgaben enthalten (V. 3). In dem Sinn könnte man das Bild in Str. 6 ändern: „Wenn sie einen Stein legen, sehen wir, was eine Fluchtlinie ist.“ Und dann können wir begreifen, dass auch der von ihnen gelegte Stein noch nicht genau in der Fluchtlinie liegt.
   Vielleicht zum Schluss noch ein Wort zum Zeilenschnitt: Gut und überraschend ist der Übergang V. 2/3 und V. 5/6 in Str. 1; V. 2/3 in Str. 4; viele Versenden stimmen mit Satzenden überein (V. 1-3 in Str. 7), manche sind recht willkürlich (V. 1 und 2 in Str. 2). - Den Text des Gedichtes habe ich in „Hundert Gedichte“ (1962) gefunden; im Netz findet man ihn nur an einer Stelle, auf einer pdf-Datei (S. 29 f.):
www.voegb.at/service/downloads/Bildungscocktail2003.pdf?PHPSESSID=ab33388d6b5942a2fdb6cfcd90e5e042 Es ist ein großes Gedicht, finde ich, auch wenn es noch nicht fertig ist; es verdient, dass wir uns in seine Gedanken hineindenken, gerade auch als Lehrer, aber auch als Schüler: Lehrer können wir nur sein, wenn wir auch Schüler sind; Schüler könnt ihr nur sein, wenn ihr nicht nur Schüler bleibt!

Ach, Thomas, du hast mich gebeten, ich sollte mir deine Analyse des Gedichtes anschauen, ob sie so gut ist; ich muss sie dir zurückgeben und im Sinn unseres Gedichtes sagen: Schau selber, ob sie gut ist. Soll ich denn an deiner Stelle die Welt und dich verändern?
von: norberto42 in: Gedichte
Entry modified
Geändert am 21. Oktober 2006 um 13:31

Samstag, 14. Oktober 2006

Fontane: Irrungen, Wirrungen - begrenzte Analyse

1. Links

Sagen wir es nur offen: Gute Analysen gibt es im Netz nur begrenzt. Fangen wir daher mit den Links an (zuerst Bilder von Hankes Ablage - Bilder von Berlin 1875 habe ich im Netz nicht gefunden, doch gibt es eine Karte zum Schauplatz in "Erläuterungen und Dokumente", RUB 8146, S. 4):
http://www.lokschuppen-zeuthen.de/lok/geschichte.html
http://www.uni-bielefeld.de/paedagogik/Tops/fontane/federzeis.htm
http://www.uni-bielefeld.de/paedagogik/Tops/fontane/seite21.htm
http://www.landshut.org/members/msagerer/f_irrungen_b02.htm
http://www.zeuthen-online.de/zmain250.htm
Neben der Musterklausur aus NRW (pdf-Datei auf learn-line) gibt es
http://www.lehrerfreund.de/in/schule/1s/irrungen-wirrungen/ (Stand 4/06 - hier findet man auch eine Karte von Berlin: http://www.hh.schule.de/ngb/fontane/pics/city01.GIF)
http://www.ub.fu-berlin.de/internetquellen/fachinformation/germanistik/autoren/multi_fgh/fontane.html
(Dort stößt man auf den Hamburger Bildungsserver, dort unter "Fontane" v.a. auf Artikel zu "Realismus, Naturalismus":
http://www.hamburger-bildungsserver.de/welcome.phtml?unten=/faecher/deutsch/autoren/fontane/index.htm)
http://de.wikipedia.org/wiki/Irrungen,_Wirrungen
http://www.gymnasium-blomberg.de/wiki/Fontane/StartSeite
Beim Kollegen Einecke sind die Links zur Epoche (Bürgerlicher Realismus) interessant:
http://www.lehrerfreund.de/in/schule/1s/realismus-epoche/
http://odl.vwv.at/deutsch/Realismus/index.cgi?p=ahs
http://www.wcurrlin.de/pages/6.htm
http://www.wolfgang.richardt.info/Hand%20.html#5.%20Epochen%20der%20deutschen%20Literaturgeschichte

Ganz brauchbar ist die Arbeit Reinhard Wilczeks in den "Oldenbourg Interpretationen" (mit Unterrichtsentwürfen, für den Lehrer), weil sie u.a. die Reclam-Seitenzählung berücksichtigt. Dagegen ist Michael Bengels Lektürehilfe (Klett) nur eingeschränkt brauchbar, weil sie dies nicht tut. - Wenn man beide Lektürehilfen streng liest, findet man viele Fehler und Ungenauigkeiten: Sie sind unter dem Druck, fürs Zentralbitur NRW "Lektürehilfen" anbieten zu wollen bzw. müssen, geschrieben worden - man merkt es ihnen an!

Wir lesen übrigens den Roman in drei Etappen: Kap. 1-10, 11-17, 18-26 (Ausgabe RUB 8971). Zu den Kap. 1-5 werden wir untersuchen, wie die Figuren Lene und Botho eingeführt werden, welche Beziehung zwischen Lene und Frau Dörr besteht, in welchen Welten Lene und Botho leben [hierzu sollte man auch Kap. 6-8 heranziehen!] und wie sich von Anfang an zeigt, dass die Liebe des Paares gefährdet ist. Gleichzeitig kann man einen Blick darauf werfen, wie der Erzähler agiert.
   Mir ist bei der Lektüre eine der vielen Finessen (Fontane) aufgefallen, die den Roman auszeichnen: Es geht in der Sicht Lenes darum, ob Botho wirklich ihr einziger Botho (37/24) ist, oder ob der später aus berufenem Mund bestätigte Satz gilt: "Zuletzt ist einer wie der andere." (58/34 - hier von Lene verneint).

2. Analysen zu Kap. 1 - 5

(Seiten- und Zeilenzählung nach RUB 8971 von 1994, Zeilenangabe hinter /)

1. Wie werden die Figuren Lene und Botho vom Erzähler eingeführt?

Nachdem der Erzähler kurz den Wohnort Lenes beschrieben (S. 3) und das Geschehen datiert hat (3/31 ff.), erwähnt er, dass Lene die Pflegetochter der Frau Nimptsch ist (4/5 f. - also vermutlich ein uneheliches, von Frau Nimptsch angenommenes Kind), von der er dann zunächst berichtet, um anschließend ihr Gespräch mit Frau Dörr weithin wörtlich zu berichten (4/22 ff.).
   Im Gespräch dieser bekannten Nachbarinnen wird dann auf Nachfrage der Frau Dörr klar, dass der nur „er“ genannte Baron da war und mit Lene spazieren ist (5/3 ff.) und dass Lene sich nach Meinung ihrer Pflegemutter „so was“ denkt und sich vielleicht etwas einbildet (5/14-16), was das Verhältnis mit Botho betrifft; Frau Dörr kommentiert diese Äußerung (5/17 ff.). Sie vergleicht dann Lene, die zwar kein Engel sei (5/17 ff.), als „gutes Kind“ mit anderen Mädchen (5/20 ff.).
   Anschließend wird im Botenbericht der Frau Dörr die Heimkehr des Paares und Bothos Abschied berichtet (6/32 ff.).
   Von Lenes Auftreten berichtet der Erzähler selber im 3. Kapitel, wie sie sich während ihrer Arbeit am Fenster mit Frau Dörr unterhält (ab 13/2). Sie sprechen dabei ausführlich über Herrn Dörr (14/9 ff.), wobei Frau Dörr auf Botho anspielt („grade gewachsen wie ‘ne Tanne“ 15/1 f.); Lene will dazu nichts sagen (15/3 ff.), und so fragt Frau Dörr direkt, ob Botho „heute“ komme (15/14) und wie es denn zu diesem Verhältnis gekommen sei (15/16 ff.). Darauf erzählt Lene diese Geschichte. - Dann wird berichtet, dass ein Brief Bothos gebracht wird, in dem er den Besuch für diesen Tag absagt (19/7 ff.).
   Im 4. (und 5.) Kapitel wird der im Brief angekündigte abendliche Besuch Bothos im Haus Nimptsch berichtet (ab 20/17 ff.); dieser Besuch steht in einer Reihe ähnlicher Besuche, was man daran erkennt, dass Frau Nimptsch offensichtlich die Vorliebe Bothos für einen bestimmten Sitzplatz kennt (20/31 f.). In diesem Gespräch erweist sich Botho als höflich und charmant, wogegen er sich über die Sprechweise in feinen Kreisen lustig macht (24/3 ff.). Zu einem Konzert im Zoologischen Garten „drüben“ (26/13 ff.) wird dann im Haus getanzt.
   Im 5. Kapitel wird dann berichtet, wie Lene und Botho anschließend in den Garten gehen und wie sie glücklich sind; Lene drückt jedoch ihre Ahnungen oder ihr Wissen, dass ihr Verhältnis eines Tages enden wird, aus (ab 32/35 direkt). Von dem, was die beiden zum Schluss im Haus sagen oder tun, wird nichts gesagt. - Der Erzähler hat bisher das Geschehen von drei Tagen berichtet.

2. Verhältnis der Figuren Lene - Frau Dörr
Mit diesem Aspekt deute ich an, dass in Fontanes Roman viele Äußerungen, Handlungen und Beziehungen sich in anderen spiegeln, was man jedoch erst wirklich erkennt, wenn man den Roman zu Ende gelesen hat und ihn unter diesem Aspekt noch einmal liest. Jetzt sind demnach erst einige Anmerkungen möglich.
   Frau Dörr stellt eine Parallele von sich zu Lenes Verhältnis zu Botho her, als sie die Bemerkung der Frau Nimptsch kommentiert, Lene bilde sich wohl etwas ein (5/17 ff.): „...mit mir war es ja eigentlich ebenso, man bloß nichts von Einbildung. Und bloß darum war es auch wieder ganz anders.“ (5/22-24) Sie vergleicht dann ihre Figur mit der Lenes und ihren Grafen, einen ehemaligen Geliebten (6/7 ff.), mit „Lene ihren Baron“ (6/15 ff.). Das heißt, dass sich das eine Verhältnis in dem anderen spiegelt.
   Über ihre Anspielungen errötet Lene (hier 15/3), doch spricht sie offen mit Frau Dörr (15/22 ff. und 19/11 ff.). Frau Dörr wiederholt noch die Warnung vor dem „Einbilden“ einer Frau aus einfachen Verhältnissen, wenn eine solche ein Verhältnis mit einem Adeligen hat (18/15 f.), und greift damit auf eine Äußerung gegenüber Frau Nimptsch zurück (5/17 ff.); anderseits greift sie damit (für den Leser, nicht ihr selbst bewusst) auf eine ähnliche Äußerung Lenes vor, man müsse allem „ehrlich ins Gesicht sehn und sich nichts weismachen lassen und vor allem sich selber nichts weismachen“ (34/8-10).

3. Lenes Welt und Bothos Welt
Lenes Welt ist ein kleines Wohnhaus (3/12), in dem sie in Heimarbeit Wäsche plättet (bügelt, 13/26 ff.); das angrenzende jämmerliche (7/17) von Familie Dörr bewohnte Gebäude wird von Frau Nimptsch „Schloß“ genannt (4/24), was der Erzähler distanziert wiederholt (7/12); damit ist ein Gegenpol zu Bothos Welt gesetzt. Lenes Umgang sind neben der Mutter die drei Dörrs, vor allem Frau Dörr. Wegen einer Fête (22/15) hat Botho einen Besuch abgesagt, auch wenn er (aus Höflichkeit?) äußert, dass ihm weder dort noch in seinem Klub etwas so gut wie Lenes Kirschwasser geschmeckt habe (28/2 ff.).
   Bothos Welt ist eigentlich der angrenzende Zoologische Garten, der „drüben“ ist (26/13); das dort aufgeführte Konzert wird von Herrn Dörr auf einem Kaffeebrett mit dem Löffel begleitet (26/24 ff.), was die Distanz der Welten zeigt, auch wenn Botho mit seinem Tanzmeister-Französisch (26/30) etwas von seiner Welt in die kleine Welt Lenes hineinbringt.
   Wie unterschiedlich die Welten sind, wird im 4. Kapitel an dem zentralen Thema, wie und was man spricht, deutlich. Als man auf den Baron wartet, wird wenig gesprochen (20/1); Lene deutet dann an, dass „Anfangen mit der Unterhaltung (...) immer das Schwerste“ (23/27 f.) für sie ist. Botho stellt dagegen dar, dass dies für ihn bzw. in seinen Kreisen in Wahrheit „ganz leicht“ (23/35) ist, und spielt den Anwesenden dann Tischgespräche vor (S. 24 f.). Er distanziert sich davon und bewertet diese Unterhaltungen so, dass es eigentlich gleichgültig ist, was man sagt und nicht sagt, und dass ein Ja so viel wie ein Nein bedeutet (25/25 ff.). Lene bringt das auf den Begriff „redensartlich“ (25/34) und wundert sich, dass Botho dabei überhaupt mitmacht; der rechtfertigt sich und führt dann dagegen an, dass in seinem Klub die Redensarten aufhören „und die Wirklichkeiten“ anfangen (26/4 ff.).
   Wirklichkeit, die besteht für ihn darin, dass er jemandem ein Pferd (beim Spiel?) abgenommen hat; es ist eine andere Wirklichkeit als die bei Nimptsch; und wenn es nach seinen Worten „wirklich reizend“ (26/4 f.) im Klub ist, dann zeigt das wieder sein redensartliches Sprechen - ein innerer Widerspruch.
   Der gleiche Widerspruch zeigt sich in Bothos Äußerungen über die alte Wasch- und Plättfrau Nimptsch, wofür er sich auf einen Dichter beruft (21/16); sie lebe „wie Gott in Frankreich“ (21/29 f.). Das wird nicht nur durch die Bedeutung des Geldes in seinem Leben (ab Kap. 6 deutlich), sondern auch durch seinen Spruch relativiert: „Jeder Stand hat seine Ehre.“ (21/14 f.); damit sagt er sehr wohl, dass da verschiedene „Ehren“ bestehen; von dem, was Frau Nimptsch hat, möchte er wohl allenfalls die Lene haben.
   Dass der Garten von Rienäcker „genauso daliegt wie dieser Dörrsche“ (31/33), ist eine Bemerkung Bothos, mit der er Gemeinsamkeit stiften will; im 5. Kapitel wird dagegen deutlich, dass „hier“ und „drüben“ (Zoologischer Garten) verschiedene Welten sind und dass Botho zwar zu Lene in den Dörrschen Garten kommen, aber Lene nicht mit ihm in den Garten drüben gehen kann.
   Erst recht zeigt sich an Bothos Wohnung, die zu Beginn des 6. Kapitels beschrieben wird, dass er in einer anderen Welt als Frau Nimptsch (4/7 ff.; 13/26 ff.) oder Familie Dörr (7/12 ff.), dass er in einer anderen Welt als Lene lebt; Bothos Welt wird in den Kapiteln 6-8 vorgestellt. - In Bothos Wohnung hängen Gemälde, er hat einen Diener und ein Reitpferd. Bilder Albert Hertels sind im Netz kaum präsent, aber die Seestürme und Landschaften der Brüder Achenbach sind reich dokumentiert:
http://de.altavista.com/image/results?itag=ody&q=Andreas+Achenbach&mik=photo&mik=graphic&mip=all&mis=all&miwxh=all (Andreas Achenbach)
http://de.altavista.com/image/results?itag=ody&q=Oswald+Achenbach&mik=photo&mik=graphic&mip=all&mis=all&miwxh=all (Oswald Achenbach)
Botho trinkt mit seinem Onkel feinsten Sekt (47/31), während es bei Nimptsch billigen Apfelwein (21/36) gibt und noch eine Flasche Kirschwasser von Weihnachten (27/26 ff.).
   Botho hat eine richtige Familie, in der man auf standesgemäße Heirat achtet und wo der einzelne unter dem Diktat gesellschaftlicher Verpflichtung lebt (Lenes Sicht, S. 32 f.; des Onkels Rede, S. 45-47; Bemerkung eines Kameraden 53/1 f.), aber damit auch dazugehört, während Lene eben bloß angenommenes Kind ist, ihren eigenen Weg sucht und mit dem glücklich ist, was ihr der Augenblick bietet (33/3).

4. Die Liebe ist von Anfang an gefährdet.
Das zeigt sich gleich zu Beginn an zwei Bemerkungen Frau Nimptschs: Das Liebespaar muss Wege wählen, wo keiner kommt (5/8), und Botho „bleibt ja nich“ (5/11).
   In der bereits genannten Einschätzung von Lenes „Einbildung“ (5/15 ff.) wie auch in der Bemerkung der Nimptsch, so ein vorübergehendes Verhältnis schade ja nichts (18/1), zeigt sich die Skepsis der beiden alten Frauen; dass Botho jedoch die besagte Fête dem Abend mit Lene vorzieht, dann angeheitert erscheint (20/17 f.) und ihr als Trostpflaster nur Knallbonbons mitbringt (22/15 ff.), bezeugt Bothos wahre Einschätzung des Verhältnisses.
   Dies sind jedoch alles nur dezente Hinweise, die erst im Licht dessen klar werden, was den beiden im Garten (5. Kapitel) widerfährt. In der glücklichen Situation des Neckens (30/20 ff.) und der Geborgenheit angesichts der Mondsichel (31/19-24) kommentiert der Erzähler, wie Lene sich dann aufrichtet („als sie sich wie von einem Traume, der sich doch nicht festhalten ließ, aufrichtete“, 31/26 f.); das ist ein Paukenschlag, mit dem einige Äußerungen Lenes eingeleitet und beglaubigt werden:
- dass sie sich vor Bothos Mutter fürchtet, die schon darauf achten werde, dass ihre Kinder reiche Partien machten (32/5 ff.);
- dass Botho eines Tages wegfliegen werde, weil er es müsse (33/4 f. und 33/11 ff.) und schwach sei (33/19;
- dass sie eben mit Botho nicht „drüben“ in der Lästerallee so gehen kann wie „hier“ im eigenen Garten (33/35 ff.); damit ist die Garten-Idylle zerstört und Botho kann gegen Lenes Unterscheidung: „ich“ (und mein Leben) - „ihr“ und „euer Leben“ (34/2 ff.), sachlich nichts einwenden (34/7).
   Mit der Gartenszene beendet der Erzähler seinen Bericht von dem, was in drei Tagen geschehen ist; die Vorgeschichte hat er Lene erzählen und im Bewusstsein der Figuren bestehen lassen. In seinem Vergleich hat er selber Lenes Glück in die Nähe eines Traumes, also eines Gespinstes gerückt (31/26 f.), jedoch auch angedeutet, dass mit dem Erwachen ein Sich-Aufrichten Lenes verbunden ist.
 
"Weitere Analysen" zum Roman folgen in einem Beitrag vom 22. Oktober.

Entry modified
Geändert am 18. November 2006 um 04:50

Montag, 2. Oktober 2006

Nelly Sachs: Chor der Geretteten


(begrenzte Analyse, Gedichtvergleich:
Symbol der Sonne in M.-L. Kaschnitz: Dreimal)

Es spricht der Chor der Geretteten („wir“, V. 3) zu den „Normalen“, die nicht in Todesgefahr waren. Das Gedicht ist 1947 veröffentlicht worden (Sachs: In den Wohnungen des Todes, 1947 - Verszählung nach „Epochen der deutschen Lyrik 1900 - 1960“, S. 341 f.); aus der Intensität und Eigenart der Leiden (V. 9) und der Tatsache, dass es die Gruppe der Nichtgefährdeten gibt, kann man schließen, dass die Geretteten aus den KZs der Nazis gerettet worden sind.
   Zunächst stellt diese Gruppe klagend sich den anderen vor (V. 3-14), und zwar als Menschen, die „noch“ bedroht sind (V. 6) und „immer noch“ (dreimal ab V. 9) Angst haben, deren „Gestirn“ also im Staub vergraben ist (V. 14), während die Sonne der anderen leuchtet (V. 17). Die Situation der Geretteten ist so, dass sie eigentlich schon tot waren (V. 4 f.): Der Tod hat schon aus ihren hohlen, also verwesenden Knochen Flöten geschnitten und auf ihren Sehnen seinen Bogen zum Totentanz gespielt. Das Bild von Totentanz steht hinter der paradoxen Aussage, dass sie schon tot waren (Bild vom Totentanz z.B. www.zeigermann.com/cartoonist/2006/03/27.html; zum Begriff vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Totentanz; http://www.rowane.de/html/totentanz.htm; http://www.totentanz.de/totentanz.htm). Die Paradoxie der Aussage wird später (V. 30-33) noch einmal aufgegriffen und zeigt, dass das Leiden im KZ weit über normales Leiden hinausgegangen ist. Die Geretteten sprechen langsam; viele Gedankenstriche zeigen das an (V. 5, 10 usw. - ein Hinweis Carinas). Ihnen ist nicht danach, metrisch kunstvoll in Strophen und Reimen zu sprechen. Nur in Wiederholungen (z.B. V. 9, 11, 13) und Ternaren (z.B. V. 17, 18, 19) deuten sie die Fülle ihrer Leiden an.
   Die Geretteten wenden sich mit Bitten an die anderen, was diese ihnen zeigen bzw. nicht zeigen sollen: Zeigen mögen sie „eure Sonne“ (V. 17), aber nur langsam; diese Bitte wird zweimal variiert (V. 18 f.) und erläutert; begründet wird die Bitte um langsames Vorgehen damit, dass eine rasche Einführung in die schönen Seiten des Lebens den „schlecht versiegelten Schmerz aufbrechen lassen“ könnte (V. 22), sie dahinraffen könnte (V. 23). Dem entspricht die Bitte, selbst Bilder bedrohlicher Situationen (wie des beißenden Hundes, V. 25) nicht zu zeigen, weil sie sonst vor Schreck sogleich zu Staub zerfallen, also vergehen könnten (V. 25-28).
   Zur Begründung oder Erklärung dieser Sorge fragen die Geretteten: „Was hält denn unsere Webe zusammen?“ Wir können ergänzen: noch zusammen? In den folgenden vier Versen reflektieren die Geretteten (analog zu V. 4-7) ihren Lebensstatus: Sie haben ihre Seele schon lange im KZ ausgehaucht zu IHM, im Zustand der dort herrschenden „Mitternacht“ (V. 31 - vgl. V. 14 und V. 17), den „Odem des Lebens“ (vgl. die alte klassische Übersetzung von Gen 2,7) ausgehaucht; gerettet wurde nur noch der seelenlose Leib „in die Arche des Augenblicks“ (V. 32 f.), wo die Rettung also keinen Bestand hat, das neue „Leben“ nicht auf Dauer angelegt ist.
   Die Geretteten wenden sich solidarisch (grüßend? sich verbündend? - dreimal „Wir“) an die anderen, an „euch“ als Gruppe (wobei „euch“ auch die Leser repräsentieren kann); unklar ist der Hinweis darauf, dass die Geretteten „euer Auge“ erkennen - das mag körperliche Nähe signalisieren. Trotz dieser Nähe, so konstatieren die Geretteten, ist das die beiden Gruppen verbindende Band (so lese ich: „zusammen hält uns“, V. 37 und V. 39, nur noch [„aber“, V. 37] „der Abschied“); das wird dann in der chiastischen Wiederholung präzisiert: „Der Abschied im Staub“ (V. 38). Diese Formel ist nicht eindeutig; ich schlage vor, in Analogie zu V. 32 f. und in Verbindung mit V. 35 den Abschied als eine Situation der Gemeinsamkeit zu verstehen, aber eben eine ganz kurze, sozusagen nur einen Augenblick währende, die „im Staub“ stattfindet, also „unten“ (V. 14; V. 4 f.; V. 30 f.), wo die Geretteten in Wahrheit sind.
   Man darf die Paradoxie der Bilder in V. 4-7 und V. 30-33 nicht auflösen, sondern soll sie bestehen lassen und dann verstehen: Der Tod hat den Geretteten schon zum Totentanz aufgespielt, ihre Vernichtung war [beinahe?] schon vollzogen; nur die Leiber der Geretteten mit ihren Gliedern geben jetzt noch verstümmelte Musik (ein unklares Bild: eine abgebrochene Todesmusik?) von sich, was bedeuten könnte, dass der Tod immer noch ein bisschen auf ihnen spielt. Das zweite paradoxe Bild ist oben bereits erklärt worden: Die Trennung von Leib und Seele ist bereits im KZ erfolgt, die Seele entflohen (wenn auch zum rettenden HERRN), nur der Leib wurde für einen kurzen Moment noch gerettet.
   Vom Staub wird dreifach gesprochen: Einmal ist es der normale Staub der Erde oder des Unten, der das Gestirn (Licht) der Geretteten verbirgt (V. 14); damit ist ihr Noch-bedroht-Sein bezeichnet. Sodann besteht die Gefahr, dass sie augenblicks zu Staub zerfallen (V. 27 f.), also umkommen angesichts kleiner Gefahren oder unvermittelter Begegnung mit Schönem (V. 17 ff.). Das dritte Mal ist vom Staub als dem Ort der niedrigsten, gefährdetsten Existenzstufe die Rede; es ist paradox, das „der Abschied im Staub“ uns noch einen Moment zusammenhält, wie ich oben ausgeführt habe. Das Verhältnis der aus dem Naziterror Geretteten zu den Normalen kann nicht normal werden, zumindest nicht schnell, das ist die Botschaft des Gedichts.
   Die Sonne steht als „eure Sonne“ (V. 17) unserem im Staub vergrabenen Gestirn gegenüber, wie bereits dargestellt worden ist. Sonne ist Symbol des Lebens in Fülle und Kraft, das die Normalen führen und die Geretteten nicht führen können. In M.-L. Kaschnitz‘ Gedicht „Dreimal“ (1962) ist die Sonne dagegen das Symbol dafür, dass das Leben der Witwe wieder begonnen hat; die Sonne steht über dem Gras und den Blumen; das Oedland des Todes, des Toten ist nicht mehr zu sehen (V. 25 ff.). Der Frau ist der Abschied von ihrem toten Mann gelungen, der sich langsam in steter Distanzierung vorbereitet hat (V. 4 - V. 12 - V. 20). Auch die Zeit und die Elemente der Erde, die vorher für die Witwe in ihrer Trauer nicht mehr da waren (V. 2 - V. 10 - V. 18), sind wieder da, das dreimal betretene Oedland ist endgültig durchschritten. Dafür steht die Sonne, die anstelle des Toten der Frau zum Gruß zunickt (V. 8, 16, 24, 28 - das Nicken ist der dritte Ternar, womit die Vollständigkeit der Trauer bezeichnet ist).

Hilfsmittel: IM DWDS findet man
Gestịrn, das; -(e)s, -e geh. Himmelskörper: das hellste G. am Himmel ist die Sonne; ein neues G. entdecken, erblicken; d. Gang, Lauf der Gestirne; Von den Großen dieser Erde / Melden uns die Heldenlieder: / Steigend auf so wie Gestirne / Gehn sie wie Gestirne nieder (Brecht Gedichte 7); /übertr./ Schicksal, das dem Aberglauben nach von den Sternen abhängt: ein glückliches G. führte uns zusammen; so wie dieses Paar, seinen Gestirnen vertrauend, bereit war, sich zu trennen (A. Zweig Junge Frau 333)
   Den "Odem des Lebens" aus der Lutherbibel muss man natürlich kennen; man kann "Bibel" aber auch in der Erlangener Lexikonliste nachschlagen:
1.Mose 2,7: "Da machte Gott der HERR den Menschen aus (a) (b) Erde vom Acker und blies ihm den (c) Odem des Lebens ein."
--------------------------------------------------------------------------------------

Nach dem unglaublich dummen und arroganten Kommentar vom 12. Sept. 007  habe ich mich kurz über die Biografie der Nelly Sachs informiert:

„Die deutsche Schriftstellerin und Lyrikerin Nelly Sachs, eigentlich Leonie Sachs, Tochter eines jüdischen Elternhauses, wird am 10. Dezember 1891 in Berlin-Schöneberg geboren. Ihre Eltern entschließen sich zum Wohle des Kindes für eine Privaterziehung. Nelly kommt durch den Besitz der väterlichen Bibliothek sehr früh mit den deutschen Klassikern in Berührung und beginnt mit 17 Jahren ihre ersten Gedichte im Stil des literarischen Impressionismus zu schreiben. Ihre Dichtungen werden in den zwanziger Jahren in verschiedenen Zeitschriften veröffentlicht. In den dreißiger Jahren setzt sich Nelly Sachs in ihren Werken mit dem wachsenden Faschismus in Deutschland und ihren jüdischen Wurzeln, dem Chassidismus und der Kabbala, auseinander. Durch die Bedrohung des Nationalsozialismus entschließt sich Nelly Sachs zusammen mit ihrer Mutter 1940 mit Hilfe der schwedischen Schriftstellerin Selma Lagerlöf nach Schweden zu emigrieren. Dort lebt und arbeitet sie bis zu ihrem Lebensende, unterbrochen von einigen Aufenthalten in Sanatorien und Nervenheilanstalten. All ihre Empfindungen und das Entsetzen über den Holocaust und ihre eigenen Jahre im Exil geben das Werk von Nelly Sachs wie kaum ein anderes die Erfahrung der nationalsozialistischen Gräueltaten wieder. Das tragische Schicksal ist die Quelle ihrer bedeutenden Werke. 1950 stirbt Nellys Mutter, es folgen Gedichte, in denen sie sich damit auseinandersetzt. Zwei Jahre später erhält Sachs die Schwedische Staatsbürgerschaft. Im Jahr 1965 erscheint Nelly Sachs' Lyrikband ‚Späte Gedichte‘ und noch im selben Jahr erhält sie den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Ein Jahr später erhält sie gemeinsam mit dem israelischen Schriftsteller Samuel Josef Agnon den Nobelpreis für Literatur für ihre herhausragenden Werke, die das Schicksal Israels mit ergreifender Kraft und Ehrlichkeit interpretieren und wiedergeben. Am 12. Mai 1970 stirbt Nelly Sachs in Stockholm.“ (http://www.nelly-sachs.de/)

Aus dem umfangreicheren Artikel
http://www.exil-archiv.de/html/biografien/sachs.n.html zitiere ich nur einen Auszug:
„In den Dreißigern wird sie zu Gestapo-Verhören geladen und auch ihre Wohnung wird geplündert. Daraufhin beginnt sie, sich erstmals intensiv mit der eigenen jüdischen Abstammung auseinanderzusetzen.
     Erst 1939 entscheidet sich Sachs schließlich mit ihrer Mutter zur Flucht nach Schweden. Die Hilfeversuche einer bereits dort lebenden Freundin, über Vermittlung von Selma Lagerlöf an die notwendigen Papiere zu kommen, scheitern am schlechten Gesundheitszustand der weltberühmten Dichterin. Letztlich verhilft ein Bruder des Schwedischen Königs Nelly Sachs und ihrer Mutter zur Flucht. Quasi in letzter Minute können die beiden Frauen im Mai 1940 Nazi-Deutschland noch verlassen. Den Befehl zum Abtransport haben sie zu diesem Zeitpunkt bereits erhalten.
     Die im schwedischen Exil in äußerst bescheidenen Verhältnissen lebende Dichterin beginnt, um den Lebensunterhalt für sich und ihre Mutter zu verdienen, zeitgenössische schwedische Lyrik zu übersetzen. Ab 1945 schließlich verarbeitet sie ihre Erfahrungen mit dem Naziregime in Gedichten, mit denen ihr eigentliches Werk beginnt. Viele ihrer Texte setzen sich mit dem jüdischen Schicksal und dem Tod in den nationalsozialistischen Vernichtungslagern auseinander, und ihren ersten Gedichtband widmet Nelly Sachs dem im KZ ums Leben gekommenen Verlobten.“  

von: norberto42 in: Gedichte
Entry modified
Geändert am 14. September 2007 um 19:39